Darf ich einmal fragen: Wie viele Schulden haben Sie?...
Ich vermute zumindest, dass eine ganze Reihe von uns Schulden haben.
Manche haben ein Haus gebaut und zahlen Schulden an die Bank ab.
Manche haben vielleicht Geld für ein neues Auto aufgenommen.
Vielleicht haben einige noch unbezahlte Rechnungen zu Hause liegen oder müssen noch etwas an das Finanzamt zahlen.
Schulden machen, Schulden haben ist in unserem heutigen Finanzsystem ja etwas ganz Normales. Die Regierungen gehen uns da mit prächtigem Beispiel voran. Unsere Staatsschulden in Deutschland (belaufen sich auf unglaubliche 1.7 Billionen Euro! Und ständig wächst der Schuldenberg weiter.
Ein gewisser Schuldenstand ist heutzutage normal. Aber es kommt ein Punkt, wo die Schulden so hoch sind, dass sie nicht mehr zurückgezahlt werden können. Immer mehr Menschen in Deutschland sind überschuldet. Ihre Schulden sind so hoch, dass sie keine Chance mehr haben, sie jemals abzubezahlen.
Wenn das passiert, muss man eine Privatinsolvenz beantragen. Dann kann man hoffen, dass das Gericht einen - nach der Pfändung von allem Besitz - von der Restschuld befreit.
Schulden gab es schon immer. Auch zur Zeit von Jesus. Und Jesus greift dieses Bild auf, um unsere Situation vor Gott zu beschreiben.
Die fünfte Bitte im Vater-unser heißt: „Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Wortwörtlich steht da aber:
„Erlass uns unsere Schulden wie auch wir unseren Schuldnern erlassen.“
Jesus setzt also voraus, dass wir Menschen Schulden bei Gott haben. Wie hoch schätzen Sie denn Ihre Schulden bei Gott ein? ...
Gott, der uns das Leben geschenkt hat, er will, dass wir ihn von ganzem Herzen lieben, dass wir ihn mehr als alles respektieren, das wir ihm aus tiefster Seele vertrauen. Das ist angemessen und gut. Aber wie oft am Tag tue ich das nicht?! Da entstehen täglich Schulden Gott gegenüber.
Gott, der meinen Mitmenschen das Leben geschenkt hat, der will, dass ich auch sie liebe, so wie mich selbst, dass ich ihnen die Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringe, die ich mir selbst entgegenbringe. Auch das ist angemessen und gut. Aber wie oft tue ich das nicht? Wie oft müsste ich das eigentlich nachholen und mache es nicht und kann es nicht. Auch da entstehen Schulden meinen Schöpfer gegenüber.
Sie kennen vielleicht diese Schuldenuhren, wo die wachsende Staatsschulden angezeigt werden und wo man sieht wie jede Sekunde der Schuldenberg um hunderte von Euros wächst. So ähnlich ist das mit unserer Schuld vor Gott auch. Täglich tun wir nicht, was wir tun sollten und der Schuldenberg wird größer und größer.
Das ist eine sehr unangenehme Vorstellung. Und ich kann mir denken, dass es jetzt in manchen von uns rumort: Ist das denn wirklich so?
Klar, wir wissen, dass wir keine Engel sind. Aber ist das mit der Schuld wirklich so dramatisch? Ist das nicht genau der Fehler beim Christentum: dass da immer nur auf dem Versagen der Menschen herumgeritten wird und die Leute kleingemacht werden? Ist Gott nicht vielleicht einfach zufrieden mit uns, solange wir nicht wirklich was Schlimmes machen?
Es ist gut, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Entscheidend ist dabei aber nicht, was ich angenehm oder unangenehm finde, sondern wie meine Situation vor Gott wirklich ist. Und wer mir das sagen kann.
Und da bin ich einfach fest davon überzeugt, dass es keinen Kompetenteren als Jesus gibt, der uns darüber Auskunft geben kann. Ich glaube, dass Jesus von Gott kommt und dass er darum weiß wie Gott ist und wie er über uns denkt.
Und nun lässt Jesus keinen Zweifel daran, dass unser Verhältnis zu Gott zutiefst gestört ist. Dass Gott überhaupt nicht zufrieden ist mit dem Zustand dieser Welt. Und dass das nicht nur an den großen Politikern und fetten Bonzen liegt. Sondern jeder Normalbürger, jeder von uns trägt daran eine Mitschuld.
Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass unsere Schulden vor Gott real sind und so hoch, dass wir sie nie und nimmer selber tilgen können.
Wir sind vor Gott überschuldet.
Und Jesus macht noch etwas deutlich. Er hat seinen eigentlichen, seinen wichtigsten Auftrag darin gesehen, diese Schulden wegzuschaffen.
Jesus hat einmal gesagt: Der Menschensohn – also er selbst – ist gekommen, um sein Leben hinzugeben als ein Lösegeld für die vielen.
Das Lösegeld, das uns von unseren Schulden befreit.
Jesus hat offenbar schon sehr früh gewusst, dass es seine Lebensaufgabe ist, dass Schuldenproblem zu lösen. Und zwar indem er die Schulden der Menschheit auf sich selbst nimmt. Er hat sich unsere Schulden anrechnen lassen. Er wurde zum Schuldiger. Und hat unsere Schulden mit in den Tod genommen.
Und so hat er im Namen Gottes einen Schuldenerlass bewirkt.
Wir können unsere Schulden vor Gott loswerden, durch Jesus.
Darum legt uns Jesus diese Bitte in den Mund und kann es tun:
Erlass uns unsere Schulden. Vergib uns unsere Schuld!
Wir brauchen unsere Schuld nicht mehr verleugnen. Nicht rechtfertigen oder verharmlosen.
In Jesus bietet uns Gott Schuldenerlass an. Jeden Tag. Wir müssen ihn nur darum ehrlich bitten.
Schuld haben ist hässlich und belastend. Unsere Schuld ist wie so ein Stein, den Sie bekommen haben. Nehmen Sie ihn doch einmal in die Hand. Befühlen Sie, wiegen Sie ihn...
Das, was ich an Unrecht tue, ist wie so ein Stein.
Meine fehlende Liebe, mein Misstrauen, Neid, Ärger, Gier, Lüge; Versagen – Schuld ist schwer und hart und hässlich.
Jesus sagt: Du musst das nicht mit dir herumschleppen.
Du kannst deine Schuld loswerden.
Du kannst sie einfach abladen bei Gott. Ohne Nebenkosten.
In meinem Namen.
Vater, vergib! Erlass mir meine Schuld.
Das legt uns Jesus in den Mund. So dürfen wir beten.
Aber dann geht die Bitte noch weiter:
Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!
Und damit macht Jesus ganz deutlich: Du kannst dein Verhältnis zu Gott nicht trennen von deinem Verhältnis zu deinen Mitmenschen.
Du kannst nicht von Gott erwarten, dass er dir deine Schuld vergibt und gleichzeitig anderen Menschen die Vergebung verweigern.
Das wäre doch absolut mies!
So etwas macht Gott nicht mit. Wenn du von Gott Schuldenerlass willst, musst du bereit sein auch den Leuten zu vergeben, die an dir schuldig werden.
Du kannst den ersten Teil der Bitte nicht sprechen ohne den zweiten Teil. Beides gehört zusammen.
Und auch damit tut Gott uns ja etwas Gutes!
Denn wenn wir anderen vergeben, dann ist das nicht nur für die anderen gut. Es ist letztlich auch für uns selber gut.
Vergeben macht frei. Und Nicht-vergeben macht uns unfrei.
Nehmen wir mal ein Beispiel: Da hat mich jemand verletzt. Er hat mich vielleicht vor anderen Leuten zu Unrecht kritisiert oder mich lächerlich gemacht.
Wir haben ja bestimmt alle schon erlebt. So etwas tut weh! Das ist wie ein Stich.
Und dann wird man zornig auf diesen Menschen. Denkt darüber nach wie man es ihm heimzahlen kann. In der Fantasie malt man sich das aus wie man ihn vor allen Leuten abserviert und erniedrigt. Oder wie ihm etwas Schlimmes passiert. Das Unrecht, dass der andere getan hat, das verändert mich, das bestimmt meine Stimmung. Es bindet meine Fantasie. Es zehrt an meinen Kräften.
Ich schleppe es mit mir herum!
Nicht nur die eigene Schuld ist wie ein Stein. Auch die Schuld, die ein anderer mir zufügt, ist wie so ein schwerer, hässlicher Stein.
Und ein Mensch, der nachtragend ist, der also einem anderen nicht vergeben will, der trägt tatsächlich die Schuld nach.
