Profil in der Vielfalt – Chancen und Probleme von Religionsunterricht in einer Fächergruppe.
Bericht von der Tagung
in Berlin – Wannsee, 24./25.5.02 von Thomas Gießen
Nach einführenden Referaten von Prof.
Christoph Scheilke vom Comenius-Institut und Kirchenschulrat Rolf Lüpke
(Berlin) äußerte sich Gisela Raupach-Strey (Halle) aus Sicht
des Faches Ethik zur Fächergruppe. Sie machte vor allem deutlich,
dass, zumindest in Sachsen-Anhalt, das Problem des Faches Ethik nicht sein
Verhältnis zum Religionsunterricht (RU) sei, sondern seine geringe
gesellschaftliche Akzeptanz. In 18 Schulen des Landes gibt es einen Schulversuch
mit der Fächergruppe. Wenn ein RU angeboten wird, kann dort die Fächergruppe
starten. Die Rahmenlehrpläne der beteiligten Fächer seien aber
noch nicht aufeinander abgestimmt.
Aus Sicht der Muslime sprach Wolf Achmed
Aries (Gütersloh, Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland).
Er wies darauf hin, dass RU für eine
Minderheit zuerst Sprachkompetenz in Bezug auf die eigene Religion vermitteln
müsse. Dies bedinge schulisch eine Phase, in der die Beheimatung Vorrang
vor dem Dialog haben müsse.
Er stellte fest, dass es für angehende
Religionslehrerinnen und –lehrer Pflicht werden müsse, abschnittsweise
ein gemeinsames Studium zu absolvieren, z.B. solle es eine Pflicht geben
einen Schein in einem anderen theologischen Fachbereich zu machen.
Er äußerte auch die Auffassung,
dass es für islamische Gelehrte schwer vorstellbar sei in einer Fächergruppe
mit Atheisten zusammenzuarbeiten.
Aus jüdischer Sicht setzte sich Joergen
Nieland (Mettmann, Vorsitzender der Lehrplankommission NRW Sek.II Judentum)
mit dem Thema auseinander. Er sagte, dass für eine religiöse
Minderheit die Eigenständigkeit des Faches viel bedeutsamer sei als
das Thema Fächergruppe. Aus Sicht des Judentums würde die Kooperation
in einer Fächergruppe wohl daran scheitern, dass, wegen der wenigen
Schülerinnen und Schüler, Zentralkurse im Fach jüdischer
RU für alle Schüler einer Stadt an einer Schule angeboten werden
müssten.
Aus evangelischer Sicht wies Prof. Karl-Ernst
Nipkow zunächst darauf hin, dass das gemeinsame Lernfeld als notwendige
Perspektive für die Gesellschaft in dieser zunächst plausibel
gemacht werden müsse, bevor eine Fächergruppe konkret einzurichten
sei.
Zudem sei zu prüfen, ob eine Fächergruppe
nur eine nationale oder auch eine europagemäße Perspektive sei,
ob sie im Blick auf Europa die Fortexistenz eigenständiger Fächer
eher stärkt oder schwächt.
Nipkow führte weiterhin aus, dass
die Fächergruppe, wie sie schon die EKD empfohlen habe, gleichzeitig
starke, profilierte einzelne Fächer und deren entschlossene Kooperation
impliziere. Zudem setze die Bereitschaft in einer Fächergruppe zu
arbeiten voraus, dass religiöse Pluralität grundsätzlich
bejaht wird. Aus evangelischer Sicht müsse sowohl religiöse Mündigkeit
als auch die Übernahme der Perspektive der Anderen gefördert
werden, die Verschränkung von „Identität und Verständigung".
Aus katholischer Sicht referierte dann
Dr.Katja Boehme von der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie sprach
sich für einen konfessionellen RU aus, der in einer Fächergruppe
eingebunden ist und stellte ein Modell eines zeitweise getrennten und zeitweise
gemeinsamen Unterrichts vor. Durch das zweite Vatikanische Konzil ist ihrer
Meinung nach die Fächergruppe und der interreligiöse Dialog möglich
geworden. Allerdings hielte das zweite Vatikanum fest, dass es keine Gleich-Gültigkeit
der Religionen gäbe. Sie sprach sich aber gegen einen Wahlpflichtbereich
aus und hielt daran fest, dass die Identität der Verständigung
vorangehen müsse.
Versuch eines Fazits
Prof. Nipkow meinte abschließend,
dass eine Fächergruppe nicht glücken kann, wenn sich katholische
und evangelische Kirche nicht einigen. Prof.Lübking (Leiter des Pädagogischen
Instituts in Villigst) sagte, dass wir auf eine flächendeckende Einführung
der Fächergruppe nicht warten sollten. Wir brauchten kleine Schritte
vor Ort und zudem eine Theologie der Religionen an den Universitäten.
Ähnlich auch Prof. Scheilke: Wir
können nur Schritt für Schritt in Richtung Fächergruppe
gehen, obwohl die Zeit drängt. Es gäbe einen großen Austauschbedarf
zwischen den Religionen und Fachkulturen, dieser Bedarf habe aber noch
keinen Ort in der BRD. Wir brauchen unbedingt gemeinsame Fort- und Weiterbildung
und gemeinsame Erarbeitung von Lehrplänen.
Mehrere Teilnehmer der Tagung wiesen darauf
hin, dass die schulische Praxis auch bei diesem Thema oft andere Wege gehe
als die sie reflektierende (religions-)pädagogische Theorie. So sprach
Prof. Lübking davon, dass in NRW inzwischen 75% des RU konfessionsübergreifender
RU im Klassenverband sei. Aus Niedersachsen wurden ähnliche Zahlen
genannt, auch in anderen Regionen Deutschlands gibt es parallele Entwicklungen,
in den neuen Bundesländern zudem das Problem, einen Religionsunterricht
überhaupt erst zu etablieren.
Auch dies zeigt, dass die Fächergruppe
sicher eine interessante Variante des RU sein kann, sicher nicht die einzige
Zukunft des RU in allen Bundesländern und allen Schulformen.
Thomas Gießen