Schulentwicklung und Religionsunterricht
Potenziale und Probleme
1.3 Ausblick
Aus unserer Sicht ist eine stärkere Autonomie von Schule zu begrüßen. Sie bietet die Möglichkeit, besser auf die Schülerinnen und Schüler in ihrer konkreten Situation einzugehen. Sie führt allerdings dazu, dass über die Erteilung und Ausgestaltung des konkreten Religionsunterrichts an der einzelnen Schule entschieden wird und die Bedeutung übergeordneter Institutionen von Staat und Kirche zunehmend in den Hintergrund tritt. Im Dialog zwischen den Kirchen muss geklärt werden, wie die größere Verantwortung der Lehrkräfte vor Ort mit den - auch von den Kirchen - gesetzten Rahmenbedingungen vereinbart werden kann. Grundsätzlich muss die gemeinsame Verantwortung von Staat und Kirche für die Gestaltung des Religionsunterrichts auch in Zukunft sichergestellt bleiben.
2. Zentralisierung der Prüfungen
2.1 Tendenzen
Die Dezentralisierungstendenzen gehen einher mit der Zentralisierung von Prüfungen. So soll die Effektivität der dezentralisierten, im Schulprogramm verankerten Bildungswege der einzelnen Schule zentral überprüft werden. Dadurch soll die Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse gewährleistet und die Transparenz des Wettbewerbs auf dem Bildungsmarkt gesichert werden. Die Sicherung von Bildungsstandards soll mit mehr zentralen Prüfungen erreicht werden. Besonders nach der Veröffentlichung der PISA-Studie werden im Rahmen von Überlegungen, wie die Unterrichtsqualität verbessert und gesichert werden könnte, häufig (und von unterschiedlichen Seiten) Forderungen nach zentralen Überprüfungen laut (Zentralabitur, zentrale Abschluss- und Vergleichstests). Die Kultusministerkonferenz will bundesweite Standards definieren. Oft wird bei der Forderung nach zentralen Überprüfungen an einen Kanon des Wissens gedacht.
2.2 Anfragen
2.3 Ausblick
In der Schule und im Religionsunterricht geht es um Bildung, Beziehungen, Werthaltungen und Orientierung für ein gelingendes Leben und nicht nur um die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten. Zentrale Prüfungen, die die Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen sichern sollen, dürfen die Bildungsaufgabe der Schule nicht durch starre Vorgaben und standardisiertes Faktenwissen verkürzen.
3. Gesellschaftliche Entwicklungen als (inter)religiöse Herausforderung
3.1 Tendenzen Die Bundesrepublik Deutschland ist zum Einwanderungsland geworden. Die Migration dürfte sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Deutschland ist zumindest in der Altersgruppe der Schülerinnen und Schüler multikulturell. Dies wirkt sich auch auf die Schulentwicklung aus. Globalisierung, Umfang und Schnelligkeit des Wandels, Kommunikations- und Informationsdichte sowie Mobilität sind ebenfalls Faktoren, die die Schule massiv herausfordern. Pluralisierung und Individualisierung (zunehmender Funktionsverlust traditioneller Institutionen und Orientierungsmuster; Vielfalt von Gruppen, Kulturen, Orientierungs- und Deutungsangeboten) sind Folgen dieser Entwicklungen. Sie beinhalten Chancen, aber auch Gefahren von Orientierungsverlust und Entsolidarisierung. Schule muss Schülerinnen und Schülern zur individuellen Orientierung und eigenverantwortlichen Mitgestaltung dieser Prozesse befähigen.
3.2 Anfragen
3.3 Ausblick
Interkulturelle Bildung gehört in Zukunft zu den grundlegenden Bildungsaufgaben. Kulturelle Identität hängt eng mit religiöser Identität zusammen. Deshalb gehört der Religionsunterricht - unabhängig von kirchlichen Interessen und kirchlichem Einfluss - unabdingbar zum schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Der Religionsunterricht muss die Balance halten zwischen Stärkung der eigenen persönlichen und religiösen Identität einerseits und der Dialogfähigkeit und -offenheit andererseits. Schon in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern muss dem - z.B. durch Erhöhung der religionswissenschaftlichen und religionstheologischen Anteile oder gemeinsame Ausbildungsphasen von Religionslehrerinnen und Religionslehrern verschiedener Religionen - Rechnung getragen werden. Auch Lehrpläne und Schulbücher sind dahingehend zu entwickeln.
