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Berufsbildung ist mehr als Ausbildung  

Zur Funktion des Berufsschulreligionsunterrichts in Deutschland

Wir sind gegenwärtig auf dem Weg in die moderne Informationsgesellschaft. Das heißt, die Berufsbildung flur das nächste Jahrhundert ist von massiven Strukturveränderungen geprägt. Obwohl pro Jahr über eine halbe Million Ausbildungsverträge neu abgeschlossen werden und alle gesellschaftlich relevanten Gruppen stets die Bedeutung einer beruflichen Erstausbildung betonen, werden die Beschäftigungschancen flur die Jugendlichen nach einer Ausbildung von Jahr zu Jahr geringer.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die jungen Menschen in der Ausbildung, denn neben den berufsfachlichen Kenntnissen gewinnen Handlungs- und Sozialkompetenz zunehmend an Bedeutung. Der Qualifikationsdruck, der insbesondere die Berufsschulen belastet, führt aber gegenwärtig zu einem engen, fast ausschließlich berufsfachlichen Qualifikationsverständnis.

Die berufliche Erstausbildung kann sich jedoch nicht nur auf berufs- und fachspezifische Fähigkeiten und Erkenntnisse reduzieren lassen. Ein lebenslanges Lernen, Toleranz, Kreativität und christliche Wertvorstellungen sind unverzichtbare Bestandteile unserer Kultur und dadurch integraler Bestandteil der Erziehung und Bildung. Diese Werte werden im Zuge der Globalisierung zunehmend Bedeutung erlangen.

Eine eindimensionale, nur berufsbezogene Ausbildung von Jugendlichen - eine oft erhobene populistische Forderung - wird den Anforderungen einer solchen ganzheitlichen Berufspädagogik kaum gerecht werden können, denn eine Trennung der Bereiche Ausbildung und Freizeit, Familie und Beruf, Leistung in der Ausbildung und Kosumverbalten ist nicht mehr möglich. Vielmehr gilt es, in diesen Spannungsfeldern die Persönlichkeit der jungen Menschen durch Bildung zu fördern und zu entwickeln.

Die Berufsschüler/innen befinden sich in der Regel in einer kritischen Lebensphase: Ablösung vom Elternhaus, erste Partnerschaften, Eintritt in die Berufswelt in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit. Angesichts bedrängender Zukunftsperspektiven hat insbesondere der Religionsunterricht in der Berufsschule aufgrund seines Bildungsauftrages einen bedeutenden Anteil in der Erziehung von Jugendlichen. Gerade im Berufschulreligionsunterricht besteht die Möglichkeit, eigene Angste, Probleme, Wünsche und Hoffnungen zu reflektieren. Es gilt diesen Unterricht zu nutzen, um die Frage nach Freiheit, Glück und Wohlergehen in sozialer Verantwortung zu beantworten.

Die Ausrichtung der verschiedenen Unterrichtsfächer auf ein ganzheitliches Lernen hin dient der Lebensorientierung von Berufsschülern und Berufsschülerinnen. Die Schlüsselthemen der Gegenwart:

Frieden, soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung sollten nicht isoliert betrachtet werden, sondern ein fächerübergreifendes Lernen ist in der Berufspädagogik das Gebot der Stunde.

Eine Integration des Faches in eine Fächergruppe - im Sinne der EKD-Denkschrift “Identität und Verständigung“ - ist eine gute religionspädagogische Perspektive.

Bereits heute praktizieren viele Religionslehrer/innen konfessionelle Kooperationen (ev./kath.) im Unterrichtsalltag. Konfessionell-kooperativer bzw. ein offener Unterricht stellt durchaus eine Möglichkeit dar, um den Religionsunterricht stattfinden zu lassen.

Darüber hinaus beteiligen sich Religionslehrer/innen am fächerübergreifenden bzw. fächerverbindenden Unterricht an der Berufsschule. In solchen Kooperationen wird der Religionsunterricht in der Berufsschule insgesamt stärker eingebunden.

Allerdings ist es notwendig, bestimmte Stundenanteile bzw. Lerngebiete für die Religionslehrkräfte festzuschreiben, um die Ubereinstimmung des Faches mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften (Artikel 7,3 GG) zu wahren.

Bei den anstehenden Autonomiebestrebungen der Schulen ist deshalb sicherzustellen, dass der Berufsschulreligionsunterricht auch in Zukunft seinen in der Verfassung verankerten Platz ausfüllen und seinen originären Beitrag zur Entwicklung der Schülerinnen und Schüler leisten kann.

Mai 1997