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  •  6.11.
     

     

    Kreissynode fordert Mobilitätskonzept fürs Ruhrgebiet  
    Die Essener Kreissynode hat den Bau der umstrittenen Nord-Süd-Autobahn A52/A44 am Wochenende (5. und 6. November) auf ihrer Herbsttagung in Rüttenscheid scharf kritisiert. Stattdessen wollen sich die Delegierten aus den Kirchengemeinden und Gemeindeübergreifenden Diensten des Kirchenkreises für die Entwicklung eines städteübergreifenden und zukunftsorientierten Mobilitätskonzeptes einsetzen, das nachhaltig für mehr Lebensqualität im Ruhrgebiet sorgt und umweltverträglichen Verkehrsmitteln den Vorzug gibt. Inhaltliches Schwerpunkthema der Synode war die Situation der Diakonie in Essen; zahlreiche diakonische Einrichtungen präsentierten ihre Angeobte aus diesem Anlass auf einem "Markt der Möglichkeiten" in der Reformationskirche. Außerdem hatten die Synodalen über die Haushalts- und Stellenpläne für das kommende Jahr zu beschließen.  

     

    Schwerpunktthema Diakonie  

     

    Gastreferenten zum Schwerpunktthema „Situation der Diakonie in Essen“ waren Pfarrer Dr. Werner M. Ruschke aus Münster und Peter Renzel, Beigeordneter der Stadt Essen für Jugend, Familie, Schule und Gesundheit. In seinem Vortrag machte sich Ruschke, der dem Evangelischen Perthes-Werkes als Vorstandsvorsitzender vorsteht und auch Mitglied im Vorstand des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege (DEVAP) ist, für die zeitgenössische Erscheinungsform der Diakonie stark: Dass ein Großteil der diakonischen Hilfsangebote heute durch hoch spezialisierte Mitarbeitende großer, rechtlich selbständiger Einrichtungen erbracht werde, sei eine historisch begründete Errungenschaft, eröffne vielfältige Handlungsspielräume zugunsten Not leidender Menschen und ermögliche zudem eine schnellere und flexiblere Reaktion auf aktuelle Herausforderungen.  

     

    Deutlich benannte Werner Ruschke aber auch die Gefahren der zunehmenden „Verfachlichung“: Mancherorts hätten diese Trends zu einer Entfremdung zwischen diakonischen Trägern und Kirchengemeinden, zwischen hoch qualifizierten Fachkräften und ehrenamtlich Tätigen geführt. Vor diesem Hintergrund sei die Einführung marktwirtschaftlicher Strukturen und die bewusste Schaffung von Konkurrenzsituationen in den verschiedenen Bereichen des Sozialstaats nicht nur negativ zu bewerten: „Um sich gegen Mitbewerber durchsetzen zu können, besinnen sich viele diakonische Einrichtungen auf ihr Alleinstellungsmerkmal: Die Verbindung von professionellen Angeboten mit kirchlichem Profil und Christlichkeit, mit dem Bewusstsein, diese Dienste aus dem Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe heraus zu erbringen“, sagte Ruschke.

     

    Umgekehrt warnte der Theologe die Kirchengemeinden und Kirchenkreise davor, sich auf die vermeintlichen „Kerngeschäfte“ der Verkündigung und der Spendung von Sakramenten zurückzuziehen und das diakonische Handeln den „Professionellen“ zu überlassen: „Wo keine Diakonie ist, können wir auch keine lebendige Kirche wahrnehmen. Wer die Diakonie einsparen will, spart am Wesen der Kirche, an ihrem inneren Kern.“ Um die mitunter „gefühlte Trennung“ von Kirche und Diakonie zu überwinden, müssten die Partner vor allem in den Stadtteilen und Gemeinden vor Ort stärker als bislang üblich aufeinander zugehen: „Das ehrenamtliche diakonische Engagement in der Gemeinde darf nicht nur darin bestehen, dass Gemeindeglieder bei der alljährlichen Diakoniesammlung mithelfen. Die diakonischen Einrichtungen müssen einen Weg finden, um ehrenamtlich Tätige aus den Kirchengemeinden in die eigenen Angebote und Arbeitsfelder einzubinden – und die Gemeinden sollten sich noch viel mehr als bisher öffnen, um diakonische Angebote aus ihrem Umfeld in den eigenen Gemeindealltag zu integrieren“, meinte Ruschke.  

