Predigten
Jahreslosung 2011 -
Gemeinsamer Gottesdienst Ulmen (Römer 12, 21)
Liebe Geschwister!
Es geht ein Virus um. Er dringt überall ein. In jedes Land, jedes Dorf. Jedes Haus. Er kommt durch alle Ritzen. Er steckt alle an. Und wer damit angesteckt ist, der infiziert andere. So breitet sich dieser Virus immer weiter aus.
Er zerstört Freundschaften. Er vernichtet Vertrauen und Liebe. Er bringt Misstrauen, Hass und Gewalt hervor. Ein todbringender Virus, der unserem Globus den allerschlimmsten Schaden zufügt.
Es wurde schon so viel unternommen, um diesen Virus zu besiegen. Aber es ist wie verhext: Je mehr man gegen diesen Virus tut, um so mehr scheint er sich auszubreiten.
Es ist der Virus des Bösen.
In der Jahreslosung für das Jahr 2011 geht es um diesen Virus des Bösen. Und wie man ihn bekämpfen kann.
Ein Wort von Paulus aus dem Römerbrief, das wir eben schon im Zusammenhang gehört haben:
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“
Es ist so seltsam mit dem Bösen. Kein Mensch will böse sein. Aber es steckt uns an. Nicht unseren Körper, aber unser Herz.
Wenn uns etwas Böses trifft, dann löst das in unserem Inneren neues Böses aus.
Wir reagieren böse auf das Böse.
Jemand behandelt dich unfreundlich. Prompt bist du auch unfreundlich zu ihm.
Jemand beachtet dich nicht. Und du lässt ihn auch links liegen.
Einer sagt etwas Gehässiges zu dir. Und du bist giftig auf diesen Menschen.
Man tut dir Gewalt an und du spürst eine große Lust mit Gewalt zu reagieren.
Das Böse, das wir erleben, löst in uns eine böse Reaktion aus.
Wir wollen das Böse besiegen, indem wir es vergelten. Indem wir den Menschen besiegen, der uns Böses tut.
Aber gerade dadurch erleben wir die größte Niederlage: Das Böse dringt in uns ein, steckt uns an, verführt uns zur bösen Reaktion.
Es ist wie beim Tischtennis: Immer reagieren wir, geben das, was wir kriegen, wieder zurück. Böses Wort auf böses Wort. Böse Tat auf böse Tat. Und jede böse Reaktion löst eine neue Reaktion aus. Und so gibt es das ewige Pingpong der Vergeltung.
Was müsste passieren, um dieses ewige Hin und Her zu durchbrechen. Wie könnten wir das Böse wirklich überwinden?
Wir müssten dazu das Böse ins Leere laufen lassen.
Nicht vergelten. Nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Nicht auf der gleichen Ebene reagieren.
Sondern auf das Böse mit Gutem antworten. Auf Unfreundlichkeit mit Freundlichkeit. Auf Lüge mit Wahrhaftigkeit. Auf Gehässigkeit mit Humor. Auf Beschimpfung mit Segnung. Auf Gewalt mit Sanftmut.
So nehmen wir dem Bösen die Macht. So lassen wir es ins Leere laufen.
So können wir das Böse überwinden mit dem Guten.
Aber jetzt fragt ihr: Ist das nicht unmöglich? Ist das nicht eine totale Überforderung? Wer kann das denn schaffen??
Ja, es stimmt. Es ist für uns unmöglich. Wir sind zu anfällig für den bösen Virus. Das ist nicht eine Sache, die wir uns jetzt für das neue Jahr als guten Vorsatz mal so vornehmen können: Ich will auf das Böse mit Gutem reagieren.
Das kriegen wir von uns aus nicht hin.
Möglich wird die Überwindung des Bösen durch Jesus.
Jesus, der menschgewordene Gott.
