Predigten
Unser tägliches Brot gib uns heute
Ich habe ein Jahr lang in einem Dorf in Tansania gelebt. Da gab es eine ältere Frau, die für mich gekocht hat, Mama Elisa. Sie war Witwe, hatte 8 Kinder. Und sie war wirklich arm. Sie hatte kein Feld, um sich Nahrung anzubauen. Sie hatte keinen Besitz, kein Konto mit Geld drauf, keine Verwandten, die sie unterstützten. Vom Staat gibt es dort sowieso nichts. Sie lebte wirklich von der Hand in den Mund, von kleinen Jobs und Diensten. Mama Elisa war Christin. Und jeden Morgen setzte sie sich mit ihren Kindern hin und betete. Betete um Gottes Versorgung für den Tag. Betete das Vater unser. Und sie sagte mir mal: Gott hat mir immer das tägliche Brot gegeben. Und er wird mich auch weiter versorgen.
Wenn Mama Elisa betete: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ – dann war das für sie eine sehr ernste, wörtliche Bitte. Sie betete es ganz bewusst. Weil sie keinen Vorrat hatte, keine Sicherungen. Weil sie ganz auf Gottes Versorgen angewiesen war.
Uns geht das ja anders. Wir haben unsere Sicherungen. Die meisten von uns kriegen ein Gehalt oder eine Rente, zur Not gibt es vom Staat Arbeitslosengeld oder Hartz IV. (noch! Wer weiß wie lange?!)
Ich weiß nicht, wer von euch mal wirklichen Mangel an Brot erlebt hat.
Habt Ihr das? Vielleicht in der Nachkriegszeit, wo ja viele Hunger litten.
Aber das ist lange her.
Ich selber habe nie Mangel erlebt. Und darum bete ich diese Bitte um das tägliche Brot ganz anders als Mama Elisa, oberflächlich, unbewusst, ohne Ernsthaftigkeit.
Weil ich das Gefühl habe, dass das tägliche Brot eine Selbstverständlichkeit ist. Weil ich abgesichert bin.
Aber unsere Sicherungen können plötzlich einstürzen.
Wir haben gerade erlebt, wie Banken und sogar Staaten Pleite gehen können. Manche von euch haben erlebt, dass man plötzlich aus einem sicheren Job rausgekickt wird in die Arbeitslosigkeit. Oder wie eine Krankheit oder ein Unfall oder eine Trennung uns aus den Sicherungen herausreißt. Und auf einmal wissen wir nicht mehr, wovon wir morgen leben werden.
Wir können unser Leben nicht wirklich absichern. Und alle unsere Sicherungssysteme verschleiern eigentlich nur, dass wir letztlich von einem anderen abhängig sind: Von Gott und seiner Versorgung.
Wenn man erlebt, dass die eigenen Sicherungsnetze zerreißen, dann betet man diese Bitte ganz anders. Dann merkt man erst, wie zentral, wie wichtig die ist.
Die Bitte um das tägliche Brot steht genau in der Mitte des Vater Unsers. Sie steht nicht am Rand, ist kein Anhängsel: Ach ja, das auch noch. Sondern sie steht im Zentrum.
Und das zeigt doch: Gott nimmt unsere leiblichen Bedürfnisse ganz ernst. Der Gott, der sich in Jesus gezeigt hat, ist nicht nur für unsere Seele, sondern auch für den Bauch zuständig.
Es gibt ja so eine Tendenz in unserer Gesellschaft, dass man Gott in den Bereich des Spirituellen, Geistigen abschiebt. Gott ist für das Innerliche da, für die seelischen Nöte und für Moral. Aber das Handfeste, Reale, Körperliche – damit hat er nichts zu tun.
Jesus zeigt uns Gott ganz anders. Er ist ein Gott, der auch für das Brot zuständig ist. Der nicht hoch über uns schwebt, sondern mitten im Leben ist. Er guckt mit in unseren Kühlschrank und auf unseren Teller. Und er weiß ganz genau, was du brauchst.
Und darum können wir ihn bitten um diese ganz alltäglichen, materiellen Sachen.
Aber wie? Wie und was sollen wir da von Gott erbitten?
Das zeigt uns Jesus mit dieser Bitte. Und wir werden sehen, dass da jedes Wort voll Tiefe ist.
Ich möchte diese Bitte mit euch jetzt einmal Wort für Wort durchgehen:
Unser tägliches Brot gibt uns heute.
Fangen wir vorne an:
Unser. Nicht „mein Brot gib mir heute“, sondern „unser Brot gib uns heute“.
Dieses kleine Wort „unser“ enthüllt eine ganze Weltsicht!
Jesus sieht uns Menschen nie nur als Einzelwesen, sondern als Gemeinschaft: Eine Gemeinschaft von Geschwistern, die zusammen ihren Vater anrufen, die ihn gemeinsam um das Brot bitten.
