Predigt

Lebendig, kräftig und schärfer

Lebendig, kräftig und schärfer – als ich das Thema des diesjährigen Kirchentags erfuhr, war ich erst wenig begeistert. Schon wieder so ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Worte aus der Bibel. Ich erinnere mich auch an eine erste heftige Reaktion auf dieses Kirchentagsmotto. Das war bei der Programmkommission des Katholikentags, in der ich die Ev. Kirche vertrat. Eine führender Mitglied der Programmkommission kam auf mich zu und fragte: Wollt Ihr Euch jetzt mit diesem Kirchentagsmotto antiökumenisch profilieren?

Ein Kirchentagsmotto, das provoziert und herausfordert. Erst recht, wenn man dann auch noch das Kirchentagssymbol sieht: Das christliche Fisch-Symbol, jetzt aber mit einer Haifischflosse. Bissiger und frecher soll er daherkommen, der Kirchentag. Und mit ihm auch wir, die Evangelischen.

Vielleicht hatte Kritiker aus der Programmkommission des Katholikentags nicht ganz Unrecht: Dieses Kirchentagsmotto wurde in einer Zeit ausgewählt, als die ökumenische Geduld evangelischer Christen durch die Päpste, Kardinäle und Bischöfe der römischen Kirche arg strapaziert wurde. Alle Nase lang mussten wir uns doch anhören, dass die Evangelische Kirche keine Kirche im Sinne Jesu Christi ist. Ein neuer eisiger Wind fegte durch die Ökumene, so eisig, dass man sich als evangelischer Christ sogar öffentliche Ausladungen vom Abendmahl anhören musste. Insofern stimmt es schon: Das Kirchentagsmotto hat auch eine ökumenische Stoßrichtung. Im Sinne der Ökumene der Profile, die Bischof Wolfgang Huber ausgerufen hat. Wir wollen nicht in die Konfessionskämpfe des 16. und 17. Jahrhunderts zurück. Aber wir wollen schon deutlich zeigen, welches Profil die evangelische Kirche hat: Sie ist in vielerlei Hinsicht wirklich lebendig und kräftig und schärfer. Und das kann man ruhig auch mal aussprechen. Gerade, wenn man dauernd vor den Kopf gestoßen wird.

Aber das ist nicht die Hauptaussage der Kirchentagslosung. Es soll kein antikatholischer Kirchentag werden. Wir lassen uns in diese Frontstellung nicht hineinschieben. Als evangelische Kirche wollen wir nach wie vor Ökumene. Und nach wie vor laden wir unsere Römisch-katholischen Geschwister an den Tisch des Herrn ein – denn sie sind, wie wir, auf den Namen Jesu Christi getauft.

Wohin will die Kirchentagslosung uns dann lenken?
Kirchentage waren immer auch Veranstaltungen, in denen gesellschaftspolitisch diskutiert wurde. Ich erinnere nur an die Kirchentage in der Zeit der Friedensbewegung. Da ging es hoch her. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt musste sich nicht nur kritische Fragen, sondern auch Pfiff und Buhrufe und sogar eine Besetzung einer Glaskuppel über der Diskussionsrunde gefallen lassen. Andere Bundeskanzler haben die Kirchentage lange Zeit so weit wie möglich gemieden, weil sie dort nicht gerade freundlich empfangen wurde. Dafür waren Kirchentage oft Foren für linksalternative Leuchtgestalten. Die Nähe der evangelischen Kirche zu einer bestimmten gesellschaftspolitischen Geisteshaltung war in dieser Zeit überdeutlich.

Auch der Kölner Kirchentag wird ein gesellschaftspolitisches Forum sein. Lebendig und kräftig und schärfer wollen wir Evangelische sein auch im Jahr 2007 sein, unser Glaube spornt uns an, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Aber dennoch ist auch das nicht die Hauptstoßrichtung der Kirchentagslosung.

Denn die Kirchentagslosung ist – wie gesagt – aus dem Zusammenhang eines Satzes aus dem Hebräerbrief herausgerissen. Und den lese ich nun einmal komplett vor, damit wir herausfinden, worum es bei dieser Kirchentagslosung eigentlich geht:
Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. (Hebr. 4,12)
Also nicht wir, nicht die evangelische Kirche, auch nicht der Kirchentag ist lebendig und kräftig und schärfer, sondern das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer. Und dann ist auch noch festzuhalten: Das Wort Gottes ist nicht schärfer als die römisch-katholische Kirche oder die Bundesregierung, sondern das Wort Gottes ist schärfer als ein zweischneidiges Schwert.
Es geht gar nicht um uns, sondern es geht um Gott und um sein Wort. Und dann geht es doch wieder um uns, aber zunächst einmal nicht als die Aktiven, Handelnden, sondern als die, an denen etwas geschieht. Was macht das Wort Gottes mit uns? Der Hebräerbrief sagt: Es deckt auf, es dringt tief ein, es trennt voneinander, so dass man Einblicke bekommt, und es richtet unsere Herzen und Seelen. Deshalb ist das Wort Gottes lebendig und kräftig und enorm scharf: Weil es unser Leben in all seinen Facetten beleuchtet, analysiert und kritisiert. Das Wort Gottes, das sind nicht tote Buchstaben in einem alten Buch mit Goldschnitt. Sondern das Wort Gottes ist etwas Lebendiges und Kräftiges, eine Wirkmacht, die Auswirkungen in unserem Leben hat.
Deshalb müssen wir auch bedacht mit dem Wort Gottes umgehen. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Und damit ist es auch gefährlich: Weil es die Wahrheit aufdeckt und weil es zugleich richtet. Und das macht auch das Kirchentagssymbol deutlich: Der Flossenfisch präsentiert den herausfordernden, aufstörenden und ungemütlichen Christus.

