Warum Religionsunterricht für
junge Menschen eine gute Sache ist
Soll unser Kind am Religionsunterricht
teilnehmen? Für Eltern ist dies immer seltener eine Frage der Konvention
und immer häufiger eine Frage der bewussten Entscheidung. Sie ist
Ausdruck des Grundrechts auf religiöse Freiheit (Art. 4 Grundgesetz).
Eigene Erfahrungen, Eindrücke und Bilder von Christentum und Kirche
werden wach und auf ihre Gültigkeit befragt. Vielfach werden Zweifel
laut, ob der Religionsunterricht für das eigene Kind das Richtige
sei:
-
"Religionsunterricht ist doch Kirche in
der Schule. Unser Kind soll nicht einseitig von kirchlichen Lehren beeinflusst
werden."
-
"Religion ist ein unmodernes Überbleibsel
unserer Geschichte. Aufgeklärte junge Menschen brauchen sie nicht
mehr."
-
"Wir sind auch ohne Kirche und Religion
anständige Menschen geworden."
-
"Was hat Religion zu bieten, was unser
Kind nicht auch in Fach Ethik haben kann?"
-
"Unterrichtsstunden sind kostbar. Es gibt
wichtigere Dinge als Religion für eine gute Schulausbildung."
Vielerorts in Deutschland wird deshalb
um den Religionsunterricht bzw. um die richtige Ausgestaltung eines sinnorientierenden
und wertebezogenen Unterrichts gestritten. Das ist einerseits erfreulich,
zeigt es doch das grundsätzliche Interesse an einem solchen Unterricht
in der öffentlichen Schule. Andererseits macht das deutlich, dass
einfache Lösungen hier nicht zu erwarten sind. Dennoch kann es nicht
ausbleiben, dass von verschiedenen Seiten bei der öffentlichen Diskussion
auch sachfremde Erwägungen vorgebracht werden.
Nach der lange schon anstehenden Verkündung
des Urteils des Bundesverfassungs- gerichts zu Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde
(LER) im Schulgesetz des Landes Brandenburg ist zu vermuten, dass diese
Diskussion um den Religionsunterricht einen neuen Impuls erhält. Steht
doch dort die Balance zwischen Bildungshoheit der Länder und dem öffentlichen
Bildungsauftrag nach dem Grundgesetz zur Entscheidung an. Das Grundgesetz
sieht nun ausdrücklich in Artikel 7 Religionsunterricht als "ordentliches
Lehrfach" in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften
vor. Der grundgesetzlich vorgegebene Religionsunterricht ist eben kein
Relikt kirchlicher Privilegien. Er resultiert aus der Verankerung in den
individuellen Grundrechten (nach Artikel 4 GG; positive und negative Religionsfreiheit).
Das macht den Religionsunterricht zu einem komplizierten Gebilde.
Wenn auch Karlsruhe demnächst
über die Interpretation der Verfassungsnormen entscheiden wird, so
werden die praktischen Entscheidungen über die Entwicklung zukunftsfähiger
Modelle des Religionsunterrichts und deren konkrete Ausgestaltung
vor allem aber an den Schulen selbst fallen. Die Prozesse in der Schulentwicklung
führen dazu, dass sich das Fach innerhalb eines Schulprogramms bzw.
bei einer Flexibilisierung der Stundentafeln immer wieder neu legitimieren
muss, wenn es nicht Gefahr laufen will, einfach übersehen zu werden.
Gegen vorschnelle Vereinheitlichungstendenzen gilt es zu betonen, dass
die Jugendlichen in den Schulen ein Recht auf einen Religionsunterricht
haben, der Position bezieht und diese auch öffentlich ausweist. Die
Auseinandersetzung um den Religionsunterricht wird immer mehr von den Fachlehrkräften
an den Schulen selbst geführt werden müssen. Um die Lehrkräfte
auf diese Diskussion vorzubereiten, haben wir im Folgenden einige grundsätzliche
Argumente zusammengetragen.
1
Religionsunterricht gehört
zum Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule
Der Religionsunterricht bezieht sich
wie alle anderen Fächer auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag der
Schule. Darin werden Werte vorgegeben, an denen Unterricht und Erziehung
in allen Fächern auszurichten sind: z.B. Achtung vor dem Menschen,
Toleranz, Eintreten für das Lebensrecht aller Menschen.
