AEED Fundgrube

Wir brauchen eine „Kultur der Anerkennung" für unsere Kinder und Jugendlichen!

Eine Stellungnahme der Bundesvereinigung Evangelischer Eltern und Erzieher zur PISA-Debatte.

Die beiden PISA-Untersuchungen haben erhebliche Defizite unseres Bildungswesens ans Licht gebracht und unter Eltern ebenso wie unter Lehrerinnen und Lehrern Verunsicherung ausgelöst. Wir setzen uns dafür ein, dass keine vorschnellen Schuldzuweisungen das Gespräch und das gemeinsame Bemühen untergraben. Die Ursachen müssen sorgfältig analysiert, ohne parteipolitische Engführungen diskutiert und im gesamtgesellschaftlichen Konsens daraus Konsequenzen gezogen werden.

Die Bundesvereinigung Evangelischer Eltern und Erzieher bittet Eltern und alle, die in Bildung und Erziehung Verantwortung tragen, insbesondere auf Folgendes zu achten:

Als Christen leben wir von der bedingungslosen Annahme durch Gott. Dies wollen wir Kinder und Jugendliche spüren lassen. Deshalb setzen wir uns für eine Kultur der Anerkennung im Erziehungs- und Bildungswesen ein. Die PISA-Debatte darf nicht auf das wirtschaftlich Verwertbare und auf den Leistungsvergleich eingeengt werden. Bildung und Erziehung dienen der Förderung der Kinder und Jugendlichen und sind Ausdruck ihrer Hochschätzung. Es geht darum, in welcher Atmosphäre Kinder und Jugendliche bei uns aufwachsen. Kinder sind ein Geschenk Gottes. Sie sollen spüren, dass sie willkommen sind.

Bildung und Erziehung bilden die emotionale und kognitive Basis einer stabilen Persönlichkeit: Kinder und Jugendliche brauchen eine Kultur der Anerkennung. Neben den elementaren Kulturtechniken, zu denen in einer wissenschaftlich-technischen Welt eine grundlegende Lesefähigkeit, mathematisches Verstehen und Zugänge zu naturwissenschaftlichem Denken gehören, ist die Entwicklung einer starken Persönlichkeit, die mit Misserfolg, Krisen und Scheitern ebenso umgehen kann wie mit Leistung und Erfolg, ein zentrales Erziehungsziel. Eine Kultur der Anerkennung ist auch die Voraussetzung für Kommunikation und das Zusammenleben mit anderen.

Bildung und Erziehung dienen der Überwindung sozialer Ungleichheiten. Unser christlicher Glaube ermutigt uns zur Barmherzigkeit. Eine Kultur der Anerkennung erlaubt uns nicht, schweigend hinzunehmen, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen von vornherein im Erwerb von Bildung benachteiligt bleiben und in Folge dessen ausgesondert werden. Wir fordern deshalb ernsthafte Anstrengungen, grundlegende Änderungen herbeizuführen.

Kindergarten und Schule sind Orte, an denen sich ablesen lässt, wie Kinder in der Gesellschaft geschätzt werden. Kindergärten befinden sich in hohem Maße in kirchlicher Trägerschaft. Dasselbe gilt für die Ausbildungsstätten für Erzieherinnen und Erzieher. Wir bitten Kirchenleitungen und Gemeinden, ihnen die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Wir fordern auch eine selbstkritische Evaluation im Blick auf die doppelte Aufgabe der Kindergärten als Stätten der Erziehung und Bildung. (Die Frage nach dem angemessenen Ort der Ausbildung – Fachschule oder Hochschule – darf nicht tabuisiert bleiben.) . Evangelische Schulen sind keine „Insel der Seligen", sondern „Experimentierfelder", in denen Christen versuchen darzustellen, wie Erziehung und Bildung in einer Kultur der Anerkennung geschehen könnten. Sie brauchen dazu Förderung und Vertrauen. Sie sollen im Gegenüber zum staatlichen Schulwesen „ansteckend", nicht selektierend wirken.

Erziehungsarbeit ist eine vornehmliche Aufgabe von Eltern. Darin brauchen sie Bestätigung und Anerkennung. Erziehung ist eine hohe Kunst. Die Lebenslage von Familien ändert sich in den postindustriellen Wissensgesellschaften zunehmend. Eltern brauchen einen Ort der Unterstützung, an dem sie die Veränderung ihrer Rolle bedenken, neue Umgangsformen erlernen und in ihrer Aufgabe bestärkt werden. Kirchengemeinden sollten solche Orte sein. Dabei müssen gegebenenfalls auch Familienideologien überprüft und korrigiert werden.

Lehrerinnen und Lehrer sind professionelle Förderer von Kindern und Jugendlichen. Sie bedürfen unserer Anerkennung. Um unserer Kinder und Jugendlichen willen wollen wir zu einem Klima beitragen, das Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Ansehen stärkt und das auch die Besten unter den Abiturienten ermutigt, den Beruf des Erziehers / der Erzieherin und der Lehrerin / des Lehrers zu ergreifen.

In einer Kultur der Anerkennung müssen öffentliche Bildung und familiale Erziehung ein Bündnis eingehen. Aus der Forderung nach Ganztageseinrichtungen dürfen keine ideologischen Grundsatzauseinandersetzungen erwachsen. Wir brauchen immer mehr solcher Angebote. Dabei verändern sich allerdings die Rollen von öffentlichen Bildungseinrichtungen ebenso wie die von Familien und Eltern. Auf diese neuen Rollen sollten wir unsere Kraft und Phantasie konzentrieren. Dies wäre in einem Bündnis zwischen Familien und Bildungseinrichtungen am konkreten Ort am besten zu verantworten.

Wir wollen, dass die Kirchen engagierte Partner der öffentlichen und der familialen Bildung und Erziehung sind und bleiben. Die Kirchen als Träger einer „Kultur der Anerkennung" und einer „Kultur der Barmherzigkeit" sind gefragt in einer Situation, in der ein grundlegender Umbau unseres Bildungs- und Erziehungssystems auf der Tagesordnung steht. Auf den unterschiedlichsten Ebenen sollte diese Situation erkannt und aufgegriffen werden. Beispielhaftes Handeln kann ermutigen.

Eisenach, 13./14. Sept. 2002