     

    Peter Renzel, städtischer Beigeordneter für Jugend, Familie, Schule und Gesundheit, unterstützte Ruschkes zentrale These: Die hohe Regelungsdichte, für die der Sozialstaat mit zahlreichen Gesetzen und Verordnungen sorge, mache auf Seiten der diakonischen Träger ein professionelles Management und exzellente fachliche Strukturen erforderlich. In dieser Hinsicht stellte Renzel den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden in Essen sehr gute Noten aus:  „Entsprechend der christlichen Soziallehre mit ihren Kernpunkten Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl nehmen Stadt und Kirche ihre Verantwortung für die soziale Gestalt der Ruhrmetropole gemeinsam wahr – und ich erlebe, dass die hohe Qualität diakonischer Angebote in Politik und Verwaltung und bei den Menschen vor Ort ankommt.“ Gleichwohl stünde die Stadtgesellschaft in den nächsten Jahren vor großen Herausforderungen: Die Einwohnerzahlen nähmen weiter ab und der Anteil an Hochbetagten werde in den nächsten Jahren stark wachsen, so Renzel. „Wir stehen an einem Scheidewg – darauf müssen sich die diakonischen Träger einstellen.“ Sorgen bereite ihm auch der Umstand, dass immer mehr junge Familien ihre Kinder nicht taufen ließen: „Wir bitten die Kirchen sehr darum, uns dennoch in den Schulen nicht allein zu lassen und den Schülern den Zugang zum christlich geprägten Werte- und Orientierungssystem zu ermöglichen“, sagte der Beigeordnete.  

     

    Als zentrale Aufgabenfelder für die nächsten Jahre benannte Peter Renzel die Optimierung des Bildungswesens – so sei die Zahl junger Menschen, die die Schulen in jedem Jahr ohne einen Abschluss verließen, mit durchschnittlich rund 500 viel zu hoch – sowie die Familienpolitik: In diesem Bereich gehe es vor allem darum, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf etwa durch entsprechende Angebote in den Kindertageseinrichtungen oder die Schaffung von Pflegehilfen im Alltag deutlich zu verbessern. Um diese Probleme zu lösen, gelte es, „starke strategische Allianzen zwischen Wirtschaftsunternehmen und den Trägern sozialer Dienstleistungen zu schmieden“, sagte Renzel. Er wünsche sich die Evangelische Kirche und ihre Diakonie dabei weiterhin als verlässliche Partner, die sich um einheitliche und klare Positionen und um schnelle, transparente Entscheidungswege bemühten: „Nur auf diese Weise können soziale Dienste ihre große und gute Wirkung entfalten. Die Stadt kann die anstehenden Herausforderungen nicht allein bewältigen. Wir brauchen Sie – jeden an seinem Ort.“  

     

    Kreissynode lehnt neue Autobahn durchs Ruhrgebiet ab  

     

    Mit großer Einmütigkeit – bei nur drei Gegenstimmen und sieben Enthaltungen – folgte die Kreissynode einem Antrag aus den vier Kirchengemeinden Altenessen-Karnap, Bergerhausen, Frillendorf und Stoppenberg und lehnte den geplanten Bau der umstrittenen Transitautobahn A52/A44 durch das Ruhrgebiet ab. Auch der synodale Beirat für Umweltfragen des Kirchenkreises hatte empfohlen, diesem Beschlussvorschlag zuzustimmen. Statt des Autobahnbaus forderte das Kirchenparlament ein städteübergreifendes und zukunftsorientiertes Mobilitätskonzept, das nachhaltig für mehr Lebensqualität im Ruhrgebiet sorgt. Dazu zähle in erster Linie die Aufstellung eines Generalverkehrsplans, der die Bedeutung umweltverträglicher Verkehrsmittel und den möglichen Aufbau logistischer Zentren im Umland für den Güterverkehr einbeziehe. Planung und Bau der neuen Transitautobahn sollten dagegen unverzüglich beendet und aus dem Bundesverkehrswegeplan gestrichen werden, so der Beschluss.  

     

    Dem Argument mancher Autobahn-Befürworter, das Problem der unbestritten stark überlasteten innerstädtischen Verkehrsadern könne nur durch die neue Autobahn gelöst werden, vermochte die Synode nicht zu folgen: Andere europäische Metropolen hätten längst weit intelligentere Lösungen verwirklicht und eine Entlastung wichtiger Straßen erreicht, ohne neue Autobahnen mitten durch urbane Zentren und Wohngebiete zu führen, hieß es in der Aussprache. Demgegenüber verhindere die geplante Transitstrecke eine menschen- und umweltfreundliche Verkehrsentwicklung und konterkariere die Klimaziele der Stadt. Mit dem Vorhaben werde zudem eine Verletzung des sozialen Gefüges und der leiblich-seelischen Integrität vieler Menschen, die in den vom Autobahnbau betroffenen Stadtteilen leben, in Kauf genommen – neben umweltpolitischen Argumenten sah die Synode daher auch eine ganze Reihe von theologischen Gründen, die gegen die Nord-Süd-Autobahn sprechen.  

