Augenblick bitte
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Rundbriefe "Augenblick bitte!" (Veranstaltungen in Gemeinden)

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Losung

für den 09.12.2018

Ich bin der HERR, der die Zeichen der Wahrsager zunichte macht und die Weissager zu Narren.

Jesaja 44,25

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Service

Krankenhausseelsorge im Kirchenkreis Krefeld-Viersen

Seelsorge und Begegnung

Was tun Krankenhausseelsorger? Einen kleinen Einblick geben die Texte von vier Seelsorgerinnen und Seelsorgern aus Krefeld und Meerbusch.
Zudem gibt es evangelische Krankenhausseelsorge in der LVR-Klinik Viersen und im Alexianer Tönisvorst.

Sterben ist nicht schlimm, aber leben

Ein 8jähriges Kind, nennen wir es Linus, ist onkologischer Patient in der Kinderklinik. Linus hat viele Chemotherapien hinter sich, die sich über drei Jahre hinzogen. Sein kleiner Körper ist so geschwächt, dass man den Eindruck hat, ein Windhauch könne ihn umpusten. Sein Geist aber ist hellwach und durch seine besondere Lebenserfahrung gereift.
Blass, aber mit wachen Augen, die riesig wirken in dem schmalen Gesicht, liegt er in seinem Krankenbett. „Lucy (so nennt er mich, nach einer Figur aus seinem Lieblingsanimée)“, sagt er mit seiner dünnen Stimme. „Was mach ich nur, meine Eltern sind so traurig“.
Es ergibt sich folgender Dialog:
„Warum meinst du, sind deine Eltern so traurig?“
„Weil ich nicht mehr gesund werde“.
„Sagen das die Ärzte?“
„Nein, ich weiß das“.
„Du spürst es“.
Das Kind nickt.
„Und deine Eltern wissen das auch“.
„Ja, aber sie wollen es nicht wahr haben“.
„Und das macht sie so traurig“.
„Ja. und ich weiß nicht, wie ich es ihnen sagen soll“.
„Was möchtest du ihnen denn sagen?“
„Dass ich sterben werde“.
„Was würde passieren, wenn du es ihnen sagst?“
„Sie würden weinen und sagen, dass das nicht stimmt“.
„Ist es für dich schlimm, dass du sterben musst?“
„Für mich ist es schlimm, leben zu müssen“.
„Wegen der Schmerzen?“
„Ich kann nicht mehr“.
„Du möchtest deine Ruhe haben?“
„Ja, ich möchte meine Ruhe haben“.
„Und du hast keine Angst vor dem Sterben?“
„Nein, nur vor dem Leben“.
Das Gespräch hat Linus erschöpft. Er schläft ein. Einige Tage danach ergibt sich ein gemeinsames Gespräch mit Linus und seinen Eltern. Linus spricht über seinen Wunsch, in Ruhe sterben zu dürfen. Es fließen viele Tränen. Aber am Ende sind alle erleichtert. Die Gedanken und Gefühle des anderen zu kennen, macht den Umgang miteinander leichter. Linus lebt noch etwa einen Monat und stirbt dann friedlich, zu Hause, bei seinen Eltern.

Antje Wenzel-Kassmer, Pfarrerin am Helios-Klinikum Krefeld;
Krankenhausseelsorgerin seit 1999. Schwerpunkte der Arbeit: Seelsorge mit Eltern und Schwangeren; Trauergruppen; Seelsorge in der Onkologie; Beratung von Auszubildenden in der Krankenpflege; Ethikberatung

Seelsorge im Alexianer Krefeld - Krankenhaus Maria-Hilf

Zeit mitbringen

„Schauen Sie doch mal bei Frau Müller* herein. Sie könnte ein Gespräch gut vertragen.“ Die Stationsschwester der onkologischen Abteilung weiß: Frau Müller hat keine gute Prognose bekommen, wird vielleicht innerhalb der nächsten Tage sterben. So stehe ich kurze Zeit später am Krankenbett. Biete an, sich mit mir zu unterhalten – und dieses Angebot wird dankbar, fast begierig angenommen. Wir sprechen über die Krankheit, über Familie und Freunde – und über das, was sich in der langen Krankheitsphase verändert hat.

Frau Müller sieht dabei ihre Situation ganz realistisch: macht sich keine falschen Hoffnungen auf eine möglich Genesung. Ich merke, wie sie mit sich ringt – zwischen Festhalten-wollen am Leben und Loslassen-müssen, zwischen Angst vor dem, was kommt, und Vertrauen, dass sie „nach Hause“ kommt. Wir reden, manchmal schweigen wir gemeinsam, wir beten.

Am nächsten Tag sitze ich wieder am Bett von Frau Müller – heute ist sie nicht mehr ansprechbar. Ich habe das Gefühl, dass sie ihre letzte Lebensphase endgültig erreicht hat. Als ich für sie einen Psalm spreche und das Vaterunser bete, merke ich, dass sie auf einmal sehr viel ruhiger atmet. Ich will schon gehen, da merke ich: Der Atem wird immer weniger, das Herz schlägt langsamer. Jetzt sind es nur noch ein paar Atemzüge – und sie hat ihren Frieden gefunden.

