
Ein „Marxloher Gespräch“ führte Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, mit dem Direktor des Kölner Institutes der deutschen Wirtschaft, Dr. Michael Hüther in der evangelischen Kreuzeskirche in Marxloh. Eingeladen hatte der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt Region Duisurg / Niederrhein (KDA), um mit dem Theologen und dem Volkswirtschaftler die Zukunft des Sozialstaates zu diskutieren. Moderiert wurde das Gespräch von der WDR-Journalistin Asli Sevindim, die aus Marxloh stammt. Sie eröffnete mit dem schlechten Image des Sozialstaates und fragte Schneider, ob da Imageberatung nötig sei. Der EKD Ratsvorsitzende bot berufsbedingt stattdessen Seelsorge an, war aber mit Hüther über die Vorzüge deutscher Sozialpolitik weitgehend einig. Hüter erläuterte, wie in den USA staatliche Eingriffe in den Immobilienmarkt mit künstlich niedrigen Preisen und erzwungenen Krediten zum Auslöser der Wirtschaftskrise wurden, und unterstellte der US-Regierung Angst vor Sozialpolitik.
Im Bezug auf deutsche Unternehmen stellte Schneider eine Verrohung der Sitten in den letzten fünfundzwanzig Jahren fest. Er führe das auf den Strukturwandel zurück: „Wenn ein Vorstand nur darüber nachdenkt, wie er seine Belegschaft so schnell wie möglich abbaut, dann ändert sich das komplette Klima“. Hüther hielt dagegen: „Kein Unternehmen kann auf Dauer am Markt erfolgreich sein, wenn es den sozialen Aspekt vernachlässigt“, räumte aber „Ausbeutungsspielräume rechts und links des Weges“ ein. Hüther bezeichnete Krisen als nötige Bereinigungsprozesse des wirtschaftlichen Gefüges. Schneider wollte das so nicht gelten lassen: „Sie sagen, der Markt regelt das, ich sage, da gibt es mir zu viele Opfer.“
Aus der Zuhörerschaft kam die Frage, ob es nicht weiterhin einen zweiten Arbeitsmarkt geben müsse. Hüther antwortete, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen seien ineffizient und zu weit vom ersten Arbeitsmarkt entfernt. Er hielt aber die Förderung von Existenzgründungen für arbeitsmarktpolitisch sinnvoll und ausbaufähig. Präses und Publikum waren sich einig, dass die Gier nicht unwidersprochen zum Verkaufsprinzip erhoben werden dürfe.
Text und Bild: Sabine Merkelt-Rahm