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für den 25.07.2016

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Citykirche

Eine Bestandsaufnahme

2004 erschien ein Buch, das die Hochschule Niederrhein in Zusammenarbeit mit dem Landeskirchlichen Arbeitskreis „Kirche in der City“ veröffentlichte. Es heißt „Citykirchenarbeit – Grundlagen, Modelle und Impulse zur sozialen und kirchlichen Arbeit“.

CityKirchenArbeit Grundlagen, Modelle und Impulse LupeCityKirchenArbeit Grundlagen, Modelle und Impulse

Dass eine nichtkirchliche Hochschule ein solches Buch herausgebracht hat, mag einen Eindruck davon geben, wie positiv das Engagement der Kirche in diesem Bereich nach außen wirkt.
Auch die Katholische Kirche setzt auf Citypastoral als Kontaktmöglichkeit mit den Menschen. In vielen Städten sprießen katholische Kirchenläden aus dem Boden, die ökumenische Arbeitsgemeinschaft „Netzwerk Citykirchenprojekte“, in der ursprünglich viele evangelische und einige wenige katholische Projekte vertreten waren, ist inzwischen katholisch dominiert. In Köln und anderswo werden sogar andere Arbeitsfelder zurückgefahren, um gut ausgestattete Cityprojekte zu ermöglichen.

In der Evangelischen Kirche im Rheinland liegen die Anfänge der Citykirchenarbeit rund 15 Jahre weiter zurück als in der Katholischen Kirche, die ältesten Projekte sind bald 30 Jahre alt. 2002 hat sich eine Landessynode mit diesem Thema beschäftigt. Die Frage der kirchlichen Präsenz in säkularem Umfeld wurde als gesamtkirchliches Thema von Gemeinden aller Größen diskutiert, dies korrespondiert mit der Tatsache, dass Citykirchenprojekte auch in Städten unterschiedlichster Größe zu finden sind.

Citykirchenarbeit findet in verschiedenen räumlichen Kontexten statt, genauso in Kirchen wie in Ladenlokalen, hat überall unterschiedliche Konzeptionen, Rahmenbedingungen, Angebote. Was eint all diese Projekte, was ist ihr Proprium? Die Antwort ist: sie arbeiten mit Modulen, die übertragbar sind und mit wenig Aufwand viel Ertrag bringen.

1. Modul: Einen anderen Blickwinkel einnehmen
Klassischerweise denken wir Menschen von uns selbst aus, insbesondere auch die in der Kirche Tätigen: wir fragen uns, wie wir unsere Botschaft an die anderen bringen, wie wir unsere Veranstaltungen füllen, wie wir Menschen sonntags um 10 in unseren Gottesdienst bringen etc. Citykirchenarbeit vollzieht seit den Zeiten Ernst Langes sozusagen einen Paradigmenwechsel: sie denkt von der anderen Seite her und fragt sich: wann gehen Menschen sowieso an der Kirche vorbei, aus welchem Interesse könnten sie in die Kirche hineingehen wollen, welche Angebote kommen ihnen entgegen? So ist die Idee der Offenen Kirche entstanden, die ein Grundelement von Citykirchenarbeit bildet: sie nimmt die Öffnungszeiten der Geschäfte als Orientierung für die Öffnungszeiten der Kirche. So sind Angebote entstanden wie die „lunchtime concerts“ in London, bei denen man auch zwischendurch kommen und gehen oder sein Sandwich verzehren kann.
Und so sind Kircheneintrittsstellen entstanden: indem man den Gedanken, wer wieder eintreten will, müsse das aber auch ernst meinen und sichtbar beweisen, ausgetauscht hat durch den Gedanken, wer wieder eintreten will, meint es ernst! Soziologische Auswertungen zu den Kircheneintritten stellen auch tatsächlich ei-ne Milieuverdichtung fest: Austritte erfolgen oft an den Rändern der Kirche, wer schon länger, manchmal über Generationen in einer ganzen Familie, nichts mehr mit der Kirche zu tun gehabt hatte, vollzieht diese Situation irgendwann durch den tatsächlichen Austritt nach. Eintritte wiederum sind meist gründlich und lange überlegt und entsprechen einer bewussten Entscheidung für die Kirche – wenn-gleich diese oft nicht zusammengeht mit einer Entscheidung für ein Engagement in einer Gemeinde. D.h., der Eintritt erfolgt nach unserem parochialen System in die Wohnsitzkirchengemeinde, eine Leistung allerdings wird häufig nicht dort abgerufen, sondern in funktionalen Diensten, über Medien o.ä. Wir erhalten anstelle der ausgetretenen, eher gleichgültigen Kirchenmitglieder also bewusst entschiedene.
Wer tritt warum in den Eintrittsstellen (und also nicht bei der Gemeindepfarre-rin/dem Gemeindepfarrer) ein? Hier ein paar Beispiele:

