Evang. Kgm. Vorgebirge
Evangelische Kirchengemeinde Vorgebirge - Bezirk 1: Bornheim, Brenig, Roisdorf Bornheim
Sie sind hier:  Evang. Kgm. Vorgebirge » Bezirke » Bornheim » Arbeitsbereiche » Erwachsene » Seelsorge in Senioreneinrichtungen

Interview mit Pfarrerin Löser-Rott anlässlich ihres Abschiedes Ende August 2008

Das Interview führte Dorothea Geffert für den Gemeindebrief.

 

G: Frau Löser-Rott, Sie waren 10 Jahre in Bornheim in verschiedenen Seniorenheimen tätig.

 LR: Am 1. August 1998 habe ich meine Arbeit in den vier Senioreneinrichtungen in der Evangelischen Kirchengemeinde Bornheim aufgenommen, also war ich zehn Jahre und einen Monat im Wohnstift Beethoven, im Altenheim „Maria Hilf“, im Seniorenheim „St. Joseph“ und im „Haus Selam“, ehemals Alzheimerzentrum, tätig. wegen der Geburt unseres jüngsten Kindes musste ich meine Arbeit von Anfang 2000 bis Frühjahr 2003 unterbrechen.

Aber ich war noch nie so lange an ein und demselben Ort als Pfarrerin tätig.

G: Was haben Sie dort gemacht, was waren Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

LR: Ich hatte die vier Senioreneinrichtungen in jeder Hinsicht geistlich zu versorgen. Sie waren meine Kirchengemeinde. Das bedeutet in erste Linie Gottesdienste, denn die sind, laut Kirchenverfassung, die „Mitte des Gemeindelebens“.

Dann habe ich viele Sterbende und ihre Angehörigen begleiten müssen. Ich habe viele Menschen kirchlich bestattet oder Trauergottesdienste in den Häusern, in denen sie gewohnt haben, veranlasst und durchgeführt.

Die meiste Zeit machte ich Besuche in den Zimmern und Wohnungen und auch in den umliegenden Krankenhäusern. In zwei der Einrichtungen fanden unter meiner Leitung ökumenische Gesprächsgruppen statt. Dazu kamen, Kontakthalten, Informationsaustausch und Beratung mit den Mitarbeit/innen der Häuser.

In der Gemeinde hatte ich meinen Platz im Predigtplan und habe die Frauenhilfe mitgeleitet. Vielleicht erinnern sich die Gemeindemitglieder an den gemeinsam gestalteten Gottesdienst in der Adventszeit und die gemeinsame Organisation und Durchführung des Weltgebetstages der Frauen.

G: Welche Tätigkeit lag Ihnen dort besonders am Herzen?

LR: Mir lagen die Gottesdienste besonders am Herzen. Der Gottesdienst ist nun mal das Herzstück pfarramtlicher Tätigkeit und der Gottesdienst lässt jeden teilnehmen und, je nach Form und Gestaltung, jeden mitmachen. Ich hatte vor allem Gottesdienste mit Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind. Einfache Rituale habe ich vorher mit ihnen vorbereitet und eingeübt. Etliche Gesangbuchlieder waren den meisten noch im Altgedächtnis haften geblieben. Außerdem ist der Gottesdienst eine Veranstaltung, bei der Angehörige, Betreuende und Mitarbeitende gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern das Gleiche tun. Die Unterschiede, Abhängigkeiten und Beziehungsgefälle sind während der gottesdienstlichen Feier komplett aufgehoben. Wenn dann der Gottesdienst auch noch eine eindeutige verstehbare Aussage hat, dann entsteht oft eine wohltuende Atmosphäre, in der sich Demenzkranke sicher und geborgen fühlen, sich anders erleben und sich auch anders verhalten können. Um noch einmal auf die Beerdigungen zurück zu kommen: Jeder Verstorbene muss von denen, die zurück bleiben, verabschiedet werden. Sind keine Angehörigen (mehr) da, dann ist dies Aufgabe der Hausgemeinschaft. Für viele war dies ganz wichtig: zum einen wussten sie, dass auch sie nach ihrem Tod verabschiedet wurden, zum anderen konnten sie mit Recht zu sich selbst sagen: Das kann ich noch – Abschied nehmen von einem Mitbewohner.

G: Erzählen Sie von einer Begebenheit, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist.

LR: Was mir vor allem im Gedächtnis bleiben wird, das sind die Lebensgeschichten, die mir die Menschen im persönlichen Gespräch anvertraut haben, oder von denen ich innerhalb eines Beerdigungsgespräches erfuhr. Ich habe festgestellt, dass eine jede zu einer Romanvorlage taugt. Es kann mir niemand mehr weismachen, es gäbe Lebensläufe, die uninteressant und ereignislos seien.

Ein Ereignis, ausgerechnet aus meiner Zeit in Erziehungsurlaub, will ich als Beispiel herausgreifen:

Eine Altenheimbewohnerin, hin und wieder verwirrt und daher desorientiert, erfährt vom Tode ihres Bruders, der nach seiner Verwitwung allein lebte. Sie selbst gilt als zu gebrechlich, sich an der Vorbereitung und Durchführung der Beerdigung zu beteiligen.

