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Rüdiger Lancelle Rüdiger Lancelle ist Mitbegründer des Initiativkreises gegen Atomwaffen in Büchel.

Interview

„Die Menschheit hat es noch immer nicht begriffen“

Vor 75 Jahren wurden die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki zum Ziel der bisher weltweit einzigen Atombombenabwürfe in einem Krieg. Rüdiger Lancelle vom Initiativkreis gegen Atomwaffen in Büchel spricht im Interview über Gedenkaktionen vor Ort, die Motive für den Protest und die Rolle der Kirchen dabei.

Seit 1973 trägt Rüdiger Lancelle ein Taizé-Kreuz auf der Brust – in der Form einer stilisierten Taube. Der mittlerweile 81-Jährige gehört zu den Mitbegründern des Initiativkreises gegen Atomwaffen in Büchel, dem mutmaßlich einzigen Standort, an dem in Deutschland noch US-amerikanische Atombomben gelagert sind. Die Gedenktage zu den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki werden auch in dem kleinen rheinland-pfälzischen Eifelort und vor dem nahen Fliegerhorst nicht ohne Mahn- und Protestaktionen verstreichen.

Herr Lancelle, am 6. und 9. August jähren sich die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum 75. Mal. Welche Rolle spielen diese Daten für den Protest gegen Atomwaffen in Büchel?

Rüdiger Lancelle: Eine traurige Rolle. Das ist jetzt seit unserer Gründung schon 25 Jahre so und die Menschheit hat es noch immer nicht begriffen.

Was ist bei Ihnen vor Ort geplant?

Lancelle: Wir werden hier am 6. August einen Mahngottesdienst und eine kleine Mahnwache vor dem Haupttor des Fliegerhorstes der deutschen Luftwaffe halten. Und am 8. und 9. August gibt es ein 24-Stunden-Gebet, das ich am 8. August um 11.02 Uhr eröffnen werde und das dann am 9. August um 11.02 Uhr mit einer Schweigeminute endet, weil das der Zeitpunkt ist, an dem in Nagasaki die Bombe fiel.

Hat der Aachener Friedenspreis, den der Initiativkreis und die Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt" im vergangenen Jahr erhalten haben, dem Protest einen Schub verliehen?

Lancelle: Wir können wenigstens denen, die uns hier vor Ort für irre erklären, jetzt sagen, dass andere das anders sehen.

Seit 1995 kämpft der Initiativkreis für den Abzug der auf dem Eifeler Fliegerhorst gelagerten Atomwaffen. Was sind die Motive?

Lancelle: Wir setzen uns dafür ein, dass die Lagerung von 20 US-amerikanischen Atombomben auf dem Fliegerhorst in unserer Nähe in der Bevölkerung bekannt wird. Zudem üben Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr deren Einsatz. Unserer Überzeugung nach verstoßen sowohl die Lagerung als auch das Einüben des Transportes und des Abwurfs dieser Bomben gegen geltendes Völkerrecht. Unser Land hat sich durch den Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag verpflichtet, Atomwaffen weder herzustellen noch zu besitzen. Auch ihre Verwahrung für andere ist ausdrücklich nicht gestattet. Wir fordern die Einhaltung dieser Verpflichtung. Die nukleare Teilhabe im Rahmen der Nato halten wir für völkerrechtswidrig. Im vergangenen Jahr hätten wir feiern können, dass unser Land den Vertrag vor 50 Jahren unterzeichnet hat – die Umsetzung lässt leider immer noch auf sich warten. Schon vor Jahren konnte ich die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland für einen Beschluss gewinnen, von der Bundesregierung den Abzug dieser letzten Atomwaffen auf unserem Staatsgebiet zu verlangen.

Wie gestalten Sie und der Initiativkreis Ihren Protest?

Lancelle: Wir haben in der unmittelbaren Nähe des Haupttores des Fliegerhorstes mit der Friedenswiese einen Ort zur Mahnung und zum Gebet geschaffen. Dort wurde ein Bildstock errichtet, in dem eine Schiefertafel mit dem bekannten Motiv „Christus zerbricht das Gewehr“ von Otto Pankok aus dem Jahr 1950 daran erinnert, dass Atomwaffen ein Verbrechen gegen Gott und die Menschheit sind. Neben diesem Bildstock hängt eine Kopie der Friedensglocke von Hiroshima, die uns ein Moselwinzer gestiftet hat. An diesem Ort treffen sich Christinnen und Christen zu Mahnwachen und zum Gebet.

Gerade haben die USA den geplanten Abzug von fast 12.000 Soldaten aus Deutschland angekündigt. Hat das nach Ihrer Einschätzung Auswirkungen auf die Frage der Atomwaffenlagerung in Büchel?

Lancelle: Überhaupt nicht. Dort weht immer noch die Fahne der USA und sind weiterhin amerikanische Soldaten zur Sicherung stationiert. Und daran wird sich nichts ändern. Die 20 Atombomben in Büchel sind im Herbst schon mal gegen modernere Systeme ausgetauscht worden. Aber die endgültige Modernisierung steht immer noch aus. Erst 2025 soll es so weit sein, aber wir hoffen ja, dass es nie dazu kommt. Jede dieser Bomben hat die vierfache Sprengkraft der Bombe von Hiroshima. Damit kann man Europa und mehr ausradieren.

Welche Rolle spielen die Christinnen und Christen im Kampf gegen die Atomwaffen?

Lancelle: Wir sind sehr froh, dass von den Kirchen neuerdings ganz eindeutige Signale kommen. Auch jetzt hat es ja wieder eine gemeinsame Erklärung des EKD-Friedensbeauftragten Renke Brahms und des katholischen Bischofs Heiner Wilmer gegeben. Ich habe mich sehr über dieses Wort gefreut. Darauf haben wir lange gewartet. Ich habe darum gekämpft, dass die Kirche Stellung nimmt, und das tut sie inzwischen. Die kirchliche Haltung ist jetzt völlig klar: erstens Zerstörung der Atomwaffen und zweitens Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zum Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen. Und das stärkt uns.

Wie groß ist der kirchliche Anteil in den Initiativen noch?

Lancelle: Im Initiativkreis gegen Atomwaffen in Büchel, der Regionalgruppe Cochem-Zell des Internationalen Versöhnungsbundes, kenne ich nur engagierte Christinnen und Christen. Die Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt", zu deren Trägern der Initiativkreis zählt, ist dagegen ganz offen.

Und Sie sind trotz Ihrer 81 Jahre nicht zu erschöpfen?

Lancelle: Mein Alter hindert mich nicht daran, auch in dieser Woche wieder Mahnwache zu schieben.

Zur Person

Rüdiger Lancelle ist Mitbegründer und seither Mitglied im 1995 entstandenen Initiativkreis gegen Atomwaffen in Büchel. Mehr als 40 Jahre war er im Presbyterium seiner Kirchengemeinde Cochem an der Mosel aktiv, lange Jahre auch als dessen Vorsitzender. Er gehörte bis zum Erreichen der Altersgrenze von 75 Jahren dem Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Koblenz an und war Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland, seit 1973 zudem ordinierter Prädikant. Der ehemalige Realschullehrer für Mathematik und Biologie wuchs in Wuppertal auf und lebt seit 1967 in Cochem, in dessen Nähe der Fliegerhorst Büchel liegt.

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ekir.de / Interview: Ekkehard Rüger und Wolfgang Beiderwieden / Foto: Abootalebi / 05.08.2020



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