Dabei hat der Religionsunterricht die
Aufgabe, die religiöse Dimension zu thematisieren und den Heranwachsenden
zur kritischen Teilnahme an der kulturellen Entwicklung zu befähigen.
Im bestehenden Bildungssystem ist er der Ort, wo
a) Aussagen religiöser Traditionen
im Hinblick auf grundsätzliche Fragen menschlicher Existenz erschlossen
werden,
b) dem Heranwachsenden Hilfen zum Verständnis
religiöser Orientierun- gen und Traditionen, die die Gegenwart bestimmen,
gegeben werden,
c) kritische Distanz gegenüber
den unterschiedlichen Formen des Miss- brauchs von Religion gefordert ist
und
d) Dialogfähigkeit vermittelt
wird.
2
Aufgabe des Religionsunterrichts
ist nicht die Vermittlung von Glauben, aber der Glaube ist sein Bezugspunkt
Der Religionsunterricht unterstützt
und begleitet Kinder und Jugendliche. Durch Vermittlung von Sachkenntnis,
authentische Begegnung mit der christlichen Tradition und im Dialog mit
anderen Religionen und Weltanschauungen können Kinder und Jugendliche
selbst herausfinden, wer sie sein und was sie glauben wollen. "Bildung"
beinhaltet, sich ein eigenes Bild machen zu können. Diese Aufgabe
stellt den Religionsunterricht vor ein sachbedingtes Dilemma. Religion
hat eine Außenseite und eine Innenseite. Die äußerliche,
objektive Seite bilden Heilige Schriften, Festkalender, Räume, Riten,
Symbole und Traditionen, die sich besehen, beschreiben, vergleichen und
beurteilen lassen. Die Innenseite von Religion kann nur Gestalt annehmen
in leibhaftigen, konkreten Personen und lebendigen Religionsgemeinschaften.
Unterricht, der nur die Außenseite
wahrnimmt, erschließt Religion gleichsam aus der Vogelperspektive
und läuft Gefahr, sie als leblose, museal zu besichtigende Versteinerung
in den Blick zu nehmen. Gelebter Religion dagegen kann man nicht teilnahmslos
begegnen. Auf Personen muss man sich einlassen, denn beim Glauben ist wesentlich
"Commitment" im Spiel, das, dem man vertraut und auf das man sich verlässt.
Für das "eigene Bild" über das religiöse Bekenntnis und
Zeugnis gibt es keinen Standpunkt außerhalb, sondern nur Beteiligte.
Bestimmtheit und Standpunkt stehen Distanz und Kritik nicht entgegen, sondern
sind deren Voraussetzung. "Religion kann man nicht nur, man muss sie lehren,
Glauben dagegen kann man lernen, prüfen, sich bewusst machen, sich
und anderen bestätigen, bekennen, vorleben, austragen, und von alledem
muss man nichts tun. Das erste steht auch Institutionen zu, das zweite
nur Personen" (H. v. Hentig). Die Erschließung von Religion im Religionsunterricht
kann um der "Sache" willen auf die Binnenperspektive nicht verzichten und
darf zugleich die Grenze zur Vereinnahmung nicht überschreiten.
3
Religionsunterricht vermittelt wichtige
Kompetenzen
Der Religionsunterricht nimmt im Erfahrungshorizont
der Schülerinnen und Schüler die Frage nach dem Sinn des Lebens
auf, thematisiert Beispiele gelebter und überlieferter Religion und
stärkt damit wichtige Kompetenzen.
Religiöse Kompetenz realisiert
sich im Blick auf den Einzelnen in vier Feldern, die seit langem in Untersuchungen
über Bildung eine Rolle spielen. (1)
a) Lebensgeschichtliche Kompetenz /
individuelle Sozialisation:
Entwicklungspsychologisch gesehen fundiert
und unterstützt der Religionsunterricht in besonderem Maß die
Verstärkung von Urvertrauen und die kritische Aneignung eines religiösen
Selbstbezuges, so dass Heranwachsende ihre Identität in dieser Richtung
ausbilden können. Durch die Begegnung mit der Bewusstheit eines reflektierten
Glaubens können sie in entscheidendem Maße fähig werden,
zu sich selbst zu stehen und ein lebensgeschichtlich verankertes, verantwortungsfähiges
Selbst zu entwickeln.
