Evangelische Kirchengemeinde Cochem

Predigten

Dein Name werde geheiligt!

Ihr Lieben, wenn Ihr eine Bitte bei Gott frei hättet – worum würdet Ihr ihn bitten? Überlegt mal, jeder für sich!

Wenn Gott bei uns eine Bitte frei hätte – worum würde er uns wohl bitten lassen? ...

Das wird uns heute von Jesus verraten. Im Vater Unser legt uns Jesus Bitten in den Mund. Damit zeigt er uns, wie wir beten können. Wie Gott sich das wünscht, das wir bitten.

Dieses Gebet ist ganz kunstvoll aufgebaut. Es besteht, neben Anrede und Abschluss, aus 7 Bitten. In den ersten 3 Bitten geht es um Gott, um seine Interessen, seine Wünsche: Dein, Dein, Dein. Und in den nächsten 4 Bitten geht es um uns, um unsere Interessen und Anliegen: Unser, unser, uns, uns. 3 + 4 = 7 – die Zahl, der Vollkommenheit, wo Gottes Wünsche und unsere menschlichen Bedürfnisse zusammenkommen.

Allein mit dieser Reihenfolge gibt Jesus uns schon einen ziemlich schweren Brocken zu schlucken. Jesus sagt damit ja, dass wir beim Beten zuerst an Gott denken sollen, daran, was ihm wichtig ist. Gottes Sachen sind wichtiger als deine Sachen. Deine Bedürfnisse sind auch wichtig, und in 4 Bitten wird es auch darum gehen. Aber Gottes Anliegen sollen das erste sein. Das geht uns wahrscheinlich so ein bisschen gegen den Strich. Wir sind ja von unserer Kultur so geprägt, dass ich und meine Interessen das Allerwichtigste sind im Leben. Gott – ja, den gibt es wohl. Aber er ist irgendwie untergeordnet. Wenn ich ihn brauche, soll er für mich da sein, als Helfer und Tröster und Welterklärer. Wir benutzen Gott für unsere Zwecke. Aber wirklich wichtig ist er eigentlich nicht. Unser ICH steht groß und fett im Mittelpunkt unseres Interesses, und Gott steht da irgendwo am Rand. Im Vater Unser zeigt uns Jesus, dass da etwas nicht stimmt. Dass die Reihenfolge eine andere sein muss. Gott ist wichtiger als ich. Er ist der ewige Schöpfer, ich bin sein Geschöpf. Er ist mir nicht untergeordnet. Er ist auch nicht mein Partner, sondern er ist mein Ursprung und Ziel, mein Gott! Seine Anliegen sind größer, bedeutender und haben Vorrang vor meinen Wünschen. Gott zuerst, dann ich.

Was ist nun von den Anliegen Gottes das Allererste, worum wir bitten sollen? Was ist die allerwichtigste Bitte, die Vorrang hat vor allen anderen?? Sie heißt: Dein Name werde geheiligt! Das ist das Erste und Wichtigste. Das ist das Größte, worum wir bitten können. Und es ist zugleich für uns am schwersten zu verstehen. Dein Name werde geheiligt! Allein der Begriff „heilig“ ist schwer zu fassen. „Heilig“ – was heißt das denn?? (Interviews) Es ist so schwer zu erklären, weil es das auf unserer Erde überhaupt nicht gibt! „Heilig“ – das meint: völlig rein, absolut gut, nicht verschmutzt, nicht angekratzt, nicht kompromittiert. Und das gibt es in unserer Welt einfach nicht. „Heilig“ ist ein Sehnsuchtsbegriff. Wir ahnen es, dass es etwas wirklich Gutes, wirklich Reines geben müsste. Wir sehnen uns danach. Wir sehnen uns nach Menschen, die wirklich gut sind, setzen unsere Hoffnungen in junge, neue Politiker oder Sportler oder Kirchenführer und denken: Der ist wirklich anders. Die ist wirklich gut. Aber dann werden wir enttäuscht, weil wir irgendwann merken: Das sind ja auch nur Menschen. Da ist auch der Grauschleier von Schuld und Versagen. Es gibt auf der Erde nichts wirklich Heiliges. Kein Mensch. Kein Ding. Kein Gebäude. Keine Tradition. Die ganze Schöpfung ist von diesem Grauschleier durchzogen. Da ist nichts wirklich Reines. Aber nun steht dieser grauen Schöpfung ein Schöpfer gegenüber. Und dieser Schöpfer, sagt, Jesus, der ist ganz anders, anders als alles, was wir kennen und uns vorstellen können. Und das sagt nicht irgendwer, sondern Jesus. Der, der Gott kennt, der aus Gottes Welt kommt, der ganz genau weiß, wie Gott ist.

