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Kanzelrede am 05.12.2004 Liebe Gemeinde,
Roland Emmerich hat in seinem kunstvollen Katastrophenfilm keine x-beliebige Science-fiction-Geschichte erzählt. Mich hat am meisten berührt, dass mitten in dieser Apokalypse Eindrücke und Bilder unserer eigenen Gegenwart sichtbar werden. Die Schreckenserfahrung des 11. September verarbeitet der Regisseur in dem Bild von einem Riss, der unsere ganze Welt auseinanderreißt. Die Menschen auf der einen Seite des Risses haben eine kleine Überlebenschance, die auf der anderen sind unweigerlich dem Kältetod geweiht. Es sind wohl nicht nur amerikanische Ängste, Schuldgefühle und Ideale, die der Regisseur hier eindrücklich in Szene setzt. Nein, es werden in diesem spannenden Film auch Erfahrungen unserer eigenen (deutschen und europäischen) Gegenwart wachgehalten. Die Frage, wer auf unserem zerrissenem Erdball eine Überlebenschance hat ist auch eine Frage an uns. Auch wenn es vielleicht nicht der Kältetod ist, der in unserer Zweidrittelwelt unzähligen Kindern und Erwachsenen droht, sondern der Tod durch verseuchtes Wasser, Hunger oder Aids. Apokalyptik, wie in diesem Film, hält die Erinnerung wach, wie zerbrechlich das Leben auf der Erde ist. Moderne Apokalyptik weiß darum, dass wir Menschen selbst das Gleichgewicht des Lebens zerstören und damit die Katastrophe heraufbeschwören.
2 Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde. 3 Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? 4 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. 5 Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. 6 Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. 7 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. 8 Das alles aber ist der Anfang der Wehen. 9 Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. 10 Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. 11 Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. 12 Und weil die Ungerechtigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. 13 Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. 14 Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.
Wenn nun dieses Symbol zer-störbar und die Menschen darüber so ver-störbar sind, ist dann nicht die letzte Sicherheit im Leben gefallen, alles möglich geworden und tatsächlich das Ende der Welt gekommen? Die Jünger fragen Jesus danach. Jesus antwortet so drastisch und harsch, dass man meinen könnte, er hätte nicht mitbekommen, wie verstört seine Jünger sind, wie sehr sie Trost und Vergewisserung brauchen. Sie sitzen auf dem Ölberg, mit Blick auf den Tempel und kauen immer noch an den schockierenden Worten Jesu: „Seht ihr das nicht alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ (V. 2). Statt seelsorglicher Beruhigung hält die Antwort Jesu ein weiteres Schreckenszenario für seine Leute bereit: Kriege, Bürgerkriege und Völkermord, Hungerkatastrophen und ökologische Schrecken wie Erdbeben, Verfolgung und Hass, Denunziation und Verrat bis in die Mitte der christlichen Gemeinden hinein, werden kommen. Am liebsten möchte man sich bei diesen Worten Jesu die Ohren zuhalten, so entsetzlich bekannt kommt einem das vor. Wie eine biblische Checkliste, auf der man die täglichen Schreckensnachrichten abhaken könnte. Die gleiche lähmende und verstörende Litanei menschlichen Leidens damals auf dem Jerusalemer Ölberg, irgendwann nach dem Jahr 30 wie heute in Eschweiler im Jahr 2004. Erschreckend ähnlich.
Liebe Gemeinde, welche privaten Erdbeben liegen hinter Ihnen? Das Scheitern einer großen Liebe oder ein anderes Aus für wichtige Lebenspläne? Mussten Sie schon einmal barfuss die Hölle von Schuld, Krankheit oder Tod durchqueren? Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn die Erde bebt, die Fundamente uns nicht mehr zu tragen scheinen und das Kartenhaus unseres Lebens unwiederbringlich zusammenstürzt? Am Ende solcher Leidenswege stehen Menschen immer wieder vor entscheidenden Erkenntnissen: Nichts ist verlässlich im Leben, nichts ist selbstverständlich und nichts währt ewig. Es gibt Menschen, die gewinnen gerade in schweren Krisen ein Verständnis für den Ernst und die Wahrheit apokalyptischer Bilder. Besonders in der Adventszeit heben sich die persönlichen Erdbeben und das globale Kriegsgeschrei hart von unseren innersten Sehnsüchten ab. Und für manche auch unter uns ist deshalb gerade diese vorweihnachtliche Zeit mit Schmerz und Tränen verbunden.
