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Ulrich Duchrow: Bekennen und Gestalten unter den Bedingungen des imperialistischen Kapitalismus. Impulsreferat
Impulsreferat. 30. Oktober 2007, Fachtagung, DüsseldorfAußerdem erfreut es mich, unser Gespräch im Dialog mit Wolfram Stierle einleiten zu können. Ich kenne und schätze ihn seit langem, so dass wir sicher ohne die üblichen Nebenkriegsschauplätze auskommen werden. Auch methodisch halte ich es für sehr gut, dass einer von uns aus der ökumenischen Bewegungsarbeit heraus spricht, der andere aus einem politischen Amt.
Inhaltlich soll es um die Klärung noch umstrittener Begriffe und Fragenkomplexe gehen. Ich beginne mit
1. Mammon versus Ökonomie des Genug für das Leben aller in Einklang mit der Natur
Die Bedeutung von Jesu Entscheidungsfrage „Gott oder Mammon“ versteht man nicht, wenn man nur von den wenigen Stellen ausgeht, an denen der Begriff Mammon vorkommt. (Dazu vgl. R. Krüger, 1997, V. Petracca, 2004) Vielmehr bündelt dieser die gesamte biblische Tradition zur Frage der Ökonomie. Nehmen wir ein Beispiel aus den Evangelien selbst, wie Jesus auf die Tora zurückgreift. In Matthäus 4 lesen wir, dass es die drei Dimensionen der Macht sind, durch die Jesus versucht wird: die ökonomische, die religiöse und die politisch-imperiale Macht. Zunächst die Versuchung durch ökonomische Macht. Was ist die ökonomische Versuchung nach Mt 4? Satan schlägt Jesus vor, aus Steinen Brot zu machen. Aus Jesu Antwort „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ hat bürgerliche Theologie oftmals herausgelesen, man solle sich im Sinne Jesu nicht nur um die materiellen Dinge kümmern, sondern bitteschön sich auch dem „Geistigen“ zuwenden. Woher aber nimmt Jesus das Zitat, und was ist dessen biblischer Hintergrund?
In Deut 8, aus dem das Zitat stammt, wird daran erinnert, dass die Gabe des Landes und des Brotes durch JHWH an das Volk nur dann zum Segen und zum Leben gereicht, wenn die in der Tora gebotene Regel der Solidarität gegen die Tendenz der Reichtumsakkumulation durch die Starken beachtet wird. Denn:
„Sie (deine Gottheit) gab dir Manna zu essen...Du aber hast es geschmeckt und erfahren, dass die Menschen nicht nur vom Brot allein leben, sondern von all dem, was aus dem Mund Adonajs (deiner Gottheit) hervorgeht“ ( 8,3).
Das Wort, das Jesus nach Matth 4,4 zitiert gegenüber der Versuchung Satans, aus Steinen Brot zu machen, bezieht sich also auf das Gebot Jahwes, nichts zu akkumulieren über das hinaus, was man zum Leben braucht. Es stammt aus dem Kerntext der hebräischen Bibel zur „Ökonomie des Genug für das Leben aller“, der Erzählung von Gottes Gabe des Manna in der Wüste (Exod 16). Die Weisung aus dem Mund Gottes, wie man mit dem geschenkten Mannabrot umgehen soll, lautet:
„Sammelt, so viel ihr braucht“ (V. 16). Und siehe da: „...die einen sammelten mehr, die anderen weniger. Als sie alles Gesammelte maßen, da hatten die Vielsammler keinen Überschuss und die Wenigsammler keinen Mangel, sie hatten gerade so viel heimgebracht, wie jede Person brauchte.“ (V. 17)
Das Erstreben von Reichtum unter Zerstörung der Solidarität ist die Sünde der altorientalischen Normalität der Umwelt des Alten Israel, die in Deut 8, 17-20 als Götzendienst bezeichnet wird. Diese Sünde bekam im 8.Jh. v. Chr. einen neuen Mechanismus durch die Einführung einer aus Griechenland kommenden Wirtschaftsform, die es erlaubte, auf entliehenes Eigentum Zins zu nehmen (Zum Ganzen, Duchrow/Hinkelammert, 2005). Wer nicht zurückzahlen konnte, musste sein verpfändetes Land dem Gläubiger überlassen und als Schuldsklave arbeiten. Die Propheten seit Amos klagen die daraus entstehende Spaltung der Gesellschaft in sich bereichernde Großgrundbesitzer und Landlose, die als Tagelöhner oder Schuldsklaven arbeiten müssen, an. Rechtsreformen versuchen den Mechanismus durch Zinsverbot und Sabbatjahr-Regelungen zu bändigen. Dies genau ist aber seit den hellenistischen Weltreichen nicht mehr möglich. Diese setzen die Geldwirtschaft mit allen Mitteln durch, wodurch ein Leben nach den Weisungen Jahwes unmöglich wird. Dagegen bildet sich bei den Jahwetreuen Widerstand heraus, wie er in den apokalyptischen Schriften seit Daniel zum Ausdruck kommt. Im Römischen Reich wird der Sündenmechanismus auf die Spitze getrieben. 1. Im römischen Recht ist Eigentum (dominium) so absolut gesetzt, dass auch sein Missbrauch und seine Zerstörung legal ist. 2. Der Eigentümer ist nur der Mann, der Hausvater (dominus, griech. despótes). Ihm gehören nicht nur Land, Haus und Hof, sondern er ist auch unumschränkter Herrscher über Frau, Kinder und Sklaven. 3. Nach diesem Bild ist auch der Kaiser geschaffen, die Spitze des Imperiums. Er ist Gott, der kosmische Heilsbringer, der sich u.a. durch sein Bild auf den Münzen verewigt.
