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Serhat Aymaz, Elisabeth Lehmann und Sevinc Danismaz machen sich stark für mehr Wissen über Religionen.
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Serhat Aymaz, Elisabeth Lehmann und Sevinc Danismaz machen sich stark für mehr Wissen über Religionen.

Religionen im Krankenhaus

Evangelisch, katholisch oder sonstige

Gebetsteppich und Tabernakel, christliche Kapelle und neutraler "Raum der Stille" – wie sieht es aus mit den anderen Religionen, zum Beispiel in einem ganz normalen Krankenhaus?

Das städtische Krankenhaus Holweide in Köln ist so ein ganz normales Krankenhaus – zumindest auf den ersten Blick.
Es gibt eine christliche Kapelle – ökumenisch genutzt von katholischen und evangelischen Christinnen und Christen. Pfarrerin Elisabeth Lehmann ist die evangelische Krankenhausseelsorgerin in Holweide. Auch katholische Seelsorger bieten Begleitung und Hilfe an. Im Krankenhaus gibt es regelmäßig Gottesdienste und Messen.

Allerdings - in Köln leben viele unterschiedliche Nationalitäten und Religionen zusammen, das spiegelt sich auch in der Patientenschaft des Krankenhauses wider. Der vermutlich größte Anteil einer anderen Religion sind Angehörige des Islam. Vermutlich, denn genauere Statistiken gibt es nicht.

Vom Speiseplan zur Religion

Wer nicht durch Aussehen oder besonders praktizierte Riten und Gebräuche auffällt, kann oft keiner bestimmten Religion zugeordnet werden. Auf den Aufnahmebögen, die Patientinnen und Patienten bei der Ankunft im Krankenhaus ausfüllen müssen, gibt es die Rubrik "Religion". Die Patienten können ankreuzen, welcher Konfession sie angehören. Zur Auswahl stehen: evangelisch, katholisch oder sonstige. Nähere Angaben werden nicht verlangt.

Einzig auf Grund der Speisepläne lässt sich dann vielleicht ein Rückschluss auf die jeweilige Religion der Patienten ziehen, die formal unter „sonstige“ laufen. Dann, wenn zum Beispiel kein Schweinefleisch gewünscht wird. Wer aber sind die „Sonstigen“?

Die Krankenschwester Sevinc Danismaz trägt ein buntes Kopftuch. Obwohl ihr Dienst schon vorbei ist, nimmt sie sich noch Zeit für ein Gespräch - denn das Verständnis für Religion, für ihre Religion, ist ihr wichtig. Sevinc Danismaz ist praktizierende Muslima.

Religiöse Bezugsperson

Klar werde sie auf das Kopftuch, auf ihren Glauben, im Krankenhausalltag angesprochen, erzählt sie, und das sei völlig in Ordnung. Ältere Patienten würden sie zwar manchmal für eine Nonne halten, schmunzelt sie, aber das sei nicht schlimm, denn auch dann würde man sie ja im Grunde als „religiöse Bezugsperson“ wahrnehmen, und das sei ihr wichtig. Gerade auch als Krankenschwester wolle sie ein seelsorgliches Ohr für ihre Patientinnen und Patienten haben.

Sevinc Danismaz ist aber auch immer gerne bereit, den Mitschwestern, Pflegern und Ärztinnen und Ärzten im Krankenhaus besondere islamische Riten und Gebräuche zu erklären.  „Oft wissen die Menschen einfach nur nicht Bescheid“, weiß Danismaz – und eine Erklärung weckt oft Verständnis und erleichtert dann das Miteinander.


 


Eine Figur mit Hindernissen: Der "Raum der Stille" soll so neutral wie möglich für viele Religionen offen sein.

Auf Grund von Unkenntnis kommt es nämlich oft zu Verwirrungen. So wurden rund um die Krankenhauskapelle im Rahmen einer Ausstellung Tonfiguren aufgestellt – eine der tönernen Figuren wurde auch im neutralen "Raum der Stille" installiert. Schön sah es aus, und bereichert hat es den ansonsten sehr schlicht gehaltenen Raum durchaus. Eine Muslima, die den Raum zum Gebet nutzen wollte, hatte dann aber zunächst ein Problem: Ein großes Tuch musste her, um die Statue zu verhüllen.

