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In Essen entsteht ein Kompetenzzentrum für gehörlose Senioren
In der Evangelischen Senioreneinrichtung Martineum in Essen-Steele
entsteht zurzeit ein „Kompetenzzentren für gehörlose Menschen im Alter“: Das
auf drei Jahre angelegte Modellprojekt soll gehörlosen Menschen, die von
einer Pflegebedürftigkeit oder einer Demenzerkrankung betroffen sind, ein
längeres Wohnen im eigenen Zuhause ermöglichen und gleichzeitig ihre
Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verbessern.
In den Jahren 2006 bis 2009 hat
die Universität zu Köln die Situation gehörloser Menschen im Alter eingehend
untersucht. Ein Ergebnis: Gehörlose Menschen, die von einer
Pflegebedürftigkeit oder einer Demenzerkrankung betroffen sind, haben keine
gleichberechtigten Chancen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Deshalb
hat die Universität jetzt gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend ein dreijähriges Modellprojekt gestartet: Ziel
ist es, gehörlosen Menschen im Alter, insbesondere wenn sie demenziell
erkrankt sind, unter Berücksichtigung ihrer besonderen kulturellen und
kommunikativen Voraussetzungen einen barrierefreien Zugang zu
Versorgungsleistungen und Informationen zu ermöglichen. Zu diesem Zweck
werden an zwei strukturell unterschiedlichen Standorten – in Essen und in
Dresden – sogenannte Kompetenzzentren aufgebaut, erprobt und durch die
Universität zu Köln wissenschaftlich evaluiert. Am Ende des Pilotprojektes
sollen konkrete Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen Umsetzung von
Kompetenzzentren sowie Qualitätsstandards zur Versorgung von gehörlosen
Menschen im Alter vorliegen.
Das Hauptaugenmerk liegt auf
der nachhaltigen Verbesserung der Versorgungsstrukturen, die eine hohe
Qualität der verschiedenen rehabilitativen, medizinischen und pflegerischen
Angebote gewährleisten und die den möglichst langen Erhalt der eigenen
Häuslichkeit sichern sollen. Die regionale Umsetzung erfolgt in
verschiedenen Arbeitsfeldern:
Ausbau von Versorgungsstrukturen und spezifischen Angeboten für gehörlose
Menschen im Alter, insbesondere Menschen mit Demenz //
Aufbau regionaler Netzwerke aller an der Versorgung, Pflege und
Rehabilitation beteiligten Institutionen //
Beratung und Unterstützung gehörloser Menschen im Alter und ihrer
Familienangehörigen zu Fragen der Pflege und Rehabilitation //
Gewinnung von Ehrenamtlichen, die besonders für die Arbeit mit gehörlosen
älteren Menschen qualifiziert werden //
Bereitstellung von Informationen für gehörlose Menschen und für Experten der
pflegerischen und gesundheitlichen Versorgung //
ständiger Austausch mit den Projektpartnern, insbesondere mit der
Universität zu Köln, die gemeinsam mit den Trägern für die Konzeption
zuständig ist und die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation übernimmt
//
regelmäßiger Austausch mit dem zweiten Kompetenzzentrum in Dresden.
Das Essener Zentrum entsteht in
der Evangelischen Senioreneinrichtung Martineum in Essen-Steele, die sich
seit vielen Jahren auf die Betreuung und Begleitung älterer gehörloser
Menschen spezialisiert hat. Im unmittelbaren Einzugsbereich des Martineums
leben rund 850 gehörlose Menschen, die über fünfzig Jahre alt sind; die
Kontakte reichen mittlerweile weit über das Ruhrgebiet hinaus. Mit Anke
Stilgenbauer, hörend und gebärdensprachkompetent, und Andrea Huckemeier, die
selbst gehörlos ist, kümmern sich zwei in der Betreuung gehörloser Senioren
bereits erfahrene Mitarbeiterinnen um den Aufbau des Zentrums. „Die Teilhabe
gehörloser Senioren am öffentlichen Leben ist erheblich eingeschränkt oder
überhaupt nicht gegeben. Gehörlose verständigen sich über die
Gebärdensprache – doch welche Dienste oder Einrichtungen beherrschen das
Gebärden?“, beschreibt Anke Stilgenbauer das zentrale Problem. „Gehörlose
ältere Menschen sind außerdem in der Regel nicht ausreichend über mögliche
Hilfen informiert und haben eine hohe Hemmschwelle, sich Hilfen zu holen
oder Ämter oder Kassen anzusprechen“, ergänzt Andrea Huckemeier. „Besonders
schwierig wird die Situation, wenn gesundheitliche Probleme hinzukommen und
die Mobilität einschränken.“
Schon in der Vergangenheit hatte sich
das Martineum sehr darum bemüht, gehörlose Senioren im häuslichen Bereich zu
beraten und durch Koordinierung von Hilfen und Diensten zu unterstützen.
Diese Aktivitäten finden dank des Forschungsvorhabens der Universität zu
Köln jetzt einen neuen institutionellen Rahmen. „Damit können wir jetzt
einen noch umfassenderen Beitrag für die Unterstützung und Versorgung
gehörloser älterer Menschen leisten“, freut sich Einrichtungsleiter Heinrich
Gerlach. Und die ersten Schritte sind bereits erfolgt: So hat es eine
Vernetzung mit dem Landesverband der Alzheimer Gesellschaft sowie dem
Demenz-Servicezentrum Westliches Ruhrgebiet gegeben. Gemeinsam mit den neuen
Partnern wurde im Martineum erstmals eine mehrtägige, von einem
Gebärdendolmetscher begleitete Schulung für gehörlose Angehörige angeboten,
die ihre demenziell veränderten Familienmitglieder zuhause pflegen.
An der Finanzierung des Essener
Kompetenzzentrums beteiligen sich das Land NRW, die Pflegekassen (§ 45c SGB
XI), das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
gemeinsam mit der Universität zu Köln, die AOK Rheinland/Hamburg, das
Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe und das Martineum mit
Eigenmitteln.
Foto mit - von links - Heinrich Gerlach, Anke
Stilgenbauer und Professor Thomas Kaul: (c) ev. Pressestelle Essen/Koppelmann. |
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