Die Abwehr des Götzendienstes durch Akkumulation bringt Jesus noch auf einen anderen Begriff. Im Deuteronomium geht es bei dieser Entscheidung zwischen Gott und den Akkumulationsgöttern um nicht mehr und nicht weniger als Leben und Tod (30,15ff. u.ö.). Jesus fasst diese gleiche Grundeinschätzung zusammen in einem Teil der Bergpredigt. Dort stellt er das Schätzesammeln im Dienst des Akkumulationsgottes Mammon (ähnlich übrigens wie Elia im Blick auf den damaligen Akkumulationsgott Baal) dem sorglosen Leben aus Gottes guten Gaben und dem Streben nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit gegenüber. Denn wenn Gottes Geist die Wirklichkeit bestimmt, können alle genug haben und in Fülle und Schönheit leben. Darum lehrt Jesus um das „tägliche Brot“ beten und demonstriert bei der Speisung der 4000 einmal mehr die Manna-Ökonomie.
Dietrich Bonhoeffer hat diesen Ansatz auf den Punkt gebracht in seinem Schuldbekenntnis der Kirche (Bonhoeffer, Ethik, DWB, Bd. 6, 128ff.):
„Die Kirche bekennt sich schuldig aller 10 Gebote, sie bekennt darin ihren Abfall von Christus.... ; sie hat die Fürsorge Gottes nicht so glaubhaft zu machen vermocht, dass alles menschliche Wirtschaften von ihr aus seine Aufgabe in Empfang genommen hätte.“
D.h. Gott gibt den Menschen genug zum Leben, wenn fair geteilt wird. Das stimmt auch heute empirisch, wie viele Studien u.a. der UNO nachweisen. Deshalb sagt der Beauftragte der UN für Welternährung, Jean Ziegler, immer wieder: „Ein Kind das heute an Hunger und seinen Folgen stirbt, wird ermordet“ (Vgl. J. Ziegler, 2005). Eine Ökonomie, die fundamental vom Mangel ausgeht, verschweigt, dass Mangel durch Ungleichverteilung hergestellt wurde und wird und nimmt dies als unveränderbare Voraussetzung, was eine Lüge ist. Die kapitalistische Ökonomie hat das, was Propheten, Tora und Jesus als Gott entgegengesetzt bekämpfen, zum einzigen Sinn des Wirtschaftens gemacht: Akkumulation von Geld und Kapital auf der Basis des privaten Eigentums – nicht des Eigentums in seinem Gebrauchswert, das alle zum Leben brauchen (Nutzungseigentum), sondern des Eigentums in seinem in Geld gemessenen Tauschwert (Akkumulationseigentum). Dieses wird in den kapitalistischen Konkurrenzmarkt eingebracht, nicht in den Markt zum Austausch von Gebrauchsgütern. Markt ist also nicht gleich Markt. Neoliberalismus ist die Apotheose des Konkurrenzmarkts, des Wirtschaftskriegs aller gegen alle.
2. Imperium versus selbstbestimmte Gemeinschaft in gegenseitigem Dienst
Das Alte Israel ist nicht nur als Befreiung aus einem Imperium, dem ägyptischem, entstanden (Ex 3ff.), sondern musste seine Kontrastgesellschaft, inspiriert, gestärkt und herausgefordert durch seine Gottheit Jahwe, gegen eine Abfolge von weiteren Imperien (Assyrien, Babylon usw.), ja gegen imperiale Tendenzen eigener Könige und Oberschichten während seiner ganzen Geschichte verteidigen. Die Instrumente dazu waren bis in die Perserzeit hinein die machtkritische Prophetie und das gestaltende Recht. Sie wurden stumpf in dem Moment, als die hellenistischen Weltreiche die Bühne der Geschichte betraten. Diese totalisierten die Eigentums-Zins-Sklaven-Geldwirtschaft, den Tribut und die dazu gehörige Ideologie in allen militärisch unterworfenen Gesellschaften, absolute Unterwerfung fordernd. Judäa erfuhr den ersten Höhepunkt dieser Entwicklung unter Antiochus IV. Epiphanes in den Jahren 168/167 v. Chr. Dieser absolute Herrscher ließ eine Zeusstatue im Tempel von Jerusalem aufstellen und verbot den Jahwekult. Die Judäer reagierten mit Widerstand – einerseits durch die Befreiungskriege der Makkabäer, deren Herrschaft sich bald in eine hellenistische Monarchie verwandelte, andererseits durch die Strategie der Chassidim, der Jahwetreuen. Ihre Waffe war die Gehorsamverweigerung und die Hoffnung auf Jahwes Reich mit menschlichem Gesicht. Dies ist bezeugt in den ersten apokalyptischen Schriften, besonders dem Buch Daniel.
