Die Paten- und Partnerschaft der Evangelischen Kirchengemeinden aus Köln-Kalk und Leuthen/Schorbus
Recherchiert von Dietmar Paßora
Der Beschluss
In Folge des schrecklichen 2. Weltkrieges und dem Einfluß der Besatzungsmächte entwickelt sich Deutschland sehr unterschiedlich. Während die Wirtschaft in Westdeutschland mit Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika schnell wieder auf die Beine kommt, bezahlt Ostdeutschland Kriegsschulden an Moskau. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat damals schon erkannt, dass diese verschiedenen Entwicklungen große Auswirkungen für die Menschen in Deutschland haben werden. So kam es auf der Konferenz des Hilfswerkes der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), zu der sich die Hauptgeschäftsführer aus allen Gliedkirchen im August 1949 trafen, zu einem historischen Beschluß, der erst in den folgenden Jahren in seiner ganzen Bedeutsamkeit offenbar wurde. Beschlossen wurde, eine feste Patenbeziehung zwischen den östlichen und westlichen Gliedkirchen der EKD - und entsprechend zwischen den einzelnen Gemeinden - zu begründen. Die geistliche, diakonische und organisatorische Konzeption dieses Vorhabens fand allseitig einhellige Zustimmung und wurde zum Teil sehr rasch in die Tat umgesetzt. Es erhielt jede westliche Gliedkirche der EKD eine östliche Landeskirche zugewiesen. So zum Beispiel: Bayern - Mecklenburg oder Westfalen - Berlin oder Rheinland - Brandenburg. Die Hauptbüros des Hilfswerkes übernahmen die Aufgabe, die einzelnen Gemeinden einander zuzuordnen. Im Falle unserer Gemeinde bedeutete das: Köln/Kalk - Schorbus.
Die Umsetzung
Leider läßt sich die Geburtsstunde der Patenschaft zwischen unseren beiden Gemeinden
nicht mehr rekapitulieren. Vermerke in den Kirchenbüchern beider Gemeinden sind nicht
vorhanden. Offensichtlich sind die damaligen Pastoren, Pfarrer Butterweck in Köln/Kalk
und Pfarrer Klenke in Schorbus vorerst etwas vorsichtig mit diesem Beschluß umgegangen.
Die erste Aktivität ist aus dem Jahr 1955 bekannt. Im Januar des Jahres reiste Frau
Christa Jurk aus Schorbus mit ihrer kleinen Tochter nach Köln, um eine Bekannte zu
besuchen. Pfarrer Klenke bat Christa Jurk, diese Gelegenheit zu nutzen und auch nach
der Patengemeinde in Köln-Kalk zu sehen. Wie Christa Jurk, heute in Drebkau lebend,
erzählt, hat sie bei diesem Besuch in Köln/Kalk Pfarrer Butterweck und Schwester Anna
Winkelstrater kennengelernt. Sicherlich war dieser direkte und persönliche Kontakt einer
der wenigen, die es überhaupt vor dem Bau der Mauer gab. Im dem Aufsatz "Das Hilfswerk
der Evangelischen Kirche in Deutschland 1949 - 1957" schreibt Christian Berg:
"Es ist sicherlich nicht zuviel behauptet, wenn erwartet werden kann, daß auch in der
Zukunft diesen direkten und persönlichen Beziehungen weiterhin eine große Möglichkeit
echter neutestamentlicher Handreichung innewohnt."
Diese Feststellung sollte bald an Bedeutung gewinnen. Zwischen Köln/Kalk und Schorbus
sind noch keine festen Beziehungen geknüpft, aber immerhin - man kennt sich bereits.
Die Patenschaft mit der Gemeinde Leuthen bleibt nur eine Zuordnung. So gab es eine
Reihe von Gemeinden, die keine Initiative aufbringen konnten und die Patenkeimlinge
absterben ließen. Pfarrer Klenke ermuntert deshalb die Kirchengemeinde Leuthen,
die ebenfalls durch ihn betreut wird, sich an der Patenschaft Köln/Kalk - Schorbus
zu beteiligen.
