Evangelische Kirchengemeinde Cochem

Predigten

T-Türen auf für Jesus-Advent!


Liebe Geschwister,

Advent ist die Zeit zum Türen öffnen. Wer so einen schönen Adventskalender hat, der darf jeden Tag eine neue Türe aufmachen. Und das ist schon toll – jeden Morgen mit großer Spannung eine weitere Tür zu öffnen und den Inhalt zu genießen! Für Kinder – und sogar für uns Erwachsene hat das ja noch seinen Reiz.

Advent bedeutet aber nicht nur, Türen im Kalender aufmachen, sondern eigene Türen aufmachen.

Und das ist eine Sache, die einen ganz anderen Reiz hat.

Vor ein paar Tagen klingelte es bei uns an der Haustür. Ein fremder junger Mann stand davor. Er kam im Auftrag der Bahn. Unter unserem Haus läuft ja der neue Tunnel her und jetzt schickte die Bahn jemanden, um mögliche Schäden aufzunehmen. „Ja also“, sagt er, „ich müßte jetzt mal mit ihnen durch ihr Haus gehen und mir alles angucken.“ Der Mensch war ganz sympathisch und das war auch so angekündigt worden und in Ordnung – und doch – als der zu uns rein wollte – das war ein etwas mulmiges Gefühl. Er wollte eben nicht nur ins Büro oder ins Wohnzimmer, sondern das ganze Haus inspizieren. Und so sind wir durchgegangen. Sämtliche Zimmertüren wurden geöffnet und alles genau betrachtet. Ich wußte: Die Betten sind gemacht und es sieht auch einigermaßen ordentlich aus – aber trotzdem – es war komisch, einen Fremden in unser Schlafzimmmer und ins Bad und in die letzten Kellerräume zu führen. Auch wenn der sich gar nicht für unsere Staubflecken oder Schmutzwäsche interessiert, sondern nur für Risse in der Wand – es war doch so ein Eindringen in unsere Privatsphäre. Könnt Ihr das nachempfinden?

Die Türen zu unseren Privaträumen machen wir nicht so gerne und nicht jedem auf.

Und jetzt kommen wir zum Advent. Advent bedeutet ja: Die Türen aufmachen für Jesus.

Wir haben das eben in der Lesung gehört. Der Einzug von Jesus in Jerusalem ist ein Adventstext. Denn die Christen haben entdeckt: Was da am Palmsonntag passiert ist, das ist wie ein real geschehenes Gleichnis:

Jesus kommt zu den Menschen. Und die nehmen ihn auf. Wie Jesus in Jerusalem einzieht, so will er in unser Leben einziehen. Und wie die Menschen ihm begeistert die Türen und Tore öffnen, so sollen wir ihm unser Leben öffnen.

Der Evangelist Johannes beschreibt in der Einleitung zu seinem Evangelium wie Gott in Jesus Mensch wurde und dann sagt er: „Er kam in sein Eigentum. Und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Aber alle, die ihn aufnahmen, bekamen das Recht, Gottes Kinder zu werden.“ (Joh. 1, 11-12)

Advent heißt: Jesus will zu dir. Er will in dein Leben kommen. Wie der Mann von der Bahn vor unserem Haus stand und hinein wollte, so steht Jesus vor deinem Lebenshaus und will hinein. Machst Du ihm die Türe auf?

Manche von Euch stehen vielleicht in ihrem Leben an einem Punkt, wo sie merken: Es ist Zeit ihn reinzulassen. Du glaubst, dass es Jesus gibt. Und dass er von Gott kommt. Und dass er eigentlich eine wichtige Rolle in deinem Leben spielen sollte. Aber du hast ihn noch nie wirklich in dein Leben eingeladen. Hast ihm noch nie die Tür zu deinem Lebenshaus aufgemacht, sondern hast ihn bisher immer nur vor der Tür stehen gelassen. Dann ist es vielleicht an der Zeit, dir einen Ruck zu geben und die Tür endlich aufzumachen und ihm zu sagen: Jesus, ich lade dich in mein Leben ein! Komm!

Und andere von Euch haben diesen Schritt getan. Irgendwann habt Ihr Jesus bewusst in euer Leben hineingelassen. Aber wie geht es jetzt weiter? In welche Zimmer deines Lebenshauses, in welche Bereiche deines Lebens darf er hinein? Und was heißt das konkret?