Daniel, Kapitel 3, beschreibt umfassend das totalitäre politisch-ökonomisch-ideologische System des hellenistischen Weltreichs: Der Großkönig (politische Macht) lässt aus Gold (ökonomische Macht) ein Standbild machen, vor dem sich alle Menschen niederwerfen sollen (ideologische Macht). Veerkamp bringt dies treffend auf den Begriff:
»Das Bild war aus Gold... Das Gold vermittelt Transaktionen zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Warenbesitzern; gehortet ist es künftige Kaufkraft, und quantifiziert ist es anwendbar als Wertbemessungsmittel. Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Maß der Werte: das Gold ist das Gravitationszentrum der hellenistischen Ökonomie. Der König der Könige macht daraus ein Bild; er verdinglicht die Ökonomie und macht sie zum Kultgegenstand, er fetischisiert das Gold. Der Inbegriff des Königtums (die Politik) erhebt den Inbegriff der Ökonomie (das Gold) zum Gott der ganzen Welt, das ist der Vorgang, der hier erzählt wird. Die Erzählung beschreibt also die Einheit von Politik, Ökonomie und Ideologie in der hellenistischen Zeit. Er beschreibt eine Weltwirtschaftsordnung.« (T. Veerkamp, 1993, 243)
Alle fallen auf die Knie, nur drei jüdische Männer nicht: Daniel und seine Freunde. Obwohl sie in den brennenden Ofen geworfen werden sollen, verweigern sie sich:
»… so werde es dem König bekannt: Deinem Gott dienen wir sicher nicht, dem goldenen Bild, das du aufstelltest, erweisen wir Ehrfurcht nicht.« (3,18)
Dazu Ton Veerkamp:
»Dieses Bekenntnis, denn darum handelt es sich, ist die Verweigerung, sich dem Gott des Königs und des Reiches, dem Golde, zu unterwerfen. Das Bekenntnis ist die Ankündigung einer Tat, einer Tat der Verweigerung. Sie sprechen also kein billiges Credo, sondern sagen, was sie tun oder vielmehr nicht tun werden, und sie sind sich des Risikos dieses Nichttuns voll bewusst.« (Ebd.247f.)
Die Männer werden in dieser Erzählung durch Gott aus dem Feuerofen gerettet, aber sie hatten vorher gesagt: Gott kann uns retten, aber auch wenn nicht, wir bekennen, dass wir nicht niederfallen werden. Sie waren also auf das Martyrium vorbereitet. Das ist der Preis dafür, dass die angemaßte totale Macht des Weltsystems gebrochen wird. Denn Macht kann nicht bestehen, ohne dass sie angebetet wird, d.h. ohne dass sie als absolute Macht anerkannt wird. Macht kann nicht bestehen, wenn ihr die Legitimation und Loyalität entzogen wird. Heute heißt solche Macht: es gibt keine Alternative zum kapitalistischen Weltmarkt. Wir werden darauf zurückkommen.
Daniel, Kapitel 7, ist die große Vision der Weltreiche und ihrer Überwindung durch Gottes Reich. Zunächst wird die menschenzerstörende Macht der früheren Reiche geschildert, indem sie im Traum wie Tiere erscheinen. Neubabylonien wird mit dem geflügelten Löwen dargestellt, das medische Reich als Bär und das persische als Panther. Der geflügelte Löwe ist eine Kombination. Sie symbolisiert die Verbindung der Erbschaft von Assur (Löwe) und Ägypten (Geier) in der einen babylonischen Macht. Das Pikante daran ist, dass diese Tiere in der Ikonographie der Reiche gerade als ihr Wappentier erscheinen, allerdings als Ausdruck von Stärke gedacht. Nun wird daraus das Schreckensbild der menschenvernichtenden Raubtiere — die sie auch sind. Für das hellenistische Reich findet Daniel noch nicht einmal ein Raubtiersymbol. Es kann nur als ein schreckenerregendes Monstrum beschrieben werden. Es ist die absolutistische Macht, es lässt keinerlei Autonomie mehr zu, es ist der absolute Gegensatz zum Gott Israels.
Der zweite Teil dieser Vision zeigt die Überwindung dieses schrecklichen Wesens. Ein »Fortgeschrittener an Tagen« besteigt den Thron, eine Gerichtssitzung beginnt, das Urteil wird gesprochen, das mörderische Scheusal vernichtet und die Macht an ein Wesen »wie ein Menschenkind« übergeben. Die Symbolik ist klar: Gott ist der eigentliche König, sein Thron ist Licht, Wahrheit. Er begrenzt die Macht der angemaßten Mächte. Diesen Raubtieren und Monstren stellt Daniel das Wesen mit menschlichem Gesicht gegenüber. Das Humanum, menschliche Gemeinschaft, wird von Gott für immer geschaffen. Hier knüpft Daniel an die Vision des Exilspropheten Ezechiel an, in der dieser Gott schaute in einer „Gestalt, die aussah wie ein Mensch“ (1,26), und an die Priesterschrift, nach der Gott Mann und Frau als Beziehungswesen erschafft nach dem Bild Gottes (Gen 1,26-28). Wer ist diese Gestalt des »Menschlichen« in Daniel 7? Im zweiten Durchgang durch den Traum macht Daniel dies klar. Das Gericht »setzt sich für die Heiligen des Höchsten«, es schafft also dem unterdrückten Volk Gottes Recht. Zu den „Heiligen“, die nach Dan 7 in der Gemeinschaft mit dem menschlichen Gott leben, schreibt Veerkamp:
»Heiligkeit in Israel kann nur sein, was die Freiheit bewahrt. Der Heilige Israels ist der Befreiende; die Heiligkeit Israels ist die Bewahrung der Freiheit, ihre Disziplin, die Thora. Der Befreiende ist der Heiligende.« (Ebd.275)
Das heißt aber, das Reich Gottes, das die mörderischen Weltreiche überwinden wird, ist ein Reich, von Menschen in Freiheit und Solidarität für Menschen verwaltet, gestaltet. Darum wird es ewig genannt, ewiges Leben.
