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Evangelisches Büro NRW
Predigten und Vorträge
Ansprache beim 31. CDU-Landespartei NRW am 20.03.2010 in der Halle Münsterland
Lesung: 1 Korinther 1, 17-18. 23-25
Der Apostel Paulus schreibt: Christus hat mich nicht gesandt, zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen - nicht in Weisheit der Rede, damit das Kreuz Christi nicht entwertet werde. Denn das Wort vom Kreuz ist zwar denen, die verloren gehen, eine Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es eine Kraft Gottes.
So predigen wir Christus, den Gekreuzigten, für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen selbst aber, sowohl Juden als auch Griechen, Christus als Kraft Gottes und Gottes Weisheit. Denn das Törichte von Seiten Gottes ist weiser als die Menschen und das Schwache von Seiten Gottes ist stärker als die Menschen.
Amen.
Meine Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,
ich habe mein mobiles Holzkreuz heute Morgen hierher mitgebracht, wie ich es immer mitbringe, wenn ich eine Andacht im Landtag in Düsseldorf zu halten habe - noch im Fraktionssaal der FDP - schon deshalb, weil da ja kein Kreuz hängt. Natürlich habe ich es auch aus aktuellem Anlass mitgebracht, wie sie es sich denken können. Wenn es auch aufrechte Christenmenschen schmerzt, dass die letzten Kreuze nun aus unseren Gerichtssälen verbannt werden, so war es doch bemerkenswert, wie deutlich das Kreuz in Leserbriefen unterschiedlicher Art ganze Seiten von Zeitungen und Zeitschriften dominierte. Sie alle haben das wahrgenommen und verfolgt. Das Kreuz - jedenfalls für kurze Zeit - im Mittelpunkt der Diskussion - mal etwas anderes, etwas wesentlicheres als immer nur Hartz IV, Mindestlohn, Steuerpolitik und Gesundheitsreform und all das, was uns bis zum Überdruss aus einschlägigen Blättchen täglich entgegen kommt.
Warum wesentlicher? Weil das Kreuz ein Jahrtausend altes Symbol unserer christlichen Identität ist, das deshalb Geltung beansprucht, weil in ihm - wie Paulus sagt - die Kraft Gottes steckt. Und deshalb setzt der Apostel alles daran, dass das Kreuz Christi bloß nicht entwertet wird. Es ist selbst in solcher Schlichtheit wie die meines mobilen Holzkreuzes von hoher Bedeutsamkeit und kein Möbelstück, das man bei unpassender Gelegenheit mal eben abhängen und wenn es wieder passt, neu aufhängen kann.
Die Heilige Schrift macht uns unmissverständlich klar, dass Gott am Kreuz seines Sohnes Jesus Christus initiativ, d. h. aktiv am Werke ist zugunsten des Menschen. Zu unseren Gunsten also. Indem er Jesus stellvertretend für uns alle den Weg des Leidens und Sterbens gehen lässt, rettet er uns das Leben. Auf Golgatha vor den Toren des alten Jerusalem geschieht an jenem ersten Karfreitag der Weltgeschichte Gericht und Rechtsprechung der besonderen Art - und das ist gar nicht so leicht zu begreifen: der Richter, Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus, übernimmt - o Wunder - die Schuld der Ange- klagten , unsere Schuld, verbüßt die gerechte Strafe im Tod am Kreuz und tilgt damit die Sünde der Menschen. Freispruch statt Verurteilung! Das Kreuz ist seither nicht länger tristes Symbol des Todes, sondern ein Lebenszeichen. Was für die einen Ärgernis ist und für die anderen Torheit, ist in seiner tiefsten Bedeutung Gottes Weisheit und Ausdruck seines außergewöhnlichen gerechten Handelns. Und wenn es bisher in Gerichtssälen hing, so war es Hinweis darauf, dass es über aller menschlichen, in Gesetzesbüchern notwendigerweise verfassten Gerechtigkeit eben noch eine andere, höhere gibt, die Gerechtigkeit Gottes eben, die keinen verloren gibt, die immer wieder Neuanfänge ermöglicht und die wir Menschen - so sehr wir uns auch bemühen mögen - nur recht unvollkommen abbilden können.