b) Kulturelle Kompetenz / kulturelle
Überlieferung:
Das kritisch verarbeitete Wissen um
religiös-kulturelle Traditionen und Zusammenhänge fördert
die Fähigkeit, die geschichtliche Herkunft der eigenen Prägung
zu verstehen, religiöse Vorgänge und Phänomene zu deuten,
zu reflektieren und weiterzudenken. Diese kulturelle religiöse Kompetenz
kann sich in der Auseinandersetzung mit und bei der Integration von fremden
Religionen und Kulturen bewähren. Sie ist ohne Bereitschaft zur Bestimmung
des eigenen religiösen Standortes kaum denkbar, weil Verstehen von
Fremdem immer auch auf einem reflektierenden Verstehen des Eigenen basiert.
c) Ethisch verantwortliches Handeln
in der Gesellschaft:
Glaube und Religion gehören zu
den grundlegenden Motivationen für die Übernahme von Verantwortung
und für die Bereitschaft zur humanen Gestaltung von Gemeinschaft.
Anders als in einem neutral zu haltenden Ethikunterricht werden ethische
Motivationen nicht nur besichtigt und von außen reflektiert, sondern
begründet, der Intention nach vom Einzelnen für sich selbst übernommen,
miteinander geteilt, verstärkt und trotzdem zugleich dem kritisch
ausgebildeten geschichtlichen Bewusstsein einer 2000-jährigen Christentumsgeschichte
ausgesetzt, das die Aufklärung als einen Teil ihrer selbst verstehen
kann.
d) Fähigkeit zur Teilhabe an religiöser
Praxis:
Die religionssoziologisch erfassbaren
Entwicklungen machen darauf aufmerksam, dass es noch eine vierte Dimension
religiöser Kompetenz gibt, die lange unbeachtet blieb oder unterschätzt
wurde: die Fähigkeit, sich selbst im expressiven Sinn religiös
zu verhalten. An sich hat die Erschließung von aktiver religiöser
Praxis ihren Ort in der Familie und Gemeinde. Da der religiöse Sozialisationsabbruch
in Europa hier ein starkes Defizit hinterlassen hat, gehört es zu
den Chancen und Verpflichtungen des Religionsunterrichts, die ihn von anderen
Fächern wesentlich unterscheiden, den Zugang zu einem verstehenden
Ausprobieren und Weiterbilden religiöser Riten und Vollzüge zu
eröffnen. Dieser Zugang konkretisiert sich u.a. in Schulgottesdiensten,
in der Fähigkeit zum Gebet. Er ist vergleichbar damit, Sport zu treiben,
Musik zu machen, künstlerisch kreativ sein zu können. Im Sinn
der Ganzheitlichkeit muss das Fach Religion auch "lehren", religiöse
Praxis anzubahnen und Erfahrung zu ermöglichen. Dabei brauchen die
Grenzen zwischen verschiedenen Religionen und Konfessionen nicht abgeriegelt
zu werden, sondern können sich bei klarer konfessioneller Identität
gerade für Formen gemeinsamer Praxis öffnen. Es wäre fatal,
wenn der Bereich des Kultischen, der die Menschheit von Anfang an begleitet,
in der Schule ausgeschlossen bliebe und einer kritischen Erprobung nicht
mehr zugänglich gemacht würde. Sorgfältig sind dabei die
Grenzen der Einflussnahme zu beachten, damit die Freiheit des Einzelnen
gewahrt bleibt. (2)
4
Ohne Kenntnis und Erinnerung des
jüdisch-christlichen Erbes unserer Geschichte bleibt jungen Menschen
ihre eigene Lebenswelt und eine Quelle der Hoffnung fremd, denn Zukunft
braucht Herkunft
Religiöse Traditionen in den konfessionellen
Ausprägungen des Christentums haben unsere Geschichte und Kultur nachhaltig
geprägt. Sie wirken fort in unseren Vorstellungen von Individuum und
Gemeinschaft, Frau und Mann, Zeit und Entwicklung, beeinflussen Moral und
Recht, Sprache, Literatur, Kunst und Musik. Die Kenntnis und kritische
Auseinandersetzung mit dem religiös-geschichtlichen Erbe ist ein unverzichtbarer
Bestandteil schulischer Bildung. Der Religionsunterricht ist ein privilegierter
Ort für das kulturelle Gedächtnis; denn Erinnerung ist mehr als
Wissen und Andenken von Vergangenheit. Sie öffnet die Sicht auf das
Unerfüllte, auf Leid und Hoffnung und befreit aus dem Wiederholungszwang
und falschen Bindungen. "An der Rettung eines kulturellen Gedächtnisses,
geleitet vom Eingedenken fremden Leids, hängt die Zukunft der europäischen
Moderne ebenso wie die Anerkennung der Würde fremder Kulturwelten.
