Rheinland-Pfalz / Duale Oberschule
Ganzheitlicher Weg
Von Jutta Witte
Reines Paukwissen ist in der Wirtschaft
schon lange nicht mehr gefragt. Auch Haupt-, Real- und Berufsschüler
müssen sich vielseitiger als bislang für die Arbeitswelt wappnen.
Einer neuen Lern- und Unterrichtskultur hat sich deswegen die Duale Oberschule
(DOS) verschrieben, die in Rheinland-Pfalz seit fünf Jahren als Pilotprojekt
an elf Schulen erprobt wird.
"Es ist der erste Schulversuch dieser
Art in Deutschland", erklärt der Dortmunder Professor für Berufspädagogik,
Bernd Ott. Die DOS ermöglicht nicht nur sämtliche Abschlüsse
vom Hauptschulabschluss bis zum Fachabitur. Der neue Schultyp hat auch
die herkömmlichen Haupt- und Realschulinhalte weiter entwickelt und
ganzheitlich miteinander verzahnt: praktisches Lernen und der Erwerb von
Schlüsselqualifikationen stehen gleichberechtigt nebeneinander.
So ist Teamarbeit für die Achtklässler
der Dualen Oberschule im südpfälzischen Landau längst kein
Fremdwort mehr. Ein „technisches System zur nachhaltigen Ver- und Entsorgung"
sollen sie gemeinsam planen, entwickeln und herstellen. Anders als an herkömmlichen
Haupt- und Realschulen bekommen die Schüler keine Vorgaben. „Wir haben
uns für ein Windrad entschieden", berichtet Annette. „'Wir haben uns
den Plan selbst gemacht", ergänzt ihr Mitschüler Alexander selbstbewusst.
Dass ein Windrad umweltfreundlich ist und man damit „mehr Strom herauskriegt
als mit einem Wasserrad" gehört zu den Dingen, über die sich
die Schüler vorher informiert haben.
„Praxis in der Schule", heißt das
neu entwickelte Kernfach der DOS, das die Berufsbereiche Naturwissenschaft
und Technik, Wirtschaft und Verwalten sowie Hauswirtschaft und Sozialwesen
aufgreift. Die Lernaufgaben, mit denen die Schüler sich auf den Berufsalltag
vorbereiten, aber auch Themen mit „gesellschaftlicher Bedeutung" in Projektarbeit
durchdringen, werden in Zusammenarbeit mit den berufsbildenden Schulen
entwickelt. Im Zuge der Projekte können die Schüler auch ihre
in einem sogenannten „Sockeltraining" erworbenen Lernmethoden erproben.
„Benotet" werden die Schlüsselqualifikationen auch: in einer vom normalen
Zeugnis getrennten Verbalbeurteilung.
„Das Fach ist ein Renner", sagt die Konrektorin
der Landauer DOS, Ingrid Baumgärtner-Schmidt. Bereits in der
sechsten Klasse können die DOS-Schüler
im Wahlpflichtbereich „Praxis in der Schule" oder Französisch wählen.
Nach der Orientierungsstufe entscheidet die Klassenkonferenz, ob ein Schüler
die Profilstufe 1, die dem Hauptschulniveau, oder die Profilstufe 2, die
dem Realschulabschluss entspricht, besucht. Um Durchlässigkeit zu
erreichen, ist nach jedem Schuljahr ein Wechsel der Profilstufe möglich.
Außerdem wird „Praxis in der Schule" stufenübergreifend unterrichtet.
Bereits nach dem neunten Schuljahr können
die Schüler der Profilstufe 2 an eine kooperierende Berufsschule in
den Bildungsgang Duale Oberschule wechseln und nach zwölf Jahren die
Schule mit Gesellenbrief und Realschulabschluss verlassen, ein Novum in
der deutschen Schullandschaft. Wer ein weiteres Jahr investiert, kann in
der Qualifikationsstufe zusätzlich das Fachabitur absolvieren.
aus: Das Parlament, Nr.47, 19.11.2001
Obwohl das Konzept überzeugt, machen
bislang nur wenig Schüler vom speziellen DOS-Angebot Gebrauch. Nur
sieben aus 'dem im Schuljahr 1995/96 gestarteten ersten Jahrgang haben
sich in Landau für den Bildungsgang Duale Oberschule entschieden.
Die übrigen 28 absolvieren' ganz normal das zehnte Schuljahr. „Ein
mageres Ergebnis", fin-. det Baumgärtner-Schmidt. Obwohl die wissenschaftliche
Begleitung dem Pilotprojekt hohe Akzeptanz bei Eltern, Schülern und
Lehrern bescheinigt, beobachtet die Konrektorin Skepsis bei den Eltern
und in den Betrieben, die lieber auf alt vertraute Schulabschlüsse
setzen.
Auf die niedrigen Zahlen bezieht sich
auch die Kritik der Gewerkschaft für Bildung und Erziehung (GEW).
„Diese Schule ist gescheitert", bilanziert Tilman Boehlkau von der GEW
Rheinland-Pfalz. Boehlkau hält die DOS im ohnehin 'zersplitterten
Schulsystem des Landes schlicht für überflüssig: „Das pädagogische
Ziel hätte man auch an den bestehenden Schulen erreichen können
Ein derart vernichtendes Urteil hält die rheinland-pfälzische Bildungsministerin, Doris Ahnen, für nicht angemessen. Mit rund 5 000 Schülern verzeichne das auf zehn Jahre angelegte Projekt, in das das Land jährlich 500 000 Mark investiert, „ordentliche Zahlen", findet die SPD-Politikerin. Möglicherweise muss Ahnen den Dualen Oberschulen in Zukunft allerdings stärker unter die Arme greifen. „Viel, viel Offentlichkeitsarbeit", hält Konrektorin Baumgärtner-Schmidt für unerlässlich um die neue Schulform zu etablieren. Und hier sei vor allem das Land gefragt.
aus: Das Parlament Nr. 47, 19.11.2001