Auf diesem Hintergrund wird Jesus verständlich, das Menschenkind, der Menschliche nach dem Bilde Gottes. Jesus von Nazareth wird ins Römische Reich hineingeboren, stellt diesem Reich und seinen Kollaborateuren auf allen Ebenen das Reich Gottes mit menschlichem Gesicht entgegen und wird deshalb vom Imperium ermordet. Die Evangelien zeichnen ihn, wie schon gesehen haben, als einen, der zu Beginn seiner Mission versucht wurde, den Verführungen dieses Reiches zu folgen. In Matthäus 4 lesen wir, dass es die drei Dimensionen der Macht sind, durch die er versucht wird: die ökonomische, die religiöse und die politisch-imperiale Macht. Der Versucher wird Satan genannt. Satan wird vorgestellt als die Macht, die letztlich hinter dem Imperium wirkt (Vgl. W. Carter, 2001, 62f.). Es ist sehr wichtig, sich klarzumachen, dass schon damals ökonomische, politische und religiöse Macht im Charakter des Imperiums zusammenspielen. Ich lasse hier die 2. Versuchung, religiöse Macht zu demonstrieren, aus.
In der 3. Versuchung spricht Satan römisch-politischen Klartext: „Noch einmal nimmt ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Staaten der Welt und ihre Macht. Und er sagte ihm: ‚Das alles werde ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.’“ Jesus weist ihn mit einem letzten Zitat aus dem Deuteronomium von sich: „Du sollst Adonaj, deinen Gott anbeten und ihm allein dein Leben weihen“. Damit ist die römische ökonomische, religiöse und politische Versuchung abgewehrt. Jesus kann seine Mission beginnen, Israel wieder zur Kontrastgesellschaft und so fähig zu machen, als Gottes befreites und befreiendes Volk unter den Völkern Zeugnis davon abzulegen, dass eine andere Welt möglich ist.
Hier noch einen kurzen Zentraltext, der Jesu Alternative und die Zurückweisung imperialer Machtstrukturen vom Kaiser bis in die Familie hinein zeigt: Mk 10, 35-45. In diesem Schlüsseltext zeigt sich, dass sich in Israel eine alternative Gesellschaft für die Völker nun aus den Jüngerlnnengruppen von unten her aufbauen soll. Damit nähern wir uns der Frage: Wie soll denn die sozio-ökonomische und politische Alternative konkret aussehen, die Jesus im Auge hat? In diesem Text fasst Jesus das in dem einen Begriff zusammen: gegenseitiger Dienst. (Vgl. L. Schottroff, 1994, 297ff. und K. Wengst, 1986, 73ff.)
„Ihr wisst doch: Die als Herrscher über die Völker gelten, herrschen mit Gewalt über sie, und ihre Anführer missbrauchen ihre Amtsgewalt gegen sie. Bei euch soll das nicht so sein! Im Gegenteil: Wer bei euch hoch angesehen und mächtig sein will, soll euch dienen, und wer an erster Stelle stehen will, soll allen wie ein Sklave oder eine Sklavin zu Diensten stehen.“ (Mk 10, 42-44)
Einerseits fasst dieses Wort Jesu polit-ökonomische Analyse zusammen: Rom und seine Helfershelfer der Oberschicht im Zentrum und der Peripherie Palästina repräsentieren nichts anderes als Unterdrückung und gewaltsame Ausbeutung. Diese klare Aussage ist selbst befreiend. Sie schafft Distanz. Sie entzieht dem System jegliche Legitimation. Sie entideologisiert es. Die ganze Pax Romana: nur Unterdrückung und Ausbeutung. Da ist nichts zu zähmen, da kann nur eine grundlegende Alternative helfen.
Die Alternative im Sinn von Gottes beherrschungsfreier Ordnung heißt: gegenseitiger Dienst. L. Schottroff hat nachgewiesen, dass diakonein, insofern es mit Tischdienst zu tun hat, die Versorgungsdienste meint, die in der Rollenverteilung des Patriarchats eben nur von Sklaven und Frauen, nicht aber von Herrschaftseigentum besitzenden Männern gemacht werden. Hier wird nun das Dienen — fern davon, karitative Diakonie in einem im übrigen durch Ausbeutung und Herrschaft bestimmten Gesellschaftssystem zu meinen — als konkretes gesellschaftliches Gegenmodell verstanden, in dem Ausbeutung und unterdrückende Herrschaft abgeschafft sind. Im Haus sind alle wie Geschwister. Das knüpft zwar an die Familiensolidarität der vorstaatlichen und nachexilischen egalitären Gesellschaft der bäuerlichen Familien an, geht aber darüber hinaus. Auch die patriarchale Struktur des Hauses wird noch transformiert, damit allerdings die egalitäre Tendenz Israels nur konsequent weitergeführt. Wengst fasst das so zusammen:
»Hier ist prinzipielle Gleichheit vorausgesetzt, die aber ihre Lebendigkeit im gegenseitigen Dienst hat. Die Jüngerschaft Jesu bildet ein konkretes Gegenmodell zur Herrschaftsstruktur der Welt.« (K. Wengst 1986, 83)
Die Evangelien zeichnen Jesus folgerichtig als Überwinder aller asymmetrischen Beherrschungsverhältnisse. In der Zusammenfassung von W. Wink:
»Jesus verurteilte und verwarf (condemned) alle Formen der Unterdrückung:
- Das Patriarchat und die Unterdrückung von Frauen und Kindern;
- die wirtschaftliche Ausbeutung und die Verarmung ganzer Klassen von Menschen;
- die Familie als Hauptinstrument, mit dem Kinder in unterdrückerische Rollen und Werte hineinsozialisiert werden;
- hierarchische Machtstrukturen, die Schwache benachteiligen und Starken nützen;
- die Verkehrung des Rechts durch solche, die damit Privilegien verteidigen;
- Regeln der ›Reinheit‹, die Menschen von einander trennen;
- Rassische Überheblichkeit und Ethnozentrismus;
- das ganze Opfersystem mit seinem Glauben an heilige Gewalt.
