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EKiR.de - 02.09.2010 17:24 |
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![]() Seelsorge-Ausbilder auf den Philippinen: Horst Ostermann. Seelsorge-Ausbildung auf den Philippinen"Nicht nur hinter den Hallelujas verstecken"Seelsorge kann und muss man lernen. Kurse gibt es dafür. Der rheinische Theologe Horst Ostermann unterrichtet Seelsorge auf den Philippinen. Ein Porträt„Fragen Sie mich doch mal!“ Das war die spontane Antwort von Pfarrer Horst Ostermann, als vor gut zwei Jahren die Vereinte Evangelische Mission (VEM) aus Wuppertal bei ihm anrief und ihn fragte, wen er für einen Missionsauftrag auf den Philippinen empfehlen könnte. Das internationale Missionswerk suchte einen nach amerikanischen Maßstäben ausgebildeten Seelsorge-Lehrer, der für drei Jahre den Wiederaufbau der Klinischen Seelsorge-Ausbildung (KSA) für die Church of Christ in the Philippines (UCCP) begleiten sollte. Mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern ist sie die größte evangelische Kirche des mehrheitlich katholischen Insel-Staates. Gegen Ende der Marcos-Diktatur (1966 –1986) war dort die bereits ab 1965 an fünf Krankenhäusern erfolgreich installierte Ausbildung zusammengebrochen – denn die einheimischen Fachleute sahen im Land keine Zukunft mehr und wanderten zu amerikanischen Krankenhäusern aus. Ostermann, der seine Ausbildung zum Seelsorgelehrer Anfang der siebziger Jahre an der Menninger Foundation in Topeka und in Baltimore in den USA erhielt, ist Seelsorger aus Leidenschaft und erscheint in der Tat als „Idealbesetzung“ für die ökumenische Aufgabe. In der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) gilt der 62-Jährige als einer der Pioniere der Klinischen Seelsorge-Ausbildung (KSA). In den vergangenen 25 Jahren hat er in KSA-Kursen mehrere hundert Seelsorgerinnen und Seelsorger ausgebildet. Auch in Sachen Partnerschaft und Ökumene bringt der ehemalige Superintendent des Kirchenkreises An der Agger Erfahrungen mit: Denn der Kirchenkreis An der Agger pflegt seit Jahren eine Partnerschaft nach Indonesien. Und ganz nebenbei ist ein Pensionär für die VEM eine kostengünstige Lösung. Nach einem Informationsbesuch im Januar 2001stand für ihn fest: Er würde „dem leisen Ruf, etwas abzugeben von dem Vielen, was wir in Deutschland genießen“, folgen – zwar nicht vollzeitlich, aber doch mit mehreren Sechs- bis Zehnwochenkursen pro Jahr. Bei der Klinischen Seelsorge Ausbildung sollen Pfarrerinnen, Pfarrer und Mitarbeitende der UCCP und anderer christlicher Kirchen Asiens seelsorgliches Hören und Begleiten lernen – und sich im Miteinander von Theologie und Psychologie auch mit der eigenen Lebens- und Glaubensgeschichte auseinandersetzen. Das Krankenhaus eignet sich dabei besonders als Übungs- und Praxisfeld: Denn dort treffen sie Menschen, die Trost und ehrliche Antworten auf Grundfragen des Lebens und Sterbens suchen. In der 2,5 Millionen-Stadt Cebu–City begegnet Ostermann immer wieder der Armut. Sie ist auf den Philippinen allgegenwärtig . 40 Prozent der 80 Millionen Philippinos leben unterhalb der Armutsgrenze. Der Reichtum des Landes dagegen ist in Händen einiger weniger Familien konzentriert, die zugleich auch die politische Macht in Händen halten. Welche tiefen Wunden die Armut in die Lebensgeschichte von Patientinnen und Patienten geschlagen hat, wird Ostermann bei der Begleitung der angehenden KSA-Ausbilder immer wieder deutlich: Denn in der Begegnung mit fremdem Leid lernen sie, auch dem eigenen Schmerz zu begegnen, der sie manchmal unvermutet einholt. Wie den 30-jährigen Kursteilnehmer, der sich bei Patientenbesuchen mit der eigenen Ohnmacht und Wut aus Kindertagen konfrontiert sah, als seine Eltern ihn weg gaben, weil sie ihn einfach nicht ernähren und kleiden konnten. Wer ärztliche Hilfe und medizinische Versorgung braucht, erfährt, was der Satz: „Kein Geld - kein Leben“ heißt, der auf den Philippinen für viele bittere Wahrheit ist. Für jede Behandlung selbst im kirchlichen Krankenhaus muss eine Anzahlung geleistet werden .Wer die weiteren Kosten nicht aufbringen kann, wird entlassen. Wie die Mutter, die ihren einjährigen Sohn mit Lungenentzündung und hohem Fieber wieder mitnehmen musste, weil die täglichen 1000 Pesos, umgerechnet 25 Euro, für die Medikamente für sie einfach unerschwinglich waren. Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer gehören nicht, wie in Deutschland, zu den Wohlhabenden. Wer 250 Euro verdient, ist Spitzenverdiener. Der Schnitt liegt bei 120 Euro. Die allermeisten Pfarrerinnen und Pfarrer gehen deshalb einem zweiten Beruf nach. Wie Erlinda de los Reyes, die seit zwölf Jahren unbezahlte Pfarrerin einer kleinen Gemeinde auf der Insel Samar ist und einen Laden und eine Bäckerei betreibt, um ihre Familie durchzubringen. Wer also die 150 Euro für den bereits von der UCCP mit Hilfe der VEM und auch des Kirchenkreises an der Agger subventionierten zehnwöchigen Kurs irgendwie zusammenkratzt, bringt ein großes finanzielles Opfer. „Es wird nicht viel über Geld geredet, und die Tatsache, dass man zu wenig hat, wird tapfer hingenommen – vielleicht sollten wir von diesen Erfahrungen der Geschwister in der sogenannten Dritten Welt lernen“, meint Horst Ostermann. Auch wenn er zutiefst davon überzeugt ist, „dass die Seele des Menschen mit ihrem Fühlen und Erleben international ist“, zieht Horst Ostermann eine kritische Zwischenbilanz: Eigentlich könne er als wohlhabender Pfarrer aus dem reichen Deutschland, der das Rückflugticket in den komfortablen Westen in der Tasche hat, kaum Supervisor für die armen Kollegen in Asien sein. Der Weg zum „Wir“ ist weit – und er ist auch über die Brücke des gemeinsamen Glaubens nicht abzukürzen. Die Gräben, die Armut, Hunger und Korruption ziehen, so hat er schmerzlich erkannt, sind tiefer, als er auf den ersten Blick geahnt hat oder wahr haben wollte. Was zum Beispiel soll Ostermann raten, wenn eine junge, vom Glauben bewegte Pastorin in der Ausbildungsgruppe berichtet, dass ein Mitglied des Kirchenvorstandes gemeindeeigenes Geld für sich verbraucht hat? Der europäische Weg, den „Dienstweg“ über eine Beschwerde beim Bischof zu gehen, erweist sich bei näherem Hinsehen als schwierig. Erscheint da nicht der Rat, den eine einheimische Christin gab, die weiß, wozu Armut verleiten kann, barmherziger und realitätsnäher? „Frag ihn, wofür er es denn so dringend gebraucht hat“, schlug sie vor. Etwas dafür zu tun, dass die Gräben nicht unüberbrückbar bleiben, ist für Ostermann „Christenpflicht“. Dabei müssten Befremden Missverständnisse ausgehalten werden. „Wir dürfen uns nicht hinter unseren Hallelujas verstecken“, ist sich Ostermann nach zwei Jahren Einsatz auf den Philippinen mit Bischof Elmer Bolocon, dem Generalsekretär der UCCP, einig. Die Zusammenhänge verstehen und dennoch Korruption, Veruntreuung oder Zweckentfremdung von Geldern nicht decken, das ist eine der Herausforderungen, die Ostermann in Partnerschaften und ökumenischer Zusammenarbeit sieht. So darf die KSA-Ausbildung in der UCCP nach seiner Meinung nicht auf Dauer am Tropf der VEM hängen. Wo dennoch finanzielle Zuwendungen nötig sind, „sollen die Geld empfangenden Kirchen sich nicht als Bettler fühlen müssen“. Genaue Abrechnungen und Planungssicherheit gehören deshalb für Ostermann unabdingbar zur Partnerschaft. Sehr bewusst sucht Horst Ostermann die Nähe der Menschen. „Wichtig ist, wo du wohnst.“ Den Pensionärstraum vom Wohnen in einer palmenbestandenen Siedlung der Reichen, wo alles gepflegt, sauber und sicher ist, hat er schnell beiseite gelegt. Stattdessen wohnt er in einem kleinen Zimmer auf dem Gelände des Ausbildungszentrums. Die Momente, in denen etwas von Nähe, Solidarität und Geschwisterlichkeit spürbar wird, erlebt er als besonders kostbar. Wenn etwa ein Kursteilnehmer in seinem Abschlussbericht schreibt: „Ich bin dem Gott der Liebe und der Barmherzigkeit mitten im Leid begegnet und diese Begegnung zwingt mich geradezu dazu, davon überzeugt zu sein, dass ich einer sein soll und es auch bin, der Gott und die Menschen lieb hat und für Gottes Volk sorgen soll.“ Karin Vorländer 29.01.2003 © EKiR.de 2003 Alle Rechte vorbehalten Vervielfältigung nur mit Genehmigung |
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