TAGESFAHRT DES FREUNDESKREISES DER AKADEMIE AM 19. SEPTEMBER 2009
Über 300 m steigt der 2008 neu eröffnete Westerwaldsteig vom Rhein bis Herborn an. Zu diesem Ziel führte im Calvinjahr der Tagesausflug des Freundeskreises der Akademie. Acht Mitglieder nahmen an dem Ausflug teil, den Dr. Georg Linke glänzend geplant und organisiert hatte. In milder Herbstsonne führte die Exkursion über den Rhein, durch das Siebengebirge und den sonst so rauen Westerwald. Je höher die Straße führte, desto karger wurde die Landschaft. Weite bergige Flächen, voller Büsche und Niederholz, Baumgruppen, soweit das Auge reicht. Frau Löwer aus Dierdorf erläuterte, dass die einst ausgedehnten Eichen- und Buchenwälder im Mittelalter für die Eisengewinnung im Siegerland abgeholzt wurden. Der Boden verkarstete und ließ nie wieder Wälder entstehen. Für einen Ackerbau war die Natur in dieser Höhe zu rau. So wuchs in Jahrhunderten der Westerwald zu einer großartigen Art Parklandschaft, die heute ein beliebtes Wander- und Sportgebiet (Ski, Mountainbikes, Drachen) für die Städte im Rheintal ist.
In Herborn hatte Dr. Linke eine hervorragende Stadtführung organisiert. Wie der promovierte Führer uns verriet, erwartete die Stadt mit uns – wegen der Bezeichnung – eine Gruppe von Akademikern der Universität Bonn. So hatte man für uns den wohl kenntnisreichsten Stadt-führer aufgeboten. Herborn überrascht allein durch seine prachtvolle Bausubstanz. Vom letzten Kriege unberührt, weisen ganze Straßenzüge in mittelalterlicher Enge steil aufragende Fachwerkhäuser mit drei und vier Stockwerken auf, dabei das Balkenwerk vielfach mit Schnitzereien und abwechslungsreichen Farben versehen. Herborn besaß eine blühende Tuchindustrie und lag an einer Kreuzung wichtiger Handelsstraßen. Den Reichtum spiegeln die Häuser noch heute wieder. Goslar und der Harz erscheinen dagegen bescheiden.
Das Schloss thront über der Stadt und beherbergt heute das Predigerseminar der Ev. Kirche Hessen-Nassau. Zusammen mit der Unterhaltung der gotischen, z.T. romanischen Stadtkirche und der Hohen Schule leistet die Landeskirche Hervorragendes für die Denkmalpflege. Von der Hohen Schule ist ein großräumiger Saal (Aula) erhalten, dessen interessanteste Einrichtung eine sog. Disputationsbank ist, ein zweistöckiges Gestühl, von dem herab die Studenten und Professoren einst ihre wissenschaftlichen Arbeiten verteidigten. Wir erfuhren, dass die Universität mit vier Fakultäten 1584 durch Johann VI. von Nassau-Dillenburg gegründet wurde. Pate stand Calvins Genfer Akademieordnung. Die Universität erlebte ihre geistige calvinistische Blüte, als in Heidelberg der Pfalzgraf zum Luthertum übertrat und daraufhin viele berühmte calvinistische Gelehrte, aber auch Studenten nach Herborn abwanderten. Zeitweise war Herborn das geistige Zentrum des Calvinismus in Deutschland. Zu den Professoren gehörten u.a. Olevianus, Mitautor des Heidelberger Katechismus, zwei Jahre lehrte dort der große Pädagoge J.A.Comenius (1611-1673), ferner der Bibelübersetzer J.Piscator und der Staatsrechtler Althusius. Neben der Kirche liegen die Gebäude (Paulshof) der ehemaligen Druckerei des C.Corvinus, eine der frühesten Bibeldruckereien in Deutschland. Die Stadtkirche verwirrt baulich etwas durch den im 14.Jht. an das romanische Schiff angebauten Chor mit Spitzbogengewölbe. Reformiert geprägt ist die Kirche dadurch, dass auch im Chor Bänke stehen und er eine zweistöckige Empore hat. So erhält der schmucklose Altar seine zentrale Stellung. An den Wänden der Kirche bekräftigt eine Reihe von gusseisernen Grabplatten für Professoren die Hochschultradition, ebenso eine fürstliche Kapelle den Residenzcharakter der Stadt.
Die Landschaft erfreute die Gruppe so, dass sie auf der Rückfahrt statt des vorgesehenen Besuchs in einem Vogelpark am höchsten Punkt der Gegend, der Fuchskaute (650 m) Halt machten und dort eine kleine Wanderung durch die herbstliche Natur machten. Beeindruckt waren sie vor allem von den riesigen Schirmtannen, die als Solitäre in der Landschaft stehen. Die herbstliche Flora vermittelte eine Ahnung davon, welche alpine Blumenpracht Heide und Wald im Frühsommer haben müssen. Unsere Westerwaldkennerin, Frau Löwer, gab uns eine anschauliche und fachkundige Schilderung davon Mit einer Kaffeepause stärkten wir uns für die weitere Fahrt. Im Hohen Westerwald fuhren wir zu unserer Überraschung an einem Flugplatz für Personen- und Frachtverkehr vorbei. Die Autobahn begleitet über längere Abschnitte die Hochgeschwindigkeitsstrecke Köln-Frankfurt mit Halt in Montabaur. Beides zeigt, wie gut erschlossen der Westerwald heute ist.
Voller schöner Eindrücke trafen wir abends auf dem Heiderhof wieder ein. Alle Teilnehmer waren voll des Danks an die Akademie und Georg Linke.
Dr. Dieter Scheven , Düsseldorf