Daher beließ man es im Hause bei der Todesnachricht und einigen tröstlichen Worten. Aber die alte Dame war offenbar erheblich unterschätzt worden. Sie bestand mit Beharrlichkeit und Eigensinn darauf, dass ihr Bruder von der Pfarrerin, deren Namen ihr partout nicht einfallen wollte, beerdigt werden sollte. Der Bruder war zwar aus der Kirche ausgetreten. Aber sie war, das stellte sich hinterher heraus, die einzige, die sich zuständig fühlte, ihn, aus ihrer Sicht, angemessen - und das hieß evangelisch - unter die Erde zu bringen.

Es dauerte einige Tage, bis auch den Mitarbeitern des Hauses klar wurde, dass ich mit der Pfarrerin, deren Namen entfallen war, gemeint war.

Ich habe die Urne des Bruders beigesetzt. Einen Auftrag, dessen Ausführung so energisch erstritten wurde, kann man doch nicht zurückweisen!

Was die Kompetenz hochaltriger Menschen angeht, war diese Begebenheit ein ausgezeichnetes Lehrstück. Offensichtlich wusste die alte Dame genau, was sich gehörte, wenn ein Mensch gestorben ist und beeindrucken von unserer Sicht auf ihren Zustand ließ sie sich schon gar nicht.

G: Können Sie Erfahrungen benennen, die Sie, wenn Sie jetzt eine neue Arbeit beginnen, „mitnehmen“ und anwenden könnten?

LR: Leider weiß ich noch gar nicht, was an neuer Tätigkeit auf mich zukommt. Angedacht von Seiten der Kirchenleitung ist lediglich, mich im Nachbarkirchenkreis an Sieg und Rhein einzusetzen. Auf jeden Fall wird mir der Gottesdienst wichtig bleiben, dann auch die Erkenntnis, dass nicht nur die körperliche und kognitive Versorgung eines Menschen gesichert sein muss, sondern auch seine geistliche, ungeachtet seiner Persönlichkeit, seines Ranges, seiner Gesundheit, Lebenssituation und seiner Weltanschauung.

Wir – da sind vor allem die beiden großen Kirchen mit gemeint – sollten den Menschen eine Brücke bauen zwischen ihrer lebensgeschichtlichen Prägung und den Inhalten und heilvollen Angeboten des christlichen Glaubens. Seelsorge, Diakonie und Mission haben auf dieser Brücke ihre Schnittstelle und Christen ungeachtet ihrer Konfession ihre genuine Lebensaufgabe. So hoffe ich, weiterhin dort eingesetzt zu werden, wo ich mit Menschen in diesem Sinne ins Gespräch kommen kann.

G: Wie kommt es, dass Sie jetzt Bornheim verlassen?

LR: Ich bin Pfarrerin im Wartestand und hatte die ganzen Jahre in Bornheim einen Beschäftigungsauftrag inne, der alle zwei Jahre von der Kirchenleitung verlängert werden konnte und auch wurde, denn ich stehe zwar in einem Dienstverhältnis auf Lebenszeit, hatte aber keine „richtige“ Pfarrstelle.

Jetzt will und muss aus finanziellen Gründen diese Stelle, wie übrigens 120 andere Beschäftigungsaufträge auch, abgeschafft werden. So hat es die Landessynode 2007 beschlossen. Einige Pfarrer/innen im Wartestand mit Beschäftigungsauftrag werden nun eingewiesen in „Stellen mit besonderem Auftrag“ (=mbA), Höchstdauer sechs Jahre.

Ich muss meine Arbeit in Bornheim aufgeben, um eine mbA-Stelle zu übernehmen.

Dabei habe ich noch Glück gehabt. Es gibt sehr viele Amtsschwestern und Amtsbrüder, die in drei Jahren zwangspensioniert werden (müssen). Ich bleibe im Amt. Belastend für mich ist es nur, dass niemand so recht weiß, wie die neue Tätigkeit aussehen könnte.

G: Wird Ihre Arbeit in den Senioreneinrichtungen von einem anderen Pfarrer, einer anderen Pfarrerin fortgesetzt werden (können)?

LR: Ich werde die Zeit bis zum ersten September dieses Jahres nutzen, in möglichst vielen Bereichen Ersatz zu finden. Da aber die Kollegin und die Kollegen hier in der Gemeinde sehr viel zu tun haben, ist meine Zuversicht, dass sie einiges meiner Arbeit weiterführen, nicht allzu groß. Die Gottesdienste, die schon vor meiner Zeit in den Senioreneinrichtungen stattfanden, werden aber bleiben.

 

Seelsorge und Gottesdienste in den Senioreneinrichtungen

Pfarrerin Nicola Löser-Rott beim Gottesdienst

Pfarrerin Nicola Löser Rott arbeitet im Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland in den Senioreneinrichtungen, die auf dem Gebiet des 1. Pfarrbezirks der Evangelischen Kirchengemeinde Bornheim liegen. Insgesamt leben in diesen Häusern fast 300 Menschen evangelischen Bekenntnisses. Für die meisten ist Teilnahme am Gemeindeleben und an Gemeindegottesdiensten aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich.

