Kanzelrede am 05.12.2004

Liebe Gemeinde,


wer von Ihnen zu den Kinobegeisterten zählt, hat vielleicht in den vergangenen Wochen irgendwann den Film „The Day After Tomorrrow“ gesehen. Da bricht bei einer ganz harmlosen und alltäglichen Forschungsbohrung im arktischen Eis eine riesige Eisscholle los. Vergeblich versucht im Film der Klimaforscher Jack Hall die Mächtigen der Welt zu warnen. Keiner will ihn hören. Als besonders unbelehrbar wird der amerikanische Vizepräsident dargestellt, der ausschließlich das ökonomische, das wirtschaftliche Gleichgewicht der USA im Blick hat, aber blind ist für die Fragen der Ökologie und ihre globale Bedeutung.


Keine Angst, ich will Ihnen diesen bewegenden Film hier nicht in Gänze erzählen. Vielleicht haben Sie einmal Gelegenheit sich anzuschauen, wie Europa unter einer gewaltigen Schneedecke begraben wird, eine globale Eiszeit ausbricht und wie der Klimaforscher Hall versucht, seinen Sohn Sam im vereisten New York zu retten. Ein Vater übrigens, der bevor die Welt aus den Fugen geriet, niemals Zeit für seinen Sohn fand.

Roland Emmerich hat in seinem kunstvollen Katastrophenfilm keine x-beliebige Science-fiction-Geschichte erzählt. Mich hat am meisten berührt, dass mitten in dieser Apokalypse Eindrücke und Bilder unserer eigenen Gegenwart sichtbar werden. Die Schreckenserfahrung des 11. September verarbeitet der Regisseur in dem Bild von einem Riss, der unsere ganze Welt auseinanderreißt. Die Menschen auf der einen Seite des Risses haben eine kleine Überlebenschance, die auf der anderen sind unweigerlich dem Kältetod geweiht. Es sind wohl nicht nur amerikanische Ängste, Schuldgefühle und Ideale, die der Regisseur hier eindrücklich in Szene setzt. Nein, es werden in diesem spannenden Film auch Erfahrungen unserer eigenen (deutschen und europäischen) Gegenwart wachgehalten. Die Frage, wer auf unserem zerrissenem Erdball eine Überlebenschance hat ist auch eine Frage an uns. Auch wenn es vielleicht nicht der Kältetod ist, der in unserer Zweidrittelwelt unzähligen Kindern und Erwachsenen droht, sondern der Tod durch verseuchtes Wasser, Hunger oder Aids.

Apokalyptik, wie in diesem Film, hält die Erinnerung wach, wie zerbrechlich das Leben auf der Erde ist. Moderne Apokalyptik weiß darum, dass wir Menschen selbst das Gleichgewicht des Lebens zerstören und damit die Katastrophe heraufbeschwören.


Vielleicht ist es den ersten Christinnen und Christen mit einer anderen biblischen apokalyptischen Darstellung ähnlich ergangen und sie haben in den erschreckenden und bedrängenden Endzeitbildern die eigene Gegenwart zu entdecken gemeint. Ich lese Ihnen den heutigen Predigttext zum 2. Advent vor. Eine apokalyptische Rede, die Jesus auf dem Ölberg, einem Ort göttlicher Offenbarung hielt.


1 Und Jesus ging aus dem Tempel fort, und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels.

2 Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

3 Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?

4 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe.

5 Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.

6 Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da.

7 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort.

8 Das alles aber ist der Anfang der Wehen.

9 Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern.

10 Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen.

11 Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen.

12 Und weil die Ungerechtigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.

13 Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.

14 Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.


Die Christinnen und Christen der Urgemeinde werden nicht anders als wir selbst in den apokalyptischen Bildern unserer Tage, ihre Zeit wiedererkannt haben. Die Vorhersage Jesu: „Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ (V. 2), war in ihren Augen längst schreckliche Realität geworden. Der Jüdische Krieg hatte das Land verwüstet und es mit Trauer und Trümmern überzogen. Vermutlich war die Zerstörung des Jerusalemer Tempels für die Jüdinnen und Juden damals genauso unvorstellbar wie für die Amerikanerinnen und Amerikaner die Zerstörung der Twin Towers unvorstellbar war vor dem 11. September. Der Tempel war nicht nur ein religiöses sondern auch ein politisches Symbol für das Volk. Kann man sich ein ausdrucksvolleres und mächtigeres Zeichen für die Anwesenheit Gottes in Jerusalem und in Israel vorstellen, als dieses mächtige Bauwerk, errichtet nach Meinung der Bauherren für die Ewigkeit?

