ERLEBNISSE und GEDANKEN zum 1. September 1939
Unser Boot stoppt in der Danziger Bucht. Es ist Frühsommer 1970. Wir, das sind meine Frau & ich, zusammen mit einer von Polen eingeladenen Hochschulgruppe der RWTH-Aachen mit unseren polnischen Reiseführern (die ersten Touristen kamen erst 1971). Es ist ganz still, als plötzlich ein Pole erklärt: „An dieser Stelle, so wie wir hier liegen, hat am 31. August 1939 um 22 Uhr die „Schleswig Holstein“ Position bezogen, und am 1. September um 4:45 Uhr die erste Salve auf die Westerplatte abgefeuert. Die Geschütze waren „zu lang“ eingestellt, und diese Geschosse überflogen lediglich das Ziel.“ So begann der von Anfang an als Vernichtungskrieg konzipierte, später als II. Weltkrieg bezeichnete, Überfall auf Polen; der „Fall Weiß“ der schon viele Monate währenden Angriffs-Planung. Bei Hitler wurde erst um 5:45 Uhr „Zurückgeschossen“. Es ist mir unbegreiflich, wie die von den Nazis geheim inszenierten Grenz-Scharmützel dem Deutschen Volk als Grund für den Polen-Feldzug verkauft werden konnten. Ich las dieser Tage in einem persönlichen Tagebuch aus der Familie meiner Frau: „Ist denn der Pole verrückt geworden, dass er uns angreift? Er muss doch wissen, was er dadurch auslöst.“ Das war aus Überzeugung geschrieben; ein klarer Beweis, wie geschickte Propaganda selbst intelligente Menschen blenden kann.
Meine Eltern wohnten vor dem Krieg in Minsk-Mazowiecki, einem kleineren Städtchen ca. 30 Km östlich von Warschau. Dort begannen die Wälder, die bis Russland reichten. Erst dort konnte sich eine Armee verstecken; das wusste natürlich auch die deutsche Seite. Mein Vater führte seit Jahren die Bücher landwirtschaftlicher Groß-Güter, und wir wohnten in den Sommermonaten in Kędzierak, einem Wald-Dorf in der Nähe. Wir waren Polen, mit Kopf & Herz. Unser Evangelischer Glaube und der Name deuteten auf eine lang zurückliegende deutsche Abstammung. Ich lernte aus Sicherheitsgründen nur Polnisch, denn Deutsch war ab 1938 dort nicht gern gehört. Ein junger polnischer Heißsporn wollte Ende August 1939 meiner Mutter in Kędzierak beim Milchholen mit einem Messer den Hals durchschneiden. Der Bauer warf sich dazwischen. „Warum?“ „Sie ist Deutsche!“ „Nein, sie ist Polin, verschwinde!“
Ab dem 1. September 1939 griffen Hitler- Bomber auch die Wälder um Kędzierak, an. Ich, als 2-Jähjriger, hörte die Motoren immer zuerst und hatte noch Jahre später nachts traumatische Erlebnisse, von denen ich nichts mehr weiß. Am 5. September rannte mein Vater mit mir auf dem Arm über eine Wiese, um am Hang zu einem Bach Schutz zu finden. Ein deutscher Flieger setzte eine Bombe gezielt auf uns beide. 4 Bombensplitter rissen eine Seite meines Vaters am Oberkörper, dem Gesäß und den Schenkeln auf; und blieben stecken. Mir passierte nichts. Angriffe auf Einzelpersonen müssen wohl befohlen worden sein, denn meine Mutter ist von einem Tiefflieger unter Feuer genommen worden. Ihre Rettung war ein großer Einzelbaum. Der Flieger kreiste feuernd um den Baum, Mutter blieb immer im Feuerschatten, der Stamm sah demoliert aus, lauter Treffer. Der Flieger musste abdrehen. Das Polnische Kranken-Haus (Lazarett ?), in das mein Vater kam, mutierte in jenen Tagen