Ich will mal versuchen, das etwas anschaulich zu machen. Und werde dabei gleichzeitig ein bißchen erzählen wie das bei mir war:

(Auf Pinwand zeichnen: Umriss Lebenshaus mit Zimmern)

Ich hatte als Jugendlicher Jesus die Tür in mein Lebenshaus geöffnet. Er wurde mein Gast. Natürlich ließ ich meinen Gast nicht im Flur stehen.

Sondern machte die Türe auf zum Gästezimmer. Da durfte Jesus bleiben. Als Dauergast. Wenn ich Zeit hatte, ging ich zu ihm und redete mit ihm. Und nach einer Weile ging ich wieder raus und ließ ihn im Gästezimmer zurück.

Aber so nach und nach machte er mir bei unseren Gesprächen deutlich: „Mein Kind, ich möchte eigentlich etwas anderes sein als nur dein Gast. Ich würde gerne das Leben mit dir teilen und in allen Bereichen deines Lebens dabei sein. Willst du mich nicht mitnehmen in die anderen Zimmer deines Lebenshauses?

Ich hatte ein etwas mulmiges Gefühl. So ähnlich wie bei dem Mann vo der Bahn. Die Vorstellung, Jesus die Türen zu meinen anderen Lebensbereichen zu öffnen, machte mich unruhig und unsicher. Aber eigentlich glaubte ich ja, dass Jesus es gut mit mir meint. Und so sagte ich ihm zögernd: Ja, gut. Wenn du willst. Und so gingen wir zusammen durch mein Lebenshaus.

Ich machte ihm die Tür zur Küche auf. Dem Ort meiner Genüsse, meines Konsums. Jesus schaute sich die Regale und Vorratsschränke an und fragte freundlich: Wovon ernährst Du Dich so? Womit ernährst du deinen Körper? Womit ernährst Du deinen Verstand? Womit fütterst Du deine Fantasie? Tut dir das alles gut? Ich schaute mich um. Bei manchen Sachen merkte ich: Das passt hier nicht mehr hin. Das tut mir nicht gut. Und ich nahm sie aus dem Regal.

Jesus sagte: Ich würde gerne mit dir zusammen überlegen, was für Nahrung deinem Körper und deinem Geist guttut. Sollen wir das? Ja, Jesus, das will ich.

Dann gingen wir weiter. Ich machte die Türe auf zum Wohnzimmer. Es ist der Ort meiner Beziehungen, meiner Familie und meiner Freundschaften. Jesus sagte zu mir: Wenn du willst, helfe ich dir dabei, deine Beziehungen zu pflegen. Ich kann dir helfen, gute Freundschaften zu entwickeln. Die Konflikte in deiner Familie zu lösen. Ich bringe dir auch bei, zu vergeben und um Vergebung zu bitten. Willst du das? Ich will’s versuchen, Jesus. Du darfst jedenfalls immer hier in mein Wohnzimmer kommen. Ich möchte dich dabei haben in meinen Beziehungen.

Dann machte ich ihm die Türe auf zu meinem Schlafzimmer, dem Ort, wo ich ausruhe. Dem Ort, wo ich meine Sexualität auslebe oder eben nicht ausleben kann. Nur zögernd ließ ich Jesus da hinein. Aber an seinem Gesicht merkte ich, dass er nicht mit Neugier kommt und auch nicht, um mich zu kritisieren. Er machte mir deutlich: Wir können über deine Sexualität offen reden, über deine Wünsche und Sehnsüchte. Über deine Schuld. Ich möchte auch diesen Bereich deines Lebens heil und gut machen, so wie sich dein Schöpfer das gedacht hat.

Es gab noch mehr Türen in meinem Haus. Zum Beispiel das Badezimmer. Wir standen zusammen vor dem Spiegel. Und es war merkwürdig: Zusammen mit Jesus konnte ich anders in den Spiegel schauen. Ich konnte mich selbst mit anderen Augen sehen: so wie ich bin – von Gott geschaffen. Mit allen Makeln, die ich habe – und doch wunderbar gemacht. Und ich merkte: Ich brauche mich wegen meinem Aussehen nicht zu schämen. Ich muss mich auch nicht mit dollen Klamotten oder Frisuren aufmotzen, sondern kann Ja sagen zu meinem Körper. Wenn Jesus bei mir ist im Badezimmer.

