Charlotte Knobloch über jüdisches Leben in Deutschland

Dr. Charlotte Knobloch

Dr. Charlotte Knobloch

Kanzelrede in Duisburg - Die Salvatorgemeinde begrüßte die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Charlotte Knobloch zur letzten Kanzelrede in diesem Jahr mit dem hebräischen Friedenslied „Schalom chaverim“. Knoblochs Thema war das jüdische Leben in Deutschland heute: „Wie frei sind wir wirklich?“


PRESSEMITTEILUNG
Evangelischer Kirchenkreis Duisburg
13. Dezember 2010
 
Kanzelrede in Duisburg
Charlotte Knobloch über jüdisches Leben in Deutschland

 

Die Salvatorgemeinde begrüßte die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Charlotte Knobloch zur letzten Kanzelrede in diesem Jahr mit dem hebräischen Friedenslied „Schalom chaverim“. Knoblochs Thema war das jüdische Leben in Deutschland heute: „Wie frei sind wir wirklich?“

Die scheidende Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland leitete damit ein, dass die diesjährige Verleihung des Friedensnobelpreises viel über den Mut und die Freiheit in der Welt aussage. Nach Carl von Ossietzky, der 1935 von den Nazis an der Entgegennahme des Preises gehindert wurde, sei die Preisverleihung für Liu Xiaobo wieder eine Zeremonie  der leeren Stühle gewesen. Fast ein Drittel der geladenen Botschaftsvertreter habe auf Druck Chinas die Teilnahme an der Verleihung abgesagt. Dieses Verhalten sei von der Bundesregierung zu Recht als Schande gerügt worden, so Knobloch.

Das jüdische Leben in Deutschland nach 1945 begann für die Überlebenden mit der schweren Entscheidung, zu bleiben und dem Land der Mörder eine zweite Chance zu geben. Knobloch selbst tat sich lange schwer mit dem Wunsch ihres Vaters, dauerhaft in Deutschland zu leben. Erst seit der Grundsteinlegung für das jüdische Zentrum in ihrer Heimatstadt München im Jahr 2003 könne sie die Überzeugung vertreten: „Deutschland ist wieder eine Heimat für uns Juden. Es war richtig, in dieses Land, seine Politik und seine Menschen zu vertrauen.“

Sie widersprach der Ansicht von Ignatz Bubis aus seinem letzten Interview, dass Juden und Nichtjuden einander fremd geblieben seien, räumte aber ein, dass es im Verhältnis zueinander keine Normalität gebe. „Ich wünsche mir gar keine Normalität“, so Knobloch, „denn die wäre eben nicht normal, aber wir sollten so frei sein, uns als Menschen zu begegnen.“ Bei einem jüdischen Bevölkerungsanteil von 0,2 Prozent würde auch heute noch manch einer irritiert reagieren, der zum ersten Mal einem lebendigen Juden gegenüber stehe. „Wir brauchen Verständnis für die Friedhöfe, auf denen wir zur Welt gekommen sind“, sagte Knobloch abschließend und wünschte der Salvatorgemeinde ein frohes Weihnachtsfest  und ein glückliches neues Jahr.


Text: Sabine Merkelt-Rahm


Weitere Informationen:

Mit dem Vortrag von Dr. Charlotte Knobloch endet das Jubiläumsjahr „400 Jahre 1. Reformierte Generalsynode“; das Konzept der Kanzelrede findet in der Duisburger Salvatorkirche seine Fortsetzung: Den Auftakt im nächsten Jahr macht am 20. März der gebürtige Duisburger Prof. Dr. Rauf Ceylan. Der islamische Religionspädagoge von der Universität Osnabrück spricht zum Thema „Der Wert der Religionen heute“. Weitere sind in Planung. Angefragt wurde auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.
Vor 400 Jahren schrieben die Protestanten am Niederrhein Kirchengeschichte. Die 1. Reformierte Generalsynode in der Duisburger Salvatorkirche im September 1610 hat die Grundlagen für das Selbstverständnis der heutigen Evangelischen Kirche im Rheinland geschaffen – als Gemeinschaft von Gemeinden und als „von unten“ her aufgebaute Kirche mit presbyterial-synodaler Ordnung. In feudalistischer Zeit kamen 28 Pfarrer und acht Laien zusammen und legten fest, dass die evangelischen Gemeinden sämtliche "Kirchensachen" selbstständig zu verhandeln haben und die Leitung der Kirche in den Dienst von gleichberechtigten Theologen und Laien zu stellen ist. Sie legten den Grundstein für die 1835 eingeführte rheinisch-westfälische Kirchenordnung. Die Entscheidungen in Duisburg 1610 stehen nach wie vor auch Pate für ehrenamtliches Engagement in der Gesellschaft.

Das Jubiläum „400 Jahre 1. Reformierte Generalsynode“ feierte die Evangelische Kirche im Rheinland unter dem Motto „wir sind so frei“ mit einer Vielzahl von Veranstaltungen zu denen fast 30.000 Besucherinnen und Besucher kamen. Ein Höhepunkt war im September 2010 die Festwoche, in die eine Sondersynode eingebettet war. Fünf Veranstaltungen des Jubiläums sind anerkannte Projekte der Kulturhauptstadt Europas Ruhr 2010. Für die Organisation zeichneten sich die Evangelische Kirche im Rheinland, der Evangelische Kirchenkreis Duisburg und die Evangelische Kirchengemeinde Alt-Duisburg verantwortlich. 

Das Jubiläum „400 Jahre 1. Reformierte Generalsynode“ unterstützen die Unternehmen Haniel, Grillo, KD-Bank, Sparkasse Duisburg, Volksbank Rhein-Ruhr, ElectronicPartner und der Verein für Rheinische Kirchengeschichte. Die Wilhelm-Schrader-Stiftung der Evangelischen Kirche im Rheinland lobt die drei ersten Preise des Wettbewerbs für Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Jubiläums „400 Jahre 1. Reformierte Generalsynode“ aus. Die Wilhelm-Schrader-Stiftung fördert u.a. Forschungs- oder Schulprojekte zu Geschichte, Gegenwart oder Zukunft der evangelischen Kirche.

Weitere Informationen zum Jubiläum „400 Jahre 1. Reformierte Generalsynode“ und zu allen Veranstaltungen unter www.wir-sind-so-frei.de

Kontakt:
Evangelischer Kirchenkreis Duisburg
Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Rolf Schotsch
Am Burgacker 14 – 16
47051 Duisburg
Tel.: 0203/2951-3-501
Fax: 0203/2951-4-191
ev.pressestelle@kirche-duisburg.de
www.kirche-duisburg.de

 

 



Manuskript Kanzelrede Dr. Charlotte Knobloch 12.12.2010 - PDF


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