Predigten
Wozu ist der Glaube gut?
Liebe Geschwister,
Ich habe in den letzten Wochen ein Buch gelesen, das einen Titel hat, den man hier in der Kirche lieber nicht aussprechen möchte. Ich mache es trotzdem. Es heißt: „Heilige Scheiße“. Untertitel: Wären wir ohne Religion wirklich besser dran? Das Buch beschreibt, wie eine Generation, die sich selbst als „Generation Gottlos“ beschreibt, bei uns in Deutschland den Glauben und die Kirche erlebt. Was die da erzählen, ist manchmal zum Schieflachen und manchmal auch echt zum Heulen. Und am Ende steht die Frage: Brauchen wir das wirklich noch? Oder wären wir ohne Religion und ohne Kirche nicht besser dran? Die Autoren halten die Antwort auf diese Frage offen. Nach dem Motto: Muss jeder selber wissen.
Andere gehen da eindeutig weiter.
Seit 10 Jahren, seit dem Anschlag am 11. September, gibt es eine neue Welle des Atheismus. Man spricht vom „Neuen Atheismus“. Angeführt von Leuten wie Richard Dawkins, Christopher Hitchen oder hier in Deutschland Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung. Das Neue an diesem neuen Atheismus ist: Er ist offensiv. Er ist regelrecht missionarisch. Durch Bücher und Talkshows, durch Werbekampagnen und politische Einflussnahme soll Religion, soll der Glaube zurückgedrängt werden und am besten ganz verschwinden.
Man belächelt die Religion nicht mehr nur, sondern kämpft aktiv dagegen.
Warum?
Weil die Vertreter des neuen Atheismus überzeugt sind, dass der Glaube an Gott nicht nur unwahr ist, sondern schädlich ist.
Und sie begründen das:
Schaut euch doch an, wozu die Religion die Menschen führt! Sie macht sie fanatisch und intolerant! Sie führt zu Gewalt, zu Terroranschlägen, Kreuzzügen, Hexenverbrennung und Unterdrückung von Minderheiten!
Außerdem macht der Glaube die Menschen irrational. Jahrhundertelang hat die Kirche die Wissenschaft unterdrückt. Menschen sollten irgendwelchen Dogmen zustimmen statt ihrem Verstand zu folgen. Die Gläubigen hängen einem unvernünftigen Wahn an. Davon müssen sie befreit werden.
Und dazu kommt, so die neuen Atheisten, dass der Glaube den Leuten die Lust am Leben verdirbt. Sie haben Angst vor Gott, Angst vor seiner Strafe. Deswegen sind sie so verklemmt; beim Sex und überhaupt bei allem, was Spaß macht. Und das Schlimme ist: Sie wollen auch noch den anderen die Lebenslust vermiesen.
Darum: Weg damit! Weg mit Religion! Weg mit dem Gotteswahn!
Ich weiß nicht wie es euch geht, wenn ihr so etwas hört. Ich merke wie ich selber sofort in Verteidigungsposition gehe: Nein! Das stimmt ja so überhaupt nicht. Und ich sammle schon Gegenargumente.
Aber ich denke, dass es gut ist, diese Kritik am Glauben nicht zu schnell beiseite zu schieben, sondern sie ernst zu nehmen. Zu schauen: Wo ist da etwas Wahres dran?
Denn diese Anfragen an den Glauben kommen ja nicht nur von irgendwelchen fiesen Kirchenfeinden. Wenn wir ganz ehrlich sind, kommen in uns selbst doch auch manchmal Zweifel und Skepsis hoch.
Und es ist wichtig, dass wir das nicht einfach nur so wegdrücken, sondern uns diesen Anfragen stellen. Darüber ernsthaft nachdenken.
In den nächsten Atempause-Gottesdiensten wollen wir das machen:
Uns ernsthaft mit Anfragen und Kritik am Glauben auseinandersetzen und ehrliche Antworten suchen.
Damit das nicht zu eintönig wird, werden wir uns zwischendrin immer wieder mit Worten von Jesus beschäftigen, den Ich-bin-Worten, wo Jesus auf seine Weise auf Anfragen und Zweifel eingeht.
Wir haben also in diesem Jahr ein spannendes Programm vor uns.
Heute fangen wir also an mit der ganz grundlegenden Frage:
Wozu ist der Glaube überhaupt gut? Nützt er überhaupt etwas oder schadet er nur, wie die neuen Atheisten meinen? Was habe ich vom Glauben? Und was hat eine Gesellschaft davon?