Wir gingen weiter und kamen ins Arbeitszimmer. Naja, sagte ich zu Jesus, hier gibt’s nicht viel zu gucken. Hier arbeite ich eben. Sollen wir weiter? Moment, sagte Jesus, du verbringst doch sehr viel Zeit hier. Hier investierst du deine meiste Energie. Ich würde gerne hier sein, wenn du arbeitest. Ich möchte dir helfen, eine gutes Maß von Arbeit und Ruhe zu finden. Ich würde dich auch gerne lehren, deine Kräfte und Fähigkeiten einzusetzen, um Gutes zu bewirken. Schließlich habe ich dir deine Talente, deinen Verstand und Körper gegeben. Etwas verwundert sagte ich: Na gut, wenn du willst – dann lehre mich meine Arbeit so zu machen, dass sie dir gefällt!

An der nächsten Türe wollte ich schnell vorbei gehen. Sie war nur klein und ich hoffte, dass Jesus sie gar nicht bemerkt. Aber er blieb davor stehen und fragte: Willst du diese Türe nicht aufmachen? Ach, Jesus, das ist nur die Abstellkammer. Da drin sieht es furchtbar aus. Das macht mir nichts aus. Aber ich will da selber gar nicht reingucken. Da sind lauter Sachen drin, die schmutzig sind und die stinken. Ich habe die seit Jahren nicht mehr geöffnet. Ich helfe dir, diese Kammer aufzuräumen. Ich atmete tief ein und dann machte ich die Türe auf. Es stank wirklich. Längst vergangene Sachen lagen da: Ungelöste Konflikte. Unvergebene Schuld. Verdrängte Verletzungen und Wunden aus der Kindheit. Aber Jesus selbst packte diese Sachen an, behutsam und entschlossen; und zusammen entsorgten wir sie.

So ging ich mit Jesus durch mein Lebenshaus und öffnete die Türen. Und allmählich begriff ich: Er kommt nicht nur als Gast in meine Lebensräume. Auch nicht nur als Freund und Helfer und Ratgeber. Sondern ich begriff: Dieses Lebenshaus gehört ihm. Er hat mir ja das Leben gegeben: Meinen Körper. Meine Kräfte. Mein Wissen und Können. Mein Besitz. Meine Lebensjahre. Er hat mir das alles gegeben. Aber es gehört ja eigentlich ihm.

Er kam in sein Eigentum, schreibt Johannes. Wenn Jesus in dein Lebenshaus kommt, dann kommt der Eigentümer, dem das alles gehört.

Aber er kommt nicht, um Besitzansprüche zu stellen, nicht um zu herrschen, nicht um zu kontrollieren oder um dir irgendetwas wegzunehmen. Sondern er kommt, um das Leben, das er dir gegeben hat, mit dir zu teilen. Um gemeinsam mit dir in deinem Lebenshaus zu wohnen, um es mit dir zu gestalten und es gut und heil zu machen.

Advent feiern heißt: Alle Türen für Jesus aufmachen.

Ich weiß nicht, wer von euch so einen Adventskalender hat. Wenn ihr keinen habt, könnt ihr euch im Gemeindehaus gleich beim Rüdiger vielleicht noch einen kaufen.

Und dann könnt ihr doch mal ein Experiment machen:

Mit jeder Tür, die ihr aufmacht (oder eure Kinder) überlegt doch mal: Welchen Bereich meines Lebens möchte ich heute Jesus öffnen? In welches Lebenszimmer will ich ihn heute hineinlassen?

Da gibt es ja noch viel mehr als diese hier: Der Bereich der Finanzen. Meine Hobbies. Meine Gesundheit oder Krankheit. Meine politischen Ideen und Engagements. Mein Verhältnis zu Fernsehen, Computer und Handy. Und vieles, vieles andere. Egal wie fromm oder unfromm sie aussehen: Jesus möchte gerne in diese Zimmer hinein.

Jedes Türchen im Adventskalender könnte für so einen Bereich stehen, wo du ganz bewußt sagen kannst: Jesus, das mache ich dir heute auf. Da lasse ich dich rein.

Macht alle Türen für Jesus auf! Du brauchst dich nicht zu fürchten, ihn in deine Lebenszimmer zu lassen. Er nimmt dir nichts und gibt dir alles.

Amen.


Steffen Tiemann | Cochem Adventsfeier 2011




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