Donnerstag, 22. Januar 2009150 Jahre Evolutionstheorie - und immer noch gekränkt?Trackbacks
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GOTT oder EVOLUTION?
Die Frage suggeriert eine Alternative. Für mich ist es keine. Ich bin Anhänger der Evolution und kann trotzdem meinen Glauben bewahren. „Die Welt ist vor 6000 Jahren innerhalb von 6 Tagen erschaffen worden!“ Solche Ansichten gibt es heute tatsächlich noch. Mein Patenonkel Eucherius (im Berufsleben ein leitender Angestellter in einem Weltkonzern, sein kaufmännisch-planerisches Fachwissen war hoch geschätzt) vertrat diesen Standpunkt. Da war er zu den 7-Tage-Adventisten übergetreten. „Die Welt hat 865 Religionen, nur eine kann davon die Richtige sein. Ich hoffe & bete, dass dies die meinige ist!“ „Entweder stimmt die Bibel total so wie sie geschrieben ist, buchstabengenau, oder man kann sie in den brennenden Kamin schmeißen!“ Das sind Beispiele von Sätzen, die ich mir als Jugendlicher habe anhören müssen. Damals konnte ich mich noch nicht gut wehren. Immerhin gab ich zu bedenken, dass die Ausgrabungen von Primaten & Sauriern ein viel älteres Leben auf unserer Erde beweisen. „Ja weist du denn nicht, dass der Satan alle diese Funde in die Erde gesteckt hat, um die Menschen von der Wahrheit abzubringen?“ Nein, das wusste ich in der Tat nicht! Auf gleichem Niveau befinden sich für mich Menschen mit der Aussage: „Den Tod – auch in der Tierwelt – gibt es erst seit dem Sündenfall des Menschen.“ Nicht viel besser war „Der Spiegel“ in der Titelgeschichte „Gott gegen Darwin“ (52/2005) mit der Aussage: „Die Christen“ lehrten die Weltschöpfung in höchstens 10 000 Jahren. Fazit: „Es wird eng für den Schöpfer.“ Während ich das schreibe kommt mir die Frage in den Sinn: Ist das hier eine Tragödie, oder etwa eine Komödie, oder Was? Selbst intelligente Menschen können sich offenbar in absonderliche Ansichten verrennen. Dabei hat doch schon vor 800 Jahren Maimonides erkannt: „Widersprechen Bibelstellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, so sind die Bibelstellen allegorisch zu deuten.“ Welch eine befreiende Kraft steckt in dieser Weisheit! Gottes Wort ernst nehmen, unbedingt; gerade deshalb darf die Bibel nicht wörtlich verinnerlicht werden. Der Umkehrschluss gilt auch: Wenn ich die Bibel buchstäblich nehme, wie Eucherius, leidet die Ernsthaftigkeit von Gottes Wort. Die Schöpfungsberichte im Buch GENESIS sind ganz wunderbare Erzählungen, die wir in unserem Kulturgut haben. Warum ist es meinem Patenonkel, der dauernd in der Bibel las, oft die verschiedenen Übersetzungen miteinander vergleichend, nie aufgefallen, dass der 7. Tag, Gottes Ruhetag, nicht abgeschlossen ist? Das ist für mich kein Zufall oder Versäumnis, sondern ein Indiz, dass die Verfasser damals überhaupt nicht an irdische Tage gedacht haben. Nur die späteren naiven Leser haben sich selbst ins Abseits gestellt, so auch die Spiegel-Schreiber. Für den Schöpfer wird es nie eng! Die grundlegenden evolutionsbiologischen Einsichten sind empirisch sicherer erwiesen, als viele andere Hypothesen. Für das Gespräch über Naturwissenschaft & Religion braucht es mehr. Wozu sich gegeneinander ausspielen, wo man sich doch einander ergänzen kann? Darwin nimmt an, dass die Grundvoraussetzungen der Evolution Variabilität & Selektion sind. Die vorgefundenen komplexen Zusammenhänge in der Natur, die uns immer wieder staunen lassen, sehen auf den ersten Blick nicht nach Zufall aus. Aber betrachtet man die zeitliche Tiefe der Erdgeschichte, dann können komplexe Strukturen aus vielen aufeinander folgenden Schritten entstehen. Ob das allerdings für alles ausreicht – ich persönlich bezweifele das – greift in dem Bereich des Glaubens. Genauso die Fragen: Hat die Evolution ein Ziel? Ist der Mensch das Ziel? Der Liebe Gottes und dem Glauben tut der Zufall keinen Abbruch. Ist Gott aus der Natur zu beweisen, oder zu bestreiten? Nur Menschen die das glauben kann eine bestimmte Sicht der Evolution Argumente für oder gegen Gott liefern. Aus der Beschaffenheit der Welt wird auf das Sein Gottes geschlossen. Den entscheidenden Einwand dagegen lieferte Kant: Alle Gottesbeweise müssen einen Sprung vom Denknotwendigen zum Sein vollführen: „Die unbedingte Notwendigkeit der Urteile aber ist nicht eine absolute Notwendigkeit der Sachen.