Und indem Jesus uns diese Bitte so in den Mund legt, will er uns genau das lehren: Denke nicht nur an deinen Magen, sondern denke auch an deine Geschwister und ihre Bedürfnisse! Denke im „Wir“ und nicht nur im „Ich“!
Tust du das?
Wenn ich dieses „unser“ ernst nehme, dann heißt das ja auch: Das Brot, das ich habe, das ich von Gott bekomme, gehört nicht nur mir.
Es ist „unser“ Brot, das auch meinen Geschwistern und Mitmenschen gehört. Jesus wirft mit dem „Unser“ die Besitzverhältnisse ziemlich durcheinander. Was Gott gibt, das gehört allen.
Und damit ist das „unser“ eine Aufforderung zum Teilen.
Brot für die Welt! Teile, was Gott dir gibt, mit den Menschen, die bedürftig sind! Teile es mit denen, die auch den Vater um Brot bitten!
Merkt Ihr, was dieses kleine Wort „unser“ für eine Sprengkraft hat?!
Und auch das nächste Wort ist wuchtig:
Unser
tägliches Brot! Täglich!
Das Wort, das hier im griechischen Urtext steht, ist schwer zu fassen, weil es in der ganzen griechischen Literatur sonst nicht vorkommt. Es bedeutet wohl so etwas wie: das, was ich für den Lebensunterhalt brauche. Es ist eine Mengenangabe. Die Tagesration.
Wir beten also nicht: Gib mir heute genug für die ganze Woche!
Das wäre uns ja eigentlich viel lieber, oder? Den Kühlschrank voll für die ganze Woche. Dann braucht man sich keine Sorgen machen.
So sind wir Menschen ja gestrickt. Wir wollen lieber Sicherheit als Vertrauen müssen.
Als das Volk Israel in der Wüste war, nach dem Auszug aus Ägypten, da hat Gott sie mit Manna versorgt. Das war dieses merkwürdige Wüstenbrot. Forscher vermuten, dass das der Saft von Schildläusen ist, der zu einer brotähnlichen Substanz getrocknet ist. Jedenfalls hatte Gott den Israeliten gesagt: Sammelt davon immer nur eine Tagesportion. Natürlich hielten sich manche nicht daran. Sie scheffelten mehr. „Wer weiß, ob Gott uns das morgen wieder geben wird!“ Sie wollten Sicherheit statt Vertrauen. Aber das Zeug wurde schlecht und sie hatten nichts davon. Das Manna war so beschaffen, dass man es wirklich nur als tägliches Brot aufheben konnte. Und so lernten die Israeliten, Gott zu vertrauen. Tag für Tag neu vertrauen. Tag für Tag erleben, dass Gott wieder versorgt!
Wir leben in einer völlig anderen Situation. Wir haben Kühlschränke und Gefriertruhen. Wir können Lebensmittel für Wochen horten. Und wir wissen ganz genau: Beim ALDI gibt es immer etwas.
Wir brauchen ja gar nicht vertrauen!
Vielleicht ist das ja der Grund, warum der Glaube in den reichen Ländern so schwach entwickelt ist und in den armen Ländern so lebendig ist.
Vertrauen ist ja auch eine Übungssache.
Mein Vertrauen auf Gott wächst und wird stark, wenn ich Vertrauensschritte wage und dann erfahre: Ja, Gott ist wirklich da und hilft. Dann kann ich einen neuen Vertrauensschritt gehen. Und so wird das Vertrauen allmählich größer.
Für arme Menschen wie Mama Elisa ist die Bitte um das tägliche Brot eine tägliche Vertrauensübung. Und so wächst ihr Vertrauen zu Gott.
Uns fehlt das. Weil wir so reich und abgesichert sind. Dieses tägliche Angewiesensein auf Gott – das erleben wir ja nicht. Vertrauen brauchen wir vielleicht in besonderen Lebenssituationen, in Krisen oder bei wichtigen Entscheidungen. Aber uns fehlt die tägliche Übung. Darum ist unser Glaube so schlaff. Wie ein untrainierter Muskel.
So ist der Reichtum und die Sicherungssysteme, die wir haben, ein Segen. Aber auch ein Problem.
Können wir überhaupt Vertrauen auf Gott lernen? Können wir Vertrauen lernen, ohne unser gesellschaftliches System zu verlassen? Und wenn ja, wie?
Ich kann das hier leider nur andeuten, aber ich glaube, das ist eine wichtige Frage, über die man intensiv nachdenken müsste!!
Aber jetzt müssen wir weitergehen zum nächsten Wort in unserer Bitte:
„Unser tägliches
Brot!“
Wir bitten nicht: „Unser tägliches Steak!“.
Wir bitten nicht um Luxusgüter. Sondern um Brot.
Brot – das Grundnahrungsmittel. Und dieses Brot steht stellvertretend für das, was wir zum Leben brauchen. Das Lebensmittel.
Indem Jesus uns diese Bitte in den Mund legt, lehrt er uns Bescheidenheit. Maß halten.
Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“
Es ist überhaupt kein Problem, die Weltbevölkerung mit Brot zu versorgen. Jeder könnte genug haben. Niemand auf der Welt bräuchte zu hungern.
