Evangelische Kirchengemeinde Cochem

Predigten

Vater unser im Himmel

Liebe Geschwister, das Vater unser ist das wichtigste Gebet der Christenheit. Auf der ganzen Welt wird es gebetet, von allen Christen, in allen Konfessionen, zu allen Zeiten.


Aber was bedeutet Euch das Vaterunser? Was bedeutet es für euren persönlichen Glauben? ... Betet Ihr es zu Hause? Oder nur im Gottesdienst? Ist es für Euch persönlich wichtig? Oder ist es nur eine Tradition, eine Gewohnheit? ...

Ich muss gestehen, dass ich mit vorgegebenen Gebeten wenig anfangen kann. Gebet muss doch aus dem Herzen kommen, muss doch persönlich sein und nicht einfach nachgesprochen! Als ich zum Glauben kam und entdeckte, dass Gott ein lebendiges Gegenüber ist, da dachte ich: nachgesprochene Gebete wie das Vater unser – das ist doch alles nur äußerlich. Das ist doch nicht echt! Da werden Worte runtergeleiert. Was soll das? Lieber ein kurzes, echtes Gebet als hundert Vaterunser!

Da ist ja auch `was dran. Und doch – es ist nur die halbe Wahrheit.

Die Jünger von Jesus haben das jedenfalls etwas anders gesehen. Die merkten: Wir wissen eigentlich nicht, wie wir Gott ansprechen können. Was angemessen ist. Wir kennen Gott viel zu wenig, um richtig beten zu können. Um so beten zu können, dass es Gott gefällt. Und darum haben sie einmal Jesus gefragt: Jesus, bringe du uns doch bitte das Beten bei! Lehre uns beten!

Und dann hält Jesus keinen Vortrag wie man beten kann. Sondern er gibt seinen Jüngern ein Gebet, ein Mustergebet. Das Vater unser. Das Vater unser ist kein Beispielgebet. Jesus sagt nicht: „Ihr könnt zum Beispiel so beten...oder auch ganz anders“. Sondern es ist wirklich ein Mustergebet.

Muster heißt: Hier gibt uns Jesus etwas vor, woran wir uns orientieren können und sollen. Wer ein Kleid schneidert, nimmt ein Schnittmuster zu Hilfe. Wer eine Bewerbung schreibt, guckt sich vorher Musterbewerbungen an. Und so ist das Vater unser das Mustergebet, an dem wir unser eigenes Beten messen und ausrichten.

Das Vater unser ist wie ein Mikrochip. Klein, kurz, aber voll komprimierter Information. Es ist so gehaltvoll, dass man es nie ganz ausschöpfen kann. Matthias Claudius hat einmal geschrieben: „Je länger man es betet, je mehr sieht man ein, wie wenig man es versteht, und wie wert es ist, verstanden und bedacht zu werden, um unbekannten Schätzen auf die Spur zu kommen.“ Der ganze Glaube, das ganze Leben steckt da drin. In diesem kurzen Gebet ist die ganze Lehre Jesu enthalten. Der Theologe Ulrich Wilckens hat gesagt: Es ist die dichteste Zusammenfassung der Lehre Jesu, die es gibt. Es will uns aber nicht nur etwas über Gott und das Leben sagen, sondern es ist ein Gebet. Es will uns in ein Verhältnis zu Gott hineinziehen. Es will gebetet werden.

Es soll nicht nur ein Muster sein, das wir anstarren, sondern das wir tatsächlich beten, nachbeten, zum eigenen Gebet machen. Sicherlich hat es Jesus uns nicht nur gegeben, damit wir es einmal in der Woche im Gottesdienst beten. Die Juden seiner Zeit beteten jeden Tag das Kaddisch, ein Gebet, das in manchem dem Vater unser ähnelt. Und so hat es wohl auch Jesus gemeint: dass wir dieses Mustergebet immer wieder beten, am besten jeden Tag. Das Vater unser ist wie eine Schatztruhe, die von Generation weitergegeben wird, aber von kaum jemandem geöffnet wird, geschweige denn durchwühlt wird. Von daher finde ich es total gut und aufregend, dass wir uns im Abend-GD mal ganz intensiv mit diesem Gebet beschäftigen. Ein Jahr lang wollen wir in dieser Schatztruhe graben, wollen dieses Gebet entdecken. Satz für Satz.

