"Dem Hass keine Chance"
erklären Religionslehrer zum Weltkindertag
2001
20. September 2001
Der Terroranschlag, dem am 11.9.2001 Tausende
von Menschen zum Opfer gefallen sind, hat weltweit Entsetzen, tiefe Betroffenheit
und Angst aber auch Rache-Gelüste und Kriegsgefahr hervorgerufen.
Kinder und Jugendliche sind dieser Situation in besonderer Weise ausgeliefert.
Sie erleben sich oft als ohnmächtig und hilflos der Angst ausgesetzt.
In unseren Schulen nehmen wir zur Zeit große Verunsicherung bei Schülerinnen
und Schülern aller Nationen und Religionen wahr. Einige von ihnen
greifen - wie Erwachsene vielfach auch - zu simplen, kurzsichtigen und
oft auch brutalen Schlussfolgerungen, die scheinbar die Probleme schlagartig
lösen.
Viele bringen ihre Betroffenheit und ihre
Nachdenklichkeit durch Schweigemärsche, Trauergottesdienste, Gebete
und schriftliche Kundgebungen zum Ausdruck. Sie zeigen damit, dass sie
nicht gewillt sind, sich die friedliche Zukunft von Terroristen oder Kriegstreibern
nehmen zu lassen.
Schlagworte wie "Fundamentalismus", "islamistisch"
und "extremistisch" füllen die Medien, werden aber längst nicht
immer sachgemäß verstanden! Einige Schülerinnen und Schüler
islamischen Glaubens werden Opfer verbaler fremdenfeindlicher Attacken.
Wir wollen es nicht zulassen, dass ein falsches Verständnis von Religion
die Gräben zwischen den Menschen vertieft. Friedenserziehung in der
Schule muss deshalb auch religionspädagogisch orientiert sein, sonst
bleibt die Sichtweise zu kurz! Unsere Schulen haben hier einen großen
Nachholbedarf!
Dem Hass keine Chance zu geben, das heißt pädagogisch auch:
Religionsfreiheit für alle und Achtung
der persönlichen Überzeugungen als unaufgebbares Menschenrecht
zu betrachten
im Fachunterricht und darüber hinaus
das Kennenlernen von Geschichte, Prägungen und Entwicklungen der Religionen
zu fördern
das humane und soziale Potenzial der großen
Weltreligionen besonders zum Vorschein bringen
den Islam in seiner Besonderheit und auch
in seiner Verwandtschaft zu Judentum und Christentum in den Schulen stärker
zu thematisieren
dabei auch Feindbilder und Vorurteile
über den "Heiligen Krieg", die "Frauenfeindlichkeit" oder "Weltherrschaft
durch islamische Missionierung" kritisch untersuchen und befragen.
Die Schulen in unserem Land sollten deshalb
der vielfach vorhandenen religiösen
Ahnungslosigkeit und Sprachlosigkeit durch Aufklärung und Information
begegnen
den Dialog der Religionen und Konfessionen
in der Schule nachhaltig fördern
innerschulische und außerschulische
Projekte der Zusammenarbeit von Menschen verschiedener Kulturen und Religionen
fördern
Projekttage der Orientierung und der interreligiösen
Verständigung fördern (siehe "Projekt Weltethos": Hans Küng)
Lebensorte für junge Menschen sein,
an denen Religion nicht als trennendes, sondern als verbindende Dimension
angesehen wird.
schulischen Religionsunterricht im Grundsatz
religionsübergreifend anlegen, damit der Bildungs- und Verständigungsansatz
besonders zur Geltung kommen.
Die Lehrkräfte für Religion sind
bereit, sich dieser Aufgabe besonders zu widmen. Sie bauen darauf, dass
der Staat, die christlichen Religionsgemeinschaften und die interessierten
nichtchristlichen Religionen dieses Anliegen nach Kräften fördern
und durch Zusammenarbeit vor Ort stützen. Entsprechende Strukturen
und Reformen in diesem Bereich, die längst überfällig sind,
sollten in den Ländern mutig angepackt und weiterentwickelt werden.
Die Lehrerfortbildung soll sich dieser Aufgabe verstärkt widmen. Die
Kinder und Jugendlichen in den Schulen brauchen für die entscheidenden
Jahre ihres Schullebens und darüber hinaus solide Fundamente der menschlichen
Lebensgestaltung. Sie brauchen die Möglichkeit, Religionen kennen
zu lernen, Unterschiede zu verstehen und Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Nicht zuletzt ist das eine grundlegende Aufgabe der Schule von Heute und
Morgen.
Herausgegeben von der Aktionsgemeinschaft
Biblische Geschichte/Religionskunde Bremen e. V.
Verantw: Dr. Manfred Spieß, Klattenweg
36, 28213 Bremen
18. September 2001