Predigt

Predikt

Ich möchte Ihnen zu Beginn meiner Predigt eine Karikatur zeigen (per Beamer):

Diese Karikatur finde ich herrlich! Sie macht darauf aufmerksam, dass Missverständnisse mit dem Glaubenssatz verbunden werden können: Jesus ist für uns gestorben. In der Theologie und weitgehend auch in der Kirche haben wir uns an diesen Glaubenssatz gewöhnt. Manchmal sprechen Theologen und Kirchenleute ihn vielleicht auch gedankenlos aus, weil er eben dazugehört, wie das Amen in der Kirche. Aber verstehen wir denn, was damit gemeint ist – „Jesus Christus ist für uns gestorben“? Könnten wir erklären, was damit gemeint ist, einfach mal so, aus dem Stand?
Die Karikatur macht uns auf die Mehrdeutigkeit des Wortes „gestorben“ aufmerksam. Und zugleich darauf, dass viele Menschen heute mit Jesus sowieso nichts mehr anfangen können. Ob nun für uns gestorben oder nicht.
Aber selbst viele von denen, die mit Jesus noch etwas anfangen können, haben mit diesem Glaubenssatz Schwierigkeiten. Die beiden Wörtchen „für uns“ machen ihnen große Probleme. Sie fragen: Was ist das für ein grausamer Gott, der solch ein Menschenopfer verlangt? Und sie wehren ab: Ich will doch gar nicht, dass einer für mich umgebracht wird!

Dabei geht das völlig an dem vorbei, was gemeint ist, wenn es heißt, dass Jesus Christus für uns gestorben ist.
Ein Theologe des Mittelalters hat das Missverständnis von dem grausamen Gott, der ein Menschenopfer verlangt, gesät. Und leider ist die Saat aufgegangen und blüht und wächst und gedeiht durch die Jahrhunderte der Christenheit. Dieser Theologe heißt Anselm von Canterbury und lebte zwischen 1033 und 1109. Er entwickelte die sog. Satisfaktionstheorie: Danach ist Gott ein König, dessen Ehre durch die mangelnde Unterwürfigkeit der Menschen verletzt wurde. Zur Wiederherstellung seiner Ehre verlangt Gott Satisfaktion, Genugtuung, eine Gegenleistung in Form einer Bestrafung. Zu solch einer Genugtuung ist aber kein Mensch in der Lage, weil seine Schuld zu groß ist. Nur der Gottmensch Jesus Christus kann diese Satisfaktion leisten und Gottes Zorn besänftigen.

Ich finde diese Vorstellung entsetzlich: Gott als ein beleidigter König, der Rache fordert und zur Befriedigung seiner Rachegelüste sogar seinen eigenen Sohn umbringt. Gott ist doch nicht der Anführer eines Familienclans, in dem es immer nur um die Ehre geht und wo für die Ehre sogar Blutrache geübt wird. Ich finde die Theorie Anselms einfach schrecklich, denn sie geht von einem völlig verzerrten Gottesbild aus. Nur. Dieses Gottesbild hat sich in unseren Köpfen festgesetzt



Die Bibel sagt es anders, und ich frage mich, warum Anselm das übersehen hat. Der Evangelist Johannes weiß, dass Gottes Motiv für den Kreuzestod Jesu Christi ein ganz anderes war. Nicht seine Rachegelüste, sondern seine abgrundtiefe Liebe zu uns Menschen haben zum Kreuzestod Jesu geführt.
Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Und der Apostel Paulus fügt hinzu: Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft.
Nicht mit einem bösen, rachedurstigen Gott haben wir es zu tun, sondern mit einem Gott, der es nicht ertragen kann, dass wir von ihm wegstreben und den Kontakt mit ihm verlieren. Denn Gott weiß: Wer sich von ihm löst, der wird das Leben nicht finden. Nicht das Leben hier in dieser Welt. Und auch nicht das neue Leben bei Gott, das nach dem Tod kommt. Menschen, die sich von Gott lösen, lösen sich von diesem Leben. Von der Hoffnung, von der Liebe, von der Geborgenheit in der Weite des Alls.
Das kann Gott nicht ertragen. Das zerreißt ihn. Wie oft lesen wir in der Bibel, dass Gott über die Menschen zornig ist. Wie oft will Gott sich von uns Menschen abwenden und das Experiment Erde für gescheitert erklären.
Aber er kann nicht! Wir liegen ihm zu sehr am Herz!
Sind wir untreu, so bleibt er doch treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen - sagt der 2. Timotheusbrief (2,13).

Immer wieder schluckt Gott seinen Ärger hinunter und geht wieder auf uns Menschen zu. Nach der Sintflut. Nach der Flucht des Propheten Jona. Nach dem Versagen von Priestern und Propheten. Nach dem Zusammenbruch des alten Staates Israel.

