Predigten
Immer unter Druck
Der Druck wird immer größer.
Wenn wir aufmerksam unsere Gesellschaft anschauen, dann merken wir, wie in allen Lebensbereichen der Druck steigt.
Im neusten SPIEGEL heißt der Titel „Das überforderte Kind“. Hier wird eindrücklich beschrieben wie der Druck auf unsere Kinder immer größer wird. In einer immer globaleren, immer komplexeren und schnelleren Welt sollen die Kinder immer besser ausgestattet werden. Darum sollen sie am besten schon im Kindergarten Englisch lernen und mit Geigenunterricht anfangen! Und in der Schule geht es weiter: Spätestens seit den PISA-Studien ist der Druck enorm gestiegen: Mehr Klausuren, mehr Kontrollen, mehr Drill. Immer mehr Schüler kommen mit dem Druck nicht mehr klar, leiden unter psychischen Störungen.
Es ist gar nicht so leicht auszumachen, wer da der Schuldige ist: Eltern machen den Lehrern Druck, Lehrer machen den Eltern Druck, ADD und Kultusminister machen den Schulen Druck und alle machen den Schülern Druck. Das ist heftig!
Und im Arbeitsleben ist es nicht anders. Ich saß vor ein paar Monaten mal mit einigen Freunden zusammen, alle in unterschiedlichen Berufen. Und alle sagten dasselbe: Der Druck wird immer größer. Immer mehr soll man machen, weil immer mehr Stellen gestrichen werden. Außerdem werden die Abläufe und Programme immer komplizierter. Und trotzdem soll es immer schneller gehen.
Man hat fast den Eindruck: Da sitzt irgendjemand oben und zieht die Daumenschrauben fester. Aber so einfach ist das nicht. Wer macht denn den Druck? Na klar: Die Chefs, die Manager. Aber die stehen ja selber unter immer größerem Erfolgsdruck. Wenn die die vorgegebenen Ziele nicht erreichen, werden sie gefeuert. Oder von der Konkurrenz gefressen.
Und die, die über ihnen stehen, die Vorstandsvorsitzenden, die Bankchefs, die Fondsmananger und Finanzjongleure – gegen die ja jetzt völlig zu Recht demonstriert wird – auch die stehen unter gewaltigem Druck. Die größte Finanzmacht in der Welt sind die Pensionsfonds. Die verwalten das Geld von ganz normalen Pensionären, ganz normalen Leuten wie Ihr und ich. Und die machen ihren Pensionsfondsmanagern Druck, damit sie auch eine hübsche Rendite kriegen.
Jeder kriegt Druck und jeder macht Druck. Jeder schiebt und wird geschoben und man weiß gar nicht: Wo kommt das eigentlich her?
Das ist der Druck von außen, den wir erleben. Aber dann gibt es noch einen anderen Druck. Einen Druck von innen. Ich denke, den kennt Ihr auch alle:
Ich habe Erwartungen an mich selber. Erwartungen an das Leben.
Ich will etwas erreichen. Ich will kein Looser sein, sondern will Erfolg haben, will Anerkennung haben, will Spaß haben und das Leben auskosten.
Diese Erwartungen und Wünsche sind wie ein innerer Motor.
Aber wie erreiche ich das alles?
Wenn ich mich umschaue, tun sich tausende von Möglichkeiten auf, was ich alles machen könnte.
Es gibt immer mehr Angebote. Und jedes neue Angebot schafft ja neue Wünsche:
Ich würde gerne ein Instrument lernen, einen Malkurs machen, häufiger Sport treiben, mit meiner Frau öfters mal in ein Konzert gehen, mit den Kindern spielen. Man könnte so tolle Reisen machen, so viele Bücher lesen, so klasse Filme gucken, aber auch Freundschaften pflegen, die Verwandten besuchen, am Haus arbeiten, im Garten etwas anpflanzen, sich gesund ernähren, ein neues Handy aussuchen.
Da ist ein enormer Druck, was ich alles machen möchte.
Und ein enormer Entscheidungsdruck.
Je mehr Möglichkeiten es gibt, desto mehr Wünsche haben wir und desto größer wird der innere Druck!
Jetzt ist ja Druck als solches gar nichts Schlechtes.
Unser Körper braucht einen gewissen Blutdruck, sonst klappen wir zusammen.