zum Sterbehaus, um Vielfaches überbelegt, ohne Ärzte, ohne Medikamente. Aus Sicherheitsgründen änderte meine Mutter kurzerhand den Familiennamen, von Linke in Linka, das klang polnischer. Bombensplitter sind steril, aber die Verschmutzung der Kleidung führte zu Entzündungen. Eine Frage von Tagen und auch mein Vater wäre gestorben. Inzwischen waren deutsche Truppen in den Wäldern. Meine Mutter fasste in ihrer Verzweiflung den Entschluss, in den Wald zu den deutschen Truppen zu gehen, und ihre Lage zu schildern. Ein General von Reh/ Reth? fragte: “Sind Sie Deutsche?“ „Ja“ log meine Mutter. „Dann kriegen Sie sofort einen deutschen Arzt. Holen Sie ihren Mann unverzüglich aus dem polnischen Lazarett heraus, ein Deutscher hat dort nichts zu suchen. Gehen Sie zur Kommandantur in Minsk-Mazowiecki. und fordern Sie den Arzt an. Man wird Ihnen dort helfen.“ Meine Mutter holte Vater auf eigene Gefahr in unsere Wohnung; aber in der Kommandantur half man ihr nicht „Sie wollen Deutsche sein? Warum haben Sie sich nicht gemeldet, als wir gefragt haben? Die Fristen sind längst verstrichen! Wer oder was sind Sie wirklich? Vielleicht eine Jüdin? Raus hier! Wache!“ Zwei Männer griffen meine Mutter und schmissen sie auf die Straße, wo sie der Länge nach hinfiel. Es war aus! Alles schien verloren! Im gleichen Augenblick raste ein Wehrmachts-PKW heran, General von Reh sprang heraus: „Haben Sie einen Arzt?“ „Keine Hilfe bekommen!“ „Na, das wollen wir mal sehen. Kommen Sie mit!“ Von Reh schrie die Verantwortlichen an: „Dieser Frau wird sofort geholfen. Sie bekommt einen Arzt. Ich verlasse mich darauf. Sie ist Deutsche!“ Und zu meiner Mutter: „Ich habe einen Marschbefehl bekommen, ich muss weg; Sie kriegen Ihren Arzt“. Der General raste davon. Das ist Fügung!
Eine Prozession ging durch Minsk-Mazowiecki; zuerst zwei Bewaffnete mit Gewehren in den Händen, dann meine Mutter mit dem Arzt, hinten wieder zwei Bewaffnete, auch schussbereit, bis in unsere Wohnung. Bei der Begrüßung sagte der Arzt gleich: „Dieser Mann ist kein Deutscher! Aber als Arzt helfe ich ihm jetzt.“ Und später: „Ich komme morgen wieder“. Am nächsten Tag kam der Arzt bereits allein, und in den nächsten 3 Wochen auch. Mein Vater wurde gesund, die Splitter blieben im Körper. Unser Verhältnis zum Arzt entwickelte sich freundschaftlich; vom General von Reh haben wir nie wieder etwas gehört.
Natürlich haben wir unverzüglich die Option für Deutschland nachgeholt. Die übliche Ahnensuche begann. Das Ergebnis war eindeutig. Wir bekamen, ohne Umwege über Volkslisten, gleich die volle Einbürgerung (das war damals selten). Die Urkunde trägt das Datum vom 3. Juli 1940, ausgehändigt am 5. Oktober 1941. An diesem Tag wurden wir offiziell „Reichsdeutsche“, und mein Vater wehrpflichtig. Die Front ist ihm erspart geblieben; aus Alters- & Gesundheitsgründen diente er bis zur Flucht 1945 im Wehrmeldeamt.
Das Boot nahm wieder Fahrt auf, und wir besuchten die Gedenkstätte der Westerplatte, den Ort, wo jetzt das 70-jährige Gedenken international mit großem Medienecho stattgefunden hat. Alte Frontkämpfer erwarteten uns, zeigten ihre Stellungen und berichteten stolz, wie sie wochenlang dem deutschen Ansturm getrotzt haben.