Daher ergibt sich die Notwendigkeit einer eigenständigen pfarramtlichen Arbeit, damit diese Mitglieder der Ortsgemeinde nicht geistlich unbetreut und sich selbst überlassen bleiben.

In allen vier Häusern kommt dem regelmäßigen Gottesdienst ganz besondere Bedeutung zu.

Im hohen Alter haben viele Menschen großes Bedürfnis nach wiederkehrenden, erkennbaren und erinnerbaren ritualen.

Die Liturgie setzt Strukturen, gibt Sprache und Möglichkeiten zum Mitmachen gerade den Menschen, die altersbedingt Schwierigkeiten haben, sich zeitlich und räumlich zu orientieren.

Durch die selbständige Altenheimseelsorge besteht die Möglichkeit, zu den hohen Feiertagen evangelische oder ökumenische Gottesdienste in den Häusern zu feiern. Wert und Wichtigkeit von Festtagen bleiben so erhalten, auch wenn die Kirche der Ortsgemeinde nicht mehr erreicht werden kann.

Inhaltlich ist vor allem die Predigt dazu da, vielfältige Antworten des Glaubens zu geben, die nicht nur Lebensende und Sterben betreffen, sondern auch die Lebenswirklichkeit von Menschen, die einen Großteil ihrer Selbständigkeit und Selbstbestimmung aufgeben müssen.

Gerade in Häusern mit sehr hilfs- und pflegebedürftigen Bewohnern nehmen manchmal auch Angehörige das Gottesdienstangebot wahr: sei es, weil sie gerade zeitgleich einen Besuch machen, sei es, weil der Gottesdienst als Gelegenheit genutzt werden soll, etwas Gemeinsames mit dem Besuchten zu erleben oder zu tun.

Besuche der Pfarrerin - oft anlässlich von Geburtstagen - zeigen ebenfalls, dass Gemeinde Jesu christi präsent ist auch bei den Menschen, die ihren Lebensabend nicht in den eigenen vier Wänden oder im Kreis der Familie verbringen können.

Die Pfarrerin ist mit Anregungen, weiteren Kontakten und Beratungen behilflich, wenn Menschen ihre "letzten Dinge" regeln möchten. Dabei hat es sich gerade im Beethovenstift als sinnvoll erwiesen, wenn die Möglichkeit eines Abschiedsgottesdienstes in der Hauskapelle besteht - unabhängig davon, wie und wo die sterbliche Hülle eines Menschen zur letzten Ruhe gebettet wird.

Viel häufiger sind Besuche Gelegenheit, gemeinsam und partnerschaftlich danach zu suchen, wo welche Verknüpfungen zwischen der eigenen Lebensgeschichte und dem christlichen Glauben entstanden und gewachsen sind oder entdeckt und gefestigt werden können.

Da in den Senioreneinrichtungen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Bewußtsein wächst, wie wichtig geistliche Begleitung und kirchliche Angebote sind, wird die Pfarrerin immer häufiger um Begleitung im Sterben Liegender gebeten. Diese Besuche sind die wichtigsten. Sie lassen sich nicht verschieben und sind ureigenste christliche Aufgabe. sterbende sollen begleitet, zugerüstet und getröstet unsere welt verlassen können.

In enger und ökumenischer Zusammenarbeit mit den Hausleitungen und den sozialen Diensten, sind Bewohnergruppen entstanden, die sich regelmäßig unter der Leitung der Pfarrerin zu einem geistlichen Thema treffen. Erinnerungen der Teilnehmer, Biographisches, Kirchenjahr, Lebensthemen uvm werden im Gespräch, vor allem aber durch kreative Beteiligung derer, die dazu in der Lage sind, erschlossen. Besonderer Dank gilt den Mitarbeiterinnen und mitarbeitern, die die Gruppenstunden mit vorbereiten und mitgestalten. Auch für einen Bewohner, der nicht mehr viel beitragen kann (und es vielleicht auch gar nicht mehr will), ist so eine Gruppe eine wichtige Gemeinschaftserfahrung. sie durchkreuzt - wenn auch für eine begrenzte Zeit - Gefühle wie Einsamkeit und Ereignislosigkeit.

Theologische Begründung der Altenheimseelsorge ist vor allem das Bild von einer kirchengemeinde als Leib Christi (siehe 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther, 12, 12-31). Um als Christ ein Teil dieses Leibes zu sein bedarf es einzig und allein das Bekenntnis zum auferstandenen Herrn, nicht aber Gesundheit, Kraft und die Möglichkeit zu Gemeindeaktivitäten.

Ferner muss sich jede Gemeinde Jesu Christi messen lassen daran, wie weit ihre Angebote und Aktivitäten dem satz Jesu entsprechen: "Was ihr einer meiner geringsten Brüder getan (oder auch nicht getan) habt, das habt ihr mir getan." (Matthäus 25, 40b)