Ihr habt ja eben schon eine ganze Reihe von Sachen aufgeschrieben, die euch der Glaube bringt. Ich möchte ein paar davon unterstreichen und ergänzen.
Für mich gibt es 7 Punkte, 7 Pluspunkte, die der Glaube einem Menschen und einer ganzen Gesellschaft bringt. Es gibt bestimmt noch mehr, aber diese 7 scheinen mir die wichtigsten zu sein. Ich will sie mal knapp skizzieren:
1. Pluspunkt: Glaube gibt Sinn
In jedem Menschen steckt die Frage: Wozu lebe ich eigentlich? Wir haben alle eine Sehnsucht, dass unser Leben Bedeutung hat und Sinn macht.
Wenn es keinen Gott gibt, wenn das ganze Weltall nur ein großer Zufall ist, dann ist auch unser eigenes Leben nur ein großer Zufall. Ohne Plan, ohne Ziel und ohne einen übergreifenden Sinn. Ein kurzes Glühen und Vergehen. Ohne echte Bedeutung. Natürlich kann ich sagen: ich bestimme selbst, was mein Lebenssinn ist. Aber eigentlich wissen wir ganz tief: Sinn kann man sich nicht selber geben. Sinn ist vorgegeben.
Sinn kann man nur empfangen.
Wenn Gott hinter dem Universum steckt, wenn er der Schöpfer ist, dann hat alles einen Sinn. Dann ist mein Leben kein Zufall, sondern gewollt. Dann steckt eine Absicht dahinter. Dann gibt es für dich in diesem Leben eine Aufgabe: Mit Gott, deinem Schöpfer, diese Welt gestalten, in liebevollen Beziehungen leben, deine Gaben entfalten und einsetzen und etwas Gutes, Wichtiges in dieser Welt bewirken!
Ich selbst bin als 16-Jähriger zum Glauben gekommen, weil ich auf der Suche nach Sinn war. Ich war überzeugt: Mein Leben muss doch irgendeine Bedeutung haben. Ich lebe doch nicht nur, um mich fortzupflanzen und dann wieder zu verschwinden!
Ich habe dann bei Gott den Sinn für mein Leben gefunden. Und ich bin heilfroh darüber!
2. Pluspunkt: Glaube schenkt Halt
Unser Leben ist ständig gefährdet. Immer wieder werden wir mit Krankheiten, mit Leid, mit Krisen konfrontiert. Wer mit Gott verbunden ist, hat einen Halt. Einen Ort der Geborgenheit, wo man seine Angst und Sorgen loslassen kann.
Schon die Beter der Psalmen im Alten Testament haben Gott so erlebt.
Sie beten: „Du bist mein Fels und meine Burg.“ (Ps. 31, 4+6) Oder: „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben.“ (Ps. 36, 8)
Viele Menschen erfahren das auch heute noch so: Dass sie bei Gott Geborgenheit erleben, auch in tiefem Leid.
Ich denke z.B. an den Samuel Koch, der vor einem Jahr bei „Wetten dass“ diesen furchtbaren Unfall hatte. Der sagte jetzt in einem Interview, dass er nicht versteht, warum Gott das so zugelassen hat, aber dass er doch bei Gott einen Halt hat, der ihm die Kraft gibt, das zu tragen.
Jetzt kann man dagegen einwenden: Naja, das kann ja auch alles nur eine Illusion sein. Man wünscht sich, dass da einer ist, der auf mich aufpaßt. Und weil ich es mir so wünsche, bilde ich mir ein, es gäbe ihn wirklich.
Natürlich kann man so argumentieren. Es könnte aber auch genau so gut umgekehrt sein. Die Tatsache, dass Millionen von Menschen in Gott Halt finden und Trost erleben, könnte auch ein Indiz sein, dass der Glaube kein genetischer Fehler ist, sondern dass wir Menschen auf Gott hin geschaffen sind. Wir finden bei Gott Halt, weil Er Realität ist.
3. Pluspunkt: Glaube ermöglicht Vergebung
Johannes Kneifel war 17 Jahre alt, als er einen Menschen umbringt. Er hatte sich mit 13 einer Neonazi-Gruppe angeschlossen, hat geprügelt und gesoffen und war immer brutaler geworden. 1999 überfällt er mit einem Kumpel einen arbeitslosen Mann. Sie schlagen ihn so brutal zusammen, dass der Mann an seinen Verletzungen stirbt.
