Predigten
Segen
Liebe Geschwister,
das Jahr 2012 ist noch ziemlich neu. Wahrscheinlich habt Ihr auch in den letzten 3 Wochen ziemlich vielen Leuten „ein gutes, neues Jahr“ gewünscht. Vielleicht habt Ihr auch gesagt: „Ich wünsche dir ein gesegnetes neues Jahr“. Oder: „Alles Gute und Gottes Segen“.
Wenn Ihr an „Segen“ denkt, an ein „gesegnetes Jahr“ – was für Inhalte verbindet Ihr damit? ...
Meistens denken wir dabei an Gesundheit (Hauptsache gesund!), an Gelingen, an Erfolg, an Harmonie in den Beziehungen, an Glück und Frieden.
Und das alles gehört ja auch zum Segen dazu. Und ich wünsche es mir und jedem.
Aber manchmal sieht der Segen Gottes auch ganz anders aus, anders als wir uns das vorstellen und wünschen.
Ich möchte mich heute mit dem Jakob beschäftigen. Denn in seinem Leben dreht sich alles um den Segen.
Wir haben ja eben in dem Quiz so ein paar Eckdaten aus seinem Leben mitbekommen:
Jakob, der Sohn von Isaak und Rebekka.
Der Zwillingsbruder von Esau.
Vater von 12 Söhnen, die die Stämme Israels bilden.
Ein großer, bedeutender Mann der Bibel.
Aber er wird in der Bibel überhaupt nicht als Held beschrieben. Er wird nicht verklärt. Das ist das Tolle an der Bibel. Die beschreibt die Menschen wie sie wirklich sind. Und was sie über Jakob sagt, das ist wirklich nicht schmeichelhaft.
Er ist ein Muttersöhnchen, der lieber Suppe kocht als auf die Jagd geht. Ein ziemlicher Feigling. Dazu irgendwie falsch. Seinen Namen Jakob kann man übersetzen als „Fersenhalter“. Und das trifft seinen Charakter ziemlich genau. Sein Zwillingsbruder Esau kam zuerst aus dem Mutterbauch. Und damit galt er als der Erstgeborene, der, dem der besondere Segen des Volkes zusteht.
Aber Jakob hat seinen Bruder zwei Mal betrogen: um das Erstgeburtsrecht und um den Segen.
Er flieht vor Esau, flieht nach Mesopotamien, in die Heimat der Vorfahren. Da geht die Trickserei weiter: Er bekommt Arbeit bei Laban, einem Verwandten und will dessen Tochter Rahel heiraten. Aber diesmal wird er betrogen, von Laban, arbeitet jahrelang umsonst. Aber mit viel List und Tücke verschafft er sich Reichtum und Wohlstand. Er erlebt: Trotz all der miesen Tricks – Gott segnet mich. Er wird ein reicher Mann, bekommt dort 11 von seinen 12 Söhnen, hat eine große Familie und viel Vieh, so dass Laban ganz neidisch wird.
Nun hat Jakob den Eindruck: Es ist Zeit, hier abzuhauen und zurück zu gehen. Nach vielen Jahren kehrt er nach Kanaan zurück.
Er weiß aber natürlich: Da ist noch eine offene Rechnung. Die Sache mit Esau. Sein Betrug. Seine Schuld. Mögliche Rache.
Und jetzt kommt er an den Grenzfluss, den Jabbok. Er hat schon gehört, dass Esau ihm entgegenkommt. Und Jakob hat die Hosen gestrichen voll. Jetzt steht sein Leben, steht der ganze Segen, den er von Gott empfangen hat, auf Messers Schneide. Hinter ihm Laban. Zu dem will er nicht mehr. Vor ihm Esau, von dem er das Schlimmste befürchtet. Er bringt seine Herden, seine Familie über den Jabbok. Und er bleibt allein auf dieser Seite des Flusses zurück. Es ist Nacht. Er will sich auf die Begegnung mit Esau vorbereiten, Kräfte sammeln.