Wenn nun dieses Symbol zer-störbar und die Menschen darüber so ver-störbar sind, ist dann nicht die letzte Sicherheit im Leben gefallen, alles möglich geworden und tatsächlich das Ende der Welt gekommen? Die Jünger fragen Jesus danach.

Jesus antwortet so drastisch und harsch, dass man meinen könnte, er hätte nicht mitbekommen, wie verstört seine Jünger sind, wie sehr sie Trost und Vergewisserung brauchen. Sie sitzen auf dem Ölberg, mit Blick auf den Tempel und kauen immer noch an den schockierenden Worten Jesu: „Seht ihr das nicht alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ (V. 2). Statt seelsorglicher Beruhigung hält die Antwort Jesu ein weiteres Schreckenszenario für seine Leute bereit: Kriege, Bürgerkriege und Völkermord, Hungerkatastrophen und ökologische Schrecken wie Erdbeben, Verfolgung und Hass, Denunziation und Verrat bis in die Mitte der christlichen Gemeinden hinein, werden kommen.

Am liebsten möchte man sich bei diesen Worten Jesu die Ohren zuhalten, so entsetzlich bekannt kommt einem das vor. Wie eine biblische Checkliste, auf der man die täglichen Schreckensnachrichten abhaken könnte. Die gleiche lähmende und verstörende Litanei menschlichen Leidens damals auf dem Jerusalemer Ölberg, irgendwann nach dem Jahr 30 wie heute in Eschweiler im Jahr 2004. Erschreckend ähnlich.


Vielleicht klingen Ihnen, liebe Gemeinde, die Worte Jesu auch noch im Ohr nach: „Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ Das stimmt nicht nur für Jerusalem damals oder die Welt im globalen Großen und Ganzen heute, diese Zeitansage stimmt allzu oft auch für unsere kleine persönliche Welt. Maxie Wander, die Schriftstellerin, hat diese Erfahrung in den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen über ihre todbringende Krebserkrankung mit den Worten festgehalten: „Wir wissen nicht, was wir haben, erst wenn die Wände zittern und der Boden unter den Füßen wankt, wenn diese Welt einzustürzen droht, ahnen wir, was Leben bedeutet“ (M. Wander, Leben wär` eine prima Alternative, Darmstadt 1980, S. 41).

Liebe Gemeinde, welche privaten Erdbeben liegen hinter Ihnen?

Das Scheitern einer großen Liebe oder ein anderes Aus für wichtige Lebenspläne? Mussten Sie schon einmal barfuss die Hölle von Schuld, Krankheit oder Tod durchqueren? Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn die Erde bebt, die Fundamente uns nicht mehr zu tragen scheinen und das Kartenhaus unseres Lebens unwiederbringlich zusammenstürzt?

Am Ende solcher Leidenswege stehen Menschen immer wieder vor entscheidenden Erkenntnissen: Nichts ist verlässlich im Leben, nichts ist selbstverständlich und nichts währt ewig. Es gibt Menschen, die gewinnen gerade in schweren Krisen ein Verständnis für den Ernst und die Wahrheit apokalyptischer Bilder. Besonders in der Adventszeit heben sich die persönlichen Erdbeben und das globale Kriegsgeschrei hart von unseren innersten Sehnsüchten ab. Und für manche auch unter uns ist deshalb gerade diese vorweihnachtliche Zeit mit Schmerz und Tränen verbunden.