Die Bedeutung des Kreuzes als untrügliches Zeichen für Gottes Gerechtigkeit ist die eine Seite der Medaille, die andere ist verbunden mit der nicht bei Seite zu schiebenden Frage: "Wie hältst du Mensch es nun mit der Gerechtigkeit?" Und wenn du auch nicht an das gerechte Handeln Gottes herankommen kannst, so bist du doch immerhin gemäß unseres christlichen Menschenbildes nach seinem Ebenbild erschaffen und damit in seine Schöpfung gesetzt als Bewahrer von Gerechtigkeit, Frieden und gesunder Lebensbedingungen.
"Gerechtigkeit erhöht ein Volk aber die Sünde ist der Völker Schmach", ist in den Sprüchen Salomos im Alten Testament zu lesen (14, 34).
Interessant übrigens, dass das hebräische Wort für "Gerechtigkeit" das gleiche ist wie für "Barmherzigkeit". Seit biblischen Zeiten waren und sind Gerechtigkeit und Barmherzigkeit unabdingbare Voraussetzungen für gerechte, solidarische Lebensverhältnisse, für sozialen Frieden. Ob dieser Zusammenhang ernst genommen wurde, entschied sich seinerzeit im Umgang mit den "Armen", mit den Witwen, den Waisen und den Fremdlingen. Ihnen, jeder und jedem einzelnen, die in Gottes Ebenbildlichkeit verwurzelte Menschenwürde zu belassen, darauf kam es in der damaligen Daseinsfürsorge grundlegend an.
Daran hat sich bis heute eigentlich nichts geändert. Wer die heutigen Witwen, Waisen und Fremdlinge sind, wissen wir alle. Die Notwendigkeit für sie und damit auch für uns alle als Auftragnehmer Gottes solidarische, d. h. auch auskömmliche Lebensverhältnisse zu schaffen, stellt uns heute und morgen und übermorgen zweifellos vor große Herausforderungen. Doch wir sind ja Menschen im Angesicht des Kreuzes. Und wenn denn das Kreuz Ausdruck der Kraft Gottes ist, ist es zugleich eine nie versiegende Kraftquelle für uns Menschen. Der am Kreuz Jesu Christi gerecht handelnde Gott traut uns dort freigesprochenen Menschen zu, uns nicht nur verbal für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in unserer nahen und fernen Welt einzusetzen, sondern mutig, phantasievoll und initiativ gerechte und barmherzige, eben solidarische Lebensverhältnisse wirklich zu schaffen. Als Ermutigung, in diesem Bemühen nicht nachzulassen, auch auf diesem Parteitag Weichen in die Not wendende Richtung zu stellen, habe ich mein schlichtes, mobiles Holzkreuz heute morgen mitgebracht. Gott gebe seinen Segen zu allem Bemühen und gerechtem Handeln.
Amen.
Kirchenrat Rolf Krebs
Ev. Büro NRW
Predigt am 3. März 2010 im ökumenischen Gottesdienst in St. Lambertus in Düsseldorf anlässlich des Aktionstages "Allianz für den freien Sonntag"
Liebe Schwestern und Brüder,
mich erstaunt und beunruhigt immer wieder, welche Energien und Ideen der heiße Kampf um den Sonntag hervorbringt: Bäcker und Gärtner, Videotheken- und Waschstraßeneigner, Besitzer von Möbelhäusern und Supermärkten mancherlei Arten greifen nach ihm: Shoppen ohne Grenzen.
Als wären 6 Tage von 0 bis 24 Uhr nicht genug, wie es das Ladenöffnungsgesetz NRW festschreibt.
Was haben wir als Kirchen in diesem heißen Kampf um den Sonntag nicht alles schon unternommen: wir haben bundesweite Aktionen durchgeführt, wir haben gepredigt und Briefe an Parteien und Politiker geschrieben, es hat ein "Gemeinsames Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD zum 1. Advent 1984" gegeben und wir haben in jüngster Zeit mit einigem Erfolg sogar Verfassungsklage erhoben - alles, um wenigstens den Sonntag vor ökonomisch motivierten Zugriffen zu schützen und ihn als freien Sonntag zum Heil und Wohl der Menschen zu bewahren.