Jesus verkündete das Reich Gottes (oder: ›Gottes beherrschungsfreie Ordnung/God’s Domination-Free-Order‹) nicht nur als zukünftig kommend, sondern bereits aufscheinend in seinen Heilungen und Dämonenaustreibungen und in seiner Botschaft, die gute Nachricht für die Armen ist.« (So fasst Wink das Ergebnis seiner drei Bücher zu Jesus und die Mächte (Powers) im Blick auf den Kern des Auftretens Jesu in seinem Buch »The Human Being« (2002, 14) zusammen.)
Zum Schluss der biblischen Erinnerung muss aber wenigstens ein kurzer Blick auf die Offenbarung Johannes geworfen werden. Sie wird ja gern von liberalen, bürgerlichen Theologien und Kirchen beiseite geschoben und den Neokonservativen besonders in den USA überlassen, die damit ihre imperialen Rüstungen und Kriege – einstmals gegen die Sowjetunion und jetzt gegen die „Achse des Bösen“ – rechtfertigen. Der zentrale Ausgangspunkt zum Verständnis der Apokalyptik ist die lange bekannte Einsicht, dass es sich hier um Widerstands- und Hoffnungsliteratur Unterdrückter gegen die sich totalisierenden Weltreiche seit dem Hellenismus handelt (Vgl. P. Lampe, 1978; P. Richard, 1996) Wir haben aus diesem Kontext bereits das Buch Daniel erwähnt. Für verfolgte Leute im Untergrund wird hier – bewusst verschlüsselt, weil in gefährlicher Verfolgungssituation – „offenbart“(das meint das griech. Wort apokalypsis), dass die scheinbar absolute, alternativlose, durch ihre falschen Propheten verführende und Angst und Schrecken verbreitende Bestie des Imperiums nicht von ewiger Dauer ist, sondern tönerne Füße hat. Erst wenn sie nach Gottes Plan zusammenbricht, wird auch alle Welt sehen, was jetzt nur den Treuen Gottes offenbar ist: Gott wird abwischen alle Tränen und eine neue Erde und einen neuen Himmel schaffen, in denen Gerechtigkeit wohnt und volles Leben sich entfalten kann. Dort wird es keinerlei Herrschaft der einen über die anderen mehr geben. Zwar spricht die Offb noch über ein tausendjähriges Reich, in dem „die Heiligen mit Christus herrschen“. Aber da ist Satan nur gebunden und kann sich wieder befreien und wirksam werden – eine Ahnung der Probleme der gewaltsamen Christentumsgeschichte, wie Franz Hinkelammert vermutet (F. Hinkelammert, 2007). Aber erst das beherrschungsfreie menschliche Miteinander in Harmonie mit der ganzen Schöpfung der neuen Erde wird dauern, ist ewiges Leben. Die Offenbarung Johannes fügt in den einleitenden Briefen an die Gemeinden hinzu: Die Gemeinden, die jetzt in Widerstand, alternativer Praxis und Hoffnung dieser Vision treu bleiben, wird Gott stärken und sie werden an seiner Zukunft teilhaben, die anderen sind entweder schon tot oder Gott wird sie, weil sie lau, weder heiß noch kalt sind, ausspeien aus seinem Munde. Das sollten sich alle vor Augen halten, die der heutigen Mode folgen und apokalyptische Theologie für „politikunfähig“ erklären und beiseite wischen. Sie ist die „Mutter aller christlichen Theologie“, die diesen Namen verdient, wie bereits Ernst Käsemann feststellte. Wer sie ausklammern will, muss das NT für irrelevant erklären. Er wird speziell dann theologisch hilflos und irrelevant sein, wenn sich Systeme totalisieren. Denn dann müssen nämlich erst wieder politische Spielräume erkämpft werden durch Widerstand und system-transzendierende Alternativen.
Damit zu den...
3. Konsequenzen für die Kirchen in ökumenischer Gemeinschaft heute
Bevor wir aus dieser biblischen Erinnerung Schlussfolgerungen für uns ziehen können, müssen wir uns bewusst machen, dass es in der Bibel keine simple anti-imperiale Lehre gibt. Das heißt: das Problem ist nicht nur der offensichtliche Missbrauch der Bibel wie z.B. im christlichen US-Fundamentalismus. Vielmehr gibt es in der Bibel selbst imperiale Texte, vor allem in der Tradition des israelitischen Königtums. Ich erinnere nur an die Psalmen 2 und 72 oder die Hofweisheit. Die Bibel spiegelt also die Konflikte um diese Frage wider. Auf der anderen Seite ist ebenso wenig zu leugnen, dass gerade durch die Erfahrungen des Scheiterns, also des Verfehlens von Gerechtigkeit und der daraus folgenden Katastrophen, sich eine Linie entwickelt, die beim Exodus aus Ägypten beginnt und in Jesus von Nazareth kulminiert: Gott ist nicht auf der Seite der Herrschenden zu finden, sondern an der Seite der Opfer imperialer Strukturen. Insofern kann ich mit Luther von der Klarheit der Heiligen Schrift sprechen.
