Ich kann mich an die Zeit der RAF erinnern, die ich als Teenager und Jugendlicher erlebte. Da hörte man häufiger von Attentaten und Banküberfällen, die uns auch unmittelbarer betrafen, weil sie in Deutschland stattfanden. Ein Amoklauf aber und dann noch an einer Schule hat in der Wahrnehmung des nicht unmittelbaren Beobachters – also von außen gesehen – noch mal seinen besonderen Schrecken – es ist der scheinbare Wahnsinn der Tat und dass es sich bei dem Täter noch um ein Kind handelt, das so etwas fertig gebracht hat und dass seine Opfer ebenfalls meist Kinder waren.
Der Unterschied zu Anschlägen scheint zu sein, dass hier kein politisches Motiv vorliegt. Wirklich? Wie kann eine Gesellschaft, in der die Gewalt schon lange an Schulen eingezogen ist, darauf hoffen, dass sie diese in den Griff bekommen kann, wenn um uns herum das Chaos zu herrschen scheint. Es geht natürlich um soziale Rahmenbedingungen und die sind immer politisch. Auch wenn die Gräuel von Amokläufen oder terroristischen Anschlägen oder Krieg meist woanders, in Afghanistan, dem Irak oder wie ein ähnlicher Fall gerade in den USA stattfinden, so erreichen sie uns doch irgendwie über die Medien.
Der vielfache Mord und die Gewalt, mit denen wir als Gesellschaften zumindest virtuell leben, offenbart eine trügerische Normalität. Im Alltag begegnet sie uns als Information oder als kontrollierbares mediales Erlebnis, in dem wir uns mehr oder weniger mich beteiligen können. Real scheint sie nicht zu sein. Doch ist diese Annahme falsch. Tagtäglich können wir durch die Medien Zeuge der Gewalt werden. Meist kommen die Nachrichten aber von weit her und wir fühlen uns nicht so betroffen. Doch die Bilder, an die gewöhnen wir uns. Die Nachrichten als solche sind schon längst Normalität geworden. Und der künstlerische und spielerisch-unterhaltende Umgang mit Gewalt hat mittlerweile die Grenzen bis zur Unerträglichkeit überschritten.
Der Täter hat sich in einem Internetforum möglicherweise erklärt. Auch wenn wir in diesen Aussagen kein politisches Motiv vorfinden, so offenbaren sie doch, wenn sie wirklich von ihm stammen, dass der Attentäter seine Tat nicht unerklärt lassen wollte. Die Frage steht im Raum, ob man ihn davon abbringen hätte können. Eine hypothetische Frage – die also auch nur eine hypothetische Antwort liefern kann.
Wir können keinen echten Sinn in dieser Tat entdecken. Und dennoch hat auch eine solche Tat einen Hintersinn. Dahinter versteckt sich eine Logik der Gewalt. Wir wissen nicht, was Tim K. bewegte 15 Menschen und sich selbst zu töten aber wir können aus den ersten Angaben über ihn darauf schließen, dass wenn er in Therapie wegen Depressionen war und diese abbrach, sich sicherlich in großen Nöten befand. Das rechtfertigt nicht seine Tat aber macht deutlich, dass auch er ein Opfer war, weil er keinen Ausweg sah, als unbewaffnete Menschen und sich selbst zu töten. Ein solcher Mensch ist getrieben von Rache oder dem Wunsch nach Vergeltung. Denn es war kein Kampf, sondern Hinrichtungen. Erst als es zum Kampf kommt und er verwundet ist, gibt Tim K. auf und richtet sich selbst. Die kompromisslose Tötung, die eiskalte Präzision, mit der er sich selbst und andere ermordet hat, macht deutlich, wie sehr Tim K. das Maß verloren hat. Dies ist meist eine Folge absoluter Isolation, Verzweiflung und Wut.