Erstaunlich und beunruhigend ist dabei die Erfahrung, dass der Grund unseres Handelns durchaus nicht mehr als ganz selbstverständlich wahrgenommen wird. Wir mussten das verehrte Publikum daran erinnern, dass der Schutz des freien Sonntags in direktem Zusammenhang mit einem der 10 Gebote steht und dass damit die Autorität Gottes gegenüber nichtigen Interessen des Menschen in den Blick gerät und dass damit dann auch die Dimension des Heiligen eröffnet wird. Da verblassen dann schnell Brötchen und Blumen, Filme und Autos, Möbel und Märkte.
Im 2. Buch Mose finden sich die Worte des dritten Gebots, das in manchen theologischen Traditionen auch als viertes Gebot gezählt wird:
"Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heilig haltest.
Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun;
aber der siebente Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht.
Da sollst du keine Arbeit tun, weder du noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch der Fremdling, der in deinen Toren weilt.
Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht
und das Meer und alles, was in ihm ist und er ruhte am siebenten Tage;
darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn."
Exodus 20, 8 - 11
Einige Kapitel später, im 31. Kapitel des 2. Mose-Buches, hören wir in der großen Rede im Rahmen der Gottesoffenbarung am Sinai nochmals von der besonderen Qualifikation des Ruhetages:
"Der Sabbat ist ein ewiges Zeichen zwischen mir und den Israeliten.
Denn in sechs Tagen machte der Herr Himmel und Erde, aber am
siebten Tag ruhte er aus und erquickte sich."
Exodus 31, 17
Das Wort, dass wir mit "sich erquicken" übersetzt haben, bedeutet im hebräischen Urtext auch "aufatmen", "Atem schöpfen", "sich erholen" - d.h. etwas für die Seele tun in der Rückbesinnung auf Gottes Wort und Gebot im Gottesdienst: "Segen erspüren", "Frieden erfahren" - auch wohl deshalb schützt unsere Landesverfassung den Sonntag in Artikel 25 ausdrücklich als "Tag der Gottesverehrung, der seelischen Erhebung, der körperlichen Erholung und der Arbeitsruhe". "Schabbat shalom" sagen die Juden und wünschen sich damit einen Ruhetag, auf dem der Segen Gottes ruht: Heil und Frieden nach einer arbeitsreichen Woche. "Schabbat shalom" ist Ausdruck des "göttlichen Schöpfungsrhythmus" und nimmt ihn auf, erkennt ihn als lebensnotwendig an:
"Sechs Tage sollst du arbeiten - aber der 7. Tag ist Ruhetag,
dem Herrn, deinem Gott geweiht!"
Da sollst du innehalten, denn du begegnest da dem Heiligen - und das wiederum geht nur, wenn du frei bist von Zwang und Leistungsdruck. Wenn du dich hineingibst in diesen göttlichen Schöpfungsrhythmus, der Menschen über Jahrtausende genützt und gesund erhalten hat, wirst du nicht zu Grunde gehen!
Das galt im alten Israel für alle - für die Herren wie für die Knechte, die eigene Familie wie für die Fremden, ja sogar für das Vieh.
Seit jener Zeit hat sich manches verändert: Aus einer agrarischen Lebensordnung ist eine hoch industrialisierte und technisch perfektionierte Arbeitswelt geworden - jedenfalls bei uns in Europa und in unserem Land in besonderem Maße. Dazu leben wir in einer rasant sich entwickelnden Wissens- und Informationsgesellschaft, auf deren Datenautobahnen auch am Sonntag keine Ruhe herrscht.
Trotz aller notwendigen Produktionsprozesse, trotz aller unaufhaltsamen Maschinenlaufzeiten, trotz allen Betriebs - oder gerade deswegen - bleibt der Zeigefinger Gottes erhoben und somit auch unsere Forderung bestehen, den Schöpfungsrhythmus Gottes nicht zu stören oder gar aus niederen Interessen und Beweggründen außer Kraft zu setzten und den Sonntag als freien Ruhetag nicht noch weiter anzutasten.
