Evangelische Kirchengemeinde Cochem

Predigten

Gemeindeleitbild (Predigtreihe)

Gemeinschaft leben

Liebe Geschwister!

Wie gut, dass wir ein Leitbild haben! Und dass wir das hier hängen haben: Anschaulich und klar.

Das ist unsere Vision als Gemeinde! Das ist unser Auftrag von Gott! In allem Kleinklein des Gemeindealltags – das ist das Wichtigste, das nicht untergehen darf. Das ist das große Ziel, auf das wir zugehen. Diese 5 Dinge hier sollen Kennzeichen unserer Gemeinde und Merkmale unserer Gemeindeglieder sein.

Und eins dieser 5 wichtigsten Kennzeichen ist:

Gemeinschaft leben

Und etwas ausführlicher heißt es dann im Leitbildtext:

Es ist unser Auftrag und unsere Vision, dass die vielen verschiedenen Menschen in unserer Gemeinde sich angenommen fühlen und Gemeinschaft erfahren.

In unserer Evangelischen Kirche ist dieser Gemeinschaftsgedanken viele Generationen lang vernachlässigt worden. Es ging immer nur um den Einzelnen, um seine Beziehung zu Gott, um seine Moral. Evangelisch sein hieß lange Zeit: Ich habe meinen eigenen Glauben und das geht keinen etwas an.

Und das wirkt bis heute bei vielen Gemeindegliedern nach. Wenn ich Hausbesuche mache, dann ist oft das erste, was die Menschen mir sagen: „Herr Pfarrer, ich glaub ja auch an Gott, aber dazu muss ich nicht zur Kirche rennen. Zu Hause oder im Wald, da kann ich genau so gut beten.“

Haben sie nicht Recht? Um an Gott zu glauben, da brauche ich doch keine anderen Leute, oder?

Natürlich kann jeder für sich an Gott glauben. Da brauche ich keinen anderen für. Aber Christsein bedeutet nicht einfach an Gott glauben. Christsein bedeutet: Jesus nachfolgen. Und das geht nicht allein.

Das ging schon damals nicht, als Jesus auf der Erde war. Jesus hatte Menschen berufen, ihm nachzufolgen. Und diese Menschen hat er zu einer Gemeinschaft geformt. Eine Jüngergemeinschaft. Diese Leute waren immer um Jesus herum.

Man konnte nicht sein Jünger werden, ohne gleichzeitig die anderen Jünger an der Backe zu haben. Und die waren nicht alle nett und sympatisch. Da gab es kantige, schräge Typen und das Miteinander war alles andere als einfach.

Stellt euch vor, damals wäre einer zu Jesus gekommen. Ein netter, anständiger Bürger, Mittelschicht, gut erzogen. Der hätte zu Jesus gesagt: Hör mal, Jesus, ich will dir gerne nachfolgen. Ich finde deine Lehren total interessant. Ich möchte gerne in deiner Nähe sein. Aber mit deinen Jüngern, also, da will ich wirklich nichts zu tun haben. Die sind ja so was von daneben. Dieser Matthäus, so ein durchtriebener Zolleinnehmer. Oder dieser Obercholeriker Petrus mit seinen Wutausbrüchen – furchtbar. Und diese Maria von Magdala, die ist echt unter meinem Niveau. Also – von denen werde ich mich schön fern halten. Ich will lieber so eine Art Einzelschüler von dir sein.

Was hätte Jesus so einem Menschen wohl geantwortet? Er hätte vielleicht gesagt: „Ich freue mich, dass du mir nachfolgen willst. Aber du kannst das nur, wenn du auch meine anderen Jünger annimmst. Sie gehören zu mir. Und wenn du mein Jünger sein willst, dann gehört ihr zusammen. Du kannst mich nicht getrennt von meinen Jüngern haben! Einzelschüler hab ich nicht.“

Und so ist das bis heute. Wenn Jesus einen Menschen zum Glauben beruft, dann beruft er ihn zugleich in diese Jüngergemeinschaft. Man kann Jesus nicht haben ohne seine Jünger. Man kann nicht Christsein ohne andere Christen, ohne Gemeinschaft, ohne Gemeinde.

Gemeinschaft leben – das ist also tatsächlich ein Grundelement des Christseins. Und es ist gut, dass das Bestandteil unseres Leitbildes ist.

Aber wie geht das – Gemeinschaft leben?

