Tendenzen in
der Entwicklung von Grundschulen und Fragestellungen,
die sich für den Religionsunterricht ergeben
1. Empfehlungen der
Kultusministerkonferenz
Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat in
ihren Empfehlungen zur Arbeit in der
Grundschule vom 6. Mai 1994 die veränderten
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Grundschule
beschrieben:
- Die
Kinder von heute kommen mit gewandelten und sehr
unterschiedlichen Erfahrungen zur Schule.
Zugleich ist im Bewußtsein der Eltern die
Bedeutung der Schule als Vermittlerin von
Lebenschancen gestiegen. Die Veränderung der
Familienstrukturen, ein vielfältiges Spektrum
von Lebensformen und Erziehungsvorstellungen mit
einer erweiterten Mitwirkung der Eltern, das
Zusammenleben mit Menschen aus unterschiedlichen
Kulturkreisen, ein wachsendes Bewußtsein für
ökologische Fragen, der Einfluß der Medien -
all dies stellt die Grundschule ebenso vor neue
Aufgaben wie die wachsende Bereitschaft, im
Rahmen des Möglichen auch Schülerinnen und
Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf
in der Grundschule zu unterrichten.
Die KMK gibt deshalb Empfehlungen zur
künftigen Arbeit in der Grundschule, die neben
traditionellen Fächern (Deutsch, Mathematik,
Sachunterricht, Kunst, Musik, Sport, Religion) auch
Lernbereiche beschreiben, die "Eingang in die
Lehrpläne finden und im Unterricht strukturierend
wirken" sollen (Spracherziehung, Mathematische
Erziehung, Medienerziehung, Ästhetische Erziehung,
Umgang mit Technik, Bewegungserziehung,
Fremdsprachenbegegnung, Umwelt und Gesundheit,
Heimatverbundenheit und Weltoffenheit). Der
Religionsunterricht, obwohl vorher als Fach
Religion benannt, findet sich in den Lernbereichen nicht
ausdrücklich wieder.
Nachfolgend werden in den Empfehlungen unter
der Überschrift "Lernen in der Grundschule"
drei Aspekte für zukünftiges Lernen in der Grundschule
beschrieben.
Anschließend entwickelt die KMK
("Eintritt in die Grundschule und
Anfangsunterricht) Empfehlungen zum pädagogischen
Stellenwert des Schulbeginns, zur Schulanfangsphase, zum
Anfangsunterrichts und zur sonderpädagogischen
Förderung. Es folgen Ausführungen zum Übergang in die
weiterführenden Schulen und zu unterrichtsergänzenden
und - erweiternden Maßnahmen.
- 2.
Veränderungen - Tendenzen - Beispiele
Die Bundesländer haben in unterschiedlicher
Weise damit begonnen, die Empfehlungen der KMK
umzusetzen. Wir erheben die nachfolgenden Tendenzen, die
z.T. zu erheblichen Konsequenzen für den RU führen
können. Wir benennen erkennbare Tendenzen und
formulieren möglich Konsequenzen in Frageform.
1 Frühe Einschulung
Tendenzen
Alle Sechsjährigen werden
eingeschult (keine Rückstellung, keine
Förderklassen, kein Schulkindergarten).
Die Zeitspanne der Kann-Kinder wird
erweitert (bis 31.12.).
Eine halbjährliche Einschulung wird
erprobt, wobei die Klasse der zuerst
Aufgenommenen nach einem halben Jahr geteilt und
mit den später Aufgenommenen zwei neue Klassen
gebildet werden.
Fragestellungen, die sich für den
Religionsunterricht ergeben:
Was bedeutet es für den RU, dass
Kinder mit erheblich erweiterter Altersspanne im
ersten Schuljahr sitzen?
Welche Konsequenzen hat es für
(Religions)-Unterricht, wenn nach dem
halbjährigen Wechsel neue Klassengruppen
entstehen (von neu Aufgenommenen und ½ Jahr
später Aufgenommenen).
Wie geht RU damit um, dass die
"Spannbreite" der Leistungsfähigkeit
größer wird (bei Fortfall von Förderklassen)
und alle Kinder im schulpflichtigen Alter
eingeschult werden?
2 Eingangsphase individueller durchlaufen
Tendenzen
Es werden jahrgangsübergreifende
Eingangsklassen gebildet.
Flexible, individuelle Verweildauer
ist möglich: Die zweijährige Eingangsstufe kann
in ein bis drei Schuljahren durchlaufen werden.
Fragestellungen, die sich für den
Religionsunterricht ergeben
Wie kann jahrgangsübergreifender
Religionsunterrichtet aussehen?
Was bedeutet es für RU im 3.