Er hat sich in keiner Situation vom Bösen infizieren lassen. Er hat so viel Böses erlebt. So viel Gemeinheit. Neid. Bosheit. Verrat. Feigheit. Lüge und Gewalt. Aber er ließ sich davon nicht anstecken. Es ist nicht in ihn eingedrungen. Er ist durch das Böse nicht böse geworden.
Sondern hat es überwunden.
Auf die Intrigen und Fallen der Sadduzäer und Pharisäer hat er mit Wahrhaftigkeit reagiert.
Den Spott der Soldaten hat er ins Leere laufen lassen, indem er dazu geschwiegen hat.
Die Jünger, die in feige im Stich gelassen haben, hat er neu berufen und ihnen neuen Mut eingeflößt.
Und für die, die ihn am Kreuz zu Tode quälten, hat er gebetet: Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.
Und so hat er das Böse besiegt. Weil er durch und durch gut war.
Und hier ist der Ansatzpunkt für uns wie wir das Böse überwinden können.
Wenn wir uns ganz eng an Jesus anschließen, wenn wir uns ihm hingeben, dann kann seine Güte in unser Herz einfließen.
Und wenn seine Güte unser Herz ausfüllt, dann prallt der Virus des Bösen daran ab. Dann lassen wir uns vom Bösen nicht beherrschen.
Dann können wir auf das Böse anders reagieren.
Dann können wir es besiegen mit dem Guten.
Das Böse besiegen – sagt Paulus. Also – keinen Waffenstillstand schließen mit dem Bösen. Nicht Kompromisse machen. Nicht das Böse verharmlosen, entschuldigen, verschweigen.
Auch nicht einfach passiv bleiben, alles schlucken, sich ducken vor dem Bösen und es hinnehmen.
Sondern besiegen, überwinden!
Das ist etwas sehr Aktives, Offensives. Dazu brauchen wir Fantasie, Kreativität und den Mut, über den eigenen Schatten zu springen.
Mir erzählte vor ein paar Tagen ein Freund, das er einen Nachbarn hat, der in ganz Cochem als knarzig und schwierig bekannt ist. Als sie dahinzogen, sagte ihm ein Bekannter: „Wenn du den zum Nachbarn hast, dann brauchst du keine Feinde mehr!“ Und es war auch wirklich schwierig. Der Nachbar stänkerte und schimpfte, wo er nur konnte. Und der Freund von mir sagte: Ich hab mich nicht um seine Geschimpfe gekümmert. Ich blieb einfach nett zu ihm, habe seinen Rasen mitgemäht, ihm geholfen. Und allmählich änderte sich seine Stimmung. Er wurde freundlicher. Und jetzt verstehen wir uns prächtig.
Oder ich las von einem Pastor in Asien. Der war von einem seiner Presbyter übel attackiert worden. Vor anderen: „Du kannst nicht ordentlich predigen. Du hast überhaupt kein Führungstalent. Im Grunde bist du ungeeignet für diese Arbeit.“ Das saß wie ein Stachel. Der Pastor redete mit dem Mann kein Wort mehr und konnte nichts Gutes mehr über ihn denken.
Und dann war an einem Sonntag dieser Abschnitt aus dem Römerbrief der Lesungstext. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Während er diese Worte las , hatte er ein Bild vor Augen. Er sah sein Huhn. Das einzige Huhn, was er noch hatte. Gut gefüttert. Ein Prachtexemplar. Das sollte der Weihnachtsbraten werden. Und er sah wie er seinem Feind dieses Huhn als Geschenk bringen sollte.
Er wehrte sich gegen diesen Gedanken mit Händen und Füßen. Aber es ließ ihm keine Ruhe. Am Ende nahm er das Huhn, schrieb einen Zettel dran, auf dem stand: „Die Rache eines Christen“ und dann ging er zu der Familie dieses Presbyters und überreichte ihnen das Huhn als Geschenk. Die waren alle baff erstaunt.