“ Die Vernunft bewegt sich durch den Blick auf die Wunder der Natur nicht im Rahmen eines Beweises, sondern (Kant): „..eines zur Beruhigung hinreichenden, obgleich nicht unbedingte Unterwerfung gebietenden Glaubens.“ In einer guten Zeitung habe ich schon vor Jahren gelesen: „Der Mensch gewinnt seine Größe dadurch, dass er die Unmöglichkeit des Beweises [der Existenz Gottes] auf dem Wege der Vernunft anerkennt und erträgt, ohne an der Vernunft und ohne an Gott zu verzweifeln… Entscheidend ist nicht der evolutionäre Zufall der Schöpfung, sondern das Zufallen der Liebe des Schöpfers. Glaube gebietet eben keine unbedingte Unterwerfung, sondern ein bedachtes und unterscheidendes Hinsehen.“ Das naturwissenschaftliche Weltbild macht keine Aussage über den Sinn der Welt oder Gott. Ich bin Naturwissenschaftler und bekenne mich mit meinen persönlichen Erfahrungen zu Gott. Ich teile die Ansicht Sigmund Freuds nicht. Ich fühle mich keineswegs als Mensch durch Darwin gekränkt. Dr. Georg Linke, Aachen, im Januar 2009
Die Kritik der Theologen wie auch christlicher Laien an der Evolutionstheorie, genauer an den Aussagen gewisser Evolutionstheoretiker, hat einen berechtigten Kern, der oft übersehen und auch nicht deutlich genug artikuliert wird. Natürlich ist an der Evolution wie auch den Mechanismen von Variation und Selektion (Zufall und Notwendigkeit) nicht zu zweifeln. Doch findet bei vielen Biologen eine Grenzüberschreitung statt mit der Behauptung Leben an sich und erkennendes Bewusstsein seien zufällige, beiläufige, vom Ansatz her oder vom Anfang an nicht zu erwartende und damit auch kaum wiederholbare Ergebnisse eines kosmischen Naturgeschehens, es sei somit reine Glücksache, ob es Leben und Bewusstsein oder ein erkennendes Subjekt überhaupt gibt. Beide wären damit ein launiges Zufallsergebnis und eine seltene Anomalie der Natur. Diese Aussage ist nicht naturwissenschaftlich zu begründen, allerdings auch nicht das Gegenteil. Es bleibt aber Raum für die begründete Auffassung vom und den Glauben an den Ursprung von Leben und Bewusstsein wie auch der Welt in einem göttlichen Ungewordenen und an ihre Zukunft in demselben. Einen biologisch inspirierten Atheismus sollte es also gar nicht geben.
Ginge es aber nach der Aussage jener Biologen, wäre Leben nur eine seltene und vergängliche Turbulenz, eine Störung im irdischen und kosmischen Ablauf, die einmal wieder zur Ruhe kommen werden. Die tote Natur ist gleichsam in das Leben hineingestolpert, aus dem sie auch wieder herauskommen wird. Leben, aus dem Toten entstanden und im Toten endend, wäre auch nur „eine Art des Toten“, wie Nietzsche sagte, ein Grenzfall des Toten als sein Grund- und Normalzustand. Dann aber wäre unverständlich, warum wir uns mit so viel Mühen und Aufopferung für das Leben einsetzen (sollen), ja es überhaupt anders behandeln als das Tote: Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Verachtung von Leben etwa ebenso richtig oder falsch, und Zynismen oder eine wegwerfende Haltung gegenüber allem Lebenden wären mögliche, wenn nicht sogar angemessene Reaktionen auf diese Situation. Jede Emphase, jede Leidenschaft, jede Hingabe und jede Verbindlichkeit im Leben, aber auch Ergriffenheit z.B. beim Anblick der Natur oder beim Kunstgenuss schienen unangebracht. Diese gehen von einem tiefen Glauben an das Leben aus, und den kann uns die Naturwissenschaft nicht lehren, er wird von ihr heute viel eher in Abrede gestellt. Eine reduktionistische Wissenschaft mit einem überzogenen Geltungsanspruch ist in ihren Aussagen darum gefährlich, weil sie den spontanen und den religiös begründeten Glauben an das Leben und die Achtung vor demselben in Frage stellt und schwächt und weil auch eine überzeugende Begründung unserer Werte so nicht mehr gelingen kann. Eine Evolutionstheorie, die meint, alles erklären zu können, untergräbt die Glaubwürdigkeit menschlichen Werte (, weil sie meint, bei der Erklärung von Leben und Mensch ohne ein wesenhaft Bleibendes und Transzendentes auskommen zu können.) Solche Überlegungen gehörten dann wohl auch in den Biologieunterricht. |
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