http://fr-aktuell.de 23.8.01
Abschied von der alten Bildungsbürokratie
Die "Selbstständige Schule" soll vom Rückzug des Staates
profitieren
Von Gabriele Behler
Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit
aber ist der Mut", glaubte Perikles. Und etwas davon werden wir brauchen,
wenn wir uns von alten und unzeitgemäßen Denkmustern und Steuerungsmodellen
im Bildungswesen verabschieden wollen. Stellen Sie sich deshalb einen Moment
lang vor: Schulen wählen ihre Lehrerinnen und Lehrer selbst aus. Sie
entscheiden vor Ort, wo und wie sie ihr Personal einsetzen. Sie bestimmen
selbst, ob eine Stelle mit einem Lehrer oder vielleicht mit einem Computerexperten
besetzt wird. Stellen Sie sich vor, Schulen haben ein eigenes Sachmittelbudget,
das sie nach den eigenen Erfordernissen verwalten. Und stellen Sie sich
vor, Schulen erproben neue Formen der Mitwirkung. Sie schreiben gemeinsam
mit Eltern, Lehrern und Schülern ihr Schulprogramm und geben sich
ein unverwechselbares Schulprofil.
Zentrales Reformvorhaben
Alles nur Zukunftsmusik? Für Nordrhein-Westfalen nicht mehr. Wir
haben all diese Ideen in einem Modellprojekt gebündelt: der "Selbstständigen
Schule". Und ich will es ganz offen sagen: Die "Selbstständige Schule"
wird das zentrale Reformvorhaben in dieser Legislaturperiode im Schulbereich
sein, weil ich davon überzeugt bin, dass die Zeiten vorbei sind, in
denen man mit einer zentralen Bildungsbürokratie auf die Erfordernisse
einer Wissensgesellschaft im Wandel reagieren kann.
Ob es um neue Unterrichtsformen oder um die Renovierung eines Schulgebäudes
geht, alles hat heute noch seinen langen bürokratischen Gang über
die verschiedenen Stufen der Bildungsverwaltung. Dabei arbeitet man in
der Regel mit den alten Mitteln des Obrigkeitsstaates, mit Gesetz, Verordnung
und Erlass. Die Steuerungsleistung ist oft gering und meistens wird gar
nicht klar, welche Verantwortung wo liegt. Wer praktische Erfahrungen mit
der institutionalisierten Bildung gewonnen hat, wird nachvollziehen können
warum. In der Wissensgesellschaft von morgen wird man das Lernen nicht
mehr auf diese Weise organisieren können.
Wenn die Zukunft von uns lebensbegleitendes, eigenständiges Lernen
verlangt, das in seinen Inhalten und Formen immer wieder auf die Veränderung
einer dynamischen und vielfältigen Umwelt reagiert, dann muss auch
die Organisation des Lernens anders, vielfältiger und selbstständiger
werden. Eine Bildungsverwaltung, die alles auf Punkt und Komma zu regeln
versucht, ist unzeitgemäß, sie vergrößert sozusagen
unnötig das "retardierende" Moment.
Schulen brauchen statt dessen mehr Freiräume und mehr Flexibilität,
wenn sie Unterricht und sich selbst verbessern wollen. Das ist das zentrale
Ziel. Dabei können sie dann auch schneller auf den gesellschaftlichen
Wandel antworten und stärker auf die Bedürfnisse ihrer Nachbarschaft
und ihrer Region reagieren. Sie brauchen mehr Selbstständigkeit und
die Freiheit, sich ein eigenständiges Profil geben zu können.
Die "Selbstständige Schule" bedeutet eine veränderte Schul-
und Lernkultur, in der Schüler, Eltern und Lehrer selbst die Akteure
sind und ihre Schule mitgestalten. Das allerdings geht nur mit mehr Eigenverantwortung
für die Entwicklung von Unterricht und bei der Verwaltung von Haushalt
und Personal. Der Staat wird sich also in der Bildung davon verabschieden
müssen, Schulen durch Einzelvorgaben steuern zu wollen. Das ruft natürlich
auch Kritik und Ängste hervor, denen wir mit guten Argumenten begegnen
können.
Kritiker des Konzepts zur "Selbstständigen Schule" befürchten,
es werde letztlich auf den Rückzug des Staates aus seiner Verantwortung
für das Schulwesen hinauslaufen. Die einzelne Schule werde irgendwann
ganz auf sich allein gestellt sein, und gleiche Leistungsstandards und
Chancengleichheit blieben auf der Strecke. Das ist unbegründet.
Ich will es ganz deutlich sagen: Mehr Selbstständigkeit für
die Schulen bedeutet nicht, dass der Staat sich seiner Verpflichtung zur
Finanzierung des öffentlichen Schulwesens und zur Sicherung gleichwertiger
Lebens- und Ausbildungsbedingungen entziehen kann. Grundlegende Ziele,
Strukturen und Leistungsstandards sowie die materiellen und rechtlichen
Rahmenbedingungen müssen auch weiterhin vom Staat vorgegeben und garantiert
werden. Das erwarten vor allem Eltern von uns zu Recht.