Es ist die Maßlosigkeit, die Gier, die dazu führt, dass einige viel haben und viele andere zu wenig.
Weil einige immer reicher werden wollen , wetten sie an den Börsen auf Grundnahrungsmittel. Auf Reis zum Beispiel. Was dazu führt, dass der Reispreis in die Höhe schnellt und arme Menschen sich den Reis nicht mehr leisten können.
Weil einige Menschen ihr tägliches Fleisch haben wollen, werden riesige Viehweiden angelegt, wo sonst Getreide wachsen würde. So werden die Steaks für die Reichen produziert statt Brot für die Armen.
Ich habe überhaupt nichts gegen Fleisch und Luxusgüter. Aber wir brauchen Maß. Wir brauchen Mäßigung. Damit nicht andere an unserer Gier zu Grunde gehen.
Mit der Bitte um Brot lehrt uns Jesus Bescheidenheit.
Das nächste Wort:
„Unser tägliches Brot
gib uns“.
Wir bitten Gott: Gib uns! Weil Gott der Geber ist.
Gott gibt uns Brot und alles andere, was wir zum Leben brauchen.
Natürlich gibt er es uns nicht direkt in die Hand. Es fällt nicht vom Himmel. Aber er lässt es wachsen.
Natürlich müssen wir dafür arbeiten: „Im Schweiße unseres Angesichts sollst du dein Brot essen.“ Aber Gott gibt uns die Kraft und Fähigkeit zum Arbeiten.
Ein Mensch, der behauptet: „Ich verdiene mir mein Brot selber. Ich brauche Gott nicht dafür“, der ist naiv. So naiv wie einer der sagt: „Ich kriege den Strom aus der Steckdose. Ich brauche die EVM nicht.“
Gott ist die Quelle. Ohne ihn läuft gar nichts (Monikas Bericht). Er gibt uns das Brot. Und darum können wir und sollen wir ihn auch darum bitten.
Was passiert, wenn wir so beten? Was bewirkt das bei uns?
Uns wird dadurch bewusst wie abhängig wir von Gott sind. Trotz allem Reichtum und allen Sicherheiten. Wenn wir diese Bitte bewusst beten, dann begreifen wir: Gott ist es, der mir das Leben schenkt. Der mich im Leben hält. Der mich versorgt wie ein Vater sein Kind. Von ihm bin ich abhängig. Und das ist gut so!
Der frühere bayrische Bischof Hermann Bezzel hat einmal gesagt: Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu begreifen.
Wir entdecken unsere Abhängigkeit von Gott, wenn wir so beten.
Aber gleichzeitig passiert noch etwas: Indem Maße, wie uns unsere Abhängigkeit von Gott bewusst wird, in dem gleichen Maße werden wir unabhängig von den Menschen.
Brot schafft ja auch Abhängigkeiten. Man nennt ja nicht umsonst den Arbeitgeber auch den „Brotgeber“. Und das Sprichwort sagt: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“
Viele Menschen, vielleicht auch manche von euch, fühlen sich abhängig von ihrem Arbeitgeber.
Wir haben ja erst kürzlich in unserem Kreis erlebt wie Angestellte ihren Chef decken und vor Gericht Falschaussagen zu Gunsten ihres Chefs, nur aus Angst davor, ihren Job zu verlieren.
Manche Arbeitgeber nutzen die Abhängigkeit ihrer Angestellten aus und wollen sie zu Sachen zwingen, die sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können. Aber sie haben das Gefühl: Ich muss es tun. Er ist ja mein Chef.
Wenn wir die Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ ernst nehmen, dann entdecken wir: Gott ist meine Lebensquelle. Er gibt mir das Brot. Er steht über dem Chef. Nur von ihm bin ich abhängig.
Und darum kannst du innerlich unabhängig sein deinem Arbeitgeber gegenüber. Niemand, auch kein Chef, darf dich zwingen Dinge zu tun, die dein Gewissen belasten, die dich verbiegen oder deine Familie zerstören.
Wer sich von Gott abhängig weiß, der bekommt Rückgrat seinem Arbeitergeber gegenüber. Der zeigt Respekt. Der strengt sich an, aber er muss nicht buckeln.
Das letzte Wort noch ganz kurz:
Heute. Unser tägliches Brot gib uns heute.
Dieses kleine Wort zeigt: Das Vater unser ist als tägliches Gebet gedacht. Genau genommen: als tägliches Morgengebet. Denn jeden Morgen brauchen wir das Brot für heute. Oder?
Warum gewöhnen wir uns das nicht an: Das Vater unser tatsächlich jeden Tag, jeden Morgen zu beten. Zum Beispiel als Abschluss unseres Morgengebets?
Wenn wir es täglich beten, ganz bewusst, dann werden wir immer tiefer hinein wachsen und immer mehr den Reichtum dieses Gebetes entdecken.
Amen.
Steffen Tiemann | Cochem und Karden, 26/27.06.2010
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