Eine zweite hermeneutische Vorbemerkung. In den verschiedenen Phasen der biblischen Geschichte zeigt sich, dass der Jahweglauben je nach Kontext verschiedene Möglichkeiten hat, die herrschenden politisch-ökonomisch-ideologischen Systeme herauszufordern und Gerechtigkeit statt asymmetrischer Machtverhältnisse so weit wie möglich im Interesse aller Menschen und der Erde „von unten“, von den Rändern her durchzusetzen. Das bedeutet, dass wir auch heute keines dieser biblischen Modelle einfach eins zu eins übertragen auf die gegenwärtigen Verhältnisse übertragen können. Vielmehr müssen wir genau wie die Propheten eine genaue Analyse der gegenwärtigen Systementwicklungen vornehmen, um zu prüfen, welches die konkreten Möglichkeiten sind, im Sinn der Gerechtigkeit Gottes zu intervenieren und selbst zu leben. Dafür finden sich in allen biblischen Phasen wertvolle Impulse (Vgl. U. Duchrow, 1997, 193ff. sowie F. Segbers, 1999). Ich habe in mehreren Veröffentlichungen mit breiter Literaturverarbeitung zu zeigen versucht, dass das kapitalistische System in seiner heutigen Entwicklungsphase und jeweils unterschiedlich in verschiedenen Regionen der Welt eine Mischung aus erkämpften Rechten einerseits und einer totalisierenden Tendenz andererseits ist. Es ist dabei, das gesamte Leben bis in die Gene und Seelen hinein der Verwertungslogik des Kapitals auf jede nur mögliche Weise zu unterwerfen – und dies zunehmend mit imperialistischen Mitteln. Weil wir es hier mit einer komplexen Mischung zu tun haben, braucht es auch eine multiple Gegenstrategie (Vgl. U. Duchrow, 1997, 2005 und 2006). Bekennen und Gestalten sind also keine Gegensätze, sondern es muss jeweils angesichts der Machtverhältnisse geprüft werden, ob sich das Bekennen unmittelbar in Gestalten umsetzen lässt, oder ob durch Widerstand und Verweigerung erst die politischen Freiräume erkämpft werden müssen, innerhalb derer Gestaltung möglich ist.
Dies vorausgesetzt, sind aus der vorangegangenen biblischen Erinnerung einige grundlegenden Einsichten festzuhalten und für uns fruchtbar zu machen.
1. Wer das Thema Imperium grundsätzlich vermeiden will, muss auch die Bibel meiden. In allen Phasen der biblischen Geschichte ist die Auseinandersetzung Gottes mit imperialen Herrschaftsstrukturen zentral. Wer das Thema Imperium heute vermeiden will, muss auch die ökumenische Gemeinschaft der Kirchen meiden. Insbesondere der RWB hat das Thema seit seiner Generalversammlung 2004 in Accra unüberhörbar auf die Tagesordnung gesetzt. Der ÖRK hat das Thema in seinem AGAPE-Prozess zentral angesprochen, und der LWB wird in Kürze, Ende dieses Jahres, die Ergebnisse einer Konferenz zum Thema „Being the Church in the Midst of Empire“ in einem Buch vorstellen. Obwohl diese Diskussion zunächst von Kirchen und TheologInnen des Südens vorangetrieben wurde (Vgl. U.a. Tamez, 1998; Formosa Christianity and Culture Research Center, 2005; Hinkelammert, 2003), ist sie seit einigen Jahren sogar in den USA intensiv aufgenommen worden. Ich beziehe mich außer auf exegetische Arbeiten zu verschiedenen ntlichen Schriften (Vgl. Myers, 1994, Carter, 2001, Horsley, 2003, Walsh, 2004) vor allem auf: Rosemary Radford-Ruether, America, Amerikkka, Elect Nation and Imperial Violence, a historical and theological treatment of US empire, und Joerg Rieger, Christ and Empire: From Paul to Postcolonial Times (Radford-Ruether, 2007; Rieger, 2007).
2. Nun ist eines der zentralen, allerdings oft vorgeschobenen, Probleme mit dem Begriff des Imperiums die Tatsache, dass es viele verschiedene Weisen gibt, ihn zu verstehen. Manche wehren sich, z.T. zu Recht, dagegen, weil und insofern er bisweilen vereinfacht mit den USA identifiziert wird. Nun liegt das insofern nahe, als sich die Bush-Regierung und viele ihrer Ideologen selbst so bezeichnen, und zwar unter ausdrücklichem Rückgriff auf das Imperium Romanum und die Pax Romana, nun Pax Americana (Vgl. www.newamericancentury.org/statementofprinciples.htm) genannt. Gerade aber das Imperium Romanum und die Art und Weise, wie es sich in der apokalyptischen Widerstandsliteratur und den Zeugnissen von Jesus widerspiegelt, müsste dazu anleiten, den Zusammenhang der verschiedenen Machtstrukturen wahrzunehmen, die sich im Imperium bündeln. Zumal die Koppelung von Ökonomie, Politik und Militär tritt deutlich hervor, aber auch die ideologische und religiöse Komponente, wie sie etwa in Offb 13 der falsche Prophet repräsentiert. Außerdem erinnere ich an die patriarchale Struktur des Hauses als Grundlage des Imperiums, die bekanntlich auch bei den US-Neokonservativen mit den imperialistischen Elementen Hand in Hand geht. Die verschiedenen Komponenten mögen jeweils anders gewichtet sein, aber sie spielen immer ineinander. So ist deutlich, dass zwar die TNCs (dominiert vom Finanzkapital) die Logik des Gesamtsystems bestimmen, durchgesetzt wird sie aber durch die mächtigen Nationalstaaten mit der einzigen militärischen Supermacht USA an der Spitze. Das ist auch durchaus verständlich, wenn man bedenkt, dass von den größten 500 TNCs 45% ihren Hauptsitz in den USA, 28% in Westeuropa und 18% in Asien haben – das sind 91% (Vgl. Petras u.a., 2005, 27). Diese Staaten handeln freilich durch von ihnen dominierte multinationale Institutionen wie IWF, WB, WTO, NATO, EU oder auch mit ad hoc-„Koalitionen der Willigen“. Unterstützt wird diese politisch-ökonomische Machtkonzentration von den Ideologie liefernden Think Tanks und Massenmedien, die sich wiederum zum größten Teil in der Hand eben des profitierenden Großkapitals befinden. D.h. – biblisch gesprochen: Mammon, Imperium und falsche Prophetie (vgl. Offb 13) sind die zentralen theologischen Herausforderungen, um die es inhaltlich heute geht. Das umfassende verflochtene Machtsystem treibt zur Zeit die gesamte Entwicklung von Menschheit und Erde in den Abgrund, obwohl es zunehmend Widersprüche und Verfallserscheinungen zeigt. Indem man den totalen Machtanspruch und die Versuche, diesen umzusetzen, gleichzeitig jedoch auch die Brüchigkeit des Systems aufzeigt, mystifiziert man es nicht, sondern im Gegenteil, man bringt die Realität ans Licht – mehr als das Wunschdenken, das die Gefahren herunterspielt. Ob wir dieses System globalen imperialistischen Kapitalismus mit USA an der Spitze oder kapitalistisches westliches Imperium nennen, ist eine Nebenfrage. Entscheidend ist, dass wir es inhaltlich möglichst präzise analysieren, damit wir es um des Lebens und des Kircheseins der Kirche willen überwinden helfen.