Es fällt in diesen Tagen wahrlich nicht schwer, sich so zuweilen genau so zu fühlen. Einsam, weil niemand da zu sein scheint, der sich für einen interessiert, verzweifelt, weil keine Lösung in Sicht ist und der Zustand zu lange angedauert hat und wütend, weil man sich soviel gefallen lassen musste, ohne sich wehren zu können. Der Druck, der auf uns lastet, um den ganz normalen Wahnsinn des Alltags zu bewältigen ist enorm. Was also tun, wenn niemand da ist, um einen da heraus zu helfen?
Am ehesten erregt noch die Wut Aufmerksamkeit. Sie ist Aggression und funktioniert als Ventil, drückt aber auch die Bereitschaft zur Gewalt aus und erfordert deswegen unsere ganze Aufmerksamkeit. Sie ist aber auch der Ausdruck von Ohnmacht, weil es anders scheinbar nicht ging. Doch die Wut erfordert auch Mut, wenn man sich einem potentiellen Gegner stellen muss. Tim K. hat diesen Mut nicht gehabt und dennoch - auch wenn es kein Kampf mit Gegnern war, so musste doch jemand büßen. Eine Hinrichtung ist eine Bestrafung – Tim K. hat sich also zum Richter und Henker in einem gemacht.
Ein Richter und Henker hat Macht. Sie bestimmen über Leben und Tod. Der Richter urteilt und der Henker vollstreckt. Wer zu solchen Mitteln greift, verstößt nicht nur gegen Gesetz, sondern maßt sich etwas an, das in meinem Verständnis nur Gott allein obliegt. Ich hatte eingangs gesagt, dass Tim K. ´s Tat maßlos war. Wie passt das zusammen. Ein Mensch, der kein Maß mehr kennt, schafft sich sein eigenes und wird anmaßend, weil er das menschliche Maß verlassen hat.
Gott aber zu nehmen, was sein alleiniges Recht ist, ist eine Todsünde. Wir Protestanten tun uns schwer mit diesem Begriff. Tim K. hat sich am Schluss selbst gerichtet. Wahrscheinlich als ihm klar wurde, was er getan hatte und welche Schuld er auf sich geladen hatte.
Die Gottesanmaßung – „playing God“ ist aber keine Einzelerscheinung. Auch wenn sie - Gott sei Dank - in den seltensten Fällen zu so furchtbaren Taten führt, so sind sie doch ein Grund vieler Übel. Die Entscheidung über tausende von Arbeitsplätzen in der Wirtschaft, das Spielen mit Unsummen von Geld – nicht in Casinos, sondern an den Kapitalmärkten -, der Gebrauch von militärischer und terroristischer und struktureller Gewalt, die immer wieder neues Unrecht schaffen. In allen Fällen haben einzelne Menschen, entweder gedankenlos oder auch ganz bewusst, für Millionen anderer Menschen Entscheidungen getroffen, die bedrohliche Folgen haben, ohne das eine echte Einflussmöglichkeit besteht.
Wir haben in den ersten Jahren dieses noch jungen Jahrtausends eine rasante globale Entwicklung der Gewalt und der wirtschaftlichen Krise erlebt. Ich glaube, dass es hier eine Koinzidenz gibt. Der scheinbare Siegeszug des neoliberalen Kapitalismus nach dem Zusammenbruch des real existieren Sozialismus der Sowjetunion und seiner Vasallen hat keine Friedensdividende erbracht, sondern Instabilität. Nicht nur, dass die Schranken der Spekulation nun noch viel schneller fielen, auch der Ausverkauf der ehemals staatlichen Unternehmen und das rechtliche und politische Vakuum haben organisierter Kriminalität Tür und Tor geöffnet. Eine ideale Situation für Missbrauch, Korruption, Gesetzlosigkeit und somit Gewalt in allen Formen. Und die gefährlichste Form der Gewalt ist die strukturelle Gewalt, weil sie schleichend daher kommt.