Schuljahr, wenn Schüler mit einjähriger bis
dreijähriger Verweildauer in der Eingangsstufe
zusammenkommen?
-
- 3
Stärkung fächervermeidenden
Unterrichts
Tendenzen
Fragestellungen, die sich für den
Religionsunterricht ergeben
Wie kann RU als Fach mit eigener
Lehrkraft in dieser Entwicklung seine besondere
Aufgabe wahrnehmen?
Wie kann Religionsunterricht an
fächerübergreifendem Unterricht teilhaben?
Wie
kann RU in Projektarbeit integriert werden oder
Impulsgeber für Projekte sein?
Wie kann religiöse Erziehung
aussehen, die - zumindest phasenweise - in das
Klassengeschehen integriert ist?
Wie kann auch im konfessionellen RU
die Verbindung zu anderen Lernbereichen
hergestellt werden?
Wie wird im Rahmen eines
fächerübergreifenden Unterrichts der Maßgabe
des GG Art. 7,3 Rechnung getragen?
Wie können die Chancen dieses Fachunterrichts
in den integrativen Unterricht eingebracht
werden?
4 Rhythmisierung des Tages
Tendenzen
Der Morgen wird in Zyklen gegliedert
(offener Anfang, Aufhebung der 45 Min.- Einheit,
betreutes Frühstück...).
Es werden Blöcke
fächerverbindenden Unterrichts gebildet.
Fragestellungen, die sich für den
Religionsunterricht ergeben
Wie kann vermieden werden, dass
konfessioneller RU auf Randstunden gelegt wird?
Wird Religionsunterricht zum
Fremdkörper, wenn Lehrerinnen und Lehrer ihren
eigenen Unterricht im Rahmen der Blöcke
rhythmisieren?
Welche Impulse kann der RU in neuen
Formen der Schulentwicklung durch seine kon
fessionelle Prägung geben oder blockiert RU
solche Entwicklungen?
- 5
Ausweitung der Verweildauer
Tendenzen
Kernzeitbetreuung wird garantiert (
Schule von acht bis eins, volle
Halbtagsschule, Betreuende
Halbtagsschule ...).
Lehrer werden in
Nichtunterrichtszeiten als Betreuer eingesetzt.
Betreuungsaufgaben werden an
außerschulische Institutionen vergeben.
Fragestellungen, die sich für den
Religionsunterricht ergeben
Was kann RU zu Lebensäußerungen
von Schule beitragen (Morgenkreis, Angebote im
Rahmen betreuender Grundschule) ?
Inwieweit kann auch Gemeinde
Zusatzangebote einbringen (Öffnung von Schule)?
6 Sonderpädagogische Förderung stärker
integriert
Tendenzen
Förderbedürftige Kinder verbleiben
möglichst in der Grundschule.
Die Förderung erfolgt in der Regel
innerhalb des Klassenverbandes.
Es gibt ambulante Unterstützung
(sozialpädagogische Fachkräfte, Sonderschul- lehrer/innen).
Fragestellungen, die sich für den
Religionsunterricht ergeben
-
- 7
Anfänge eines Fremdsprachenunterrichts
Tendenzen
Fragestellungen, die sich für den
Religionsunterricht ergeben
- 3.
Zusammenfassung
Die Tendenzen berücksichtigen
Entwicklungen, wie sie auf Grund der Empfehlungen der KMK
in einem oder mehreren Bundesländern erkennbar sind,
seien sie schon auf den Weg gebracht, geplant oder in
Schulversuchen in der Erprobung.
Nicht alle Veränderungen in der Grundschule
haben eine Auswirkung auf den Religionsunterricht.
Einige, bei denen Auswirkungen zu erwarten sind, haben
wir benannt.
Leichter beantwortbar erscheinen die Fragen
dann, wenn der Klassenlehrer/die Klassenlehre rin selber
RU erteilen kann und will. Dann bestehen gute
Möglichkeiten, den Religionsunterricht und darüber
hinaus die religiöse Bildung in die Grundschule
einzubringen (Aufgreifen religiöser Grunderfahrungen,
Gestaltung von Schulkultur, Veranstaltungen,
Gottesdienste, Einbringen biblischer Texte, Teilnahme an
Projekten).
Ist dies nicht der Fall, stellt es den
Fachlehrer/die Fachlehrerin vor die schwierige Aufgabe,
als einzige (neben mglw. geschlechtergetrenntem
Sportunterricht Erteilenden) Kinder in Teilgruppen zu
unterrichten, die in diesem Fach die beabsichtigten
integrativen Elemente entbehren.
Dies könnte die Stellung und den Raum des
Religionsunterrichts - auch im Rahmen von Schulprogrammentwicklungen -
gefährden.
Duisburg, Januar 1999
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