Bsp. Ich besuchte ein älteres Ehepaar: Sie saßen da und klagten, wie viel Böses sie erlebt haben. Wie sehr bestimmte Menschen sie enttäuscht haben. Man hatte das Gefühl: Die tragen beide schwere Säcke auf ihren Schultern. Säcke mit der Schuld von anderen!! Sie seufzen darunter und werden permanent davon belastet. Aber sie lassen die Säcke nicht los!
Das Nicht-vergeben belastet vor allem dich selber!
Jemand sagte mal: Nicht zu vergeben ist wie Rattengift zu trinken und darauf zu warten, dass die Ratte stirbt.
Man denkt, man würde den anderen bestrafen, wenn man Rachegefühle gegen ihn hegt und pflegt. Aber am meisten bestrafst du dich selber damit.
Wer vergibt, tut sich selbst und dem anderen etwas Gutes.
Aber wie kann das Vergeben konkret geschehen?
Dabei sind zwei Dinge wichtig:
Vergebung braucht Willen und Vergebung braucht Zeit.
Vergeben ist zuerst und vor allem ein Willensakt. Ich vergebe, indem ich die Vergebung willentlich vollziehe, indem ich sie ausspreche.
Eine Frau erzählte mir, dass sie zu ihren Eltern ein ganz schwieriges Verhältnis hatte. „Ich hätte meine Eltern erwürgen können“, sagte sie. Dann war sie bei einem Gemeindeseminar, wo es um Vergebung ging. Aber sie hatte den Eindruck: Ich kann das nicht. Ich empfinde nur Zorn gegen meine Eltern. Ich habe kein bisschen gute Gefühle für sie. Ich kann ihnen nicht vergeben.
Und dann sagte ihr jemand: Sprich es doch einfach einmal aus. Vor Gott: Ich vergebe m einen Eltern, was sie mir Böses getan haben.
Und sie hat das getan. Hat es vor Gott ausgesprochen. Hat vor Gott Vergebung vollzogen. Und hat dann gemerkt, wie sich auch ihre Gefühle gegenüber ihren Eltern änderten.
Vergebung braucht diesen Willensakt. Dieses ganz bewusste, willentliche Aussprechen vor Gott: Ich vergebe XY.
Und manchmal kann aus diesem Vergeben durch Gott dann auch ein Vergeben vor dem betroffenen Menschen werden: Ich vergebe dir.
Das braucht aber u.U. eine längere Zeit.
Damit sind wir beim zweiten Punkt: Manchmal braucht Vergeben Zeit.
Manche Verletzungen sind tief und traumatisch.
Sie haben den Selbstwert nicht nur gekratzt, sondern regelrecht zerstört. Da ist das Vergeben schwer. Man spricht vielleicht die Vergebung vor Gott aus: Ich vergebe ihm oder ihr. Aber die Gefühle diesem Menschen gegenüber ändern sich nicht. Man empfindet immer noch diesen Hass, diese Angst, fühlt sich immer noch wertlos und erniedrigt.
Es gibt Fälle, wo wir die Vergebung immer und immer wieder vollziehen müssen.
Es gibt manche Wunden, die brauchen Wochen bis sie geheilt sind. Täglich muss man da säubern und Salbe draufschmieren.
Und es gibt seelische Wunden, die brauchen Jahre bis sie geheilt sind.
Und täglich muss man sie vor Gott säubern und Vergebung vollziehen.
Das braucht Zeit und Geduld.
Jemand aus unserem Vorbereitungsteam erzählte, dass sie viele Jahre brauchte, um einem bestimmten Menschen zu vergeben und in ein normales Verhältnis zu kommen.
Vergebung aussprechen ist wichtig. Aber Vergebung darf nicht wie ein Deckel sein, der einfach alles zudeckt.
Man kann ja auch zu schnell vergeben. Sagt: „Ich vergebe ihm/ihr“ und weicht damit einem Konfliktgespräch aus. Das soll nicht sein. Manchmal ist es wichtig und nötig, einen Konflikt anzusprechen und vielleicht erst danach Vergebung auszusprechen.
Vergebung ist auch kein Ersatz für einen therapeutischen Prozess, der vielleicht nötig ist. Aber das Aussprechen der Vergebung ist vielleicht ein ganz entscheidender Schritt in diesem Prozess.
Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Vergebung heißt: Ich lasse die Schuld des anderen los. Ich halte nicht daran fest. Ich lege sie ab. Und zwar bei Jesus. Bei dem Jesus, der meine Schuld getragen hat.
Amen.
Steffen Tiemann | Cochem, 21.08.2010