Was nämlich bei diesem gutgemeinten Verschönerungsversuch übersehen wurde: In islamischen Gebetshäusern finden sich grundsätzlich keine Skulpturen oder Bilder – eine wichtige Grundregel im Islam.

Solche religiösen Verwirrungen kann besonders im Krankenhaus eigentlich niemand gebrauchen.
Und doch kommt es gerade hier immer wieder dazu, wie auch Pfarrerin Elisabeth Lehmann, die Krankenhausseelsorgerin, weiß: „Im Krankenhaus kann man sich eben nicht so einfach aus dem Weg gehen.“ Hier geht es um existenzielle Erlebnisse – wie Geburt, Krankheit und Sterben. Und gerade dann kommen Religion und Glaube ja eigentlich zum Tragen, besonders zum Ausdruck.

Was fehlt, sind Räume und Wissen

Serhat Aymaz, Oberarzt in Holweide, bestätigt: „Religion beeinflusst mitunter im Grunde den ganzen Tag.“ Aymaz selbst ist „nicht praktizierender Muslim“, aber er kennt sich mit den Traditionen und Riten seiner Religion gut aus.

Für die ist nicht immer gebührend Platz, manchmal ganz wörtlich nicht: Oft fehlen ausreichend große Besucherräume, wenn Großfamilien sich zum Krankenbesuch versammeln. Aufbahrungsräume, in denen Angehörige aller Religionen in Ruhe auf ihre Weise Abschied von den Verstorbenen nehmen können, sind selten. Und: Eine Kapelle für Christinnen und Christen gibt es zwar in fast jedem Krankenhaus, aber wie sieht es aus mit Muslimen, mit Juden, mit Zeugen Jehovas oder Mormonen?

Im Krankenhaus Holweide gibt es den so genannten "Raum der Stille" - ein Raum, der so eingerichtet ist, dass niemand durch bestimmtes konfessionelles Inventar an der Ausübung seiner Religion gehindert wird und somit von vielen Patientinnen und Patienten, aber auch Angehörigen, genutzt werden kann. Der "Raum der Stille" in Holweide ist solch ein Ort.

 


Immer griffbereit: Ein Gebetsteppich für alle, die ihr tägliches Gebet verrichten wollen.

Neben Räumen fehlt es aber auch schlicht an Wissen. Wissen über Bedürfnisse, Besonderheiten, Vorschriften und Traditionen.

Serhat Aymaz plädiert deshalb dafür, mehr Toleranz und Verständnis zu zeigen – nicht nur als Fachpersonal: „Krankenbetreuung ist im Grunde eine Aufgabe für jeden“. Auch wenn das eben manchmal Mut, Phantasie oder Einfallsreichtum erfordert.

Krankenschwester Sevinc Danismaz hat von alldem eine ganze Menge. Vor einiger Zeit hat sie sogar überlegt, Seelsorgekurse zu besuchen und sich auf diesem Gebiet weiterzubilden. Denn muslimische Seelsorgerinnen und Seelsorger gibt es so noch nicht, „der Bedarf ist aber ganz klar da!“, so Danismaz. Im Moment lässt es nur ihre Zeit nicht zu – und wer würde sie nicht zuletzt finanziell bei ihrem Vorhaben unterstützen?

Ein Handbuch als erster Schritt

Mit Information und Wissen für Verständnis auf allen Seiten sorgen - da ist das soeben von der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) herausgegebene Handbuch „Die wichtigsten Religionen und Weltanschauungen“ schon ein richtiger Schritt in die richtige Richtung.
Nicht nur Pfarrerin Lehmann wünscht sich: „Am besten ein Exemplar für jede Station, das wäre optimal!“
Übrigens: Im Handbuch ist auch das Christentum erklärt – damit auch muslimisches Krankenhauspersonal weiß, was Christinnen und Christen wichtig ist.

 


mai 13.10.2006