Wie aber sieht unser Modellprojekt "Selbstständige Schule" konkret
aus? Mit rund 300 nordrhein-westfälischen Schulen wollen wir im Rahmen
unseres Modellvorhabens eine eigenständige Personal- und Sachmittelbewirtschaftung,
mehr Freiheiten bei der inneren Organisation und Mitwirkung sowie der Unterrichtsorganisation
und -gestaltung erproben. Dafür verpflichten sich die Schulen zur
Qualitätssicherung und Rechenschaftslegung.
Die Modellschulen können Stellen selbst ausschreiben und ihre
Lehrkräfte auswählen. Sie können über ihr Personalmittelbudget
frei verfügen und selbstständig Vertretungen organisieren. Langwierige
Beteiligungen über eine Aufsichtsbehörde fallen weg.
Die Schulleitung bekommt mehr Rechte als bisher. Sie trifft Entscheidungen,
die sonst die vorgesetzte Dienstbehörde getroffen hat. Vor einer Beförderung
beispielsweise wird es keine Visitation durch einen Dezernenten mehr geben.
Die Beurteilung und Entscheidung zur Beförderung trifft die Schulleitung
nach Beteiligung des Lehrerrates selbst.
Damit wird die Schule Dienststelle im personalvertretungsrechtlichen
Sinne. An die Stelle des Personalrats bei der Bezirksregierung tritt an
den Modellschulen der Lehrerrat. Die Befürchtung einiger Lehrerverbände,
hier würden Mitbestimmungsrechte beschnitten, ist sicherlich verständlich,
aber unbegründet. Das Gegenteil nämlich ist der Fall: Wer den
Schulen vor Ort mehr Eigenständigkeit einräumen will, muss auch
die Vertretungen der Lehrkräfte vor Ort stärken. Deshalb wollen
wir einer gestärkten Schulleitung entsprechend gestärkte Lehrer-,
Eltern- und Schülervertretungen an die Seite stellen.
Auch über das Sachmittelbudget, in dem Geld von Land und Schulträgern
zusammenfließt, entscheiden die Modellschulen in eigener Verantwortung.
Bei der Organisation des Unterrichts sollen die Schulen mehr Freiräume
erhalten. Warum soll der Unterricht immer in ein starres 45-Minuten-Korsett
gezwängt werden, wenn ein Thema beispielsweise sinnvoller in einem
mehrwöchigen Projekt erarbeitet werden kann?
Lehrkräfte vor Ort stärken
Denkbar ist, dass dabei einige Fächer für einen gewissen
Zeitraum mehr im Mittelpunkt stehen als andere. Gewährleistet muss
lediglich sein, dass das vorgegebene Jahrespensum erreicht wird. Und gerade
dieser Freiraum im Rahmen der Unterrichtsentwicklung ist es, der die "Selbstständige
Schule" für Lehrerinnen und Lehrer besonders attraktiv macht.
Eines allerdings möchte ich in diesem Zusammenhang sehr deutlich
betonen: Mehr Selbstständigkeit in der Unterrichtsorganisation und
-gestaltung hat mit einer Schule der Beliebigkeit nichts zu tun. Alle Modellschulen
werden Rechenschaft über ihre Arbeit und ihre Lernergebnisse ablegen
müssen.
Die Verpflichtung zur Transparenz und Evaluation ist ein zentraler
Teil des Projekts. Je weiter sich eine Schule von unserem heutigen Schulsystem
entfernt, desto größer ist ihre Verpflichtung zur Evaluation
und externen Kontrolle.
Die Schulen in Nordrhein-Westfalen haben bei den zahlreichen Informationsveranstaltungen
mit Schulträgern, Schulleitungen, Lehrkräften und Eltern großes
Interesse an dem Projekt "Selbstständige Schule" bekundet. Wichtig
für die Schulen ist vor allem, dass sie bei der Durchführung
des Projekts nicht alleine gelassen werden. Deshalb wollen wir ein Projektbüro
einrichten, das sie in ihrer Arbeit begleitet und berät. Mit der Bertelsmann-Stiftung
haben wir dabei einen kompetenten Partner gefunden, der bereits bei der
Begleitung von Reformprozessen Erfahrung gesammelt hat.
Selbststeuerung ist für mich, wie gesagt, nicht eine andere Vokabel
für den Rückzug des Staates aus seiner Verantwortung. Die Stärkung
der Selbstständigkeit der einzelnen Schulen muss notwendigerweise
verknüpft sein mit dem Aufbau von Unterstützung vor Ort, von
regionalen Bildungslandschaften, auf die sich die einzelnen Schulen bei
Bedarf stützen können und die ihnen das bieten, was sie aus eigener
Kraft nicht vermögen.
Gabriele Behler (SPD) ist seit 1998 Bildungsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen.
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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 22.08.2001 um 21:24:12 Uhr
Erscheinungsdatum 23.08.2001