

SCHATTENKULTUR verwandelt das Alte Hafthaus in Moers in ein Gesamtkunstwerk. Das Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt mit Werken aus den Justizvollzugsanstalten NRW macht die geheimen, kreativen Lebensräume „hinter Gittern“ erfahrbar. Die Gefangenen, ihr künstlerisches Potenzial, ihre schöpferischen Fähigkeiten und Talente stehen im Zentrum der Aktionen.

Interview mit Pfarrer Andreas Volke, Essen
Projektleiter Schattenkultur und Geschäftsführer des Evangelischen Kulturbüros RUHR 2010 [pdf]
Wo liegt der Ursprung der Idee?
Schattenkultur ist ein Projekt, das aus der Seelsorge in der JVA Essen erwachsen ist. Die dortige evangelische Seelsorgerin, Pfarrerin Anke Augustin-Seyer brachte das Thema 2007 in einen Arbeitskreis des Kirchenkreises Essen ein. Darauf wurde die Idee weiter entwickelt bis sie durch das Evangelische Kulturbüro RUHR 2010 als Vorschlag an die RUHR.2010 herangetragen wurde.
Warum bringen die Kirchen gerade dieses Projekt ein?
Schattenkultur übernimmt in der Kulturhauptstadt eine herausragende Stellung ein, weil es ein Kulturverständnis enthält, das Menschen beteiligt, die normalerweise ausgeschlossen wären. Es steht stellvertretend für alle gesellschaftlichen Gruppen, die im Schatten stehen. Schattenkultur ist ein ökumenisches Projekt und wird durch ein Symposion der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim begleitet.
Was bedeutet die Ausstellung für die Gefangenen?
Die Gefangenen erfahren, dass sie am Leben außerhalb der Mauern teilnehmen. Ihre Mitwirkung in einem öffentlichen Projekt bedeutet eine Wertschätzung ihrer kreativen Potentiale. Damit ist eine Grundlage angeboten für eine sinnvolle Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit durch künstlerische Tätigkeit. Weniger die Exponate als solche, als vielmehr der mit ihnen verbundene Identitätsstiftende Prozess sind das Entscheidende an diesem Projekt, das in dieser Form –allein schon vom Umfang und der Dauer der Ausstellung- einmalig in Europa sein dürfte.
Wie wurden sie an das Projekt herangeführt?
Es wurden Aufträge an Künstler vergeben, mit Gefangen in unterschiedlichen JVAs kreativ zu arbeiten. Darunter waren neben Vertretern bildender Kunst auch Theaterpädagogen und Regisseure. Andere Exponate bestanden bereits durch frühere Initiativen. Wiederum andere Exponate gehören in die therapeutische Arbeit der Begleitung durch die Gefangenenseelsorge.
Wie sieht die Beteiligung des Justizministeriums aus?
Wir freuen uns über die Übernahme der Schirmherrschaft durch die Justizministerin NRW, Frau Roswitha Müller-Piepenkötter.
Seitens ihres Ministeriums gab es von Anfang an große Unterstützung, wobei sich das Ministerium als Kooperationspartner versteht, der das Hafthaus zur Verfügung stellt, nicht aber selbst Initiator des Projektes ist. Gleichwohl
gehören zum Gesamtprojekt „Schattenkultur“ Veranstaltungen auch außerhalb von Moers, die in weiteren Vollzugsanstalten angesiedelt sind, etwa in der JVA Essen, Gelsenkirchen, Bochum und Schwerte.
Wie war die Resonanz bei den Angesprochenen?
Künstlerische Betätigung beruht voll und ganz auf Freiwillligkeit.
Darauf wurde auch bei der Zusammenstellung der Gruppen in den einzelnen Haftanstalten Wert gelegt.
Nach welchen Kriterien wurden die Werke ausgesucht?
Insbesondere von der Gefangenenseelsorge her wurde darauf geachtet, dass einmal zur Verfügung gestellte persönliche Äußerungen für sich selbst stehen. „Objektive“ künstlerische Kriterien stehen hinter den Personen und ihrer mit den Objekten verbundenen persönlichen Geschichte zurück. Gleichwohl wurde auf große Vielfalt der angebotenen Kunstrichtungen geachtet und das Hafthaus als Gesamtkunstwerk konzipiert.
Wie wurde das Ganze organisatorisch bewältigt? Durften die Gefangenen z.B. ihre Installationen selbst aufbauen?
Da es sich nicht einzig um Projekte im offenen Vollzug handelt, ist die aktive Beteiligung außerhalb der Anstalten aus Sicherheitsgründen nur begrenzt leistbar. Dies trifft besonders bei der Theaterarbeit zu. Hier wurde im Einzelfall der Weg gewählt, Videoaufnahmen zu machen und diese nach Moers zu geben. Ebenso werden aus der Ausstellung Videos in die einzelnen Haftanstalten ausgehen, damit die Gefangenen ihre Werke auch im Rahmen der Ausstellung wieder finden können.
Wird sich für die gefangenen Künstler nachhaltig etwas durch die Ausstellung verändern?
Jeder Mensch gewinnt durch künstlerische Betätigung. Es entstehen neue Ausdrucksmöglichkeiten für sonst verborgene innere Welten. Solche nach außen gelegten inneren Prozesse führen zur Stärkung der Persönlichkeit. Damit bietet Schattenkultur Modelle an für eine verstärkte Aufnahme von künstlerischen Projekten in die Alltagswelt des Strafvollzuges.
Wie wird die Ausstellung die Wahrnehmungen und Einstellungen ihrer
Besucher verändern?
Das Alte Hafthaus in Moers selbst ist bereits ein Ort höchster emotionaler Dichte. Es wurde durch die Ausstellung bewusst nicht in seinem Charakter verändert, so dass die eigentliche Aufgabe des Gebäudes in jedem Moment erfahrbar wird. Hinter jedem Kunstwerk wird das Schicksal und die Persönlichkeit eines einzelnen Menschen sichtbar. Das wird seine Wirkung nicht verfehlen. Gerade Schulklassen und auch Konfirmanden - und Jugendgruppen
sind eingeladen, sich dem Thema Strafvollzug über die Ausstellung zu nähern.
Wann ist das Hafthaus geöffnet?
Die Ausstellung findet statt vom 2. Mai bis zum 26. September
samstags, von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr
sonntags, von 11.00 Uhr bis 17.00 Uhr
montags bis freitags von 10 Uhr bis 15.00 Uhr nach Vereinbarung für Gruppen
Tickets/Eintritt: Erwachsene: 7 €
Schülerinnen/Schüler, Auszubildende, Wehrdienst/Zivildienst,
Rentnerinnen/Rentner, Erwerbslose: 3,50 €
Bei Gruppen ab 10 Personen ein kostenloser Freiplatz. Gruppen können eine Führung durch ehemalige Beamte des Alten Hafthauses erhalten.
Hinweis: Für Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte und Kinder unter 8 Jahren ist das Alte Hafthaus nicht geeignet
Wo kann man Karten für den Eintritt erhalten?
Ticketverkauf:
Bürger- und Touristeninformation Moers
Homberger Straße 4
47441 MoersTel: +49(0)2841 - 88 22 60
Fax: +49(0)2841 - 88 22 622
Das Interview führte die Pressestelle des Kirchenkreises Essen