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Maria Neumann über Hiobs Zerreißprobe

Maria Neumann spielt das Buch Hiob am Sonntag in der Petrikirche. Julia Damm sprach mit der Schauspielerin über Glauben und Theater, Leid und Leben, Kunst und Kirche.

Schauspielerin Maria Neumann (Foto: Katja Marquard) Schauspielerin Maria Neumann (Foto: Katja Marquard)

Maria Neumann spielt das Buch Hiob am Sonntag, 27. März, um 17 Uhr in der Petrikirche, begleitet von Organist Matthias Geuting. Karten für 8 Euro gibt es im Vorverkauf in der Ladenkirche, Kaiserstraße 4.

 

Ist Hiob ein Held oder ein Anti-Held?
Maria Neumann: Weder noch. Hiob ist ein Mensch, wie sehr viele Menschen. Was er zur Sprache bringt, ist etwas, das sich jeder fragt: Die Frage nach dem Leid in der Welt und nach dem eigenen Leiden. Hiob weiß nicht, dass Gott ihn prüft. Hiobs Existenz, seine zehn Kinder werden vernichtet. Doch Hiob zweifelt nicht. Dann erlaubt Gott Satan, an Hiobs nacktes Leben zu gehen. Und daraufhin schweigt er. Der Schmerz wird so groß, dass es keine Wort gibt. Doch dann stellt Hiob Gott zur Rede: Er ist sicher, dass er unschuldig bestraft wurde. Und das, meine ich, können viele Menschen nachvollziehen. Hiob verlangt Antworten. Es stellt sich selbst. Das ist uns sehr vertraut; es ist sehr modern, weil jeder Mensch heute für sich selbst einstehen muss. Jeder Mensch muss seinen Glauben selbst gestalten. Letztlich ist Hiob ein emanzipierter Mensch.

Hiob ist also modern?
Diese Zerreißprobe ist vielen Menschen vertraut. Hiob fällt nicht vom Glauben ab. Er verzweifelt, ohne je zu zweifeln. Das ist ein Widerspruch, in dem heute viele leben müssen.

Wie kamen Sie darauf, sich mit diesem Bibeltext zu beschäftigen?
Der Text ist hohe Literatur, sogenannte Weisheitsliteratur. Existenzielle Fragen des Menschen werden konsequent abgearbeitet - auch, wenn die Antworten nicht im Text selbst liegen. Die Antwort auf Hiob ist letztlich Jesus Christus, der am Kreuz mit seiner Gottverlassenheit hadert. Da ist die Antwort im Grunde Fleisch geworden.

Wie bringt man all das auf die Bühne?
Es gibt zwei Aspekte, die mir das sehr leicht machen. Zum einen der Raum, die Kirche: Hiob sucht Gott in seinem eigenen Haus. Zum anderen der Text: Der ist einfach gewaltig.

Sie beschäftigen sich länger intensiv mit Hiob...
Ja. Ich habe ihn zuerst in der S-Bahn gespielt. Dann in der Kirche. Als nächstes möchte ich ihn bei mir zu Hause spielen. Ich will sehen, wohin mich der Weg führt. Denn der Text hat so viele verschiedene Ebenen.
Auf die Idee gekommen, ihn zu spielen, bin ich eigentlich durch die Meldungen über Missbrauch. Denn letztlich ist das, was Gott und Satan machen, auch eine Missbrauchssituation. Zugleich wechselt Hiob aber von einer duldenden in eine rebellische Haltung. Es zeigt: Leid verändert Menschen. Entweder man wächst daran oder man wird gebrochen. Hiob selbst überlebt, weil er glaubt und zugleich geht er daran zugrunde. All das sind Aspekte, die mich weitermachen lassen. Ich denke, Bibeltexte sind als Schaffensquelle noch gar nicht ausgelotet. Leid ist ein zentrales Thema im Hiob. Im Alltag ignorieren die Menschen Leiden allerdings lieber.

Wie sieht das in der Kunst aus? Ist Leiden da eine Inspirationsquelle?
Das Leiden ist in der Kunst lange verdrängt worden. Im Theater fand es faktisch nicht statt, denn da war es ja nur ein Spiel. Wenn wir uns mit Blut übergiessen, ist es Kunstblut, alles nicht echt. Die Frage, ob Leiden etwas ist, über das man sprechen oder schweigen muss, kommt nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Kirche wieder auf. Beide, Kunst und Kirche, beginnen, darüber nachzudenken. Und vielleicht findet auch deshalb seit langer Zeit zwischen Kunst und Kirche wieder
ein Dialog statt.

Julia Damm / 21.03.2011



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