Und dann passiert etwas ganz Merkwürdiges. Eine geheimnisvolle Begegnung in der Dunkelheit.
So dunkel wie die Nacht in der Geschichte, so dunkel und unklar ist das, was hier eigentlich passiert. Das ist wirklich rätselhaft. Eine Nachtgeschichte. Geheimnisvoll und befremdlich. Aber sie ist tief. Und je tiefer wir da hineinsteigen, desto deutlicher sehen wir uns selber in dieser Geschichte.
Ich will versuchen, sie in drei Schritten nachzuzeichnen.
Das erste:
Kampf in der Dunkelheit.
Jakob wird plötzlich angegriffen. „Da rang ein Mann mit ihm“. Ein intensiver Ringkampf. Jakob weiß erst überhaupt nicht, wer das ist, der da mit ihm kämpft. Ist das ein Räuber? Ein Dämon? Irgendeine dunkle, unerkennbare Gestalt.
Aber im Laufe des Kampfes dämmert es dem Jakob, dass in irgendeiner Weise Gott hinter dieser Gestalt steckt. Ich weiß nicht wie er das bemerkt hat. Irgendwie wurde ihm das deutlich. Nachher wird er sagen: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen.“
Aber wie merkwürdig. So hatte er Gott bisher noch nie erlebt. Das passte nicht in sein Gottesbild. Bisher hatte er Gott immer nur als den erlebt, der segnet. Der ihm Gutes tut und beschützt. Ein „lieber“ Gott, ein Gott des Sonnenscheins. Und jetzt so etwas:
Ein Gott, der in der Dunkelheit erscheint. Der ihm Leid und Schmerz zufügt. Auf einmal ist Gott so irritierend fremd!
Vielleicht habt Ihr das auch schon mal erlebt: Dass einem Gott so fremd vorkommt. Dass er dir nicht im Sonnenschein begegnet, sondern in der Dunkelheit. Wo Du Leid erlebst, Hindernisse, Kämpfe, Rückschläge. Und du fragst dich: wo kommt das denn jetzt her? Habe ich jetzt einfach nur eine Pechsträhne? Oder hat der Teufel seine Hand im Spiel? Das kann doch nicht Gott sein, der mir da begegnet! Oder doch? So kenne ich ihn doch gar nicht!
Und erst im Laufe des Kämpfens, vielleicht sogar erst im Nachhinein wird uns klar: Es war wirklich Gott, der mir da begegnet ist in der Dunkelheit. Der mit mir ringt. Der mir Leid zumutet und Schmerzen und Kampf.
Und dann zerbricht möglicherweise unser naives Gottesbild und wir begreifen: Gott ist nicht nett. Er ist kein gütiger Opa, der uns immer nur mit schönen Sachen beschenkt.
Die Bibel redet in einer anderen Weise von Gott:
Er liebt uns. Ja. Aber seine Liebe ist keine Nettigkeit. Sondern sie ist tief und leidenschaftlich und brennend. Er beschenkt uns nicht nur, sondern er beansprucht unser Leben.
Lasst uns nicht zu naiv, zu seicht von Gott denken.
Manchmal ist Gott uns einfach fremd.
Manchmal stellt er sich uns in den Weg und ringt mit uns.
Hindert uns, behindert uns, macht es uns schwer.
Aber nie, um uns zu schaden, sondern um unser Leben zu verändern, zu vertiefen, um tiefer mit uns in Kontakt zu kommen.
Gott – ein Ringkämpfer in der Dunkelheit.
Wie reagiert nun der Jakob darauf?
Das ist der zweite Schritt in dieser Geschichte. Ich nenne es:
Abgerungener Segen.
Der Ringkampf zieht sich hin.
Als es dämmert, will der Fremde gehen.
Aber jetzt wird es total interessant: Statt froh zu sein, dass die dunkle Gestalt endlich verschwindet, sagt Jakob: Nein! Ich lasse dich nicht los, wenn du mir nicht Segen schenkst! Wunderbar einprägsam von Luther übersetzt: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“
Das ist doch erstaunlich!