Das Bekenntnis von Accra drückt dies so aus:
„Unter dem Begriff “Imperium“ verstehen wir die Konzentration wirtschaftlicher, kultureller, politischer und militärischer Macht zu einem Herrschaftssystem unter der Führung mächtiger Nationen, die ihre eigenen Interessen schützen und verteidigen wollen“ (11)
„Die Globalisierung der Märkte hatte auch eine Globalisierung der zu ihrem Schutz eingerichteten politischen und rechtlichen Institutionen und Regelwerke zur Folge. Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Alliierten bedienen sich - in Zusammenarbeit mit internationalen Finanz- und Handelsinstitutionen (Internationaler Währungsfonds, Weltbank, Welthandelsorganisation) - politischer, wirtschaftlicher oder auch militärischer Bündnisse, um die Interessen der Kapitaleigner zu schützen und zu fördern. (13)
Wir beobachten also eine dramatische Konvergenz zwischen der Wirtschaftkrise einerseits, und dem Integrationsprozess von wirtschaftlicher Globalisierung und Geopolitik andererseits, und dies vor dem Hintergrund der neoliberalen Ideologie. Es handelt sich hier um ein globales System, das die Interessen der Mächtigen verteidigt und schützt. Wir sind alle davon betroffen und keiner kann sich ihm entziehen.“(14)
Das heißt aber, dass wir bei der Kritik des Imperiums nie nur auf etwas außerhalb von uns weisen können. Jede Kritik muss die Selbstkritik enthalten. Dies ist umso wichtiger angesichts der Tatsache, dass seit der Alten Kirche, insbesondere seit der konstantinischen Wende Kirche und Theologie bis ins Innerste von Anpassung an die verschiedenen einander folgenden Imperien geprägt sind. Dies hat Jörg Rieger in seinem genannten Buch brilliant herausgearbeitet. Gleichzeitig hat er nachgewiesen, dass bei aller Vereinnahmung Jesu Christi, in jeder Epoche immer auch Widerstand und Alternativen als Überschuss (surplus) sichtbar werden, woran wir anknüpfen können. (Eine fulminante Kritik der gegenwärtigen Versäumnisse der Kirchen im Blick auf die imperiale Globalisierung auf dem Hintergrund der nachkonstantinischen Reichsreligion und Vorschläge für einen neuen Exodus bietet C. Amery in seinem Buch „Global Exit. Die Kirchen und der totale Markt“, 2002.)
3. Das biblische Kriterium für Kritik und Selbstkritik ist eindeutig: die Opfer der imperialen Machtstrukturen seit den Hebräern von Ex 3ff., den Witwen, Waisen und Fremden der Königszeit, den von den Hellenen und Römern unterworfenen Völkern über die europäischen Jahrhunderte hinweg bis hin zu den Opfern des imperialen Kapitalismus heute in Süd und Nord. Nur eindeutig an der Seite der Hartz IV-EmpfängerInnen, der von Europa abgewehrten Flüchtlinge, der Frauen in den Sweatshops unserer Konzerne usw. sowie an der Seite der leidenden Natur kann Kirche heute Kirche sein – „in the midst of Empire“.
4. Was sind die Alternativen? Jesus leistet so Widerstand gegen das Imperium, dass er Menschen ermächtigt, alternative Gemeinschaften aufzubauen. Das Reich Gottes beginnt mitten unter uns. Hier ist auf ein besonderes Problem hinzuweisen: häufig wird – auch in biblischen Texten – die Alternative als Anti-Imperium formuliert. Dadurch besteht die Gefahr, dass sich die Strukturen des Imperiums auch in die Alternative einschleichen. Deshalb ist es so wichtig zu sehen, dass Jesus seine männlichen Jünger zurückweist, die sich im Reich Gottes einen Ministerposten ergattern wollen. Es geht nicht darum, dass die Herrschaftseliten einfach ausgetauscht werden, vielmehr müssen die Strukturen der Macht selbst transformiert werden. So wie Israel und Jesus in Israel gegen alle Formen und Dimensionen des Imperiums klar „Nein“ sagten, so ist die Kirche heute auch nur Kirche auf biblischer Grundlage, wenn sie klar „Nein“ zum heutigen imperialen Kapitalismus sagt und danach handelt. Aber gleichzeitig mit diesem „Nein“ muss die Alternative so gesagt und gelebt werden, dass sie nicht selbst das Imperium spiegelt.