Heute beginnen wir mit den ersten Worten. Mit der Anrede:

„Vater unser im Himmel“. VATER! Dass Gott mit einem Vater verglichen wird, das war im Judentum und in den anderen Religionen nicht neu. Das kannte man. Aber Jesus hat Gott nicht nur mit einem Vater verglichen. Er hat ihn auch so angesprochen wie ein Kind seinen Vater anspricht. Und dabei benutzt Jesus ein Wort, das vor ihm noch nie ein Mensch benutzt hat, um Gott anzusprechen. Er sagte zu Gott „Abba“. Das wird so im NT überliefert. Abba ist aramäisch, es ist die Muttersprache von Jesus. Obwohl das NT in Griechisch abgefasst, haben die Autoren an einigen Stellen das aramäische Abba unübersetzt übernommen. So erstaunt waren sie darüber. So wichtig war ihnen das.

„Ab“ heißt im Aramäischen „Vater“. Abba - das ist eigentlich ein Lalllaut, wie Mama. Es ist genau wie unser „Papa“. Ein Wort, das auch schon kleine Kinder sagen können. Abba - das haben Kinder zu ihrem Vater gesagt. So hat Jesus Gott genannt. Abba. Papa. Das hat es noch nie gegeben. Noch nie in der Religionsgeschichte – soweit wir sie kennen – hat ein Mensch Gott mit „Papa“ angesprochen. Das ist völlig neu. Und den Jüngern von Jesus und den anderen, die ihm beim Beten zuhörten, denen wird die Kinnlade vor Schrecken runtergefallen sein, als sie hörten wie Jesus Gott anspricht! Abba. Papa. Das ist ja ungeheuer vertraulich. Zärtlich. Intim. Da spürt man, dass Jesus eine einzigartig enge Beziehung zu Gott hat. Und jetzt legt Jesus seinen Jüngern, uns, dieses Wort in den Mund. Als Jesus seinen Jüngern das Vater unser gegeben hat, da wird er genau dieses Abba gesagt haben, das dann im Griechischen mit Pater, Vater übersetzt wurde. Jesus legt uns das „Abba“ in den Mund. Wir dürfen zu Gott „Papa“ sagen. Jesus nimmt uns in seine ganz intime Beziehung zu Gott mit hinein. Er nimmt uns in diese familiäre Beziehung mit auf. Es ist ja nicht so, dass Gott von Natur her unser Vater wäre und wir seine Kinder. Er ist von Natur her unser Schöpfer, aber nicht unser Papa. Diese Vater-Kind-Beziehung – die hat uns erst Jesus ermöglicht. Dadurch dass er Mensch geworden ist, auf unsere Ebene gekommen ist, ist er unser Bruder geworden. Und alle, die sich an ihn dranhängen, die sich im Glauben mit ihm verbinden, werden seine Geschwister, werden von Gott sozusagen adoptiert. Und werden so Kinder Gottes. Weil Jesus ein Menschenkind wurde, kannst du ein Gotteskind werden. Kannst Du wie Jesus zu Gott Papa sagen. Vor etlichen Jahren, als Gerhard Schröder noch Bundeskanzler war, ist er einmal mit seiner Frau in Russland in einem Kinderheim gewesen. Sie hatten keine eigenen Kinder und darum hatten sie sich entschlossen, eins dieser Kinder aus dem Heim zu adoptieren. Es war ein Mädchen, das sie dann mit nach Hause nahmen. Stellt euch mal vor wie das für dieses Mädchen gewesen sein muss. Sie war ja schon ein paar Jahre alt, hat das bewusst miterlebt: Ein armes Kind, ohne Lebensperspektive, ohne Status – auf einmal wird sie Tochter des deutschen Bundeskanzlers. Ich weiß nicht, wie sie ihn am Anfang angesprochen hat. „Sehr geehrter Herr Bundeskanzler“, „ Mister Schröder“, irgendwie so vielleicht. Und dann wird er einmal gesagt haben: Hör mal zu, wir haben dich adoptiert. Ich bin jetzt dein Vater. Du kannst Papa zu mir sagen! So sagt das Gott zu uns, zu dir: Hör mal zu. Wenn du dich an Jesus, meinen Sohn, dranhängst, wenn du ihm dein Leben anvertraust, dann gehörst du zur Familie! Du kannst Papa zu mir sagen! Ihr dürft Gott Papa nennen! In eurem privaten Gebet. Und wenn Ihr wollt auch im öffentlichen Gebet. Ich finde das immer noch komisch. Scheue mich dafür. Aber wir dürfen das. Wer von euch zu Jesus gehört, hat das Recht dazu!