Jakob kämpft. Er kämpft um den Segen. Er spürt hier schon, dass Gott hinter dieser seltsamen Gestalt steckt und weiß: Da muss ein Segen für mich drin sein. Wenn Gott hier mit mir kämpft, dann wird auch hier, auch im Kampf und Leid und Schmerz, ein Segen liegen.
Und so sagt er zu Gott: Ich lasse dich nicht los! Ich klammere mich an dir fest bis du mich segnest!
Ich finde das ungeheuer beeindruckend! So kann man mit Gott reden! Der alte Jakob gibt uns hier ein Modell wie wir beten können.
Ich erlebe, dass Menschen ganz unterschiedlich reagieren, wenn sie mit Leid konfrontiert werden. Manche lassen sich durch das Leid von Gott wegziehen. Das, was sie da erleben, passt nicht zu ihrem Glauben. Und sie verlieren den Draht zu Gott. Sie hören auf, mit Gott zu sprechen, weil sie von ihm enttäuscht sind. Sie kommen nicht mehr zum Gottesdienst, ziehen sich zurück, werden bitter oder suchen woanders Trost.
Und andere, die werden durch das Leid in ihrem Glauben tiefer, echter, stärker. Das Leid treibt sie ins Gespräch mit Gott. Sie bohren bei ihm nach, klagen vor ihm, wollen etwas hören von ihm, lesen in der Bibel, suchen Gemeinschaft mit anderen Gläubigen.
Wie ist das bei Euch?
Wie bist du bisher mit Leid umgegangen? Hat dich das von Gott weggezogen oder näher zu ihm hingetrieben? ...
Die Geschichte von Jakob macht Mut: Halte Gott fest! Lasse ihn nicht los! Auch dann nicht, wenn er dir als Kämpfer in der Nacht erscheint! Auch dann nicht, wenn er dir Leid und Schmerz und Behinderung zumutet!
Auch darin liegt ein Segen für dich bereit. Aber nur, wenn du ihn festhältst!
Anscheinend will sich Gott manchmal seinen Segen von uns regelrecht abringen lassen. Und nur wenn wir kämpfen, wenn wir ihn festhalten, wenn wir ihn behaften auf seine Zusagen, um seinen Segen ringen und bitten, nur dann gibt er uns diesen Segen.
Genau so sagt das Jesus. Er erzählt einmal ein Gleichnis wie wir beten sollen. Erzählt von einer Witwe, die zu einem Richter geht und ihm sagt: Sorge du für mein Recht. Und der Richter weigert sich. Er hat keine Lust sich um diese Witwe zu kümmern. Aber die Frau kommt jeden Tag zu ihm und zetert und bettelt und schimpft, bis der Richter schließlich einwilligt.
Und Jesus sagt: Betet so beharrlich! Ringt mit Gott um seinen Segen!
Laßt nicht los!
„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ Das ist einer der Schlüsselsätze der Bibel. Ein Schlüsselsatz des Glaubens!
1. Mose 32, 27. Streicht ihn euch doch in eurer Bibel an und prägt ihn euch: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“
Und dann noch ein dritter Schritt in dieser Geschichte:
Ein schwacher Starker.
Der Unbekannte fragt Jakob: Wie heißt du? Nicht, weil er es nicht weiß, sondern damit Jakob es ausspricht:
Ich bin Jakob. Ich bin der Fersenhalter, der Betrüger, der Fuchs.
Es ist wie eine Beichte. Und alles, was passiert ist mit Esau und Isaak und Laban steht noch einmal vor ihm.
Und dann sagt Gott zu ihm: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel.“
Name bedeutet in der Bibel immer Identität. Jakob bekommt eine neue Identität. Er wird durch diesen Kampf mit Gott verändert.