Und die Zukunft aller Moral" (J. B. Metz).
5
In Religion geht es ums Ganze: Wo
ist mein Platz in dieser Welt?
Religionsunterricht gehört in
die Schule; denn Schule braucht einen Ort der Selbst- und Weltverständigung.
"Woher kommt das alles: der Kosmos, das Leben, das Bewusstsein? - Wozu
ist das alles da? Wo führt das alles hin? - Warum bin ich? - Warum
bin ich ich? - Worauf kann ich mich verlassen? - Muss, darf, kann ich Schuld
vergeben?" (H. v. Hentig). Fragen nach "mir selbst, nach Gerechtigkeit
und dem Ganzen" (F. Schweitzer), Fragen nach dem, wie der Mensch angesichts
von Friedlosigkeit und Unrecht als Teil der Schöpfung gemeint ist,
halten die Gottesfrage wach: Wir verdanken uns nicht uns selbst und empfinden
tiefer als frühere Generationen die Grenzen und Gefährdungen,
das Leben "in den Griff" zu bekommen und heil zu machen. Die religiöse
Suche nach dem Ursprung, der Mitte und dem Sinn menschlicher Existenz hat
alle Kulturen der Menschheitsgeschichte bewegt. Sie beschäftigt Kinder
und Jugendliche lebhafter als zuvor. Vorgestanzte Antworten überzeugen
sie nicht, "schlüsselfertige Sinngebäude" (K. Gabriel) sind ihnen
verschlossen.
Der Religionsunterricht hat das Ziel,
Kinder und Jugendliche bei der Frage nach Gut und Böse, Glück
und Leid, Welt und Gott nicht allein zu lassen. Sie brauchen Zeit und Raum
der Orientierung und Selbstvergewisserung. Im christlichen Verständnis
schließt die Frage nach Gott und seinem Willen die Frage ein, wo
und wer Gott nicht ist und was und wer seinem Willen nicht entspricht,
seien es ideologische oder materielle Erlösungsverheißungen.
Der Rückbezug auf das biblische Gottesbild hält an zur Unterscheidung
zwischen Gott und Göttern. Wer den biblischen "Gott nennt,... muss
nicht vollständiger Macher des Lebens sein..., nicht immer stark,
gesund, unfehlbar..., kann auch schwach, berührbar und gebrochen sein...
Er ist fähig, darauf zu verzichten, das Leben herbeizuzwingen. Das
ist die Voraussetzung einer tiefen inneren Gewaltlosigkeit" (F. Steffensky).
6
Religionsunterricht bedeutet Alphabetisierung
in der Sprache der Religion - damit Staunen und Dank, Freude und Klage
nicht im Halse stecken bleiben
Kinder und Jugendliche erlernen verschiedene
Wege, sich das Leben und die Welt zu erschließen: den mathematisch-naturwissenschaftlichen
Weg, den Weg über das Verstehen geschichtlicher und sozialer Zusammenhänge,
den Weg der Deutung von Literatur und Kunst. Religion hat ihr eigentümliche
Sprachformen der Welt- und Lebensdeutung hervorgebracht, die keiner anderen
Welt oder religiösen Sonderwelt zugehören, wohl aber versprechen,
mit dieser Welt anders umzugehen. Die Kraft religiöser Sprache des
Trostes, des Widerstandes und der Hoffnung erweist sich gerade dort, wo
die Sprache des Arguments und der Logik verstummen: Ursprungs- und Endgeschichten,
prophetisches Reden und Gebetssprache, die Sprache der Bilder und Symbole,
eine reichhaltige liturgische Zeichenwelt von Fest, Feier und Ritual. Die
Schule hat in jüngerer Zeit begonnen, die fundamentale Bedeutung zeitlicher
Rhythmen, einfacher Rituale und symbolischer Handlungen für das Lernen
und die Schulkultur wieder zu entdecken.