Der Prüfstand
Im August 1961 bahnt sich die erste große Bewährungsprobe für den Patenschaftsbeschluß
an. In der Nacht vom 12. zum 13. August wird in Berlin die Mauer errichtet. In den
folgenden Tagen und Wochen werden alle Verbindungen zwischen Ost- und Westdeutschland
durch die Machthaber in der damaligen DDR gekappt. Welche Chance besteht für die im
Entstehen befindliche Patenschaft zwischen Köln/Kalk und Schorbus? Eine Frage, die
glücklicherweise Antworten fand.
So entsteht in den folgenden Monaten ein Adressenaustausch der Jugendlichen aus
Köln/Kalk mit der Jungen Gemeinde in Schorbus. Ein reger Briefverkehr setzt ein.
Die Mauer war also kein funktionierendes Mittel gegen die Patenschaften, eher entsteht
daraus eine neue Motivation. Aber es sollte noch abenteuerlicher kommen,
denn Hans-Joachim Juds, Fernsehmechaniker-Lehrling aus Kalk, will seine Brieffreundin
Hannelore Schombel aus Schorbus kennenlernen. Er will in die zugemauerte DDR einreisen.
Die Ängste seiner Mutter, Frieda Juds, können ihn nicht stoppen. Hans-Joachim reist
tatsächlich und verlebt 1962 zwei interessante Wochen in Schorbus. Er ahnt wohl,
dass es nur eine Freundschaft auf Zeit sein kann und verlängert seinen Aufenthalt
in Schorbus um eine Woche. Von seinem Lehrmeister bekommt Hans-Joachim dafür ein
Paar Tage Sonderurlaub. Diese Begegnung hat Hans-Joachim Juds in einem Fotoalbum
dokumentiert. Trotz Mauer entstehen weitere persönliche Kontakte und Beziehungen
zwischen den Menschen in Köln/Kalk und Schorbus. Beispiele dafür sind:
Familie Neubert - Pfarrer Fritzsche
Christa Jurk - Familie Mann
Inge Kielow - Rosa Engels
Die Rolle der Jugend
Schon an dieser Stelle möchte ich auf die herausragende Rolle der Kölner Jugend hinweisen, die mehrmals neue Wege in der Patenschaftsbeziehung erforschte. Dies war immer dann wichtig, wenn sich aus ganz unterschiedlichen Gründen Beziehungsflauten einstellten.Die persönlichen Kontakte nach Schorbus wurden eher schwieriger als leichter, denn die Politik des "Kalten Krieges" verfestigte sich in der DDR. Neue Impulse gab es durch Jugendgruppen aus Köln/Kalk, die während ihren Berlin-Besuchen auch uns in der "Zone" nicht vergaßen und einen Abstecher nach Ostberlin machten. Zu diesem Zweck verabredeten wir uns, meistens in den Räumen einer Ostberliner Kirchengemeinde. Ich kann mich noch an zwei oder drei dieser Treffen gut erinnern. Ca 8 bis 10 Leute aus Schorbus reisten nach Berlin mit vollen Taschen, denn wir wollten unseren Gästen ein bescheidenes Begrüßungsessen bieten. Nach Ankunft ging es dann gleich an die Vorbereitung. Vom Kuchen in zahlreichen Ausführungen bis zur hausgemachten Leberwurst und frischen Eiern wurde die "Schorbuser Versorgungspalette" ausgebreitet. Heute ist mir klar, dass dies für die Kölner Jugend ziemlich unbedeutend und vielleicht auch langweilig war. Und dann kam die Gegenattacke. Die Kölner unter der Begleitung von Herrn und Frau Boese packten ihrerseits aus - Geschenke aus dem Westen! Diese Treffen dauerten nur wenige Stunden, denn der Grenzübergang mußte bis 24.00 Uhr passiert sein inklusive Wartezeiten. Mit dem letzten Zug fuhren wir nach Hause - wieder mit vollen Taschen.