Es gibt in der Bibel einen hochinteressanten Bericht. Ein Bericht von Lukas. Der hat ja die Apostelgeschichte geschrieben. Und dort beschreibt er wie an Pfingsten, nach der Predigt von Petrus, viele Menschen Jesus-Anhänger werden und dann eine Gemeinde, eine große Gemeinschaft der Jesus-Leute werden. Was er da beschreibt, hat Modellcharakter für jede christliche Gemeinschaft bis heute:

Er schreibt: „Alle, die an Jesus glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not waren. Einmütig und mit großer Treue kamen sie Tag für Tag im Tempel zusammen. Außerdem trafen sie sich täglich in ihren Häusern, um miteinander zu essen und das Mahl des Herrn zu feiern. Ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit geprägt.“ Apg. 2, 44-46(NGÜ)

In dieser Beschreibung kann man ganz viel darüber entdecken, was wesentlich ist für Gemeinschaft. 3 Entdeckungen habe ich einmal ausgewählt, die ich für uns für ganz besonders wichtig halte. Die erste Entdeckung:

1. Gemeinschaft ist ein Geschenk

Gott schenkt dir Menschen an die Seite, die mit dir glauben und mit dir Jesus nachfolgen.

Die ersten Christen haben die Gemeinschaft als echtes Geschenk empfunden. Wir lasen das gerade: „Sie hielten fest zusammen...und ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude geprägt“.

Sie freuten sich aneinander. Sie freuten sich über dieses Geschenk der Gemeinschaft und darum hielten sie daran fest wie an einer ganz kostbaren Gabe.

Sie wußten: Gemeinschaft ist für uns Menschen lebensnotwendig. Das ist im natürlichen Leben so. Wer immer allein ist, der geht seelisch ein. Und es genauso im geistlichen Leben. Auch da brauchen wir Mitglaubende. Sonst gehen wir geistlich ein.

In der Gemeinschaft mit anderen Christen kann sich mein Glaube entfalten. Da tausche ich mich mit anderen aus. Erfahre Bestätigung: Ja, ich sehe das genauso wie du! Ich erfahre auch Korrektur. Ich werde durch das, was andere mit Gott erleben, inspiriert und ermutigt und herausgefordert. Wenn es mir schlecht geht und ich Zweifel habe, werde ich von den Geschwistern getragen. Ich erlebe, dass andere für mich beten und an mich denken. Und umgekehrt erlebe ich, dass ich für andere eine Hilfe sein kann. Dass meine schwachen Worte einen anderen im Glauben stärken.

Es ist ein Geben und Nehmen, das in der Gemeinschaft stattfindet: Ein Helfen und Teilen. Fördern und Trösten. Zusammen lachen und zusammen weinen. Und in dem allen erfahre ich, dass ich Teil einer großen Familie bin, vernetzt und eingebunden in eine Gemeinschaft, zu der ich gehören darf.

Gemeinschaft ist ein Geschenk. Ich glaube, dass in unserer Gemeinde viele das so empfinden und erleben. Viele freuen sich sehr darauf, im Gottesdienst oder im Hauskreis ihre Geschwister zu treffen. Weil sie spüren wie gut ihnen diese Gemeinschaft tut.

Wir erleben, dass beim Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst die Leute gar nicht mehr weggehen wollen, weil sie das Zusammensein so genießen.

Aber nicht immer empfinden wir das so. Man kann sich an alles Gute gewöhnen, auch an das Geschenk der Gemeinschaft. Dann ist es irgendwann selbstverständlich, dass ich andere Christen treffen und mich mit ihnen austauschen kann. Ich fange dann mehr an zu sehen, was mich bei den anderen nervt oder was fehlt und nehme diese Gemeinschaft gar nicht mehr als das wahr, was sie ist: Eine große Gabe Gottes, ein unbezahlbares Geschenk.

Vielleicht will Gott Dir das heute morgen noch einmal sagen und zeigen: Liebes Kind, du bist nicht allein! Die Geschwister neben dir, sind mein Geschenk an dich! Und du bist mein Geschenk für sie. Freue dich an ihnen und hilf mit, dass sich die anderen über dich freuen. Gemeinschaft ist ein Geschenk. Das ist die erste Entdeckung.

Die zweite Entdeckung:

2. Gemeinschaft braucht Mut

Lukas schreibt in seinem Bericht: „Die Christen teilten alles, was sie hatten.“

Gemeinschaft heißt teilen. Dabei muss es noch gar nicht um den Besitz gehen, den man teilt. Das Teilen fängt damit an, dass ich mich dem anderen mit-teile. Dass ich etwas, was mich innerlich beschäftigt, mit anderen teile. Und dass ich teil-nehme, wenn ein anderer etwas von sich erzählt.

Jede Gemeinschaft basiert darauf, dass man etwas gemeinsam hat. Und das heißt, dass man etwas teilt.

Dieses Teilen – das kostet Mut.

Schaut euch mal diese beiden Schnecken an. Die wohnen hier in ihren wunderschönen Schneckenhäusern. Da sind sie gut geschützt. Da sind sie sicher. Aber so können sie keine Gemeinschaft haben. Selbst wenn sie ganz nah beisammen sind. Es findet keine Gemeinschaft, kein Teilen, kein Austausch statt.