4. Öffnung von Schule – Öffnung von Religionsunterricht
4.1 Tendenzen
Schule wandelt sich zunehmend von der reinen Unterrichtsschule zum „Lebensraum Schule". Sie ist dabei angewiesen auf außerschulische Kooperationspartner wie Vereine, Jugendverbände, Kirchen und kulturelle Einrichtungen. Diese Tendenz wird verstärkt durch die längere Verweildauer in den Schulen und die Erhöhung der Zahl von Ganztagsschulen.
4.2 Anfragen
4.3 Ausblick
Lernen durch Erfahrung an außerschulischen Orten bietet auch neue Perspektiven für eine verstärkte Öffnung des Religionsunterrichts in Richtung Stadtteil und Gemeinde. Angesichts der Tatsache, dass die biographische Erfahrung mit religiöser Praxis immer mehr verloren geht, bietet die Öffnung von Schule die Chance, Orte aufzusuchen, an denen gelebter Religion begegnet werden kann. Dabei sind die Grenzen zwischen dem allgemeinen Bildungsauftrag der Schule und dem katechetischen Auftrag der Gemeinde zu achten.
5. Fächerübergreifender Unterricht
5.1 Tendenzen In der didaktischen Diskussion scheint weitgehend Einigkeit in der Kritik am herkömmlichen Fachunterricht zu bestehen. Eine Konsequenz daraus ist die zunehmende Hinwendung zur Lernfeldorientierung. Erste Schritte in diese Richtung sind fächerübergreifender Unterricht, Lernen in Projekten und die Erschließung außerschulischer Lernorte. Der fächerübergreifende Unterricht erfordert eine verstärkte Zusammenarbeit der einzelnen Lehrkräfte und führt zu einer veränderten Bedeutung der Fächer, ihrer Fachdidaktiken und Bezugswissenschaften.
5.2 Anfragen
5.3 Ausblick
Religionslehrkräfte haben eine lange Erfahrung mit fächerübergreifendem Unterricht in vielfältigen Formen. Ein weiterer Ausbau dieser Unterrichtsformen ist aus Sicht des Religionsunterrichts zu begrüßen. Sie dürfen aber nicht die einzig mögliche Unterrichtsform werden und zu einer weiteren Reduzierung des Religionsunterrichts führen. Die Kirchen müssen im Dialog einen Rahmen abstecken, der die Religionslehrkräfte vor Ort in die Lage versetzt, flexibel in eigener Verantwortung über einen fächerübergreifenden Unterricht unter Einbeziehung des Religionsunterrichts zu entscheiden.
6. Qualitätsmanagement
6.1 Tendenzen
Im Zuge der Schulentwicklungsprozesse werden wirtschaftsorientierte Qualitätsstandards für die Bildungsaufgaben der Gesellschaft zunehmend dominierend. Es tritt eine Ökonomisierung der Schulorganisation ein bis hin zur Begrifflichkeit und Auswahl der Unterrichtsinhalte. Die Evaluation von Ergebnissen schulischer Bildung geschieht durch national und international vergleichende Studien. Anforderungen der Wirtschaft an das „Produkt" Schülerin / Schüler spielen dabei eine wachsende Rolle. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass Schulabsolventen und Schulabsolventinnen weniger den Anforderungen der Wirtschaft an qualifizierte Lehrstellenbewerber und -bewerberinnen entsprechen.
6.2 Anfragen
6.3 Ausblick
Der Religionsunterricht lässt sich wie jedes Fach evaluieren. Entscheidend ist die Frage der Kriterien. Die Diskussion um Schlüsselqualifikationen / Kompetenzen bietet Anknüpfungsmöglichkeiten für den Religionsunterricht. Die Qualität einer Schule lässt sich nicht allein durch wirtschaftsorientierte Standards bestimmen. Ebenso wichtig sind Lebensorientierung, Toleranz und Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler. Die Schule darf die Unvollkommenheit des Menschen nicht aus dem Blick verlieren. Der Beitrag des RU besteht vor allem in der Erziehung zur ethischen Verantwortung, sozialen Empathie, religiösen Orientierung, sinnerschließenden Reflexion und kulturellen Fundierung der Gesellschaft.
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