Papa! Das bedeutet große Nähe, Vertrautheit. Aber es bedeutet keine Kumpelei. Jesus hat immer den Respekt, die Ehrfurcht vor Gott gewahrt. Darum sagt er auch nicht nur Vater. Papa. Sondern „Vater im Himmel“ Der Vater im Himmel ist eben ganz anders als alle irdischen Väter. Anders als die strengen, harten, stummen Väter. Aber auch anders als die harmlosen, langweiligen, konfliktscheuen Väter. Der Papa im Himmel ist ewig. Er ist uns tausendfach überlegen. Er ist unvorstellbar. Er ist nah und hält doch Distanz. Er ist für uns da und lässt sich doch nicht von uns vereinnahmen. Er hört uns zu, aber lässt sich nie manipulieren. Er ist auf unserer Seite und bleibt unbestechlich, er ist zart und voller Kraft, freundlich und gerecht zugleich, liebevoll und heilig. Er ist völlig anders als alles, was sich auf der Erde „Vater“ nennt. Es gibt Menschen, und auch unter Euch wird es einige geben, die haben oder hatten miserable Väter. Wenn so jemand das Wort „Vater“ hört, dann steigt da gleich eine Flut von negativen Gefühlen und üblen Erinnerungen hoch. Und wie soll man Gott als Vater lieben und achten, wenn doch der eigene Vater so schlimm war? Aber gleichzeitig haben wir alle eine Sehnsucht in uns nach dem rechten Vater. Haben ein Bild, wie ein Vater eigentlich sein sollte. In dem Roman „Die Hütte“, der ja seit Monaten auf den Bestsellerlisten steht, da wird das ganz eindrücklich beschrieben. Die Hauptfigur des Romans hatte einen ganz schlimmen Vater: brutal, heuchlerisch. Einer der Sonntags fromm war und zu Hause Frau und Kinder prügelte und soff. Und es fiel ihm von daher total schwer, Gott als Vater anzusprechen und Vertrauen und positive Gefühle zu Gott zu entwickeln. Bis Gott sich ihm zeigt. Bis er ihn kennen lernt. Da entdeckt er: Gott ist ein ganz anderer Vater als meiner es war. Er ist der Vater, nach dem ich mich immer gesehnt habe. Wenn Jesus vom Papa im Himmel spricht, dann möchte er uns zeigen: Schau her, meine Schwester, mein Bruder, der Papa im Himmel ist ganz, ganz anders als dein Vater war. Lerne ihn kennen, dann wirst du entdecken, dass er der rechte Vater ist. Ihn kannst Du lieben, respektieren und vertrauen!

Vater im Himmel. Ein kleines Wort fehlt noch. Jesus sagt nicht: Betet: „Vater im Himmel!“ auch nicht „Mein Vater im Himmel“, sondern „Vater unser im Himmel“ bzw. auf gut deutsch: „Unser Vater im Himmel“. Jesus legt uns das „unser“ in den Mund. Und damit macht er glasklar, dass es kein Christsein für Einzelgänger gibt. Du kannst nicht allein Christ sein. Wer Jesus annimmt, der kommt in eine große Familie hinein. Wer ihn zum Herrn und Bruder hat, der hat automatisch einen großen Haufen Geschwister. Jesus legt uns das „unser“ in den Mund, damit wir die anderen nie vergessen, nie aus dem Blick verlieren, sondern immer mit an sie denken. Ich bin nie vor Gott allein, sondern Teil einer großen Gemeinschaft, einer großen, weltweiten Familie. Und es ist doch toll, sich das vorzustellen: Wir alle, die wir hier sitzen, alle, die wir an Jesus glauben, wir haben alle denselben Vater! Wir haben den gleichen Papa, so verschieden wir auch sind. Wir sind alle seine Kinder. Und damit Brüder und Schwestern. Ich habe ja mal ein Jahr in Tansania gelebt. Da wurde im GD natürlich auch jeden Sonntag das Vater unser gebetet: Baba yetu uliye mbinguni! Anfangs war es noch ein bisschen schwierig, das mitzubeten, aber nach und nach kam ich da rein und konnte es mitbeten mit allen anderen. Es war ein tolles Gefühl zu merken: Ja, wir beten das gemeinsam. Beten gemeinsam zum selben Papa, in Kiswahili und in tausend verschiedenen Sprachen. In Tansania und der Mongolei, bei den Inuit am Nordpol und in Australien, in China und Brasilien. Überall und schon immer: Die allerersten Jünger Jesu haben es gebetet und die Christen, die nach uns kommen, werden es beten; bis zum Ende der Welt. Das Vater unser ist das Gebet, das die Welt umspannt. Es verbindet uns mit allen Jesus-Leuten; zu allen Zeiten; an allen Orten. Weil wir alle denselben Papa haben, unseren Vater im Himmel, durch Jesus.

Amen.


Steffen Tiemann | Cochem und Karden, 23 und 24.01.2010




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