Die Konzeption
DAS BÜRGERJAHR
Die Idee
Eine neue Form gesellschaftlicher Arbeit, die mit existenzsichernder (und
sozialversicherungspflichtiger) Vergütung in Höhe von 1.000 € brutto pro
Monat auch denjenigen ein vollzeitiges Engagement ermöglicht, die sich dies
nicht zu den Bedingungen des Freiwilligen Sozialen Jahres leisten könnten, und
die mit einer Reihe von Attraktionspunkten für viele interessant ist:
Freiwilligkeit, Niedrigschwelligkeit, persönliche Ausgestaltungsmöglichkeiten,
Dauer 1 bis 3 Jahre, fachliche Begleitung, Erfahrungsaustausch im Team.
Die Praxis
Engagement in allen möglichen gemeinwohlbedeutsamen Praxisfeldern, in sozialen, soziokulturellen, kulturellen, ökologischen Aufgabenreichen:
- Persönliche Unterstützungsdienste für Menschen mit besonderem Hilfebedarf in allen Lebensbereichen (Assistenzdienste, Integrationshilfedienste, Alltagslebenshilfen) zur Ergänzung familiären und nachbarschaftlichen Engagements und zur Ergänzung der Arbeit professioneller Dienste und
- Projektarbeit: Tätigkeit zur Entwicklung und Mitgestaltung integrativer, kreativer sozialer Projekte (Freizeit- und Kulturprojekte, Arbeitsprojekte, Wohnprojekte) auf der Grundlage eigener Interessen und Fähigkeiten.
Die Alternative
- Alternative zur Arbeitslosigkeit, zum Brachliegenlassen menschlicher "Ressourcen"
- Alternative zu Mini-Jobs und fremdbestimmter Niedriglohnarbeit
- Weiterführende Ergänzung zu den Gemeinwohl-Arbeitsgelegenheiten nach Hartz IV
- Alternative zu Pflichtdienst und Pflichtarbeit und anderen unzureichenden Zivildienstersatzlösungen
- Alternative zu gesellschaftlicher Desintegration, zur Entsolidarisierung, zu Gemeinwohlverlusten.
Die Chance
- Ausbau von Freiwilligendiensten zu einem dreistufigen Gesamtsystem und Erhöhung der Attraktivität des Ganzen: Ehrenamt + Freiwilliges Soziales Jahr + Bürgerjahr.
- Entwicklung gesellschaftlicher/ gemeinwirtschaftlicher Arbeit zu einem dritten Arbeitssektor: Erwerbsarbeit + Öffentliche Beschäftigung + Gesellschaftliche Arbeit: auf dem Wege von der Arbeitsgesellschaft zur Tätigkeitsgesellschaft
Der Preis
- 1.000 € Brutto-Vergütung bei Vollzeittätigkeit plus 21 % Trägerbeitrag zur Sozialversicherung = 1.210 € pro Monat x 12 Monate = 14.520 € plus 480 € Abschlussgeld = 15.000 € pro Jahr.
- Anteil an den Kosten der Fachkraft für Praxisbegleitung und Projektentwicklung (1 Kraft für 20 Bürgerjahr-Teilnehmer/innen) sowie an den Kosten der Verwaltung: insgesamt 3.250 € pro Jahr.
- Gesamtkosten Bürgerjahr plus Regie: 18.250 € pro Platz pro Jahr, 1.520 € pro Monat.
Die Finanzierung
- Öffentliches - politisch zu beschließendes - Förderprogramm: Zuschuss/Stipendium: 500 € pro Monat pro Teilnehmer/in (Durchschnittsbedarf verschiedener Praxisfelder)
- Verbleibender Trägeranteil: 1.020 € pro Monat von der Einsatzstelle aufzubringen: primär durch Abrechnung refinanzierbarer sozialer Dienste und durch öffentliche Projektfördermittel, sekundär aus Leistungen von Selbstzahlern und aus Spenden, Stiftungsmitteln u.a.
- Ein Zuschuss pro Monat in Höhe von 500 €: das ist deutlich weniger als die öffentliche Leistung für Zivildienstleistende und noch viel weniger als die Leistungen für Arbeitslose, wie auch für die Arbeitsgelegenheiten nach Hartz IV
- Rückfluss des gesamten Zuschusses in Höhe von 500 € durch 420 € Sozialversicherungsbeiträge (Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil) und über 100 € Mehrwertsteuer bei Investition der Netto-Vergütung in Konsum.
Der Gewinn
- Soziales Lernen in Praxis, Förderung von Sozialkompetenz und allgemeiner Sozialbildung durch learning by doing
- Überbrückung von Arbeitslosigkeit und Brücke in den Arbeitsmarkt
- Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements, Stärkung zivilgesellschaftlicher Kräfte
- Unterstützung familiären, nachbarschaftlichen, ehrenamtlichen Engagements
- Qualitätsverstärkung bei vorhandenen Diensten, Qualitätsgewinn für Menschen mit Hilfebedarf
- Förderung innovativer Projekte und neuer Arbeitsentwicklungen
- Beitrag zur integrativen Entwicklung des Zusammenlebens der Verschiedenen
- Verbesserung des sozialen Klimas, Gewinne für das Gemeinwohl.
Die Erfahrung
- Zurzeit sind mehr als 200 Bürgerjahr-Akteure im Praxisfeld Offene Behindertenarbeit Essen tätig: Menschen verschiedenen Alters und aus verschiedenen Vorerfahrungen mit großem persönlichen Engagement und ausgeprägten Interessen und Fähigkeiten - ein vielfältiger Erfahrungsnachweis für die große Praktikabilität und Attraktivität des Bürgerjahres.
- Eine Verbesserung sozialer Integration und eine hohe Erfolgsrate beim (Wieder) Einstieg in den Arbeitsmarkt: ein nachhaltiger Erfahrungsnachweis für die große Effektivität des Bürgerjahres.
Die Zukunft
Das Bürgerjahr ist als neue Form gesellschaftlicher Arbeit mit einem vernünftig ausgestatteten Förderprogramm in allen möglichen sozialen Praxisfeldern auszubauen:
- zu einer sozialen Größe von 2 Bürgerjahrplätzen auf 1.000 Einwohner, 1.000 Bürgerjahrplätze auf 500.000 Einwohner
- zu einem erfolgreichen Zusatz bzw. Ersatz für den Zivildienst, mit zurzeit etwa 1,2 Plätzen pro 1.000 Einwohnern, 720 Plätze pro 500.000 Einwohner
- zu einer überaus sinnvollen Überbrückung von Arbeitslosigkeit und entsprechend wirksamen, sabbatjahrverwandten Entlastung des Arbeitsmarktes, sowie zu einem zukunftsweisenden Beitrag zur Weiterentwicklung gesellschaftlicher Arbeit
- zu einer starken sozialen Bewegung: gegen Entsolidarisierung, gegen Rechtsextremismusentwicklungen, gegen Verantwortungsverlust - für Sozialbildung, für Stärkung bürgerschaftlichen Engagements, für Verbesserung des sozialen Klimas.
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In seinem Aufsatz "Unser Zivi - unser Bürger", erschienen im März 2009, hat Pfarrer Klaus von Lüpke beschrieben, warum das Bürgerjahr nicht nur arbeitspolitisch, sondern auch und vor allem sozialpolitisch sinnvoll ist.