Die Westpakete
Eine der ungefährlichsten Formen der Patenschaft war die materielle Hilfe. Da es in der DDR an Produkten des täglichen Bedarfs, an Südfrüchten aber auch an Genußwaren oft mangelte, hatte diese Pakethilfe schnell Ansatzpunkte gefunden. Neben Schoko-Produkten, Kaffee und Kakao waren die duftenden Artikel zur Körperpflege besonders beliebt. Unsere Familie bekam die Pakete von Frau Gerda Krispin. Natürlich haben wir zurückgeschrieben und uns bedankt, aber ein Kontakt kam nicht zustande. Es war nicht leicht, die Adressenliste immer aktuell zu halten. Waren darauf immer die Bedürftigen der Gemeinde? Diese kritischen Anmerkungen führten zur Weiterentwicklung der Pakethilfe, zumal sich keine neuen Beziehungen zwischen den Menschen beider Gemeinden herausbildeten. Weiterentwicklung dergestalt, dass die Pakete jetzt die Gemeindearbeit unterstützten. Natürlich waren auch wieder Leckereien enthalten. Sie wurden aber nun innerhalb gemeindlicher Veranstaltungen verzehrt. Die Pakete beinhalteten in der Folgezeit vorwiegend Material für die Kinder und Jugendarbeit (Filzstifte, Folien, Spiele usw.) oder die allgemeine Gemeinde- bzw. Gottesdienstarbeit. Ein treffendes Beispiel ist die Altardecke in der Schorbuser Kirche.
Die Projektfinanzierung
Eine ständige Erinnerung an die Patengemeinde im Osten wird durch einen Opferstock in der Jesus-Christus-Kirche in Köln/Kalk erreicht. Das von den Kölner Gemeindegliedern gesammelte Geld summiert sich. Es kommt soviel zusammen, dass kleine Projekte vollständig finanziert oder gefördert werden können. Ich erinnere mich an einen Heizungskessel für das Pfarrhaus in Leuthen im Jahr 1979 oder an die Mitfinanzierung der Toilette und des Bades im Pfarrhaus in Schorbus 1995. Viele Aktionen mögen dazwischen gelegen haben. Die Recherchen dazu sind noch nicht abgeschlossen. Spätestens hier wird deutlich, dass vieles anders wäre in Schorbus und Leuthen ohne unsere Kölner Paten. Ergänzend muß betont werden, dass die gesamte ostdeutsche Kirche finanziell von den westdeutschen Patengemeinden unterstützt wird. Nur so kann die Institution Kirche im Sozialismus weiter arbeitsfähig bleiben.
Die Flauten und Chancen unserer Beziehung
Auch die Beziehung unserer Gemeinden kennt Flauten, ruhige Jahre, man hörte nichts mehr voneinander. Aktive Gemeindeglieder gingen, neue mussten heranwachsen und die Pfarrer wechselten auch. Sicherlich hinterließ auch die mehrmalige Vakanz in den Gemeinden in Leuthen und Schorbus Spuren. Diese Flauten in der Patenschaftsbeziehung boten auch immer wieder Chancen, die Beziehung zwischen den Gemeinden neu aufzubauen. Ein solcher Zeitpunkt reifte 1989 heran. In Köln-Kalk stand noch die Opferbüchse für die Patengemeinde in der Jesus-Christus-Kirche, aber man hatte voneinander lange nichts mehr gehört. Deshalb machten sich drei engagierte Leute aus Köln/Kalk auf, um das Patenkind die Gemeinden "Leuthen/Schorbus" zu (be)suchen. Es waren Frau Schimanski, Herr Pfarrer Classen und Herr Förster, die das Abenteuer "Reise in die DDR" wagten und noch erleben durften. Auf jeden Fall fanden sie uns in Schorbus. Aber darüber berichten sie am besten selber.
Die letzte Reise in die DDR
Für unsere Familie (Paßora/Schombel) wird die Beziehung zur Gemeinde in Köln
zum zweiten Mal sehr persönlich. Wir lernen Peter Förster und seine Frau kennen.
Sofort gibt es Gesprächsthemen, die beiderseitig interessant sind, zumal wir
ähnliche Verantwortungen in der Gemeinde tragen. Die Grenzen sind geöffnet. Wir
können den Gegenbesuch starten und folgen einer Einladung der Kölner Gemeinde
zum Gemeindefest im Sommer 1990. Der 1. Schorbuser Besuchsgruppe gehören an: Pfarrer Branig,
Christa und Günter Melcher, Marlis, Enrico und Dietmar Paßora. Außer Pfarrer Branig
sind alle bei Familie Förster untergebracht. Es sind wunderbare Tage. Erst später
wird klar, dass wir in den letzten zwei Jahren deutsche Geschichte hautnah und
persönlich erlebt und mitgestaltet haben. Wir spüren, dass unsere Beziehung neue
Inhalte, Aufgaben und Ziele bekommt, ohne dies schon genau definieren zu können.