     

    Hintergrund: Die umstrittene Nord-Süd-Autobahn soll nach und nach in Teilstrecken verwirklicht werden. In Fortführung der Autobahn A52 verläuft die Streckenplanung durch Gladbeck, Bottrop, Essen und – als A44 – weiter bis nach Velbert, Heiligenhaus und Ratingen. Mehrere Kirchengemeinden im Essener Norden, darunter die Antragsteller Altenessen-Karnap, Frillendorf und Stoppenberg, die durch den Autobahnbau stark belastet und teilweise zerschnitten würden, hatten das Autobahnprojekt von Anfang an entschieden abgelehnt. Dank der Unterstützung durch den deutlichen Beschluss der Kreissynode könne man den Protest nun auf eine breitere innerkirchliche Basis stellen und dadurch auch mehr öffentliche Beachtung erzielen, hieß es.  

     

    Positive Entwicklung der Kirchensteuereinnahmen erwartet

     

    Außerdem hatte die Kreissynode über die Finanz- und Stellenpläne für das kommende Jahr zu beschließen. An dieser Stelle konnte der Vorsitzende des Finanzausschusses, Karl-Heinz Grobler, positive Zahlen präsentieren: Der erwartete Rückgang an Kirchensteuereinnahmen hat sich in den zurückliegenden Monaten zunächst nicht fortgesetzt; für das kommende Jahr rechnet der Ausschuss sogar mit einer leichten Steigerung. Von einer Entwarnung könne zwar keine Rede sein, zumal die langfristigen Prognosen weiter von einem starken Rückgang der Einnahmen ausgingen, so Grobler; auch müssten Gelder, die im vergangenen Jahr zur Stützung der Gemeindehaushalte aus der Ausgleichsrücklage entnommen worden waren, dieser erst noch wieder zugeführt werden. Dennoch sei es angesichts der zu erwartenden Einnahmen zu vertreten, die Zuweisung für die Kirchengemeinden im Jahr 2011 auf knapp 60 Euro je Gemeindeglied (2010: 53 Euro) anzuheben – ein Vorschlag, dem die Synodalen gern und einstimmig folgten.  

     

    Die Kernzahlen: Insgesamt wird das zu erwartende Kirchensteueraufkommen in Essen auf 39 Millionen Euro (2010: 36 Millionen Euro) geschätzt. Nach verschiedenen Abzügen durch das Clearingverfahren, landeskirchliche Umlagen, Verwaltungskosten für die Finanzämter und einem Vorwegabzug für übergreifende Aufgaben verbleiben in Essen insgesamt noch 19.503.800 Euro (2010: 17.645.500 Euro) für die Kirchengemeinden und die Arbeitsbereiche und Dienste des Kirchenkreises. Aus diesem Betrag werden die Gemeinden nach einem festgelegten Verteilungsschlüssel 15.010.100 Euro (2010: 13.580.000) und der Kirchenkreis 4.493.700 Euro (2010: 4.065.500 Euro) erhalten.  

     

    Dank für Kulturhauptstadt-Engagement

     

    In seinem Bericht an die Synodalen zog Superintendent Irmenfried Mundt eine positive Bilanz der evangelischen Beiträge zum Essener Programm der Kulturhauptstadt RUHR.2010. Gemeindeübergreifende Kunstprojekte und Musikreihen hätten eine breite Wirkung entfaltet und zur Bildung dichter innerkirchlicher Netzwerke geführt; als weitere beispielhafte Höhepunkte zählte Mundt den Motorrad-Gottesdienst auf Zollverein, den Europäischen Hochschuldialog in der Studierendengemeinde, das Ökumenische Partnerschaftstreffen mit Gästen aus aller Welt, die Abraham-Karawane nach Pécs und Istanbul, das interreligiöse Friedensfest in Altenessen und das Reformationskonzert auf. Mehrere zehntausend Besucher, damit mehr als doppelt so viele wie sonst, besuchten Vorträge und Ausstellungen in der Marktkirche; im Rahmen des Programms „Church-Tours-Ruhr“ wurden 140 Tagestouren zu Kirchen und Kapellen oder auch herausragenden Orgeln für die Besucher des Ruhrgebiets organisiert. Wie der Superintendent weiter ausführte, sollen die nachhaltigen Ergebnisse auch in die geplante Kirchenkreiskonzeption einfließen: Unter der Beteiligung von Gemeinden und Gemeindeübergreifenden Diensten will der Kreissynodalvorstand eine grundlegende Vorlage entwickeln, die die Arbeit und die zukünftigen Aufgaben des Kirchenkreises sowie die Entwicklung der personellen und finanziellen Rahmenbedingungen und Ressourcen detailliert beschreibt.
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    Unser Bild oben v.l.n.r.: Diakoniepfarrer Karl-Horst Junge, Peter Renzel, Pfarrer Dr. Werner M. Ruschke und Superintendent Irmenfried Mundt (alle Fotos: Ev. Pressestelle).