Gott sagt ihm zu: Du bist kein Fersenhalter mehr. Kein Betrüger, kein hinterlistiger Feigling. Du bist Israel. Und Israel bedeutet: Gotteskämpfer!
Du bist kein kleiner Trickser mehr, Jakob. Du bist stark. Du bist ein Gotteskämpfer.
Und so segnet Gott ihn.
Er segnet ihn auf diese Weise.
Durch diesen Kampf.
Durch eine ausgerenkte Hüfte.
Jakob geht behindert aus diesem Kampf heraus: Hinkend, voll Schmerzen. Schwach. Er ist nicht mehr der Starke. Nicht mehr der flinke Fuchs. Er kann jetzt keinem mehr davonlaufen.
Gott hat Jakob gesegnet, indem er ihn schwach gemacht hat.
Wir denken leicht: Wenn Gott uns segnet, dann bedeutet das, dass wir stark werden und gesund und alles leicht wird und glatt geht und Konflikte verschwinden.
Aber oft segnet uns Gott auf ganz paradoxe Weise.
Er macht uns stark, indem er uns schwach macht.
Er läßt unser Vertrauen wachsen, indem wir Schwierigkeiten erleben.
Er vertieft unsere Liebe durch Leid und Konflikte.
Er macht uns Weise, indem er uns in Probleme stürzt.
Die Jahreslosung für dieses neue Jahr paßt haargenau zu dieser Geschichte.
Paulus hatte auch eine Behinderung. Einen „Stachel im Fleisch“. Wir wissen nicht, was das war. Vielleicht eine Krankheit oder ein Schmerz.
Und Paulus betet, dass der Herr das wegnimmt. Immer wieder.
Aber dann sagt der Herr zu ihm: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Manchmal stehen wir Gott im Weg mit unserer Kraft, mit unserer Schlauheit, mit unserem Gefühl: Ich weiß Bescheid. Ich weiß, was richtig ist. Ich krieg das schon hin.
Und erst wenn wir mit unserer Kraft und mit unserer Weisheit am Ende sind, wenn wir nicht mehr können, erst dann lassen wir Gott wirklich wirken.
Wenn wir schwach sind, dann kann Gottes Kraft sich in unserem Leben entfalten. Dann kann er uns mit seiner Weisheit inspirieren, uns mit seiner Liebe füllen, uns mit seiner Kraft stärken.
Der neue Jakob ist ein schwacher Jakob. Aber ihm ist die Sonne aufgegangen:
„Als er am Pnuel vorbeikam ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.“
Die Nacht ist vorbei. Und wir sehen einen Jakob, der hinkend der aufgehenden Sonne entgegengeht.
Schwach und gesegnet.
Der große Unbekannte – ein Schatten.
Schwarz, aber doch nicht beängstigend.
Der Ringkampf sieht nicht aus wie ein Kampf, eher wie eine liebevolle Umarmung.
Jakob hält sich fest an ihm, er klammert sich an ihm. Ist geborgen in seinen Armen.
Von dem Unbekannten sieht man nur die Hände klar:
Eine Hand liegt auf der Hüfte: Ja, Gott legt Schmerzen auf, behindert, beschränkt. Die Füße Jakobs geben keinen Halt mehr. Kein fester Stand.
Doch die andere Hand Gottes liegt auf dem Kopf. Gott segnet.
Und Jakob hält diese segnende Hand Gottes fest als wolle er sagen: Lass sie so! Halte deinen Segen über mir.
Gott segnet , indem er uns schwach macht.
Und weil Jakob schwach ist, klammert er sich um so fester an Gott.
Und so wird er stark. Wird ein Gotteskämpfer. Wird Israel.
Ich wünsche Euch das so: dass ihr an Gott festhaltet, auch wenn er euch Schweres zumutet.
Und dass ihr wie Jakob um seinen Segen ringt.
Und dann erlebt, dass seine Kraft in unserer Schwachheit zur Geltung kommt.
Amen.
Steffen Tiemann | 22.01.2012
...zurück zum Seitenanfang