Da sind wir so schlaff wie so ein schlaffer Luftballon. (Schlaffen Ballon zeigen). Da hängen wir nur rum und kommen nicht aus der Couch heraus und schaffen nichts.
Ein gewisser Druck tut uns gut (Ballon aufpusten)
Da wird das Leben prall und voll und dynamisch.
Problematisch wird es, wenn der Druck immer mehr steigt.
Wenn immer mehr dazu kommt,
wenn das Leben immer voller und voller wird,
dann wird die Spannung größer und größer.
Dann kommen wir nicht mehr zur Ruhe.
Dann können wir nicht mehr entspannen, nicht mehr abschalten.
Alles wird zur Last
Und irgendwann – platzt man.
Irgendwann wird man krank, hat einen Burn-out oder Herzinfarkt oder eine Erschöpfungsdepression.
Aber wie kommen wir da raus? Was können wir machen, dass uns der Druck nicht zum Platzen bringt?
Die gesellschaftlichen Entwicklungen werden wir kaum verändern können. Den Druck, den andere auf uns ausüben, werden wir in den meisten Fällen nicht einfach wegkriegen.
Die Veränderung muss in uns passieren!
Und da kann uns Jesus bei helfen.
An Jesus können wir sehen wie wir mit äußerem Druck umgehen können ohne innerlich zu zerplatzen.
Jesus stand ja oft unter Druck.
Es gibt da in den Evangelien total interessante Berichte. Wenn man das liest, dann merkt man: Jesus hatte ein Geheimnis. Da ist eine geheimnisvolle Freiheit, die ihn resistent gemacht hat gegen allen Druck.
Ich erzähle euch mal eine Situation.
Er war in Kapernaum. Er hatte erst vor kurzer Zeit angefangen, öffentlich zu lehren und zu heilen. Das sprach sich rasend schnell rum und die Leute rannten, um ihn zu sehen. Das Haus, wo er gerade wohnte, war umlagert. Er hatte den ganzen Abend Leute geheilt, von Gott erzählt, böse Mächte ausgetrieben. Am nächsten Morgen steht er ganz früh auf. Alle anderen im Haus schlafen noch. Er geht raus an einen einsamen Ort, um da in Ruhe mit Gott, seinem Vater zu reden. Etwas später kommen seine Jünger angerannt, ganz außer Atem: Mensch, Jesus, wo steckst du denn? Die Leute stehen schon Schlange vor dem Haus. Die warten alle auf dich! Die kannst du doch nicht warten lassen. Du wirst gebraucht! Los, komm, schnell, wir müssen gehen!
Die Jünger machen so richtig Druck. Erwartungsdruck. Moralischen Druck.
Aber Jesus läßt sich überhaupt nicht unter Druck setzen. Er sagt nur ganz ruhig: „Wir gehen heute wo anders hin, in andere Dörfer. Auch dort will ich den Leuten von Gott erzählen. Denn – jetzt kommt es - denn dazu bin ich gesandt!“ Dazu hat Gott mich auf die Erde geschickt. Das ist mein Auftrag.
Jesus hat sich nicht unter Druck setzen lassen, weil er ganz genau wußte, was sein Auftrag ist. Und nur diesem Auftrag war er verpflichtet.
Das ist das Besondere an Jesus. Das ist sein Geheimnis: Er war ganz hingegeben an Gott, an seinen Vater. Was der Vater will, das gilt. Das allein ist wichtig.
Er schwankte nicht hin und her, machte nicht irgendwelche Kompromisse, sondern war ganz und nur Gott verpflichtet.
Und diese Bindung an den Vater, die hat ihn so unglaublich frei gemacht gegenüber allen Menschen, gegenüber allem Erwartungsdruck, gegenüber Vorwürfen und Appellen und Drohungen Er war frei gegenüber den Menschen, weil er ganz an den Vater gebunden war.
Wenn Du weißt, was dein Auftrag ist, dann wirst Du frei von dem Druck, den andere auf dich ausüben.
Wenn du eine klare Priorität hast, wenn Gottes Wille dein Maßstab ist, dann bekommst du einen Abstand und eine Gelassenheit gegenüber allem Drängen der Leute.