Dabei ist daran zu erinnern, dass es schon zur Zeit Jesu Bestrebungen gegeben hat, den Schutz des Ruhetags durch strenge Regeln zu garantieren. Man schrieb Listen mit 2 Spalten: "Dieses ist am Sabbat erlaubt, jenes nicht!" Wir lesen in der Bibel, dass die Pharisäer sich beispielsweise auf sehr penible schriftliche Gesetzesvorschriften und Überlieferungen bezüglich der Sabbatheiligung stützten. Die Folge jener oft kleinlichen Gebote und Verbote war entsetzlich: Durch Zwang und Strenge wurde aus dem Tag der Freiheit ein Tag des Gesetzes. Deshalb geriet Jesus mit den frommen Gotteshütern seiner Zeit ja auch unübersehbar aneinander, als er die Menschen zurückzuführen versuchte auf den eigentlichen Sinn des Sabbatgebotes - und er zeigte das sehr deutlich etwa in seinen Heilungen kranker Menschen am Sabbat:
"Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden
und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
Somit ist der Sohn des Menschen Herr auch über den Sabbat"
Markus 2, 27 f.
Ja, der Sabbat ist und bleibt eine Wohltat Gottes zugunsten des Menschen, er führt in die Freiheit und eine Umkehrung in fromme Gesetzeserfüllung kann ihm ebenso wenig gerecht werden, wie jeder auch nur kleinste Versuch, ihn in die Arbeitswelt als Arbeitstag zu integrieren. Das eben hätte unabsehbare Folgen, ja es käme seiner Entheiligung gleich!
Die erste christliche Gemeinde in Jerusalem und alle Christinnen und Christen nach ihr, haben dem Ruhetag noch eine andere Qualität und Begründung gegeben, indem sie ihn schon bald nicht mehr als letzten Tag, sondern als ersten Tag der Woche gefeiert haben - nicht mehr den Sabbat, der bis heute bei den Juden der "Sonnabend", der Samstag also ist - sondern eben den Sonntag.
Für die Christen war und ist der Sonntag der Tag der Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Dieses umwälzende Ereignis geschah am 3. Tag nach der Kreuzigung am Karfreitag, also am Sonntag, am Ostersonntag. So ist bis heute jeder Gottesdienst am Sonntag letztlich eine Verkündigung des Osterevangeliums: "Der Herr ist auferstanden - er ist wahrhaftig auferstanden!"
Auch auf diesen zentralen Glaubensinhalt von der Überwindung und Zerstörung der Macht des Todes in der Kraft der Auferstehung Jesu Christi von den Toten gilt es sich am freien Sonntag, am Ruhetag zu besinnen, im Hören auf Gottes Wort und Gebot, als Kraftquelle und zur Orientierung im Alltag. Es geht am freien Sonntag eben auch darum, den Kontakt zu Gott zu pflegen und die Dimension des Heiligen nicht aus den Augen zu verlieren. Dazu eröffnet der freie Sonntag die Räume als heilsames Mittel gegen allen Stress und alle Zeitnot unserer Tage.
Am Schluss sollen bedenkenswerte Worte des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko stehen, die er bereits 1968 in der Prawda veröffentlicht hat:
"In Zeitnot geraten - wie ein Netz - ist der Mensch.
Atemlos hetzt er durch sein Leben und wischt sich den Schweiß.
Ein Fluch des Jahrhunderts ist diese Eile.
Es wird ganz eilig gezecht und ganz eilig geliebt.
Ganz tief sinkt die Seele dabei;
man martert ganz eilig, vernichtet ganz eilig,
ganz eilig sind später Reue und Buße vorbei.
Halt ein, bleib doch stehen, der du wie auf Laub
über Gesichter stampfst - und sie nicht ansiehst.
Blind bist du, ganz blind durch den Irrsinn der Eile.
Halt ein, bleib doch stehen, du hast Gott vergessen
und schreitest ja über dich selber hinweg."
Davor, liebe Schwestern und Brüder, sollten wir uns achtsam gegenseitig bewahren: Gott zu vergessen und über uns selber hinwegzuschreiten. Besonders dazu brauchen wir auch den freien Sonntag, für dessen Erhalt sich jeder Einsatz lohnt. Amen.
Kirchenrat Rolf Krebs
Ev. Büro NRW
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