„Nie wieder Krieg“ stand polnisch in großen Lettern, und dann etwas seitlich zwei Metall-Torbögen mit:
„Wir vergessen nie“ &
„Wir verzeihen nie“ . Ich glaube, ich war der Einzige der Gruppe, dem das auffiel, und als ich ganz dezent unseren polnischen Reiseführer auf den ungeheueren letzten Spruch hinwies, war ihm das sichtlich peinlich. Ich bin überfragt, ob dieser Spruch heute noch dort existiert; vorstellen kann ich mir das nicht.
Dann stand das Nazi-Vernichtungslager KZ-Stutthof auf dem Programm. Das Lager war gut dargestellt; an Hand ausführlich dokumentierter Einzelschicksale. Durch die Gaskammer führte man uns ins Krematorium. Und da kamen für uns die Überraschungen. Drei große Fotoposter zeigten: a) Ein Jude beim Verhör (mit Peitsche), b) Himmler besucht Stutthof, alle stehen Spalier, c) Bundeswehrsoldaten bei Schießübungen auf Pappmenschen. „Was hat c) da zu suchen?“ „Ist doch klar, ihr habt die Rechtsnachfolge des Naziregimes angetreten & ihr habt den Alleinvertretungsanspruch ausgesprochen“. Wir schüttelten die Köpfe, waren sauer. Jeder Erklärungsversuch war zwecklos. Wir waren Naturwissenschaftler, keine Juristen. Ganz schlimm kam es aber an einer Stelle im Raum mit sehr vielen Länder-Fahnen. Die DDR-Fahne war dabei, unsere nicht. „Was hat das zu bedeuten?“ „Das sind all die Länder, die die NS-Verbrechen bedauern. Die DDR hat sich distanziert. Eure Fahne kann aus den gleichen Gründen wie vorhin hier nicht gezeigt werden. Wollt Ihr Euch etwa selbst bedauern?“ Das war zuviel des Guten! Die Stimmung in der Gruppe kochte.
Da sehe ich Schalen mit Erde und Namen. „Was bedeuten die Schalen?“ „Das ist Erde anderer KZ-Lager.“ Ich sah den Namen Potulice, mir bestens aus den Erzählungen meiner Cousine bekannt, die dort von 1945-1948 von den Polen interniert war und Qualen ausgehalten hat. Meine Eltern nahmen sie 1948 bei uns auf, damit sie sich erholen und wieder zu sich kommen konnte. Als ich das gesagt hatte, rannte die junge Führerin zur Kommandantur und kam verneinend zurück. „Sie können nur sagen, dass Sie immer ausschließlich Ihre Version gehört haben, aber Sie dürfen niemals behaupten, ich würde die Unwahrheit sagen“, konterte ich gereizt-scharf. Daraufhin verließ die Führerin unsere Gruppe, und der Lagerbesuch war abgebrochen. Man hielt uns für Revanchisten und bedauerte die Einladung.
Die Zeiten haben sich, gottseidank, geändert. Wie entkrampft die Situation heute bereits ist, mag aus einer Notiz des polnischen Verteidigungsministers Radek Sikorski gefolgert werden, der folgendes schrieb: In der unmittelbaren Umgebung von Chobielin liegt Potulice,… in dem die Nazis ein KZ für 10 000 Häftlinge einrichteten, davon waren ein Drittel bis die Hälfte Kinder. Nach 1945 wurde Potulice eins der größten Internierungslager für Deutsche. „In jenen Jahren drehten die Opfer der Deutschen den Spieß um”, gesteht der Autor. „Ein ehemaliger Häftling von Auschwitz behandelte nun als Lagerarzt die Frauen ebenfalls sadistisch…“
Mein Vater verlor die Selbständigkeit, wurde zunächst als Prüfer „seiner“ Güter eingesetzt, mit Bericht an deutsche Stellen im Rathaus von Minsk-Mazowiecki. Dort ist mit Juden Schlimmes passiert. Im Obergeschoss sind Verhöre gewesen, offenbar mit tödlichen Folgen für einige der Verhörten. 1972 hat die Staatsanwaltschaft Düsseldorf Material darüber zusammengetragen, und meinen Vater angehört. Er konnte einige der NS-Schergen auf Bildern wieder erkennen, erfuhr aber von den Verbrechen erst in Düsseldorf. Ich weiß nicht, ob es zu einem Prozess gekommen ist. In Minsk-Mazowiecki haben meiner Mutter Juden einmal zugesteckt, dass „schreckliche Dinge“ passieren, und: „hüten Sie sich vor diesem Mann, er ist ein Teufel“. Es war einer der NS-Bestien in der Kartei der Staatsanwaltschaft.