Strukturelle Gewalt – also die Macht, die mich daran hindert, mich nach meinen Möglichkeiten zu entfalten, weil ich zu arm, zu benachteiligt, ausgrenzt oder ausgebeutet werde, sie schafft in einem Klima, in dem Perspektivlosigkeit und geringe Aussichten auf eine erfolgreiche und glückliche Zukunft die Regel sind, Verzweiflung und Wut. Die daraus resultierende Ohnmacht wird irgendwann mit Allmachtsphantasien beantwortet, die sich im schlimmsten Fall so wie der Amoklauf von Winnenden oder ein Anschlag äußern können. Tim K. muss sich so ohnmächtig gefühlt haben, dass er mit seiner Tat einen krassen Antipunkt gesetzt hat.
Wir werden es sicher nicht schaffen, den Frieden in der Welt komplett auf immer zu wahren. Doch sollten wir uns der tiefer liegenden Ursachen von Konflikten bewusst werden. Also der Ausgrenzung, der Unausgewogenheit von menschlichen Bedürfnissen und den Ansprüchen einer Konsum- und Leistungsgesellschaft und ihren Folgen. Gerade unseren Kindern müssen wir die Chance auf eine glückliche Zukunft ermöglichen. Ich weiß, dass es für die Eltern und Lehrer nicht leicht ist, in einer Welt, die immer mehr Verantwortung dem Einzelnen aufbürdet und ihn zwingt, in Strukturen zu leben und zu arbeiten, die unseren biologischen und sozialen Bedürfnissen nicht entspricht und einem Familienleben wahrlich nicht zuträglich sind, weil Zeit Geld ist und nicht mehr die Arbeit wert ist, die man tatsächlich geleistet hat.
Eine solche Welt hat wahrlich ihr Maß verloren und es sind solche schrecklichen Taten und Ereignisse, die uns daran erinnern, dass wir uns vielleicht zu viel zugemutet haben. Denken wir daran, was es für Folgen haben kann, wenn wir uns die Verantwortung für etwas aufbürden, dass zu groß für uns ist.
Tim K. hat solche Gedanken sicher nicht gehabt aber er hat sich für einen kurzen Moment zu einer Tat berufen gefühlt, die Ausdruck einer Einsamkeit, Verzweiflung und Wut ist, die in Selbstgerechtigkeit mündete. Auch wenn das Selbstjustiz klingt, was nicht dasselbe ist, so glaube ich doch, dass er irgend jemanden für seine Not bestrafen wollte.
Auch das ist immer noch keine Rechtfertigung seiner Tat, die kann es auch gar nicht geben. Aber wenn wir uns nicht fragen, was Tim K. bewegt hat, dann verschließen wir die Augen vor der Gewalt und ihren Ursachen und das dürfen und können wir uns nicht erlauben. Lassen wir nicht zu, dass wir unsere Kinder in ihrer Not allein lassen. Und das ist keine Aufgabe, die allein die Eltern und die Lehrer betrifft, sondern uns alle. Denn die Zukunft unserer Kinder ist auch unsere Zukunft.
Und wenn wir keine eigenen Kinder haben, dann sind es doch die unserer Familien oder Verwandten, Bekannten und Freunden, die beschützt werden müssen. Sie alle sind Teil der Gesellschaft, in der wir leben und die vom Staat verlangen kann, dass er nicht nur angemessene Waffengesetze schafft, die dafür sorgen sollten, dass Privatmänner keine Waffen und Munition lagern dürfen, sondern auch Verhältnisse hervorbringen müssen, in denen so wenig Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten wie möglich durch strukturelle Gewalt entstehen, die letztlich neue konkrete Gewaltbereitschaft schafft. Wir müssen uns der Kreisläufe von Gewalt bewusst werden, sie sind Ausdruck von Verhältnissen, die so nicht mehr tragbar sind. Auch wenn Tim K. ein Einzeltäter war, so ist er doch Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Realität, in der so etwas möglich ist.
Für die Opfer und ihre Angehörigen ist dies kein Trost. Aber vielleicht hilft es ihnen, wenn wir diese Debatte in einem größeren politischen und ethischen Zusammenhang diskutieren und daraus Schlüsse ziehen, die überfällig sind.