Erst wenn sie aus ihrem Schneckenhaus herauskommen, wenn sie sich vorwagen und vorsichtig die Fühler ausstrecken, erst dann werden sie sich gegenseitig berühren und empfinden können, erst dann wird ein Austausch stattfinden, ein Teilgeben und Teilnehmen. Erst dann haben sie Gemeinschaft.

Aber dafür braucht es Mut. Den Mut, dass sichere Haus zu verlassen und sich auf den anderen zuzubewegen.

Genau so ist das mit der Gemeinschaft unter Christen. Allein das äußere Zusammensein schafft noch keine Gemeinschaft. Solange jeder von uns in seinem Schneckenhaus sitzt, passiert gar nichts. Wir können hier nebeneinander sitzen. Wir können auch nachher beim Kaffeetrinken ein bißchen Smalltalk machen, über das Wetter reden... Aber damit bleiben wir in unserem sicheren Schneckenhaus. Da wird keine Gemeinschaft entstehen.

Wenn aber einer von uns den Mut hat, aus dem Schneckenhaus herauszukommen, sich im Gespräch zu öffnen, etwas von sich mitzuteilen, was ihn im Innersten bewegt. Wenn es jemand von uns wagt, eine echte Sorge auszusprechen, oder eine tiefe Sehnsucht, oder eine Frage, die sie im Innersten beschäftigt, oder eine Erfahrung mit Gott – dann wird Gemeinschaft möglich.

Es ist riskant, sich so zu öffnen. Man macht sich damit verletzlich. Andere könnten das belächeln. Oder ausnutzen. Oder uns kalt abweisen. Wenn wir anderen unser Inneres zeigen und es teilen, dann ist das ein Risiko. Aber ohne dieses Risiko gibt es keine Gemeinschaft.

Bei Jesus finden wir den Mut, dieses Risiko einzugehen. Weil wir bei ihm geliebt und geborgen sind, können wir voreinander echt werden. Nicht nur nett beisammen zu sitzen. Sondern wirklich zu teilen, was wir haben. Teilen, was wir denken und fühlen und glauben und hoffen.

Das bedeutet nicht, dass wir voreinander Seelenstriptease machen sollen oder jedem unsere intimsten Sachen erzählen. Vertrautheit muss allmählich wachsen. Es geht darum, Schritte in diese Richtung zu gehen. Die Fühler vorsichtig rauszustrecken. Und so ein Stück mehr Gemeinschaft erleben.

Kommt raus aus dem Schneckenhaus! Ihr könnt es wagen, wegen Jesus!

Gemeinschaft braucht Mut – das war die zweite Entdeckung.

Und nun die dritte Entdeckung:

3. Gemeinschaft sucht Formen

Gemeinschaft kann ganz spontan passieren. Man trifft sich zufällig irgendwo – und es ist wunderschön. Aber auf längere Sicht braucht man mehr als nur zufällige Treffen.

Wie ein Kuchenteig eine Form braucht, um zu einem schönen Kuchen zu werden, so braucht unsere Gemeinschaft Formen, stabile Formen des Zusammenlebens.

Bei den ersten Christen war das auch schon so. Lukas erzählt, dass es da verschiedene Formen gab:

Sie trafen sich im Tempel, dem Jerusalemer Tempel. Da, wo die Juden zum Beten hingingen. Wo Jesus oft mit seinen Jüngern war. Das war ein riesiges Areal, wo tausende von Menschen Platz hatten. Mit großen, schattigen Säulengängen. Dort fanden die Großtreffen statt, öffentlich. Dort wurde gepredigt, gesungen. Das war wie unser Gottesdienst. Da kamen alle zusammen.

Und dann gab es Treffen in den Häusern. Die Häuser waren zu klein für die ganze Gemeinde. Die große Christengruppe teilte sich auf in viele kleine Hausgruppen. Dort wurde gegessen und diskutiert. Da wurde das Abendmahl gefeiert und gebetet und die Lehren von Jesus genauer durchgesprochen.

Wir haben als Gemeinde eine ähnliche Grundstruktur: Wir haben die Großtreffen, die Gottesdienst in unseren Kirchen und Kapellen. Und wir haben Kleingruppen: Hauskreise in vielen verschiedenen Häusern, Bibelgruppen, Teamtreffen, u.v.a.

Gemeinschaft sucht sich Formen und braucht Formen. Orte, wo Begegnung stattfinden kann, wo Austausch und Ermutigung und Tröstung geschehen kann. Hier kann die Gemeinschaft wachsen und aufgehen wie ein guter Kuchen.

Nehmt doch diese Formen, diese Angebote in Anspruch. Kommt weiter zum Gottesdienst! Bleibt zum Kirchenkaffee! Sucht euch einen Hauskreis, eine Kleingruppe!

Lasst uns miteinander lernen, Gemeinschaft zu leben, als Gottes Geschenk, mit viel Mut und in guter Form! Das ist unser Auftrag und unsere Vision!

Amen.


Steffen Tiemann | Ulmen, 06.03.2011




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