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Pfarrer i.R. Burkhard Müller (Foto: Renate Hofmann)
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Pfarrer i.R. Burkhard Müller (Foto: Renate Hofmann)

12 Uhr mittags - Auf ein Wort 

Pfarrer i.R. Burkhard Müller

Im Folgenden finden Sie eine Tonbandabschrift der Andacht von Herrn Pfarrer Burkhard Müller.

Ich hole den Geist der Poesie herein mit einem Gedicht von Christian Morgenstern:

Es war einmal ein Lattenzaun
mit Zwischenraum, hindurch zu schaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da
und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm
mit Latten ohne was herum.
Ein Anblick, grässlich und gemein!
Drum zog ihn der Senat auch ein.
Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od’ Ameriko.

Wer Christian Morgenstern kennt, weiß, dass er immer blödelnde Gedichte macht, hinter denen oft ein ganz tiefer Sinn steckt.
Da fängt man dann an nachzudenken:
was wollte er eigentlich damit sagen?
Mit dem Lattenzaun mit Zwischenraum, hindurch zu schaun?
Ob das ein Bild unseres Lebens ist?
Da gibt es ja Begrenzungen, unser Leben ist nicht unendlich.
Das ist der Zaun.
Aber unser Leben hat dann vielleicht diesen Zwischenraum, hindurch zu schaun, nach vorn zu schaun, zurück zu schaun.

Da kommt manchmal ein Architekt, kluge Leute oder andere, die sagen:
Was? Mach doch was Sinnvolles!
Du brauchst doch nicht den Zwischenraum hindurch zu schaun, nach vorn zu schaun, zurück zu schaun!
Du brauchst kein „12 Uhr mittags – Auf ein Wort“.
Du brauchst nicht die Pause, die Lücke im Alltag.
Das ist doch alles Luxus, das braucht man nicht.
Mach doch was Sinnvolles in der Zeit!

Und so schreibt Morgenstern:
der Architekt, der bringt das fertig, die Leute dazu zu überreden,
ihre Zwischenräume, ihre Pausen, ihre Zeiten zum Hindurchzuschaun, nach vorn zu schaun, weg zu geben.
Was übrig bleibt, ist was Grässliches.
Das klingt so, als ob der Morgenstern der Meinung wäre,
wir brauchten das, immer auch den Zwischenraum, hindurch zu schaun.
Mir fällt noch ein, dass man auch Musik braucht.
Das ist ja auch so was ganz anderes.
Das rechnet sich eigentlich gar nicht.
Die Pisa-Studie, die fragt nicht danach, ob die Leute Musik treiben, sondern nur, ob sie in Mathematik, Physik und Technik gut sind.
Aber der Mensch braucht das, sagt Morgenstern.
Den Zwischenraum, hindurch zu schaun,
damit das nicht eine Latte wird, eine Lattenreihe wird,
die man wie ein Brett vor den Kopf hat, dass man nicht nach vorne sehen kann.

Ich hab mal von einem gehört, der hat an einer Antrittszeremonie bei den buddhistischen Mönchen teilgenommen.
Da ging es wunderbar feierlich zu.
Das war im Klostersaal, mit guten Gerüchen, mit Brokat und Schweigen.
Und in dem Moment des Schweigens, wo es ganz feierlich war, da piepste eine Armbanduhr. Da haben sich alle erschrocken gefragt, wer sich da so abgrundtief blamiert.
Da sagt der Abt: Das war meine Uhr! Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag um 12, egal, wo ich bin und was ist, mein Tun zu unterbrechen und Gedanken des Friedens und der
Barmherzigkeit zu denken.
Und nun lassen Sie uns das bitte gemeinsam tun:
Im Schweigen Gedanken des Friedens und der Barmherzigkeit zu haben.

Verstehen Sie?
Der Lattenzaun hindurch zu schaun, nach vorn, zurück.
Wenn man sich nicht ganz bewusst diese Zeit nimmt, kommt man nicht dazu.
Eigentlich hat die Seele Hunger danach.
Es gibt so vieles andere, was uns da so vor die Füße kommt,
die Neugier, die Ablenkung, die Zerstreuung.
Unsere Seele verlangt mehr.
Jetzt nehmen wir uns eine halbe Minute Zeit für Gedanken des Friedens und der Barmherzigkeit.

Ich danke Ihnen.


25.07.2007


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