Johannes kommt 5 Jahre in Jugendhaft. Sein Leben ist total gescheitert. Er sagt selber: „Ich wusste, es war der falsche Weg. Aber mir war auch klar, dass es kein Zurück mehr gab. Ich hatte einen Menschen getötet. Die Schuld war wie eine zerstörte Brücke. Der Weg zurück in ein normales Leben war abgeschnitten.“
Im Knast geht er zum Gottesdienst, lernt Christen kennen. Und von ihnen erfährt er , dass es bei Gott die Chance auf einen neuen Anfang gibt. Sogar für ihn. Johannes bittet auf Knien Gott um Vergebung seiner Schuld. Und als er das tut, spürt er, wie die Last der Vergangenheit, alles Schwarze und Dunkle von seiner Schulter genommen wird. Er erlebt Vergebung. Nach dem Knast macht er sein Fachabitur und studiert jetzt Theologie, wird bald Pastor werden, damit andere von dem vergebenden Gott hören.
„Wer an Gottes Vergebung glaubt, kann seine Vergangenheit ertragen“, hat Jochen Klepper mal gesagt. Wir müssen nicht unser Leben lang mit unvergebener Schuld herumlaufen. Gott löscht Schuld aus. Vergibt. Und schenkt uns die Möglichkeit, einen neuen Anfang zu machen, ganz egal, was gewesen ist.
4. Pluspunkt: Glaube stiftet Hoffnung
Ich will euch zu diesem Punkt einfach ein paar Sätze aus einem Brief vorlesen, den uns ein Freund geschrieben hatte:
„Ihr Lieben, mit traurigem und zugleich frohem Herzen schreibe ich euch. Meine Mutter ist am vergangenen Mittwochabend um 21.10 Uhr gestorben. Viel geweint haben wir in den letzten Tagen ihres Lebens, aber eigentlich noch viel mehr gelacht und gedankt für all das Schöne, was uns mit ihr vergönnt war, besonders auch in den letzten 16 Monaten der schweren Lungenkrebserkrankung und auch noch in den letzten 8 Tagen, als Papa, Sabine, Petra und ich bei ihr im Krankenzimmer sein konnten. Eine unglaublich bewusste und intensive Zeit hatten wir miteinander im letzten 1 ¼ Jahr ... Und es war einfach ein großartiges Geschenk, dass Mama ihr Lebensende bewusst annehmen und auf Gottes Zukunft blicken konnte, so dass der Tod schon im Voraus eigentlich gar keine Chance hatte und seinen Schrecken verlor.“
Wer an Gott glaubt, der weiß: Der Tod ist nicht das Ende. Er ist der Durchgang in eine neue Wirklichkeit. In ein neues Leben.
Das bedeutet keine Vertröstung aufs Jenseits, keine Weltflucht. Die christliche Hoffnung besagt, dass Jesus unser Leben und auch diese ganze Welt verwandeln wird. Wir werden nicht als Seelchen auf Wolken schweben, sondern in einer verwandelten, neuen Welt leben. Und diese Hoffnung motiviert uns, jetzt schon - so gut wir können – die Welt zum Guten zu verändern.
Hoffnung beflügelt!
5. Pluspunkt: Glaube bringt Orientierung
Unser Sohn Tobias hatte mal einen Kompass geschenkt bekommen, so ein ganz kleines, billiges Teil. Da waren die Himmelsrichtungen markiert. Es gab auch einen Pfeil, der theoretisch nach Norden zeigen sollte. Aber das Ding taugte nichts. Der Pfeil zeigte immer dahin, wohin man ihn gerade schüttelte. Mal war der Norden da und mal da. So ein Kompass nützt einem überhaupt nichts, wenn man durch den Wald geht und die richtige Richtung wissen will. Wenn du dich orientieren willst, dann brauchst du einen Kompass, der dir verläßlich sagt, wo Norden ist.
In unserem Leben brauchen wir auch Orientierung. Wir müssen wissen, was gut ist und was böse. Was unser Leben fördert und was ihm schadet. Da brauchen wir ein verläßliches Bezugssystem. Ohne Gott gibt es das nicht. Wenn die Welt nur aus Zufall entstanden ist, dann ist Gut und Böse eine rein menschliche Erfindung. Dann bestimmt jeder für sich, wo Norden ist. Oder man stimmt ab und sagt: Für uns ist Norden da!
Natürlich kann auch ein Atheist moralisch gut handeln. Und es gibt viele beeindruckende Beispiele dafür. Aber es fehlt die Grundlage, die Begründung.
Der Philosoph Jürgen Habermas, der eigentlich ein ziemlicher Skeptiker ist, der hat vor kurzem Mal gesagt: Eine Gesellschaft braucht Religion, weil es ohne Gott, ohne Glauben keine Grundlage für Werte gibt.