Darum ist Walter Winks Übersetzung des Begriffs „Reich Gottes“ mit „Gottes beherrschungsfreier Ordnung“ so treffend und hilfreich. Jesus überwindet das Imperium gerade dadurch, dass er es nicht mit Gewalt bekämpft, sondern durch das Erleiden der Gewalt das Imperium bloßstellt und es damit seiner Legitimation beraubt. Ich bin mit Ched Myers der Auffassung, dass Gandhi der beste Kommentar zu Jesu Leben, Leiden und Sterben für das Reich Gottes ist. (Vgl. dazu das hervorragende Buch von Dieter Conrad, 2006, und auch Yoder,, (1972) 1981.) Von seiner Strategie der „aktiv konfrontierenden Gewaltlosigkeit“ muss die Kirche lernen, will sie dem mit-leidenden und mit-kämpfenden Jesus nachfolgen, also Kirche sein. Martin Luther King und die Zapatisten in Mexico sind weitere Beispiele.
Dies alles ist zunächst eine Perspektive für des Kirchesein der Kirche auf biblischer Grundlage. Was heißt das darüber hinaus für eine gesellschaftlich-politische Strategie, einschließlich der Rolle der Kirchen in einer solchen? Dies kann ich hier nur andeuten, wir werden es im Dialog weiter konkretisieren müssen (Vgl. ausführlich U. Duchrow u.a., 2006, Teil III). Auf dem Hintergrund der verschiedenen biblischen Einsichten aus den verschiedenen Phasen muss nach genauer Analyse der Handlungsmöglichkeiten in den verschiedenen Kontexten eine Mischung aus verschiedenen Elementen ins Auge gefasst werden. In jedem Fall ist der entscheidende Ansatz, mit den Opfern und den solidarischen Kräften zusammenzuarbeiten, um „von unten“ neue politische Spielräume zu erkämpfen. Denn die Logik des Systems treibt dazu, alles dem Interesse der Kapitalakkumulation der Eigentümer zu unterwerfen. Das heißt nicht, dass dies bereits gelungen sei – das System steckt voller Widersprüche – , aber die Tendenz geht dahin, alle erkämpften Rechte der Menschen möglichst wieder rückgängig zu machen. Das heißt konkret, die erkämpfte soziale Marktwirtschaft und der sie durchsetzende Sozialstaat werden auch in Europa Schritt für Schritt abgebaut. Von Kairos Europa verfolgen wir darum eine Doppelstrategie, oder anders ausgedrückt, eine multiple Strategie: Einerseits geht es dabei darum, dem System in seinen totalisierenden Tendenzen Energie zu entziehen durch Entlegitimierung und Verweigerung. Dazu muss besonders bei den Widersprüchen im System selbst angesetzt werden. Andererseits geht es darum, von unten lokal-regional bereits alternative Zellen zu entwickeln, die eine kooperative, solidarische Ökonomie entwickeln (Vgl. Douthwaite/Diefenbacher, 1998), und gleichzeitig national, regional und global Allianzen zu schmieden, die politisch intervenieren. Hier kann sich die Alternative nur von konkreten Kämpfen her entwickeln. Dabei können auch z.B. die Verteidigung des Sozialstaats, der öffentlichen Güter und Dienste, unserer sozialen und anti-militaristischen Verfassung, Verteidigung der Menschenrechte u.a. Ansatzpunkte sein. Aber solche konkreten Einzelschritte müssen immer auf Systemtranszendierung zielen. Denn innerhalb der kapitalistischen Logik, die sich immer mehr totalisiert und die mit immer totalitären politischen und militärischen Mitteln imperial durchgesetzt wird, werden Menschheit und Erde auf Dauer nicht überleben können, vor allem auch ökologisch nicht.
5. Was folgt daraus für die ökumenische Bewegung und unsere Kirchen? In dem inzwischen einsetzenden Prozess nach den ökumenischen Vollversammlungen, der die Fragen der Gewalt in den verschiedenen Dimensionen des Imperiums verbinden und an der Überwindung dieser Gewalt arbeiten soll, muss es eine Grundsatzdiskussion auf biblischer Basis geben, die auf Entscheidung zielt. Denn Bekennen heißt entscheiden und danach leben. Die Diskussion darf sich nicht allein auf die direkte politisch-militärische und ökonomisch-strukturelle Gewalt beschränken, sondern muss ausdrücklich kritisch-selbstkritisch die Fragen der Gewalt in und durch Kultur und „Religion“ einbeziehen. Weil die Diskussion nicht abstrakt, sondern auf Entscheiden und Handeln hin geführt werden muss, kann sie nur in der Praxis an der Seite der Opfer und darum inmitten der Konflikte stattfinden. So aus der biblischen Inspiration entscheiden und handeln lernen, hat einen Preis. Im Süden sterben dafür täglich viele Menschen. Bei uns im Norden muss man allenfalls Nachteile in Kauf nehmen. Ich hoffe und bete darum, dass wir, dass unsere Kirchen ihr „Leben“ nicht mit Hilfe von Marketing-Beratern „gewinnen“ wollen, sondern es an der Seite der Opfer in der Nachfolge Jesu einsetzen. Nur so werden wir ohne Furcht und mit Vollmacht Gottes beherrschungsfreie und lebensfreundliche Ordnung unter den Völkern der Erde bezeugen – den Völkern, die unter dem immer mehr Lebensbereiche umfassenden und darum gefährlichsten imperialistischen Mammonsystem leiden, das es je gab.
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30.10.2007
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