Auf jeden Fall brauchen wir uns. Wieder steht ein neuer Anfang bevor. Doch dieser
Anfang, diese neue Möglichkeit ohne Stacheldraht und Mauer will gestaltet sein.
Es geschieht wenig in den kommenden Monaten und Jahren. Wir müssen eingestehen,
dass wir nicht viel mit der neuen Freiheit anfangen konnten. Es bleibt ein dünner
Faden zwischen den Gemeinden, den die Familien Förster und Paßora halten und
pflegen. Freilich gibt es ein paar ungünstige Begleitumstände.
Die Kölner Jugendarbeit ist zwischenzeitlich führungslos, da Gerhard Boese erkrankt
und uns für immer verlässt. Auch in Schorbus ist ein großer Verlust eigetreten,
da Pfarrer Branig den Kampf mit seinem Blutkrebs verliert. Unseren Gemeinden werden
neue Menschen geschenkt, die wieder etwas bewegen möchten. In Köln/Kalk übernimmt
die Jugendarbeit Frank Kemper. Er wird von seiner Frau Sigrid aktiv unterstützt.
Im Oktober 1995 zieht die Pfarrfamilie Krüger in das Pfarrhaus in Schorbus ein.
Pfarrer Krüger möchte seine letzten 10 Dienstjahre nutzen, um einige neue Impulse
in die Gemeinden Leuthen und Schorbus einzubringen. Dazu gehört auch, die Partnerschaft
neu zu beleben. Das geschieht ziemlich rasch. Zu Christi Himmelfahrt 1997 besucht
eine Kölner Jugendgruppe (Jugendchor u. Jugendorchester) die Gemeinden Schorbus/Leuthen.
Wir lernen viele junge und aktive Menschen kennen, zum Beispiel Katharina, Anne, Silvia,
Ricarda, Jana, um nur einige zu nennen. Sie erfreuen uns uns mit ihrem Programm.
Weitere Treffen werden vereinbart. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird deutlich,
dass die ehemalige Patenschaft zur Partnerschaft gewachsen ist. Dank der aktiven
Jugendgruppe aus Köln/Kalk gibt es nun über jedes Treffen einen Bericht, der im
Mitteilungsblatt der Gemeinde Kalk veröffentlicht wird.
Herbst 1997 - Eine gemischte Gruppe aus Leuthen/Schorbus fährt nach Kalk
(Stichpunkt: Zentrale Reformationsfeier)
Herbst 1998 - Eine gemischte Gruppe aus Köln/Kalk besucht Leuthen/Schorbus
(Stichpunkt: Zeughaus)
Herbst 1999 - Mit zwei Kleinbussen fahren 17 Leute aus Leuthen/Schorbus nach Köln/Kalk
(Stichpunkte: Köln-Rallye, Halver Hahn, Musical "virtual insanity")
Herbst 2000 - Der "Hellije Zinter Määtes" in Schorbus. Wie ist das möglich? Die Geschichte
von Sankt Martin in "Kölsch" - ein wunderschönes Geschenk unserer Kalker Freunde.
Frühjahr 2001 - Verantwortliche aus Presbyterium und Gemeindekirchenrat treffen sich auf
halber Strecke in Finsterbergen/Thüringen um gemeinsam an beiderseitig interessanten
Themen zu arbeiten.
Juli 2002 - Eine Gruppe aus Schorbus/Leuthen kommt nach Köln, um an den Feierlichkeiten
zu unserem 125-jährigen Jubiläum teilzunehmen.
Mai 2003 - Besuch in Schorbus/Leuthen mit einer Fahrt nach Wittenberg und einem Besuch
im Cottbuser Jugendstil-Theater.
Mai 2004 - Presbyteriums-Wochenende in Halberstadt - Thema Gemeindebilder und alte Gebäude...
Mai 2006 - Besuch in Schorbus/Leuthen mit Jubiläumsfeier 780 Jahre Schorbus und Musical-Aufführung von "The Rat Race" in Cottbus
Mai 2007 - Besuch in Köln anläßlich des Evang. Kirchentages mit Besuch des Musicals "Enttarnt"
April/Mai 2008 - Besuch anläßlich der Einweihung der restaurierten Jesusstatue vor der Schorbuser Kirche und Treffen im Harz