Zwei Tage später kam der Presbyter zu ihm. Unter seinem Arm hatte er ein kleines Schwein. Er räusperte sich verlegen und sagte dann: Also, ich wollte nur sagen, vielen Dank für das Geschenk neulich. Ich wollte mich auch entschuldigen für mein Verhalten und habe gedacht, es wäre doch schön, wenn wir mit diesem Ferkel eine Versöhnungsfeier machen.“
Mit Selbstüberwindung und Fantasie ist da das Böse mit dem Guten besiegt worden.
Nicht immer geht es so gut aus. Wir werden alle Situationen erleben, wo ein Mensch am Bösen festhält. Wo keine Veränderung eintritt auch wenn wir mit Gutem auf das Böse reagieren. Wo Versöhnung nicht möglich ist. Auch Jesus hat das so erlebt.
Überwinde das Böse mit Gutem heißt dann: Halte du am Guten fest, ganz unabhängig davon wie der andere reagiert. Mache dich in deinem Verhalten nicht abhängig von der Reaktion des anderen.
Ein ganz bewegendes Beispiel dafür ist Uwe Holmer. Er war Pfarrer in der früheren DDR, hatte lange eine diakonische Einrichtung für Obdachlose in Lobetal geleitet. Ein Mensch, der viel unter der DDR-Regierung zu leiden hatte. Seine Kinder durften kein Abi machen, weil sie überzeugte Christen waren, durften nicht studieren. Die Familie wurde wegen ihres Glaubens beobachtet und schikaniert.
Dann kam die Wende. Und auf einmal wurde alles anders. Erich Hohnecker trat zurück. Der Mann, vor dem alle gezittert hatten, vor dem alle gebuckelt hatten, der stand auf einmal allein. Er kam ins Krankenhaus. Und als er entlassen wurde, wussten er und seine Frau nicht mehr, wo sie bleiben sollen. Die Dienstwohnung stand ihm nicht mehr zu. In seine private Wohnung traute er sich nicht. Er hatte zu viele Feinde. Die Genossen von früher distanzierten sich von ihm. Keiner wollte mehr etwas mit ihm zu tun haben. Keiner wollte ihn bei sich haben.
Und dann kam die Anfrage an Pfarrer Holmer, ob Ehepaar Honecker bei ihnen wohnen könnte. Sie haben das gut überlegt. In der Gemeinde gab es deswegen große Aufregung. „Wie kann man den nur aufnehmen?!“, sagten sie.
Aber Holmers sagten: Wir können doch nicht beten „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldiger“ und dann Honeckers abweisen! Und so kam es, dass Ehepaar Holmer das Ehepaar Honecker bei sich im Pfarrhaus aufnahmen, Januar 1990. Sie hatten zwei Zimmer unter dem Dach, aßen zusammen, putzten zusammen, machten Spaziergänge.
10 Wochen wohnten Honeckers dort.
Natürlich hätte sich Uwe Holmer gewünscht, dass Honeckers Einsicht zeigen, dass sie das Unrecht anerkennen, das durch sie geschehen ist.
Das ist nicht passiert. Aber es sind Brücken entstanden.
Uwe Holmer hat sich von dem Bösen, dass die DDR-Regierung ausgeübt hat, nicht anstecken lassen, sondern hat es mit Güte, mit Vergebung beantwortet und so für sich überwunden.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Was heißt das für uns?
Was bedeutet es für dich??
Wo stehst du in der Gefahr, dich vom Bösen infizieren zu lassen? ...
Wo stehst du in Gefahr, auf Böses böse zu reagieren? ...
Wie könnte eine andere Reaktion aussehen? ...
Gott mutet uns mit dieser Jahreslosung etwas zu, was für uns Menschen unmöglich ist.
Aber mit Jesus, an seiner Hand und getränkt von seiner Liebe, werden wir uns nicht vom Bösen anstecken lassen, sondern werden in diesem neuen Jahr das Böse mit Gutem besiegen!
Amen.
Steffen Tiemann | Ulmen, 02.01.2011
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