Noch bevor die Einbürgerungsurkunde meinen Eltern ausgehändigt worden ist, machten die deutschen Behörden uns klar, dass eine reichsdeutsche Familie in Minsk-Mazowiecki. mit seinen 80%-gen Anteil an jüdischer Bevölkerung nichts zu suchen habe. Sofortige Zwangsumsiedlung zur Regermanisierung in den Raum Posen (Jarotschin), war dann die Folge. Polnische Bürger mussten Hals über Kopf ihre Wohnung verlassen, um uns Platz zu machen. Persönliche Dinge, wie Fotographien, lagen verstreut auf dem Fußboden. Meine Mutter sammelte alles auf und gab es an Polen weiter zur Überbringung an die Eigentümer. So etwas war damals streng verboten. Wir tauschten unsere Möbel gegen die der Vorbesitzer aus, und lebten dort bis zur Flucht 1945.
Polen haben uns gewarnt, dass den zurückbleibenden Deutschen Schlimmes bevorsteht und flehten uns an, rechtzeitig zu fliehen. „Wir wissen wer Sie sind, aber es wird nicht in unserer Macht stehen, Sie zu schützen“. Beim Transport unserer Sachen wurde uns geholfen. Mit der letzten „normalen“ Bahn gelang die Flucht.
Ein neues Leben fing für uns im Westen an.
Genau vor 70 Jahren begann der große europäische Krieg mit einer Salve der „Schleswig-Holstein“ auf die Westerplatte. Noch nie war die Gedenkfeier so groß aufgezogen worden wie heute. Warum? Weil es das letzte runde Gedenken ist mit noch lebenden direkt Beteiligten? Solche Feiern machen nur Sinn, wenn sie ein Tor zur Versöhnung aufzeigen. Es hat mich sehr gefreut, dass Seeleute der „Schleswig-Holstein“ eingeladen und dabei waren; undenkbar in der Atmosphäre von 1970, wie ich sie erlebt habe. Engländer & Amerikaner fehlten leider. Es ist eben noch lange nicht alles aufgearbeitet.
Vertrauensaufbau und Versöhnung sind nur möglich, wenn vorher die historischen Tatbestände
in Gänze , auch wenn sie wehtun, gesagt und aufgearbeitet werden. Bemühen um Wahrheit steht am Anfang. Das meine ich mit Erinnern; gegenseitiges Verzeihen ist ein Folgeschritt. „Kriege enden nicht im Frieden“ hat Dr. Bach von der „Mülheimer Initiative“, die Pionierarbeit zur Versöhnung mit Osteuropa geleistet hat, einmal formuliert. Er wollte damit, wie er schrieb, zum Ausdruck bringen, dass zum äußeren Friedensschluss mehr hinzukommen muss. Sein Ende muss der Krieg finden auch in den Köpfen & Herzen der Menschen. Das erfüllt sich nur, wenn die einzelnen Menschen auf vielfältigen Wegen zueinander finden. Aus Erfahrung wissen wir, dass dieser Prozess viel länger dauert, als der Konflikt selbst. Mit Frankreich ist es gelungen, mit Polen ist es auf gutem Weg. Eine Schlüsselrolle spielt die Jugend, denn sie blickt nach vorn und das geeinte Europa schafft wunderbare Rahmenbedingungen.
Dr. Georg Linke, Aachen im September 2009