Kehren wir noch einmal auf den Ölberg zurück: Jesus mutet mit seinen apokalyptischen Worten den fassungslosen Jüngern, die noch geblendet von der Pracht des Tempels sind, denen sich die überwältigende Schönheit dieses Bauwerkes in die Netzhaut eingebrannt hat, die unerbittliche Wahrheit zu: Nichts hat Bestand. Er wiederholt ihnen das, was sie vermutlich genauso wenig zu hören bereit waren wie wir heute: Schaut hin, nehmt Eure Erfahrungen ernst: Symbole der Ewigkeit werden zu Trümmern. In dieser Welt besiegt die Gewalt immer wieder das Recht, der Krieg besiegt den Frieden, die Denunziation das Vertrauen, der Hass die Liebe, der Tod das Leben und das wird auch nicht besser. Im Gegenteil.

Es ist eine grausam realistische Bilanz, die Jesus zieht. Jesus verweigert seinen schockierten Zuhörerinnen und Zuhörern den billigen Trost, er verhindert die falsche Selbstberuhigung, stellt sich der feigen Realitätsflucht persönlich in den Weg und zwingt seine Zuhörerschaft die Wirklichkeit so wahrzunehmen wie sie ist, sie nicht länger schön zu lügen, sondern ihr vielmehr standzuhalten. Das mutet er der Zuhörerschaft damals genauso zu wie uns heute.


Zeit und Stunde für das Ende der Welt nennt Jesus uns nicht. Darauf sollen wir unsere Aufmerksamkeit nicht verschwenden. Die Zeit ist zu kostbar für solche müßigen Spekulationen. Stattdessen brauchen wir alle Aufmerksamkeit und Kraft für unseren Alltag. Auf uns kommt es an. Es ist nicht egal, wie viele zynische Zeitgenossinnen und Zeitgenossen meinen, wie wir leben. Es ist nicht egal, ob wir gefühlskalt oder teilnahmsvoll sind. Es ist nicht egal, ob wir aufrichtig oder verlogen leben. Es hängt auch von uns ab, ob mitten in dieser kaputten Welt das Recht doch die Oberhand über die Gewalt gewinnt, ob der Frieden einen Raum findet und das Vertrauen sich immer wieder als stärker erweist als die Denunziation. Es hängt von uns ab, ob die Liebe triumphiert über den Hass und das Leben den Tod in die Knie zwingt. Es kommt auf uns an, ob die Liebe erkaltet. Auch auf uns.


Warten auf das Ende ist eine aktive Haltung, so prägt es Jesus seiner Gemeinde ein. Das Leben - mein besonderes Leben auszuschöpfen und nicht daran zu verzweifeln, sondern Ausschau zu halten nach dem, der da kommt - ist nicht vereinbar mit Apathie oder Resignation, Panik oder Schwarzmalerei. Die Liebe nicht erkalten zu lassen, sondern mit Leidenschaft für alles Lebendige einzutreten und der Ungerechtigkeit zu wehren (V. 12), das können auch Menschen wie wir mit unseren kleinen Kraft. Unübertrefflich schön sind die berühmten Worte, die Martin Luther in den Mund gelegt werden: „Und wenn morgen die Welt unterginge, so würde ich heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen und einen Sohn zeugen.“ Sollte es Martin Luther gesagt haben, so konnte er nicht ahnen, wie zeitgemäß sich das im Advent 2004 anhören würde: Bäume zu pflanzen und damit der ökologischen Katastrophe durch Abholzung zu wehren. Den Wüsten unserer Erde Einhalt zu gebieten. Und gleichzeitig den Mut zu Kindern, nicht nur zu Söhnen natürlich, wiederzugewinnen, die Familien stark zu machen und eine demografische Wende in Deutschland zu gestalten. Nein, ich vermute, Martin Luther konnte nicht wissen, wie aktuell das alles klingt und wie schön sein Wort zur Apokalypse das politische und das persönliche Handeln beieinander hält.

Lassen Sie mich an dieser Stelle auch noch ein Beispiel aus Eschweiler aufgreifen, über das ich mich sehr gefreut habe: Die Kirchengemeinde Eschweiler hat es durch Ihre Mitarbeit und finanzielle Unterstützung ermöglicht, dass das Buch von Thomas Müller „Zwangsarbeit in der Grenzzone. Der Kreis Aachen im Zweiten Weltkrieg“ (Aachen 2003) erscheinen konnte. Ich habe mit großem Interesse aber auch mit Betroffenheit vom Schicksal der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen hier in der Grenzzone gelesen. Sie haben sich als Christinnen und Christen ehrlich der jüngsten auch kirchlichen und diakonischen Vergangenheit gestellt, um so Orientierung und Richtungsweisung für die Fragen der Gegenwart zu gewinnen. Nichts anderes als diese mutige und nüchterne Lebenshaltung meint Jesus meiner Meinung nach, wenn er seine Jünger ermahnt, auf die Schrecken der Vergangenheit und Gegenwart zu achten und ihnen trotz aller vorhandener eigener Schuld zu widerstehen.


