EVANGELISCHE KIRCHE Auf einem Werkstattkongress orientieren sich die Protestanten neu. Sie wollen ihre Botschaft ungewohnt formulieren, Menschen von heute erreichen und gegen den Trend wachsen. Was man hier in Kassel sieht, „das muss die Kirche übernehmen“, sagt Rudolf Kaiser aus Cochem an der Mosel. Rudolf ist 18 Jahre alt, und seine Schule, das katholische Martin-von-Cochem-Gymnasium, hat ihm zwei Tage freigegeben, damit er die Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche in Deutschland besuchen kann. Er steht vor einem der hundert Stände in der „Galerie guter Praxis“ und vertritt die evangelische Jugendgemeinde seiner Stadt, zwischen Credo- Wegen, Gemeindehaus-Wohngemeinschaften und der Ehrenamtsakademie. Er sagt: „Die Kirche muss sich ändern. Sie vertritt die Kultur von vor 500 Jahren, und sie braucht wieder eine Reformation.“ Seine Gemeinde ist aus einem Jugendgottesdienst hervorgegangen, der sich „Cinema meets Church“ nennt. Jugendpfarrer Maik Sommer hat Jugendliche zwischen 13 und 18 aus 77 Dörfern rund um die Stadt an der Mosel versammelt. Mit seinem Team führt er den Jugendlichen im Apollo-Kino Filme vor und spricht über die Sehnsüchte nach Vorbildern, nach Helden und Antihelden, Liebe und Hoffnung und den Kampf zwischen Gut und Böse. Seit zwei Monaten berät eine Jugendgemeindeleitung über alle Planungen. Was das neunköpfige Plenum, genannt „Heart and Brain“, beschlossen hat, vertreten vier Jugendliche im Jugendausschuss der Kirchengemeinde. Die muss den Jugendpfarrer künftig aus Spenden finanzieren, weil es keine Planstelle für ihn gibt. Das Geld ist da, aber nun, erzählt er, müssten die Juristen und Verwaltungsleute in Düsseldorf, im Landeskirchenamt, eine rechtliche Konstruktion dafür finden. Inzwischen sammelt die Gemeinde weiter für ein Haus, in dem sich Jugendliche treffen können. Gerade musste der Kirchenkreis ein Gotteshaus aufgeben, „aber das wäre zu teuer für uns gewesen“, sagt Rudolf. Er ist vor fünf Jahren durch den Konfirmandenunterricht zur Kirche gekommen. Leute wie er werden in Kassel gefeiert. So viel Aufbruch war nie in der evangelischen Kirche. Vor drei Jahren hat Bischof Wolfgang Huber in einem Perspektivpapier namens „Kirche der Freiheit“ den beharrenden Kräften den Kampf angesagt. Die evangelische Kirche will nicht mehr hinnehmen, was die Zeit ihr bietet, Alterung, weniger Geld und Bedeutungsverlust, sondern ihre Rolle neu definieren und ihren Auftrag wieder entdecken. Das ist die Botschaft aus Kassel. „Wir sollten mit dem eigenen Glauben ernst machen, der Treue Gottes Vertrauen schenken“, stimmt der gastgebende Bischof Martin Hein im Eröffnungsgottesdienst die Teilnehmer ein. „Bitte kein Lamento mehr, es wäre Unglauben.“ Bis 2017, dem 500. Jubiläum der Reformation, sollte die EKD sich von Grund auf erneuert und den Willen entwickelt haben, gegen den Trend und die Demografie zu wachsen. Nach Heins Predigt werden die Leiter dreier neuer Kompetenzzentren eingesegnet, die es ebenfalls noch nie in der evangelischen Kirche gab: Alexander Deeg baut in Wittenberg ein Zentrum für evangelische Predigtkultur auf, Folkert Fendler ein Zentrum „Qualitätsentwicklung im Gottesdienst“ und Hans- Hermann Pompe das Zentrum „Mission in der Region“. Wolfgang Huber hat in Kassel einen seiner letzten öffentlichen Auftritte als Ratsvorsitzender. Ist das sein Vermächtnis? Wie gewohnt setzt er die Gesten sparsam, aber die Stimme schlägt Schneisen. Jedes Argument sitzt, jede Beobachtung trifft. Er ist eine Spur ungeduldiger geworden, fordert eine Theologie, „die sich der Orientierungssuche unserer Zeit stellt und auf sie aus der Kraft der biblischen Texte und aus der Weite der kirchlichen Überlieferungen antwortet“. Die Theologie, sagt er, müsse im religiösen Pluralismus ihr Verhältnis zur Kirche neu klären. Und wirbt für eine Befreiung der Kirche aus einer Milieugefangenschaft: „Unsere Berührungsängste halten uns von vielen kulturell Kreativen genauso fern wie von wirtschaftlich Erfolgreichen.