Es ist eine grausam realistische Bilanz, die Jesus zieht. Jesus verweigert seinen schockierten Zuhörerinnen und Zuhörern den billigen Trost, er verhindert die falsche Selbstberuhigung, stellt sich der feigen Realitätsflucht persönlich in den Weg und zwingt seine Zuhörerschaft die Wirklichkeit so wahrzunehmen wie sie ist, sie nicht länger schön zu lügen, sondern ihr vielmehr standzuhalten. Das mutet er der Zuhörerschaft damals genauso zu wie uns heute.
Lassen Sie mich an dieser Stelle auch noch ein Beispiel aus Eschweiler aufgreifen, über das ich mich sehr gefreut habe: Die Kirchengemeinde Eschweiler hat es durch Ihre Mitarbeit und finanzielle Unterstützung ermöglicht, dass das Buch von Thomas Müller „Zwangsarbeit in der Grenzzone. Der Kreis Aachen im Zweiten Weltkrieg“ (Aachen 2003) erscheinen konnte. Ich habe mit großem Interesse aber auch mit Betroffenheit vom Schicksal der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen hier in der Grenzzone gelesen. Sie haben sich als Christinnen und Christen ehrlich der jüngsten auch kirchlichen und diakonischen Vergangenheit gestellt, um so Orientierung und Richtungsweisung für die Fragen der Gegenwart zu gewinnen. Nichts anderes als diese mutige und nüchterne Lebenshaltung meint Jesus meiner Meinung nach, wenn er seine Jünger ermahnt, auf die Schrecken der Vergangenheit und Gegenwart zu achten und ihnen trotz aller vorhandener eigener Schuld zu widerstehen.
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem apokalyptischem Film, von dem ich Ihnen am Anfang erzählt habe, und der apokalyptischen Rede Jesu auf dem Ölberg. In „The Day After Tomorrrow“ geht es mit der Welt ohne Hoffnung zu Ende. In der Rede Jesu aber gibt es einen zweiten Advent. Jesus kommt noch ein zweites Mal in unsere zuckende und leidende Welt. Jesus benutzt ein überraschendes Bild, um die Schmerzen und Leiden dieser Welt zu interpretieren. Was uns so schrecklich vorkommen mag wie ein Todeskampf der alten Welt, das ist in den Augen Jesu der Schmerz, der zur Geburt einer neuen Welt gehört. Es sind Wehen, die wir erleben, unter denen eine neue Welt geboren wird (V. 8). Stand die Geburt in Bethlehem am Anfang des „ersten Adventes“, der ersten Ankunft Jesu auf dieser Welt, so steht die Geburt einer neuen Welt am Anfang des „zweiten Adventes“ Jesu bei uns. Was wir für das Ende der Welt halten mögen, ist etwas ganz anderes: Es ist die Geburt des Reiches des Friedens, der Gerechtigkeit und der Versöhnung. Die eindringlichen Worte Jesu: „ Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden“ (V. 13) erinnern uns daran, dass es auf uns ankommt in dieser sich unter Wehen windenden Welt. Es kommt auch auf unseren langen Atem unter den Wehen an, wenn eine unvorstellbar schöne und friedliche Welt geboren wird. Aber vor allen Dingen kommt es auf Jesus Christus an, denn in ihm ent-hüllt sich die Macht der Liebe, von der schon die Propheten der Hebräischen Bibel in hymnischen Worten gesprochen haben. Nichts anderes als wunderbare „Ent-hüllung“, „Apokalypse“ ist es, wenn „dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker“ gepredigt wird. Erst dann wird das Ende kommen, wenn „alle Völker“ das Evangelium von der Macht der Liebe mitten in den irdischen Schrecken hören durften (V. 14).
Unser Blick darf sich auf Jesus richten, der uns mitten im Gewirr der Weltgeschichte entgegenkommt. Und unsere Ohren werden gefüllt mit den wunderschönen Worten des Evangeliums, vom Ende der Gewalt und des Leides, vom Kommen Christi und von der neuen Welt Gottes. Zu sehen und zu hören gibt es lauter Hoffnungsvolles und Neues. Denn es ist entgegen allen anders lautenden Nachrichten „zweiter Advent“. Jesus Christus kommt uns entgegen.
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