7
Religionsunterricht ist auszugestalten
in Bezug auf die in der Gesellschaft vorhandenen Religionsgemeinschaften
Vielfalt in der religiösen Bildung
ist besser als Einfalt. Die Vielfalt in der religiösen Bildung ist
ein Zeichen der Vielfältigkeit der persönlichen religiösen
Bindung. Religiöse Bildung beinhaltet immer eine persönliche
Dimension. Der Religionsunterricht bietet die Möglichkeit zur kontinuierlichen
Begegnung mit authentischen Vertretern von Religionen. Im christlichen
Religionsunterricht ist die Lehrerin/ der Lehrer stets auch als Vertreter/in
einer Glaubensgemeinschaft anwesend, die als Kirche einen real vorhandenen
Ort in der Gesellschaft hat. Das macht konkrete Auseinandersetzung mit
gelebten Werten und gelebter Weltanschauung möglich.
Die Frage nach dem Woher und Wohin,
nach dem Wahren und Guten, das mein / unser Leben zu tragen vermag, lässt
sich nur auf der Ebene eines persönlichen Bekenntnisses beantworten.
Dieses ist an eine lebendige Religionsgemeinschaft gebunden, in der die
konkrete Bedeutung von persönlichem Bekenntnis, von Glaubensregeln
und Zeichen der Kirche / Religionsgemeinschaft sowie deren gestalterische
Auswirkung auf die Welt erfahren werden kann So kann der Einzelne - im
Zuspruch und Widerspruch - seinen Standort finden und im Diskurs vertreten
lernen.
Religiöse Bildung geschieht in
Auseinandersetzung mit durch konkrete Menschen repräsentierten Positionen.
Wie empirische Untersuchungen belegen, gilt Gleiches für ethische
Bildung. Sowohl die religiöse (wo komme ich her? wo gehe ich hin?
wer bin ich?) als auch die ethische Dimension (was darf ich tun?) gehören
zur Identität eines Menschen hinzu und sind Bestandteil unserer Kultur.
Nach christlichem Verständnis gehören Identität und Verständigung
in dialektischem Bezug untrennbar zusammen.
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Religionsfreiheit im Vorzeichen
religiöser Pluralität und einer säkularen Kultur verlangt
Religionskompetenz.
Die entstandene Vielfalt religiöser
und weltanschaulicher Sinnstiftungen bedeutet für Kinder und Jugendliche
eine Befreiung und tiefgründige Verunsicherung zugleich. An die Stelle
lebensgeschichtlich gewachsener religiöser Bindungen ist eine "Welt
der Optionen" getreten. Aus den "Geboten" von Milieu und Tradition sind
"Angebote" auf einem Markt religiöser Anbieter geworden. Auch in Sachen
Religion haben Kinder und Jugendliche keine andere Wahl - als zu wählen.
Einerseits ist es selbstverständlicher
geworden, alltagspraktisch "ganz ohne Religion" zu leben, andererseits
wächst allenthalben die Sehnsucht auch nach religiöser Sinngebung.
Einerseits teilen immer weniger Heranwachsende die familiäre Beheimatung
in religiösen Lebensvollzügen, andererseits sollen sie sich ein
selbst verantwortetes Urteil zumuten, ob und welchen Anschauungen sie vertrauen
können. Immer mehr wissen immer weniger von der Religion, während
immer mehr Religionen und religiöse Verheißungen alle vor die
Wahl stellen. Religionsfreiheit steigert den Bedarf an Religionskompetenz.
Die Kenntnis, Begegnung und unterscheidende
Auseinandersetzung mit kulturstiftenden religiösen Traditionen und
Anschauungen sind wichtige Voraussetzungen für die eigene sachverständige
Urteilsfähigkeit, die vor gleich-gültiger Überforderung
ebenso bewahren kann wie vor der Flucht in Schwarzweiß-Bilder fundamentalistischer
Anschauungen. Religionskompetenz schließt die Befähigung zur
Religionskritik ein, sowohl im Blick auf das Erscheinungsbild heutiger
Religionsgemeinschaften im Licht ihrer Ursprünge und Ansprüche
wie im Blick auf die Ausbeutung religiöser Bindungen und Traditionen
für politische und wirtschaftliche Macht- interessen.
