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  •  2.12.
     

     

    In Essen entsteht ein Kompetenzzentrum für gehörlose Senioren
    In der Evangelischen Senioreneinrichtung Martineum in Essen-Steele entsteht zurzeit ein „Kompetenzzentren für gehörlose Menschen im Alter“: Das auf drei Jahre angelegte Modellprojekt soll gehörlosen Menschen, die von einer Pflegebedürftigkeit oder einer Demenzerkrankung betroffen sind, ein längeres Wohnen im eigenen Zuhause ermöglichen und gleichzeitig ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verbessern.  

     

    In den Jahren 2006 bis 2009 hat die Universität zu Köln die Situation gehörloser Menschen im Alter eingehend untersucht. Ein Ergebnis: Gehörlose Menschen, die von einer Pflegebedürftigkeit oder einer Demenzerkrankung betroffen sind, haben keine gleichberechtigten Chancen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Deshalb hat die Universität jetzt gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein dreijähriges Modellprojekt gestartet: Ziel ist es, gehörlosen Menschen im Alter, insbesondere wenn sie demenziell erkrankt sind, unter Berücksichtigung ihrer besonderen kulturellen und kommunikativen Voraussetzungen einen barrierefreien Zugang zu Versorgungsleistungen und Informationen zu ermöglichen. Zu diesem Zweck werden an zwei strukturell unterschiedlichen Standorten – in Essen und in Dresden – sogenannte Kompetenzzentren aufgebaut, erprobt und durch die Universität zu Köln wissenschaftlich evaluiert. Am Ende des Pilotprojektes sollen konkrete Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen Umsetzung von Kompetenzzentren sowie Qualitätsstandards zur Versorgung von gehörlosen Menschen im Alter vorliegen.  

     

    Das Hauptaugenmerk liegt auf der nachhaltigen Verbesserung der Versorgungsstrukturen, die eine hohe Qualität der verschiedenen rehabilitativen, medizinischen und pflegerischen Angebote gewährleisten und die den möglichst langen Erhalt der eigenen Häuslichkeit sichern sollen. Die regionale Umsetzung erfolgt in verschiedenen Arbeitsfeldern:  

     

    Ausbau von Versorgungsstrukturen und spezifischen Angeboten für gehörlose Menschen im Alter, insbesondere Menschen mit Demenz //
    Aufbau regionaler Netzwerke aller an der Versorgung, Pflege und Rehabilitation beteiligten Institutionen //
    Beratung und Unterstützung gehörloser Menschen im Alter und ihrer Familienangehörigen zu Fragen der Pflege und Rehabilitation //
    Gewinnung von Ehrenamtlichen, die besonders für die Arbeit mit gehörlosen älteren Menschen qualifiziert werden //
    Bereitstellung von Informationen für gehörlose Menschen und für Experten der pflegerischen und gesundheitlichen Versorgung //
    ständiger Austausch mit den Projektpartnern, insbesondere mit der Universität zu Köln, die gemeinsam mit den Trägern für die Konzeption zuständig ist und die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation übernimmt //
    regelmäßiger Austausch mit dem zweiten Kompetenzzentrum in Dresden.

     

    Das Essener Zentrum entsteht in der Evangelischen Senioreneinrichtung Martineum in Essen-Steele, die sich seit vielen Jahren auf die Betreuung und Begleitung älterer gehörloser Menschen spezialisiert hat. Im unmittelbaren Einzugsbereich des Martineums leben rund 850 gehörlose Menschen, die über fünfzig Jahre alt sind; die Kontakte reichen mittlerweile weit über das Ruhrgebiet hinaus. Mit Anke Stilgenbauer, hörend und gebärdensprachkompetent, und Andrea Huckemeier, die selbst gehörlos ist, kümmern sich zwei in der Betreuung gehörloser Senioren bereits erfahrene Mitarbeiterinnen um den Aufbau des Zentrums. „Die Teilhabe gehörloser Senioren am öffentlichen Leben ist erheblich eingeschränkt oder überhaupt nicht gegeben. Gehörlose verständigen sich über die Gebärdensprache – doch welche Dienste oder Einrichtungen beherrschen das Gebärden?“, beschreibt Anke Stilgenbauer das zentrale Problem. „Gehörlose ältere Menschen sind außerdem in der Regel nicht ausreichend über mögliche Hilfen informiert und haben eine hohe Hemmschwelle, sich Hilfen zu holen oder Ämter oder Kassen anzusprechen“, ergänzt Andrea Huckemeier. „Besonders schwierig wird die Situation, wenn gesundheitliche Probleme hinzukommen und die Mobilität einschränken.“  

     

    Schon in der Vergangenheit hatte sich das Martineum sehr darum bemüht, gehörlose Senioren im häuslichen Bereich zu beraten und durch Koordinierung von Hilfen und Diensten zu unterstützen. Diese Aktivitäten finden dank des Forschungsvorhabens der Universität zu Köln jetzt einen neuen institutionellen Rahmen. „Damit können wir jetzt einen noch umfassenderen Beitrag für die Unterstützung und Versorgung gehörloser älterer Menschen leisten“, freut sich Einrichtungsleiter Heinrich Gerlach. Und die ersten Schritte sind bereits erfolgt: So hat es eine Vernetzung mit dem Landesverband der Alzheimer Gesellschaft sowie dem Demenz-Servicezentrum Westliches Ruhrgebiet gegeben. Gemeinsam mit den neuen Partnern wurde im Martineum erstmals eine mehrtägige, von einem Gebärdendolmetscher begleitete Schulung für gehörlose Angehörige angeboten, die ihre demenziell veränderten Familienmitglieder zuhause pflegen.  

     

    An der Finanzierung des Essener Kompetenzzentrums beteiligen sich das Land NRW, die Pflegekassen (§ 45c SGB XI), das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gemeinsam mit der Universität zu Köln, die AOK Rheinland/Hamburg, das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe und das Martineum mit Eigenmitteln.

     

    Foto mit - von links - Heinrich Gerlach, Anke Stilgenbauer und Professor Thomas Kaul: (c) ev. Pressestelle Essen/Koppelmann.