Christen glauben, dass es einen Gott gibt, der in sich gut ist. Und dass darum Gut und Böse Wirklichkeiten sind, die wir nicht selber festlegen können. Christen glauben, dass dieser Gott uns mit seinen Geboten einen Kompass gegeben hat, der verläßlich ist, mit dem wir uns im Dschungel des Lebens orientieren können.
6. Pluspunkt: Glaube macht die Welt schön
Clive Staples Lewis, einer der großen christlichen Denker des letzten Jahrhunderts, war viele Jahre lang Zweifler gewesen und ist erst mit etwa 40 Jahren Christ geworden. Er hat einmal den bemerkenswerten Satz gesagt: "Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann."
Lewis hat gemerkt, dass der Glaube ihm eine ganz neue Sicht von der Welt gegeben hat. Er konnte die Welt mit anderen Augen sehen.
Schaut euch doch mal diese Blume an: Wunderschön, nicht wahr?
Es ist ein großer Unterschied, ob ich diese Blume mit Gott oder ohne Gott betrachte. Ohne Gott ist das hier ein Produkt von Zufall und Notwendigkeit. Was uns als schön und harmonisch erscheint, ist in Wirklichkeit nur das Ergebnis eines gnadenlosen Verdrängungswettbewerbs.
Aber wenn ich sie mit Gott betrachte, ist sie das Werk eines großartigen Schöpfers. Ein großer Geist hat dieses Gebilde entstehem lassen. Ihre Schönheit ist nicht nur Einbildung. Sie ist vom Schöpfer so designed worden.
Wer mit Gott diese Welt betrachtet, sieht sie mit anderen Augen. Die Blumen, das Singen der Vögel, erhabene Berge, der schöne Körper eines Menschen – das alles ist gewollt und gestaltet. Es spiegelt die Kreativität des Schöpfers wider.
Mit Gott wird die Welt schön.
7. Pluspunkt: Glaube ist eine Kraftquelle
Wir alle kennen Momente, wo wir mit unserer Kraft am Ende sind. Wo wir keine Liebe mehr für einen anderen Menschen aufbringen, keine Energie mehr für Versöhnung haben, keine Geduld mehr. Wo unsere Quellen versiegt sind.
Für mich ist Gott wie eine Quelle, wo ich neue Kraft und neue Liebe aufnehmen kann. Wenn ich mit Gott rede, vor ihm das rauslasse, was mich fertig macht, wenn ich ihn dann um Hilfe und um Kraft bitte, dann spüre ich immer wieder, wie sich etwas in mir verändert. Wie Ruhe in meine Seele hineinkommt und ich die Situation anders anschauen kann und wie neue Liebe von Gott her in mein Herz kommt.
Paulus schreibt einmal: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist.“ (Röm. 5, 5)
Genau das passiert, wenn wir unser Herz für Gott öffnen.
Dann kann seine Liebe, seine Geduld, seine Versöhnung, sein Vertrauen in unser Leben hineinströmen.
Gott ist eine Kraftquelle und im Glauben kriegen wir Zugang zu dieser Quelle.
Das waren die 7 Pluspunkte, die uns der Glaube bringt: Sinn, Halt, Vergebung, Hoffnung, Orientierung, Schönheit und Kraft.
Der Glaube bringt dir also enorm viel.
Aber – das ist jetzt mein letzter Gedanke – aber das sollte nicht der Grund sein zu glauben.
Der katholische Journalist Bernhard Meuser schreibt einmal:
„Wenn Sie glauben wollen, tun Sie es nicht irgendwelcher Produktvoreile oder positiven Begleiteffekte wegen – tun Sie es nicht wegen der Seelenruhe, nicht wegen besserer Angstbewältigung und größerer emotionaler Stabilität... Tun Sie es, weil es Gott gibt. Das ist der einzige Grund.“
Insofern ist die Frage „Was bringt mir der Glaube?“ als solches fragwürdig. Gott ist nicht zu unserem Nutzen da! Nicht, was ER mir bringt, ist die angemessene Frage, sondern ob es ihn wirklich gibt.
Ist er Realität? Ist das wahr?
Über diese Frage muss man Klarheit kriegen.
Und nur dann kann man alles das genießen, was er uns „bringt“.
Ich hoffe und bete, dass in den nächsten „Atempausen“ das passiert: Das Zweifel und Fragen ehrlich hochkommen können und wir tiefe und wahre Antworten finden!
Amen.
Steffen Tiemann | 28.01.2012
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