Abteilung IV
Oberkirchenrat Klaus Eberl
Aber das sagt wenig. Im Frühjahr hat sich mein Leben dramatisch verändert. Eine neue Aufgabe, nach 23 Jahren Auszug aus dem vertrauten Pfarrhaus, Fahrten ins Landeskirchenamt und in die Weite der rheinischen Landeskirche. Der Grund: Im Januar hat mich die Landessynode zum hauptamtlichen Mitglied der Kirchenleitung gewählt. Seit März leite ich als Oberkirchenrat die Abteilung IV „Erziehung und Bildung“ im Landeskirchenamt.
Nötig sind Kreativität und Mut
Die Nachfolge von Harald Bewersdorff, der die Bildungsarbeit der Ev. Kirche fast zwei Jahrzehnte lang geprägt hat, ist eine große Herausforderung. Wir stehen in unserer Kirche vor einer umfassenden Gestaltungsaufgabe, die Kreativität und Mut verlangt. Viele vertraute Konzepte tragen nicht mehr. Trotz aller Sparnöte haben wir keinen Grund, unser Licht unter den Scheffel zu stellen.
Unsere Kirche hat eine Menge zu bieten: Nähe zu den Menschen, eine bemerkenswerte Kultur des Dialogs, die Fähigkeit, vielgestaltig Auskunft zu geben über den Grund unserer Hoffnung. Das ist nicht unser Verdienst. Gott selbst verwandelt Kirche und Welt durch das Kreuz Jesu und die Rechtfertigungsbotschaft. Das sind die Koordinaten der Freiheit eines Christenmenschen. Hier bin ich theologisch verortet.
Die ersten Schritte leicht gemacht
Auch für die kirchliche Bildungsarbeit gilt es, Visionen zu entwickeln und die Menschen in den Gemeinden und Kirchenkreisen dabei mitzunehmen. Meine ersten Wochen im Amt waren allerdings geprägt durch die Notwendigkeit, deutlich kirchenpolitische Interessen gegenüber der Öffentlichen Hand wahrzunehmen und mich in der Arbeitsweise des Landeskirchenamtes zurechtzufinden. Es ging um die Zukunft der Kindertagesstätten, um die Finanzierung unserer Schulen, um Rahmenbedingungen des Religionsunterrichts und der Lehrerausbildung. Zum Glück konnte ich dabei auf die Unterstützung der Abteilung IV zurückgreifen, die mir die ersten Schritte leicht gemacht hat.
Als Vizepräses der EKD-Synode habe ich an der EKD-Kundgebung zu Armut und Reichtum mitgearbeitet. Bildung ist der zentrale Hebel, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu verkleinern. Aber die Chancengleichheit hat abgenommen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich heute als Kind aus einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet noch die gleichen Bildungschancen hätte wie in den 60er und 70er Jahren. Eine Gesellschaft, die durch die Verweigerung von Anstrengungen in Kindergarten, Schule, Jugendarbeit, Universität, Aus- und Weiterbildung die Kluft zwischen Arm und Reich größer werden lässt, verspielt ihre Zukunft. Bildung ist also ein kirchliches und gesellschaftliches Querschnittsthema. Mich fasziniert die Erinnerung, dass die ersten reformierten Gemeinden am Niederrhein erst Schulen und danach Kirchen gebaut haben. Sie wollten Sprachschulen des Glaubens sein.
Für den Religionsunterricht kämpfen
Auch heute geht es darum, die Sachen zu klären und die Menschen zu stärken. Das sind durchaus religiöse Kategorien. Worauf kann ich mich verlassen? Wer gibt Halt und Orientierung? Deshalb muss die Kirche Mitverantwortung für das staatliche Bildungswesen übernehmen, bildungspolitisch und als Trägerin. Und sie muss für den Religionsunterricht kämpfen, der eine unverzichtbare Dimension humaner Bildung darstellt, und seine Qualität sichern.
Zeitweise habe ich an einer Real-, einer Gesamt- und einer Förderschule unterrichtet. Als Jülicher Superintendent habe ich 13 Jahre lang gemeinsam mit dem Schulreferenten regelmäßig die Schulen visitiert. Eine Praxis, zu der ich gern meine Kollegen in den Kirchenkreisen ermutigen möchte. Denn der Kontakt zwischen Kirche und Schule ist wichtig. Vielfältige Problemlagen und Chancen werden deutlich. Vor allem brauchen und suchen die Religionslehrerinnen und -lehrer die Unterstützung ihrer Kirche, wenn es darum geht, das Evangelium zu leben und erlebbar zu machen.