  • Eine Mutter mit Säugling hatte bereits einen Termin bei ihrem Gemeindepfarrer gehabt, aber kurzfristig wegen ihres zahnenden Kindes absagen müssen. In der Eintrittsstelle konnte sie spontan vorbeikommen, als absehbar war, dass sie eine Stunde Ruhe haben würde.
  • Viele treten in der Eintrittsstelle ein, weil sie mit der Gemeindepfarrerin / dem Gemeindepfarrer die Vorstellung verbinden, sich für den Austritt rechtfertigen zu müssen oder Sorge haben, künftig jeden Sonntag aufzufallen, wenn sie nicht in den Gottesdienst kommen – und das wollen sie nicht.
  • Sehr viele treten in der Eintrittsstelle ein, weil sie wieder zur Kirche, nicht aber in die Gemeinde gehören wollen, gegen die sie im Übrigen nichts haben.
  • Andere treten in der Eintrittsstelle ein, weil sie einen entsprechenden Hinweis im Internet gefunden haben, wieder andere, weil sie die sozusagen anonyme Form wohltuend empfinden, und die allermeisten fin-den diesen Service der Kirche einfach zeitgemäß und ihren Bedürfnissen entsprechend.

Dabei kommt übrigens die spirituelle Dimension keineswegs zu kurz. In Bonn z.B. gehört zum Kircheneintritt neben dem seelsorglichen Gespräch ein frei formuliertes Dankgebet, in dem u.a. der Wunsch geäußert wird, dass das neue Kirchenglied einen passenden Platz in der Kirche finden möge, und in dem dafür gedankt wird, dass die Kirche durch diesen Menschen mit seinen besonderen Gaben und Begabungen reicher geworden ist. Zur Erinnerung an die Taufkerze erhalten die Eingetretenen eine kleine Kerze geschenkt. Die meisten Eingetretenen sind davon berührt und äußern sich ausdrücklich positiv. In Köln wird der Engel von der Aktion „Andere Zeiten“ aus Hamburg verschenkt.
Es ist folgerichtig, dass die Vereinfachung des Kirchenwiedereintritts im Umfeld von Citykirchenarbeit entstanden ist, und es ist sinnvoll, sie in einen solchen Rah-men einzubetten, der wenig bürokratisch wirkt, möglichst ohne Terminvereinbarung auskommt und lange Öffnungszeiten bieten kann.

2. Modul: Sich in Zusammenhang stellen
Klassischerweise machen wir in der Kirche unser eigenes Angebot für die Welt. Citykirchenarbeit dagegen macht aus der Not, in der City nur ein Anbieter unter vielen zu sein, eine Tugend. Sie nutzt die pluralistische und pluriforme Lebenssituation in der City, um in Vernetzungen zu denken. Welche Kooperationspartner finden sich, im kirchlichen wie im sonstigen Umfeld, an welchen Aktivitäten kann man sich beteiligen, wie können kirchliche Impulse in andere Räume getragen werden? Es gibt z.B. im Bereich der Rheinischen Kirche mit dem Hochdahler Haus der Kirchen, dem Oberhausener Kirchenzentrum und der Aachener Nikolauskirche drei ökumenische Projekte in Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirche. In Hamburg übrigens gibt es ein neues Projekt, das erstmalig die Koope-ration von 17 verschiedenen Kirchen wagt. Gottesdienste in Museen, kirchliche Beteiligungen bei Stadtfesten, die „Nacht der Kirchen“, deren Grundidee bei der „Nacht der Museen“ geklaut ist (und die übrigens in Köln ohne jegliches Pro-gramm durchgeführt wird nach dem Motto „Je lauter die Welt, desto leiser die Kir-che“ – ein ganz besonderes event!), diese Aktivitäten sind ebenso Resultat des vernetzten Denkens wie z.B. der Dialog von Kirche und Wissenschaft mittels ei-ner Talkshow in der Kirche, Ausstellungen, Kino und Konzerte in Kirchen oder aber auch die Mitgliedschaft eines Kirchenkreises im citymarketing-Verein einer Stadt, die Mitarbeit der Kirche bei Bürgerbeteiligungsformen einer Stadt u.ä. Eine interessante Folge solchen Handelns ist, dass die Kirche auch wieder in vielen Fragen als Gesprächspartner gesucht wird. Je mehr die Kirche beteiligt ist, desto weniger gerät sie aus dem Blick.