Schule und Eltern werden bei der Bewältigung
dieser Aufgabe nur um den Preis von Kompetenz- und Qualitätsverlust
auf den "Religionsunterricht in religiöser Pluralität" (EKD-Denkschrift
"Identität und Verständigung") verzichten können. Der Religionsunterricht
wird seine reichen Erfahrungen im Dialog mit Christen in anderen Kulturen
und Konfessionen bewähren und entwickeln können für den
Dialog mit Angehörigen anderer Religionen und nicht-religiöser
Weltanschauungen.
9
Der Religionsunterricht leistet
einen Beitrag zur Identitätsentwicklung
Der Religionsunterricht hilft jungen
Menschen, sich in der Welt unabhängig von herrschenden Denkmus- tern
und Sprachspielen zu orientieren und zu verständigen. Dies
geschieht, indem Schülerinnen und Schülern gezielte Angebote
zur Interpretation ihres Lebens gemacht werden. Dabei unterstützt
der Religionsunterricht die Schülerinnen und Schüler bei der
Suche nach Sinn und Halt in ihrem Leben, indem er existenzielle Grundfragen
aufgreift und in gemeinsamer Erinnerung elementare Geschichten und Symbole
der Religion klärt. Der Religionsunterricht hilft Schülerinnen
und Schülern, eine eigene Position und Überzeugung in einer multikulturellen
Gesellschaft zu finden.
Pädagogisch gefordert ist beides:
Offenheit
und
Standpunk, die Begegnung mit der Vielfalt und
die Gelegenheit, sich in religiösen Handlungen und Überzeugungen
wiederzuerkennen, um so zu lernen, bleibende Unsicherheit zu ertragen und
"den Unterschied in der Gleichheit zu leben" (Todorov).
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Der Unterschied zwischen Religionsunterricht,
Ethikunterricht und Philosophie liegt in der Begründung ihrer Antworten
Das Nachdenken über Grundfragen
des menschlichen Seins und Handelns ist eine allgemeine Aufgabe schulischer
Bildung. Sie darf nicht verkürzt werden auf das Idealbild vom funktionstüchtigen,
flexiblen und leistungsfähigen jungen Menschen, der die schulischen
Lektionen gelernt hat: Einübung in kulturelle Normen (Sozialisation),
Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten (Qualifikation) und Chancenzuweisung
(Selektion). Der Religionsunterricht bietet einen Raum für Lebensfragen,
der erhalten und sorgfältig ausgestaltet werden muss. Niemand wird
für die Abschaffung des Deutschunterrichts plädieren, weil die
Sprache Gegenstand auch anderer Fächer ist.
Der Religionsunterricht sieht sich
nicht in Konkurrenz zu, sondern im kritischen Dialog mit anderen so genannten
Wertefächern - "in wechselseitiger Anerkennung und Gleichberechtigung"
(K. E. Nipkow). Auch Philosophie und Ethikunterricht berühren die
Gottesfrage, ringen um allgemein verbindliche Maßstäbe ethischen
Handelns und deren letztliche Begründbarkeit. Der herausragenden religionspädagogischen
Aufgabe, Kinder und Jugendliche zur aktiven Teilhabe am lebensnotwendigen
Prozess der Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und des Friedens
zu begeistern, entspricht den philosophischen Ansätzen einer universalen
Ethik in einer Situation, in der menschliches Handeln eine unabschätzbare
Tragweite für das Leben weltweit und für künftige Generationen
erlangt hat.
Andererseits gehen Religions- und Ethikunterricht
nicht ineinander auf. Sie haben ein je eigenständiges Fundament: Religion
erfasst nicht einen Teilbereich des Lebens, sondern macht Leben und Welt
insgesamt frag-würdig. Für philosophische Weltanschauung und
Ethik ist die "ratio" die vernunftgeleitete Erkenntnis, die höchstrichterliche
Instanz. Die letzte Autorität der Religion ist die Gotteserfahrung,
für Christen ist sie - unbeschadet gewissenhafter vernünftiger
Prüfung - vermittelt durch das biblische Zeugnis von Jesus Christus.