Ich bin dankbar, dass ich als Krankenhausseelsorger Menschen in besonderen Krisenzeiten begleiten darf. Dabei kann ich etwas sehr Wertvolles mitbringen: Zeit. Dafür bleibt oft kein Raum weder bei Ärzten noch beim Pflegepersonal, deren Arbeitseinsatz so eng getaktet ist. Ich brauche mich nicht hetzen zu lassen und kann den Menschen, mit denen ich im Kontakt bin, vermitteln: Gott begleitet Dich auf deinem Weg. Er ist genau für Dich da.

Michael Prietz, Pfarrer im Alexianer Krefeld, Krankenhaus Maria-Hilf
* Name geändert

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Herzsteine

Endlich hatte Sie sich dazu durchgerungen den Schlussstrich zu ziehen, die endlosen Streitereien lagen hinter ihr, die Sorge, ob die Kinder die jahrelang vergiftete Atmosphäre zwischen den Eltern psychisch verkraften könnten.
Sie war eingetreten für ihre Selbstachtung - zum ersten Mal in ihrem Leben.
Er hatte ihr gefasst zugehört, war ruhig geblieben und willigte ein.
Am nächsten Morgen fand sie ihre beiden Kinder tot in ihren Betten,
er hatte seinen erweiterten Suizid knapp überlebt.
Als ich die Frau kennen lernte, lag der Verlust ein paar Jahre zurück, er war im Gefängnis, aber sie, lebte darin. Wie weiterleben, mit dieser klaffenden Wunde, wie ausbrechen aus der selbstauferlegten Gefangenschaft? Wie sich selbst im Leben einen Platz, einen Raum eine Chance auf Glück geben, wo die Menschen, die sie liebte,  endgültig keins mehr haben? Doch irgendwie glaubte sie an einen jenseitigen Ort, an dem sich ihre kleinen Söhne befinden. In unseren Begegnungen entstehen Briefe an die Kinder, voller ungesagter Worte, voller Liebe und Wünsche, zu kleinen Papierboten gefaltet werden sie vom Rhein fort getragen. Wir imaginieren einen transzendenten sicheren Ort, an dem die beiden Jungs sicher leben. Sie kann ihn aufsuchen, hier kann sie ihnen begegnen. Mit und mit, wird sie wieder empfindsamer für sich und ihre Bedürfnisse, wächst vorsichtig in die Überzeugung hinein, dass, ihre Kinder wünschen, dass es ihr gut geht. Sie findet Herzsteine, weiße, glatt geriebene Herzsteine auf ihren Spaziergängen im Park, sie fühlen sich an wie ihr geheimer Gruß an sie. Sie trägt immer einen bei sich, in der Hosentasche ihrer Jeans. Sie öffnet sich behutsam dem Leben, geht liebevoller mit sich um und gönnt sich gute Momente, - ohne Schuldgefühle. Sie gewinnt ein inneres Wissen, um jene Leben spendende Kraft, die neue Anfänge schenkt, die mit ihr um ihre Kinder weint und sich mit ihr über das Rauschen der Blätter freut, über den wohltuenden Anruf der Freundin, über viel Wertschätzung durch andere Menschen, über Herzsteine, Symbole die von ihrer Liebe zu den Menschen erzählen, die sie für immer in ihrem Herzen trägt. Einen Herzstein schenkte sie mir zum Abschied.

Birgit Schnelle, Pastorin i.A., Alexianer Krefeld
(Systemische Therapeutin (SG), Therapeutin für Logotherapie und Existenzanalyse)

 

 

 

 

Wie das Leben sich schlagartig ändert …

Leider wird es oft sprichwörtlich war. Das ist der Alltag in der neurologischen St. Mauritius Therapieklinik. Die Patienten kommen hier hin, um in Zukunft wieder möglichst „normal“ leben zu können. Hier wird das Laufen oder das Sprechen wieder erlernt. Dinge, die für uns selbstverständlich sind. Das ist nicht einfach. Oft höre ich, wie anstrengend die Therapien sind. Man kann die Reha gut und gerne mit einem Trainingslager vergleichen. Hier ist zwar nicht das Ziel eine Goldmedaille zu gewinnen, aber das viel größere Ziel, sein Leben zurück zu gewinnen. Denn an der Sprachfähigkeit oder der Mobilität hängt so vieles. Betroffen von der Krankheit sind die Familie, die Freunde und die Arbeit. Es hängt die ganze Existenz davon ab, oft sogar die Frage, wo man wohnen wird. Da gibt es natürlich viele Abschiede von liebgewonnenem, was mit viel Trauer verbunden ist.

Spannend ist es zu erleben, wie Menschen unterschiedlichen Alters damit umgehen. Während Erwachsene oft in tiefe Trauer, bis hin zur Depression, stürzen, gehen Kinder leichter damit um. In der Kinderklinik, wo die Kinder unter denselben Einschränkungen leiden wie die Senioren, herrscht fröhliches treiben. Oft höre ich von den erwachsenen Patienten, was für ein Mitleid sie mit den Kindern haben, und wie schlimm es sei, dass Kinder schon so schwere Einschränkungen hinnehmen müssen. Ich weise gerne auf die Lebensfreude der Kinder hin, welche die nun behinderten Kinder genauso ausleben wie andere Kinder. Die Kindergottesdienste in der Klinik sind so voller Freude, dass es auf die Erwachsenen überschwappt.

„Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesu und sprachen: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie.“ (Matthäus 18,1-2)

Von dem tiefen Vertrauen und der Liebe der Kinder zum Leben können wir viel lernen.

Pfarrer Torsten Möller, Klinik Königshof in Krefeld + St. Mauritius-Therapieklinik in Meerbusch

 

 



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