3. Modul: Vorurteile nicht bedienen
Pfarrer sind weltfremd, lassen andere die praktischen Dinge erledigen, die Kirche ist von gestern, Gottesdienste sind etwas für Alte und Kranke, die Gestaltung von Kirchenräumen ist unantastbar, Predigten sind moralisch, lange und langweilig – was immer einem an Vorurteilen einfallen mag, Citykirchenarbeit könnte es sich zum Programm machen, sie gerade nicht zu bedienen. Es gibt Pfarrerinnen und Pfarrer, die Getränke ausschenken, Ehrenamtliche, die für Seelsorgegespräche ausgebildet sind, spirituelle Impulse kurz und knapp, sozusagen im Vorüberge-hen. Die Düsseldorfer Johanneskirche bietet einen „Nachtclub“ an mit elektroni-scher Musik, in der Saarbrücker Johanneskirche können Sie bei „After Work Me-ditation“ entspannen, und dass in „Kanzelreden“ mehr oder weniger prominente Menschen ihre Gedanken zu biblischen Texten oder Themen verbreiten, hat sich längst bewährt.

4. Modul: Den Rhythmus der Stadt aufnehmen
Tausende von Passanten, die wochentags vorbeischlendern, und Sonntag mor-gens ist die City leergefegt: diese Erfahrung hat die Citykirchenprojekte gelehrt, auf den Rhythmus der Stadt zu hören. Wann halten sich welche Menschen wo auf, wann wird Erholung, wann Aktivität gesucht? Wenn ein Projekt in einen völlig anderen Kontext ohne Fußgängerströme gesetzt wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man bei allen Angeboten mehr oder weniger allein bleibt. Um zu verstehen, was man in ein Umfeld einbringen kann, horcht die Citykirchenarbeit erst einmal darauf, wann jemand da sein und zuhören könnte.

5. Modul: Den säkularen und den Stadtkalender aufgreifen
Klassischerweise ist unser erster Gedanke der, das Kirchenjahr in unseren Ver-anstaltungen zu würdigen: Oster- und Weihnachtsfeiern, Pfingsten und Ernte-dank, Reformationstag. Citykirchenarbeit bezieht auch hier die Sicht der anderen ein: welche Feste sind den Menschen wichtig, welche besonderen Tage sind Ge-denktage in der eigenen Stadt, welche Gelegenheiten bieten sich dadurch? Wa-rum nicht in einer „Nacht der Liebenden“ am Valentinstag frisch Verliebten eine Segnungsandacht anbieten? Oder zur Fußball-Europameisterschaft wie die Düs-seldorfer Johanneskirche Fußbälle verkaufen – natürlich die von der GEPA ohne Kinderarbeit… Pogromgedenken, Hochzeitsmesse, Weihnachtsmarkt – die Gele-genheiten haben sicherlich unterschiedliches intellektuelles Niveau, aber ein reli-giöser Impuls, ein engagierter Christ schadet bei keiner.

 

6. Modul: Räume neu denken
Nicht nur Citykirchen räumen Bänke aus Kirchräumen und gewinnen dabei manchmal völlig neue Möglichkeiten und Erfahrungen – sicherlich zum Leidwesen manches Denkmalschützers oder Kunsthistorikers. Doch wer nur in Museen lebt, wird selbst bald museal! Sicherlich waren es Citykirchen, die damit anfingen, Räume aus neuer Perspektive zu betrachten und für neue Ziele umzugestalten. In Seitenschiffen oder Vorräumen von Kirchen entstehen Cafés. Umgekehrt wandert in manches Ladenlokal mit Andachten ein religiöser Geist ein. Beamer werfen durch Glasscheiben hindurch verbale Stolpersteine in die Fußgängerzone. In Kiel hat eine Gemeinde beschlossen, all ihre Räumlichkeiten (Gemeindebüro, Ge-meindehaus, angemietete Säle etc.) zurück in die Kirche zu verlagern, die mit vie-len Seitenräumen Gelegenheit dazu bietet. Wer in Kiel irgendeinen Kontakt zur Kirche sucht, soll ihn in der Kirche finden. Dort treffen sich Gruppen und Kreise im Seitenschiff, der Pfarrer hat sein Büro direkt links vom Kirchenportal, und wenn er nicht gerade ein Gespräch führt, ist diese Tür offen, so dass man ihn gleich sieht.