Ethikkonzepte befragen Religion mit
der vergleichenden, möglichst objektiven Außenansicht. Religionsunterricht
stellt sich ethischen Fragen im Auslegungshorizont jüdisch-christlichen
Denkens positionell-engagiert - in kritischer Aufnahme anderer religiöser
und weltanschaulicher Problemsichten. Bei der Frage nach Gott geht es im
ersten Falle "darum, ‚was' Gott sein mag, im zweiten Falle darum,
‚wer' Gott für einen selbst ist" (K. E. Nipkow).
Ethikunterricht in staatlicher Regie
ist der weltanschaulichen Neutralität verpflichtet in der Absicht,
in bewusster Distanznahme Jugendlichen eine freie Urteilsbildung zu ermöglichen.
Religionsunterricht geht davon aus, dass Urteilsbildung und ethisches Handeln
aus einer distanzierten, neutralen Beschäftigung mit unterschiedlichen
Sichtweisen und Positionen allein nicht erwachsen; die Motive und Antriebe
zu Standortfindung und Engagement bilden sich vielmehr in der persönlichen
Auseinandersetzung mit profilierten Standpunkten, die sich selbst kenntlich
machen und "ihre Karten offen legen" - sachbezogen und von Person
zu Person.
11
Im Sinne der Schulentwicklung hat
der Religionsunterricht eine besondere Bedeutung
Durch seine Existenz werden Positionen
eingebracht, die bei einer Schulkonzeption religiöse Themen, Lebensbereiche,
Sinnfragen bewusst einbeziehen bzw. dafür Sorge tragen, dass man sich
traut, diesen "unbestellten Boden" zu betreten. Dies ist der besonderen
Situation in Ostdeutschland geschuldet, da hier die meisten Menschen von
religiösen Fragestellungen entfremdet wurden. Kompetenzen wie Nächstenliebe,
Fähigkeit zum friedlichen Zusammenleben mit anderen Menschen und Auseinandersetzung
mit Weltanschauungen, können durch religiöse Erziehung und Bildung
entscheidend gefördert werden. Die Themen, die sich auf Lebensfragen
der Schüler und Schülerinnen beziehen, sind so vielschichtig,
dass der Religionsunterricht materialistisch dominiertes Verständnis
von Wissen sinnvoll korrigiert.
Jedes Kind kommt mit transzendenten
Fragestellungen in Berührung, die von einer atheistisch geprägten
Umwelt unsicher bzw. gar nicht reflektiert werden. Diese Fragestellungen
werden im Religionsunterricht aufgenommen, es werden eigene Erfahrungen
besprochen und Schülerfragen kompetent behandelt. Dabei geht es nicht
um "mystische", unerklärbare Sachverhalte, fernab jeglicher Wissenschaftlichkeit.
In religiösen Dimensionen denkende Erwachsene geben Antworten auf
weltanschauliche Fragestellungen, die eine Persönlichkeitsentwicklung
fördern.
Die Schüler/innen werden damit
in die Lage versetzt, in ihrer Lebensumwelt auf religiöse Themen zu
reagieren, Vorurteile abzubauen und Widerständen zu begegnen.
Kassel, den 16. September 2000
Kommission für Fragen des Religionsunterrichts
der AEED
Hans-Werner Biehn, Marburg - Bernd
Giese, Neukirchen-Vluyn - Thomas Gießen, Minden - Marlitt Gress,
Rosengarten - Chris Heß, Bad Dürkheim - Harald Klemm, Nürnberg
- Barbara Mehmke, Moritzburg - Prof. Harry Noormann, Königslutter
Anmerkungen
(1) R. Preul, Religion,
Bildung, Sozialisation, Gütersloh 1980, S. 18, nennt die drei ersten
Felder.
(1) vergl. auch M.Josuttis, Die Einführung
in das Leben, Gütersloh 1966, hier VIII, 1: "Unterricht als Unterweisung,
als Lebenshilfe und als Einladung zum Experiment", mit Rückbezug auf
Chr. Bizer. In ähnlicher Richtung hat H. v. Hentig ein Fach des Philosophierens,
nicht nur der Philosophie, gefordert und den Erfahrungsbezug betont: Süddeutsche
Zeitung Nr. 50, Seite 12, vom 1.3.2000.