“ Er spürt „eine Angst, für fromm gehalten zu werden. Manchmal hält sie uns davon ab, unsere Glaubensgewissheit zur Sprache zu bringen.“ Bei solchen Sätzen klatschen die Teilnehmer im blau ausgeleuchteten Saal. Auch, als er eine „verbreitete Abneigung gegen die Vorstellung von wachsenden Gemeinden in der Kirche“ kritisiert: „Wir dürfen das Wachstum als Ziel nicht aus den Augen verlieren.“ Wachstum war bisher ein Reizwort in der evangelischen Kirche. In Kassel ist es rehabilitiert. Letztes Jahr hat Wilfried Härle, einer der prominentesten evangelischen Theologen, ein Forschungsprojekt über wachsende Gemeinden abgeschlossen. Fast alle entstammten der theologisch konservativen pietistischen Richtung. Das spiegelt sich in den hundert Ständen in Kassel. Und in fast allen wachsenden Gemeinden spielten Kurse zum Kennenlernen des Glaubens eine Schlüsselrolle. Deshalb will die EKD in den nächsten Jahren Glaubensgrundkurse als Standard in Kirchengemeinden etablieren. „Sie stehen für eine Umorientierung“, sagt Diakon Andreas Schlamm. „Wir wollen nicht Veranstaltungen anbieten, sondern Beziehungen.“ Glaubenskurse sollten „so selbstverständlich werden wie die Konfirmation“, hofft der Greifswalder Theologe Michael Herbst. Das gefällt Antje Rösener aus Dortmund gar nicht, der Studienleiterin im Erwachsenenbildungswerk Westfalen-Lippe, mit 90 Mitarbeitern eines der größten in der evangelischen Kirche. Sie hat alle Glaubenskurskonzepte durchgesehen: „Eine didaktische und theologische Enge“, klagt sie, „oft geben die Fragen schon Antworten vor, das kommt aus einem Schwarz-Weiß nicht heraus.“ Auch ein Gebet am Anfang stört sie: „Das geht nicht, ohne es zu problematisieren.“ Sie möchte mit Menschen über den Glauben reden, „ohne Engführung“. Doch damit bleibt sie allein. Axel Noack, bis vor kurzem Bischof in Magdeburg, antwortet trocken: „Im Schwimmkurs müssen Sie auch ins Wasser.“ Michael Herbst diagnostiziert einen Unterschied im Ansatz: „Geht es um ein besseres Zusammenleben oder eine missionarische Bildung?“ Die Kurse, auf die die EKD setzt, werden nicht bei der Erwachsenenbildung betreut, sondern bei der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste. Hier, in Kassel, stößt ihr Konzept auf Zustimmung. Unter den 1200 Teilnehmern finden sich fast alle Bischöfe und fast die gesamte Synode der EKD, die den neuen Rat wählen wird. Kann man sich dieser Aufbruchstimmung entziehen? Zum Schluss versammelt sich die Konferenz vor den Säulen des Stadthallenportals. Der Theologe Fulbert Steffensky spricht über die Schönheit des Protestantismus und sieht sie in den Liedern, der Kargheit und der Schwäche, sich zu inszenieren: „Mit Bildern kann man gigantische Scheinwirklichkeiten errichten.“ Ein „Stationenweg“ folgt, eine Prozession bis zum Hauptbahnhof, der auch als Kulturzentrum dient. Beim letzten Halt, der katholischen Kirche St. Familia, empfängt der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker die Protestanten. Bundespräsident Horst Köhler trifft ein. Gemeinsam mit Huber führen beide den Pilgerzug, vorbei an einer Gruppe Demonstranten des Christlichen Jugenddorfwerks, die hinter massiven Eisenabsperrungen höhere Löhne fordern, zur Bühne vor dem Bahnhof. „Unsere Gesellschaft“, sagt Köhler da, „ist angewiesen auf das besondere Profil christlicher Weltdeutung, auf die vom Glauben geprägte Sicht auf die Welt und den Menschen.“ Die Kirchen hätten nach der Finanzkrise eine neue Chance, „mit ihrer Botschaft von der Nächstenliebe gehört zu werden“. Zu Beginn hatte Balthasar Johannes von Campenhausen, der ehemalige Görlitzer Superintendent, der jetzt im Projektbüro der EKD arbeitet, vor der Stadthalle einen Karton Bibeln gefunden, vor einem Altpapiercontainer. Lutherbibeln, mit abgestoßenen Kanten und zerlesenen Seiten. Sie stammten, sagte der Stempel auf der ersten Innenseite, aus der Schule für Behinderte in Melsungen, Eigentum des Landes Hessen, dem Schüler übereignet. Von Campenhausen hat sie eingepackt. Bilder wie diese will die evangelische Kirche nicht mehr hinnehmen.