Doch irgendwann muss Gott klar geworden sein, dass diese vielen kleinen Schritte nicht ausreichen. Gott beschloss, einen wirklich großen Schritt zu gehen. Nämlich den Schritt in unser Leben hinein. Gott beschloss, uns ganz und gar nachzugehen, in unser Leben einzutauchen. Unser Leben auf sich zu nehmen. Und schließlich unseren Tod zu sterben. Deshalb wurde Gott Mensch. Deshalb kam er in der Gestalt seines Sohnes Jesus Christus zur Welt.

Und Jesus Christus trug die Liebe Gottes hin zu den Menschen: Zu denen, die schon längst mit Gott abgeschlossen hatten; zu den Verlassenen und Vergessenen der Gesellschaft; aber auch zu denen, die auf dem hohen Roß saßen, wie der Zöllner Zachäus; zu den Kranken und Sterbenden; zu den Suchenden und Tastenden; und auch zu denen, die große Schuld auf sich geladen hatten und darunter schier zerbrachen.
Jesus hat keine revolutionären Programme zur Weltveränderung verkündet. Sondern seine Aufgabe war es, jeder und jedem Einzelnen die gute Nachricht zu bringen: Gott hat dich nicht aufgegeben, Gott liebt dich von ganzem Herzen.
Dafür ist Jesus Christus in die Welt gekommen. Dafür hat er gelebt und dafür hat er sich umbringen lassen. Er ist seinen Weg bis zu letzten Konsequenz gegangen. Damit wir sehen und erkennen: Gott lässt sich eher ans Kreuz schlagen, als davon abzulassen, uns die Chance zur Umkehr zum Leben zu geben. Dafür, dass Gott uns abgrundtief liebt, ist Jesus Christus in den tiefsten Abgrund gegangen. Nicht Gott hat das gefordert, sondern die hartnäckige Ingnoranz von uns Menschen hat solch ein unglaubliches Zeichen nötig gemacht.

Auch wenn uns die Härte und Grausamkeit des Kreuzes widerstrebt, es ist der größte Liebesbeweis Gottes zu uns Menschen. Und Jesus Christus ist konsequent darauf zugegangen, weil ein solch aufsehenerregendes Ereignis nötig war, um uns Menschen aufzurütteln: Seht her, so sehr hat Gott euch lieb, dass er sogar um das Kreuz keinen Bogen macht.
Der Kreuzestod Jesu Christi ist für jede und jeden einzelnen Menschen geschehen. Jesus Christus ist nicht allgemein und an und für sich gestorben, sondern für dich und für mich, für jeden einzelnen Menschen. Damit du und ich und jeder einzelne Mensch erkennen kann, wie sehr Gott jeden einzelnen Menschen liebt. Und damit er umkehrt zu diesem Gott, der alle Schuld vergibt und immer wieder den Neuanfang sucht.

Drei Tage lang blieb Jesus Christus im Grab. Am dritten Morgen fanden drei Frauen das Grab leer vor. Niemand konnte sich zunächst erklären, was vorgefallen war. Wenig später aber begegnete Maria Magdalena dem Auferstandenen. Kurze Zeit später stand der Auferstandene vor Petrus. In den folgenden 40 Tagen kam er immer wieder zu seinen Jüngerinnen und Jüngern und sprach zu ihnen und bereitete sie auf die Zeit vor, wenn er nicht mehr da ist.

Die Jünger hatten ein machtvolles Zeichen gesehen: Gott hatte den Gekreuzigten bestätigt. Durch die Auferweckung hatte Gott dem Gekreuzigten Recht gegeben. Recht gegeben in seinem Anspruch, der Weg, die Wahrheit, die Auferstehung und das Leben zu sein. Die Auferstehung unterstreicht die große Liebe Gottes. Gott gibt uns ein Zeichen nicht nur der Liebe, sondern jetzt auch definitiv und endgültig des Lebens. Ostern bestätigt den Weg des Gekreuzigten und entwickelt eine neue Perspektive des Lebens über das Leiden und den Tod hinaus.

Die Frage, die das Kreuz und das leere Grab an uns richten, das ist die Frage: Glaubst du das? Nicht philosophisch oder wissenschaftlich wird hier gefragt. Sondern es wird gefragt nach dem, was unser Leben tragen und halten kann: Die Gewissheit, dass Gott uns so lieb hat, dass er sich sogar für uns umbringen lässt. Und die konkrete Hoffnung, dass mit Schuld, Leid und Tod nicht alles verloren, nicht alles aus ist. Alles das sagen dir das Kreuz und das leere Grab. Glaubst du das?


Theaterstück