Von Kindern mit Behinderung lernen
Besonderen Bezug habe ich seit meinem Zivildienst zur Arbeit der Förderschulen. Kinder mit Behinderungen wurden zu meinen wichtigsten Lehrern. Sie lehrten mich, dass Menschen nicht perfekt sein müssen, dass Defizite, Leiden, Krankheiten und Fehler Bestandteile unseres Lebens sind. Ohne diese Erfahrung wäre es nicht möglich gewesen, in der russischen Stadt Pskow das Heilpädagogische Zentrum zu gründen, das sich seit 1993 in der Trägerschaft meiner alten Wassenberger Kirchengemeinde befindet. Es hat die Arbeit mit behinderten Menschen in der russischen Föderation verändert. Durch Spenden, Stiftungen und Kollekten aus unserer Landeskirche schafft es die Gemeinde, dieses große rheinische Versöhnungsprojekt zu unterhalten.
Ich hoffe, diese Erfahrungen lassen sich auf die neuen Arbeitsgebiete übertragen. Auch unsere landeskirchlichen evangelischen Schulen sind unverzichtbare pädagogische Pilotprojekte in der Gesellschaft. Wenn ihre Qualität überzeugt und das kirchliche Profil erkennbar ist, erreichen wir im Verbund mit Kollegien, Eltern und Sponsoren - und durch zähes Ringen mit der Politik - die synodalen Sparvorgaben. Dazu tragen auch das geplante Schulwerk und die Schulstiftung bei.
Besondere Brisanz bei den Kindergärten
Der Bildungsauftrag der Kirche bezieht sich nicht nur auf die Schule. In gleicher Weise ist die Abteilung IV um gemeindepädagogische Fragen bemüht. Besondere Brisanz hat gegenwärtig die Diskussion um die künftige Rolle der Kindertagesstätten und um die frühkindliche Betreuung. Viele evangelische Träger sind verunsichert durch Gesetzesvorhaben der Länder, die die Rahmenbedingungen der Arbeit radikal verändern. Es geht um Refinanzierungsmodelle, die die Leistungsfähigkeit der Gemeinden nicht überfordern, um sinnvolle Trägerverbünde, aber auch um die Sicherung und Weiterentwicklung qualitativer Standards. Kindergärten sind eine kostbare Chance, ein gemeindepädagogisches Gesamtkonzept zu entwickeln. Aber: Das Schild an der Tür macht noch kein evangelisches Profil. Wechselbeziehungen und Vernet-zungen wollen gepflegt werden. Und ohne spirituelle Angebote im Kindergarten oder im Familiengottesdienst verpassen Gemeinden eine missionarische Gelegenheit.
In vergleichbarer Weise wandelt sich die Jugendarbeit in immer kürzeren Zyklen. Inhaltlich gibt es längst keine Konkurrenz mehr zwischen diakonischem und missionarischem Ansatz. Gemeindebezogene Gruppenarbeit oder Verbandsarbeit und offene Angebote ergänzen sich. Innovative Ansätze in der Jugendsozialarbeit konnte ich als Gemeindepfarrer in Wassenberg selbst entwickeln und erproben. In einer ländlichen Region wurde die Jugendarbeit mobil und orientierte sich in der strukturschwachen Region mit ihren Angeboten an den benachteiligten Jugendlichen. Dabei können zwei biblische Basisgeschichten die eingeschlagene Richtung verdeutlichen: Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter und das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Es geht um Zuwendung zu den Schwachen und um das Vertrauen, dass jedem mehr Anerkennung und Hoffnung zusteht, als er nach dem Maß unserer Gesellschaft verdient.
Kleinen Traum erfüllt
Im letzten Jahr meiner Amtszeit als Superintendent ging ein kleiner Traum in Erfüllung. Nach langer Vorarbeit wurde in Jülich ein kreiskirchliches Bildungshaus gegründet, das Peter-Beier-Haus. Die Arbeitsbereiche Kindergarten, Jugendreferat und Schulreferat, Erwachsenenbildung, Erziehungsberatung arbeiten dort eng vernetzt zusammen. Es werden gemeinsame Veranstaltungen, Dienste und Konzepte entwickelt. Die Querverbindung bringt hohe Effizienz, zumal die Grenzen zwischen den Arbeitsfeldern heute ohnehin verschwimmen. Wenn man so will: Eine Abteilung IV im Kleinformat.
Nach gut hundert Tagen ahne ich die Größe der neuen Aufgabe. Bei meinen Antrittsbesuchen bin ich durchweg freundlich empfangen worden. Ich baue darauf, dass die Abteilung IV schnell zu einer eingespielten Mannschaft zusammenwächst, denn wir sind ja einige „neue“ im Team. Und ich hoffe, dass durch die Ideen, die zurzeit in unserer Kirche gesät werden, einmal - so Gott will - vielfältige Früchte wachsen werden.
16.08.2007
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