

SCHATTENKULTUR verwandelt das Alte Hafthaus in Moers in ein Gesamtkunstwerk. Das Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt mit Werken aus den Justizvollzugsanstalten NRW macht die geheimen, kreativen Lebensräume „hinter Gittern“ erfahrbar. Die Gefangenen, ihr künstlerisches Potenzial, ihre schöpferischen Fähigkeiten und Talente stehen im Zentrum der Aktionen.

"Künstler und Verbrecher sind Weggefährten. Beide verfügen über eine verrückte Kreativität, beide sind ohne Moral, nur getrieben von der Freiheit."
Diese Formulierungen werden dem Aktionskünstler Joseph Beuys zugeschrieben.
Was daran richtig ist? Kunst und Gefängnis, das passt zusammen.
Künstlerische Arbeit, sei es als Theater- oder Musikprojekt, als Schreib-werkstatt, als Dichterlesung, als Malkurs auch schon mal als Graffiti-Projekt, wenn es junge Gefangene besonders ansprechen soll, ist wesentlicher Bestandteil des Behandlungsangebots im nordrhein-westfälischen Justizvollzug. Jede Anstalt bietet Gefangenen künstlerische, kreative Arbeiten zur aktiven Freizeitgestaltung an.
Das ist auch gut so und sehr wichtig! Viele Gefangene sind auch des-wegen straffällig geworden, weil sie mit der Gestaltung ihrer freien Zeit nicht verantwortlich umgehen konnten. Ihnen müssen im Vollzug Möglichkeiten und Wege zu einer für sie sinnvollen Gestaltung ihrer freien Zeit aufgezeigt werden. Freizeitarbeit in Gruppen unter Leitung von Vollzugsbediensteten oder von Ehrenamtlichen ist ein gutes Übungsfeld für soziales Verhalten. Künstlerische Arbeit bietet die unschätzbare Möglichkeit, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen und eigene Erfahrungen zu verarbeiten, sich der eigenen Person zu vergewissern und so Perspektiven zu entwickeln.
Der Strafvollzug braucht die Akzeptanz in der Bevölkerung. Ich bin überzeugt, das Projekt Schattenkultur im alten Hafthaus Moers wird dazu einen wertvollen Beitrag leisten kann. Deshalb bin ich sehr dankbar dafür, dass das Evangelische Kulturbüro RUHR.2010 Herrn Pleitgen dieses Projekt vorgeschlagen hat und es auch angenommen worden ist.
Das alte Hafthaus in Moers ist zentraler Ausstellungsort für das Kunst-projekt "Schattenkultur"; es gibt aber einen guten Grund, warum die Pressekonferenz heute in der Landeshauptstadt und nicht in Moers stattfindet: Das Projekt wirft seinen Schatten weit über Moers hinaus. Von Mai bis September 2010 wollen 17 Justizvollzugsanstalten ihre Kunstprojekte in Moers vorstellen.
Das bedeutet, an diesem Ort wird die kreative Energie aus Justizvollzugsanstalten 17 verschiedener Städte des Ruhrgebietes und seines Umfeldes gebündelt. Gleichzeitig macht es auch deutlich, Schattenkultur wird nicht nur in Moers sichtbar, sie findet in jeder einzelnen Justizvollzugsanstalt statt, die sich mit Engagement auf dieses Projekt vorbereitet hat. - Sogar eine im französischen Justizvollzug entstandene Video-Installation hat ihren Weg nach Moers gefunden. Aber auch an der Geschichte des Strafvollzugs Interessierte werden durch die vor Ort zu sehende Ausstellung des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen auf ihre Kosten kommen.
Bemerkenswert ist auch, dass es während der gesamten Laufzeit des Projektes immer wieder Life-Aktionen geben soll. Dadurch bietet sich gute Gelegenheit des gedanklichen Austauschs zwischen Bürger und Justizvollzug.
Wie heißt es so schön in dem Text zur diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche ("NÄHER! 7 Wochen ohne Scheu")? "Unsere vernetzte Welt bietet widersprüchlichen Luxus: Kommunikation rund um die Uhr, ohne unbedingt zu wissen, mit wem; Kontakte rund um den Globus, aber nicht mit dem eigenen Nachbarn. Will ich den anderen wirklich erreichen, dann ist das immer noch Handarbeit. Gemeinschaft lebt von der Begegnung – von Angesicht zu Angesicht…"
Dass der Strafvollzug Nordrhein-Westfalens über viele Monate hinweg von Angesicht zu Angesicht von einer breiten Öffentlichkeit als Bestandteil unser gesellschaftlichen Kultur wahrgenommen werden kann, dafür bin ich den Initiatoren sowie allen in der Vergangenheit und in der Zukunft an dem Projekt Mitwirkenden sehr dankbar.
Auf zwei Projekte, die Sie beispielhaft hier sehen können, möchte ich Sie aufmerksam machen:
• Die Fotoausstellung "Seele in Beton" aus der Justizvollzugsanstalt Wuppertal. Ein provokativer Titel für sprechende Bilder. Jeder der fo-tografierten Gefangenen konnte selber entscheiden, wie er gesehen werden wollte. Jedes Foto ist damit die individuelle Antwort auf die Frage: "Was willst Du denen da draußen mit Deinem Bild vermit-teln?"
• Die Lyrik-Clips der Justizvollzugsanstalt Schwerte, ein interkulturel-les Kunst- und Kulturprojekt zwischen Justizvollzug und Gefährdetenhilfe.
Ich wünsche allen Beteiligten und den Besuchern der Ausstellung viele interessante Begegnungen mit einer Welt, die oftmals mit vielen Vorurteilen belastet ist.
Dem Projekt wünsche ich sehr viele Besucher.
Möge diese sehr abwechslungsreiche und fantasievolle Ausstellung dazu beitragen, dass jeder Besucher ein differenzierteres Bild vom Justizvollzug in Nordrhein-Westfalen bekommt!
(01.03.2010) Sprechzettel von Frau Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter für die Pressekonferenz "Schattenkultur" im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland Quelle
Es gilt das gesprochene Wort! http://www.justiz.nrw.de/Presse/reden/10-03-01/index.php