Wer die Düsseldorfer Johanneskirche kennt, hat eine ganz besondere Verwand-lung mit erlebt: früher kam man durch eine hohe Tür in einen dunklen, engen Gang mit vielen geschlossenen Türen, der auf eine wiederum hohe Holztür zulief. Dahinter verbarg sich der Kirchraum. Unwillkürlich duckte man sich in diesem Gang, war verunsichert, wo man hin muss. Heute betritt man einen hohen, lichten Raum, in dem sich ein Café mit Eine-Welt-Laden befindet. Die hohe Holztür zum Kirchraum wurde mit Glasscheiben durchsetzt, so dass man in den Kirchraum hi-neinsehen kann. Die Gestaltung macht es dem Menschen leicht, sich zu orientie-ren.

7. Modul: Mit Sprache spielen
Seit Jahren spielt die Werbung mit kirchlichen Elementen, z.B. mit den Engeln, die den Schutz von Versicherungen anpreisen. Citykirchenarbeit greift umgekehrt auf „säkulare“ Elemente zurück. Oberhausen z.B. veranstaltet eine Predigtreihe unter dem Titel „Geist ist geil!“, die Bonner Mittwochsandacht heißt „Zwölf Uhr mittags – auf ein Wort!“, in Saarbrücken gibt es „Totentanz – im Gottesdienst“, „Raumstille zu Silvester“ und zu Pfingsten wird es „jetzt noch bewegter!“ Manche Kirchencafés haben die Wortspiele bereits im Namen, z.B. in Wuppertal-Heckinghausen das Café Heckmeck. Mit dem „Sunday Special“ bietet die Johan-neskirche in Düsseldorf Sonntagabend-Gottesdienste mit guter Musik für Anfän-ger, Neugierige, Atheisten und spirituelle Wanderer, und mit dem schon erwähn-ten „Nachtclub“ lässt sie tatsächlich ein fremdes Element in den Machtbereich der Orgelmusik einwandern, nämlich elektronische Musik. Hinter „Grips und Geist“ verbirgt sich in Bonn eine Talkshow, bei der Wissenschaftler von Kirchenvertre-tern interviewt werden. Wenn Veranstaltungstitel neugierig machen, wenn sie As-soziationen wecken, amüsieren und interessieren, lösen sie Lust am Dialog aus.

8. Modul: Von den Besuchern her denken
Ob Citykirchenarbeit in einer Kirche, einer Informationsstelle, einem Kirchencafé oder in Form von Veranstaltungen stattfindet, ihr zentraler Ausgangspunkt ist im-mer der Blickwinkel des Besuchers. Wie fühlt sich ein fremder Mensch, der zum ersten Mal die Ladenkirche oder das Kirchencafé betritt? Wie viel Distanz, wie viel Nähe braucht man, um sich in einem fremden Raum wohl zu fühlen? Welche Möglichkeiten kann man schaffen, die den Zugang zum Citykirchenpro-jekt erleichtern (Kaffee trinken z.B. kann jeder, das Angebot eines Ladens zu betrachten macht es auch leichter, in einen fremden Raum hineinzugehen etc.)? Ci-tykirchenarbeit ist eine Serviceeinrichtung der Evangelischen Kirche, sie hält an Informationen bereit, was gesucht werden könnte, von innerkirchlichen Informati-onen und Bibel bis Stadtplan und Telefonbuch. Vor allem bietet sie freundliche, auskunftsbereite Mitarbeitende, die sich gerade in diesem anonymen Feld in ei-nem öffentlichen Amt sehen und verstehen. Sie braucht Aus- und Fortbildung für diese Mitarbeitenden. Und sie braucht eine hauptamtliche Leitung, einen kommu-nikativen, kontaktfreudigen, kooperationsfähigen und kreativen Menschen mit pädagogischer oder theologischer Qualifikation, der einen Mitarbeiterkreis integrie-ren und begleiten kann und für die Stadt ebenso wie für die Kirchengemeinden als verlässlicher Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Citykirchenarbeit ist ein Experimentierfeld für die gesamte Kirche. Darüber hinaus können aus der Citykirchenarbeit Impulse erwachsen, die Kirche in einer Region aus dem Nebeneinander vieler verschiedener parochialer und nicht-parochialer Arbeitsfelder hin zu einer gemeinsamen Kirche der Stadt zu entwickeln. Pfr. i.R. Hans Wer-ner Dannowski, der zur Konturierung der Citykirchen in der Evangelischen Kirche Deutschlands viel beigetragen hat, formulierte provokativ, „…dass nur, wenn… jede Gemeinde in einem größeren Verbund… die geistige und geistliche Herausforderung sieht, … ihren Part in einem gesamtstädtischen Gefüge zu spielen: Dass man nur dann von einer umfassenden City-Kirchen-Arbeit in dieser Stadt sprechen kann.“

Martina Baur-Schäfer / 06.05.2008



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