Warum sind Diktatoren oft so energisch gegen Christinnen und Christen vorgegangen? Denken wir doch zum Beispiel an Sophie und Hans Scholl oder an Dietrich Bonhoeffer im sog. Dritten Reich. Oder denken wir an Bischof Oscar Romero in El Salvador. Alle drei mussten sterben, weil sie das Wort Gottes in den Mund nahmen in seiner richtenden, zweischneidigen Kraft. Und weil das Wort Gottes auf diese Weise die Unmenschlichkeit der Diktatoren aufdeckte. Und weil die Diktatoren wussten, wie gefährlich diese unerschrockene Wahrheit für sie werden konnte, handelten sie schnell und brutal. Die Geschwister Scholl starben durch den Strang, Dietrich Bonhoeffer wurde erschossen und Bischof Oscar Romero wurde auf der Kirchentreppe durch eine Maschinengewahrsalve hingerichtet.
Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer – aber es ist alles andere als bequem. Es stellt in Frage und kritisiert. Nicht nur die Mächtigen, nicht nur die Diktatoren, sondern auch mich ganz persönlich. Wenn ich mich ganz persönlich dem Wort Gottes stelle, dem lebendigen und kräftigen und scharfen Wort Gottes, dann muss ich mit Konsequenzen rechnen. Dann muss ich damit rechnen, dass es sich an meinem Leben als lebendig erweist, dass es sich in meinem Leben auswirkt.
Und wenn ich alles das zulasse, dann werde ich anders sein und anders leben, als vorher. Weggucken, wenn irgendwo ein Schwächerer von den physisch Stärkeren gequält wird, das geht dann nicht mehr; Maul halten, wenn Gott beleidigt und Jesus Christus in den Schmutz gezogen wird, das geht dann nicht mehr; nichts gehört haben wollen, wenn Intrigen geschmiedet werden und Mitmenschen durch Gerüchte fertig gemacht werden, das geht dann nicht mehr. Vieles geht dann nicht mehr. Aber soll ich Ihnen was sagen: Das ist ein gutes Gefühl! Es ist ein gutes Gefühl, nicht mehr weggucken und wegsehen und weghören zu müssen. Denn das Wort Gottes trennt die Angst von der Courage und trennt die Sorge um mich selbst von dem Wissen, dass Gott mich schützt und trägt und hält.

So, das kann ich jetzt alles sagen und Sie können sich das anhören. Und dann können wir nachher nach Hause gehen und hatten ein schönes Erlebnis und das war’s. So soll es aber nicht sein, denn dann wäre das Wort Gottes heute Abend weder lebendig, noch kräftig, geschweige den schärfer, als ein zweischneidiges Schwert. Und deshalb will ich doch noch fragen: Wie funktioniert denn das mit dem Wort Gottes? Wie kommt es denn dazu, dass das Wort Gottes in meinem Leben lebendig und kräftig und schärfer als ein zweischneidiges Schwert wird.

Die Antwort darauf mag vielleicht ein wenig banal klingen: Das funktioniert dadurch, dass wir uns dem Wort Gottes so häufig wie möglich aussetzen, also es lesen, besprechen, meditieren, wirken lassen, darauf hören und so weiter.
Das soll alles sein? Ja, nicht mehr ist nötig. Denn das Wort Gottes ist so wirkmächtig, dass es sich in unserem Leben durchsetzt, wenn wir ihm Raum dazu geben.
Nicht möglich? Wohl möglich, genau so, wie es eine kleine Geschichte erzählt, mit der ich schließen will:
Am Rande der Wüste lebte ein Eremit. Ihn besuchte eines Tages ein junger Mann, der ihm sein Leid klagte: „Ich lese so viele heilige Texte,“ sagte er, „ich vertiefe mich in die Schönheit der Worte, ich möchte sie alle festhalten und als einen Widerschein der ewigen Wahrheit in mir bewahren. Aber es gelingt mir nicht, ich vergesse alles. Ist nicht die mühevolle Arbeit des Lesens umsonst?“
Der Eremit hörte ihm gut zu. Als er fertig war mit Sprechen, ließ er ihn einen schmutzverkrusteten Korb aufnehmen, der neben der Hütte stand. „hole mir aus dem Brunnen dort drüben Wasser,“ sagte er.
Hat er meine Frage nicht verstanden? dachte der Jüngling. Widerwillig nahm er den schmutzigen Korb und ging zum Brunnen. Das Wasser war längst herausgerieselt. Als er zurückkehrte.
„Geh noch einmal,“ sagte der Eremit. Der junge Mann folgte. Ein drittes und viertes Mal musste er gehen. Der Alte prüft meinen Gehorsam, ehe er meine Frage beantwortet, dachte er. Immer wieder füllte er Wasser in den Korb, immer wieder rann es zu Boden. Nach dem zehnten Mal durfte er aufhören.
„Sieh den Korb an,“ sagte der Eremit. „Er ist ganz sauber,“ sagte der junge Mann.
„So geht es mit den Worten, die du liest und bedenkst,“ sagte der Eremit. „Du kannst sie nicht festhalten, sie gehen durch dich hindurch, und du hältst die Mühe für vergeblich. Aber ohne dass du es bemerkst, klären sie deine Gedanken und machen das Herz rein.“
Amen.


Pre-Event zum Kirchentag mit dem GOalive-Team