Gott ist heilig.

Er ist wirklich rein. Er ist wirklich gut, strahlend, hell, vollkommen, herrlich. Ohne Schmutz, ohne Grau. Gott ist heilig. Aber jetzt stellt sich ja die Frage: Warum sollen wir dann beten: Dein Name werde geheiligt?? Sollen wir Gott heilig machen? Das wäre Unsinn. Gott ist heilig. Wenn wir beten „Dein Name werde geheiligt“, dann beten wir, dass Gottes Heiligkeit auf der Erde offenbar wird, erkannt wird und anerkannt wird. Gottes Name wird geheiligt, wenn Menschen erkennen, dass es Gott wirklich gibt. Gottes Name wird geheiligt, wenn Menschen Respekt vor Gott haben. Gottes Name wird geheiligt, wenn Menschen gut und ehrfurchtsvoll von Gott reden. Gottes Name wird geheiligt, wenn wir mit unserem Leben Gott ehren, wenn wir ihn wirklich über alles stellen und wenn sein Wille uns heilig ist. Gottes Name wird geheiligt, wenn seine Heiligkeit durch unser Reden und Handeln durchleuchtet. Gott ist heilig. Er ist rein. Wir haben in der Welt nichts, was so ist. Aber nehmt mal als ganz schwachen Vergleich so ein nagelneues, ungetragenes weißes T-Shirt

(T-Shirt zeigen) Das Wesen Gottes, seine Reinheit, Heiligkeit soll offenbar werden, soll in der Welt sichtbar werden und anerkannt werden. Darum bitten wir, wenn wir beten: „Dein Name werde geheiligt!“ Aber leider passiert das nur ganz selten! Im Gegenteil. Gottes Name wird in der Welt beschmutzt. (Mit schmutzigem Wasser das T-Shirt bespritzen) Er wird beschmutzt, wo Menschen Gott lächerlich machen, wo sie sagen: Es gibt ihn gar nicht. Er wird beschmutzt, wenn Menschen Gott einfach vergessen oder ignorieren. Er wird beschmutzt, wenn wir tun, was Gott nicht will, wenn wir ganz bewusst seine Gebote übertreten. Aber die schlimmste Beschmutzung von Gottes Namen geschieht, wenn Menschen in seinem Namen Unrecht tun. Und die Geschichte der Kirche ist leider voll davon: Im Namen Gottes wurden Kriege geführt, Menschen gefoltert, die Wahrheit unterdrückt. Und das nicht nur im Mittelalter. Die ganzen Missbrauchsfälle, die jetzt ans Licht kommen – das ist doch auch alles im Namen der Kirche, unter dem Deckmantel der Frömmigkeit passiert, von Leuten, die Gottes Diener sein wollen! Das ist eine grauenhafte Beschmutzung von Gottes Namen!!! Die Kirche als Ganzes und jeder einzelne unter uns hat seinen Anteil daran, dass Gottes Name in dieser Welt so aussieht! (Beschmutztes T-Shirt zeigen) Natürlich ist nicht Gott selbst beschmutzt. Aber sein Name, das, was Menschen von ihm wahrnehmen, sein Ansehen in dieser Welt - sieht so aus!