Mitten in der Rede Jesu, in diesen ernüchternden und fordernden Worten verbirgt sich eine große Ermutigung: Wo wir an Leib und Seele persönliche oder globale Endzeiten erfahren, da werden nicht nur die zerstörerischen Kräfte entfesselt, sondern da wird auch die Macht der Liebe ent-hüllt. Das ist ja die eigentliche Bedeutung des Wortes „Apo-kalypse“, das wir mit „Ent-hüllen“ oder „Ent-decken“ übersetzen können. Mitten unter den schrecklichen Bedingungen der Endzeit, mitten in der „Apokalypse Now“ wird die Macht der Liebe ent-hüllt.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem apokalyptischem Film, von dem ich Ihnen am Anfang erzählt habe, und der apokalyptischen Rede Jesu auf dem Ölberg. In „The Day After Tomorrrow“ geht es mit der Welt ohne Hoffnung zu Ende. In der Rede Jesu aber gibt es einen zweiten Advent. Jesus kommt noch ein zweites Mal in unsere zuckende und leidende Welt. Jesus benutzt ein überraschendes Bild, um die Schmerzen und Leiden dieser Welt zu interpretieren. Was uns so schrecklich vorkommen mag wie ein Todeskampf der alten Welt, das ist in den Augen Jesu der Schmerz, der zur Geburt einer neuen Welt gehört. Es sind Wehen, die wir erleben, unter denen eine neue Welt geboren wird (V. 8). Stand die Geburt in Bethlehem am Anfang des „ersten Adventes“, der ersten Ankunft Jesu auf dieser Welt, so steht die Geburt einer neuen Welt am Anfang des „zweiten Adventes“ Jesu bei uns. Was wir für das Ende der Welt halten mögen, ist etwas ganz anderes: Es ist die Geburt des Reiches des Friedens, der Gerechtigkeit und der Versöhnung. Die eindringlichen Worte Jesu: „ Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden“ (V. 13) erinnern uns daran, dass es auf uns ankommt in dieser sich unter Wehen windenden Welt. Es kommt auch auf unseren langen Atem unter den Wehen an, wenn eine unvorstellbar schöne und friedliche Welt geboren wird. Aber vor allen Dingen kommt es auf Jesus Christus an, denn in ihm ent-hüllt sich die Macht der Liebe, von der schon die Propheten der Hebräischen Bibel in hymnischen Worten gesprochen haben. Nichts anderes als wunderbare „Ent-hüllung“, „Apokalypse“ ist es, wenn „dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker“ gepredigt wird. Erst dann wird das Ende kommen, wenn „alle Völker“ das Evangelium von der Macht der Liebe mitten in den irdischen Schrecken hören durften (V. 14).


Zuletzt ist diese Rede Jesu trotz aller Dramatik doch ein adventliches Wort. Es ist eine Ermutigung für uns, zu warten und auszuhalten bis ans Ende. Selig nennt Jesus uns als wartende Gemeinde, wenn uns selbst Kriege und Kriegsgeschrei die Hoffnung nicht rauben können und schier hoffnungslos erscheinende Zwänge uns den Blick auf die Zukunft nicht zu versperren vermögen.

Unser Blick darf sich auf Jesus richten, der uns mitten im Gewirr der Weltgeschichte entgegenkommt. Und unsere Ohren werden gefüllt mit den wunderschönen Worten des Evangeliums, vom Ende der Gewalt und des Leides, vom Kommen Christi und von der neuen Welt Gottes. Zu sehen und zu hören gibt es lauter Hoffnungsvolles und Neues.

Denn es ist entgegen allen anders lautenden Nachrichten „zweiter Advent“.

Jesus Christus kommt uns entgegen.


Amen