Und noch eine zweite Szene aus dem Leben von Jesus:
Er war mit seinen Jüngern in einem Boot. Auf dem See Genezareth, ein großer See in Galiläa.
Plötzlich kommt ein Sturm auf. Heftiger Wind, Regen. Wellen schwappen ins Boot. Die Jünger sind unter Druck. Die wissen: Das ist jetzt ernst. Wenn das Boot sinkt, dann ertrinken wir. Panik kommt auf. Wie wild kippen sie mit Eimern das Wasser aus dem Boot. Einer fragt: Wo ist denn Jesus? Und dann sehen sie: Der liegt im hinteren Teil vom Boot, wo es so ein bißchen überdacht ist – und schläft! Er schläft mitten im Sturm. Während die Jünger unter tierischem Druck stehen, ist er total entspannt. Kein Druck. Keine Angst.
Ich glaube, das gehört auch zum Geheimnis von Jesus: Er fühlte sich in jeder Situation seines Lebens total in Gottes Hand. Er war geborgen, gehalten. Und darum war er frei von dem Druck.
Wenn wir unter Druck sind, dann ist ja das eigentliche Problem daran nicht, was andere sagen oder erwarten, sondern meine Einstellung dazu.
Wenn du z.B. irgendeine Aufgabe hast: Bist dann und dann muß das und das erledigt sein, dann ist ein äußerer Druck. Aber der ist gar nicht schlimm. Zum Problem wird es, wenn mich das innerlich unter Druck setzt. Wenn das Gefühl aufkommt: Auweia, ob ich das schaffen werde? Wenn die Gedanken anfangen zu rattern: Was werden die sagen, wenn ich nicht rechtzeitig fertig bin? Wir malen uns die Folgen aus: Enttäuschte Gesichter oder Wut oder Strafen oder finanzielle Konsequenzen. Der Puls erhöht sich. Wir werden hektisch. Angst steigt auf. Angst zu versagen. Angst abgelehnt zu werden, zu fallen. Das ist das eigentliche Problem. Das ist der Druck, der uns fertig macht.
Jetzt noch mal zurück zu Jesus: Der hatte äußeren Druck. Der Sturm war da. Aber er blieb gelassen. Entspannt. Weil er sich auch im Sturm geborgen fühlte. Weil er wußte: ich werde nicht fallen. Der Vater hält mein Leben.
Das war bei ihm kein naiver Optimismus. Er wußte, dass er durch schweres Leid gehen und sterben wird. Aber er hatte diese tiefe Gewißheit: Egal, was mit mir geschieht: Ich bin und bleibe in Vaters Hand.
Und dadurch blieb er gelassen und ruhig, selbst unter größtem Druck.
Diese Geborgenheit in Gott gilt ja nicht nur für Jesus.
Das möchte Gott jedem von euch schenken.
Jesus sagt einmal: Gott, der Vater, der Vögel und Pflanzen versorgt, der wird für euch sorgen. Er hält euch in seiner Hand. Kein Haar fällt euch vom Kopf ohne den Willen des Vaters.
Es geht darum, uns das bewußt zu machen:
Ja, mein Leben steht in Gottes Hand. Er hat mir das Leben geschenkt und er erhält es. Und darum kann ich ganz entspannt durchs Leben gehen.
Versteht mich bitte nicht falsch: Es geht hier nicht um Faulheit oder eine Mir-ist-alles-egal-Haltung.
Sondern es geht darum, dass wir aus einer Haltung der Geborgenheit heraus unsere Aufgaben erfüllen.
Eine Haltung der Geborgenheit, wo wir konzentriert arbeiten, ohne zu verspannen.
Wo wir schnell sind, ohne hektisch zu werden.
Wo wir andere Menschen lieben und ihnen dienen, ohne auszubrennen.
Wir leben in einer Welt, wo wir von allen Seiten Druck bekommen. Das werden wir nicht einfach ändern.
Aber an Jesus sehen wir, wie wir innerlich von diesem Druck frei werden können:
Je mehr du dich an Gott als Maßstab orientierst und je mehr du dich in ihm geborgen fühlst, desto freier wirst du gegenüber allem äußeren Druck.
So ein freier Mensch kannst du werden.
Und wie sehr braucht unsere Gesellschaft solche Menschen!!
Amen.
Steffen Tiemann | Cochem und Karden, 22./23.10.2011
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