Und nun lässt Jesus uns beten: Dein Name werde geheiligt! Heißt das: Wir sollen die Ärmel hochkrempeln und den beschmutzten Namen Gottes wieder rein machen, ihn zum Strahlen bringen? Damit wären wir total überfordert. Selbst wenn wir es uns noch so fest vornehmen, selbst wenn wir uns noch so anstrengen – wir können nicht Gottes Heiligkeit zum Strahlen bringen. Wir können nicht die Beschmutzungen Gottes aus der Welt schaffen. Wir schaffen es ja nicht einmal in unserem eigenen Leben immer so zu leben, dass es Gott Ehre macht. Es geht auch bei dieser Bitte gar nicht darum, dass wir keine Fehler mehr machen dürfen. Im Vater unser selbst kommt ja die Bitte vor: „Vergib uns unsere Schuld“. Dass wir immer wieder schuldig werden, das setzt Jesus also voraus. Die Frage ist ja vielmehr, wie wir mit unserer Schuld umgehen! Ob wir sie verdrängen und verleugnen, oder ob wir sie offen eingestehen. Uns hat ja bestimmt alle bewegt, was mit Frau Käßmann passiert ist. Sie ist da schuldig geworden, als sie betrunken Auto gefahren ist. Das ist schlimm und das steht ja außer Frage. Wenn sie sich da nun herumgewunden hätte und versucht hätte, das Ganze zu verharmlosen und zu verschleiern – dann würde die ganze Welt sagen: Guckt, die Gottesleute machen es genauso wie alle anderen. Denen geht es auch nur um Macht und Ansehen und ihr Gott ist nur der fromme Vorwand. Dann wäre der Name Gottes beschmutzt worden. Aber sie hat ihre Schuld offen und ehrlich eingestanden. Sie hat sich auch nicht an die Macht geklammert, sondern ganz geradlinig die Konsequenz gezogen, die sie für richtig hielt. Und ich glaube, dass dadurch der Name Gottes geheiligt wurde. Da ist ein kleines bisschen von Gottes Würde aufgeleuchtet. Also – „Dein Name werde geheiligt“ heißt nicht, dass wir fehlerlos und rein sein müssen. Es ist überhaupt kein Appell an uns selber. Es ist nichts, was wir selber machen können, schaffen können. Sondern es ist eine echte Bitte. Eine Bitte an Gott: Vater, mach du, dass dein Name in dieser Welt geheiligt wird! (Saubere Seite vom T-Shirt zeigen)

Tu du doch dieses Wunder, dass deine Heiligkeit in dieser Welt aufleuchtet! Mach du, dass andere Menschen dich erkennen und anerkennen! Mache du deine Wirklichkeit, dein Wesen in unserer Region offenbar! Wecke du in mir die Liebe und den Respekt vor dir! Und mach du doch bitte, dass auch in meinem Leben deine Heiligkeit immer wieder durchscheint! Geheiligt werde dein Name! Jesus legt das als allererste Bitte in unseren Mund. Und er wünscht sich, dass das wirklich unser allererstes Anliegen wird. Er wünscht sich, dass wir Gottes Sache wichtiger nehmen als unsere Sachen. Dass Gott uns das Wichtigste und Höchste im Leben wird. Willst Du das? --- Willst du Gott den ersten Platz in deinem Leben einräumen?

Wenn du das tust, wenn du ernsthaft Gott den ersten Platz in deinem Leben gibst und seine Wünsche über deine Wünsche stellst, wenn du also diese Bitte ehrlich betest, dann hat sie sich schon in dir erfüllt. Dann wird nämlich in deinem Leben Gottes Name geheiligt!

Amen.


Steffen Tiemann | Cochem und Karden, 27 und 28.02.2010




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