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Rundbrief "Augenblick bitte!" Juni 2017 (Veranstaltungen in Gemeinden) sowie die Ausgaben der vergangenen Monate.

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für den 25.09.2017

Sein Zorn währet einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude.

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 [3. Fach- und Praxistag Interkulturelle Öffnung] Prof Dr. Werner Kahl [Foto/M.]

Interkulturelle Öffnung

Wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen gemeinsam Kirche sein wollen

„Interkulturelle Öffnung stellt uns vor die Frage, ob wir Kirche für andere oder Kirche mit anderen sein wollen“, so Kirchenrat Pfarrer Jürgen Sohn in seiner Begrüßung zum dritten Fachtag Interkulturelle Öffnung in Bonn.

Die rund 50 Teilnehmenden gingen bei der Tagung der Frage nach, wie sich dabei das Kirchenverständnis und das kirchliche Leben verändern, wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen gemeinsam Kirche sein wollen.

Professor Werner Kahl, Studienleiter der Missionsakademie der Universität Hamburg, wählte einen persönlichen Einstieg für den theologischen Hauptvortag „Impulse für eine interkulturelle Ekklesiologie“. Bereits in den 90er Jahren hat er in Essen gemeinsam Gottesdienste in einer internationalen Gemeinde gefeiert. Probleme habe es im Umgang mit den verschiedenen Kulturen innerhalb der Gemeinde nicht gegeben, wohl aber mit der Landeskirche, die damals auf solche internationalen Gottesdienste nicht vorbereitet gewesen sei.

Verschiedene Versionen des Christentums

Bereits ein Blick ins Neue Testament zeige aber, dass es nicht die eine Kirche gegeben habe, sondern verschiedene Versionen des Christentums. Aufgrund der Migrationsbewegungen der Gegenwart sind heute in Deutschland wieder verschiedene Versionen des Christentums präsent, die Ökumene ist unter uns angekommen.

In Hamburg gebe es rund 100 Gemeinden westafrikanischer Christinnen und Christen. „In der direkten Begegnung mögen diese neuhinzugekommenen Christen die Alteingesessenen mehr oder weniger stark irritieren. So vertreten Pastoren aus Westafrika nicht eine politische Befreiungstheologie, sondern stehen eher für eine Theologie der Befreiung von lebensschädigenden bösen Geistern.“

Gemeinschaft steht im Vordergrund

Während früher dann schnell der Sektenvorwurf erhoben wurde, indem man die landeskirchliche Version des Christentums zur Norm erhob, führt die interkulturelle Öffnung zur Einsicht, dass auch die evangelisch-landeskirchliche Version des Christentums aus einer besonderen historischen Situation komme, nämlich der protestantischen Reformation in Deutschland.

Auch wenn Luther für sich reklamierte, das Christentum in seiner ursprünglichen Version wiederherzustellen, habe er – so Kahl –  in seiner Rechtfertigungslehre eine sehr individualistische Perspektive gewählt, nämlich wie der Einzelne vor Gott bestehen könne. Im Neuen Testament, so der Missionswissenschaftler, stehe dagegen die Gemeinschaft im Vordergrund.

Zugang für jeden

Paulus denke das Kreuzigungsgeschehen in einer Gemeinschaft, zu der jeder Zugang hat, denn Gott bevorzugt niemanden wegen Status oder Herkunft. Dementsprechend seien auch die frühen christlichen Gemeinden durch Menschen aus verschiedenen Kulturen geprägt. Traditionen und Kulturen wurden nicht nivelliert, sondern geachtet, hatten aber keine Heilsrelevanz mehr.

Aufgrund dieser neutestamentliche Erkenntnis sieht Werner Kahl die Herausforderung für die Kirche heute, in unseren Gemeinden auch die Bevölkerung abzubilden, die durch Migration geprägt ist, ähnlich wie in der Zeit des frühen Christentums, interkulturelle Gemeinden in multikulturellen und multireligiösen Stadtteilen „sind uns vom Evangelium her geboten“.

Rev. Dr. George Melel Rev. Dr. George Melel

Als Überleitung zur Diskussion brachte Reverend Dr. George Melel, Pastor der indischen Gemeinde Krefeld, der in den 70er Jahre als Student nach Deutschland gekommen ist, seine Perspektive ein. Bei seinem ersten Kirchgang fiel ihm auf, dass ein Pfarrer in schwarzer Kleidung fast alles im Gottesdienst machte, vor dem Gottesdienst bekam er von der Küsterin ein dickes Buch in die Hand gedrückt, aber weder vor noch nach dem Gottesdienst habe jemand ihn begrüßt.

Kirche war ganz anders als er sie aus seiner indischen Heimat kannte. Kirche Jesu Christi müsse offen für alle und interkulturell sein, folgert er aus seinen Erfahrungen, denn wir alle sind Glieder derselben Kirche. Das schließe auch ein, dass ausländische Pfarrerinnen und Pfarrer in landeskirchlichen Gemeinden tätig sein könnten. Er bedauert, dass ihm früher bedeutet worden sei, für ausländische Theologen gebe es keinen Platz.

Auch auf Milieus schauen

Die Aussprache eröffnete ein Teilnehmer, „ich habe es immer geahnt, aber nun habe ich gelernt, dass im Neuen Testament  Gemeinde interkulturell ist“. Ob man interkulturelle Öffnung nicht auch auf Milieus beziehen müsse statt sie auf Migration zu beschränken? Eine Teilnehmerin forderte, die interkulturelle Öffnung nicht nur binnenkirchlich zu verstehen, sondern auch Menschen anderer Religion in den Prozess einzuschließen.

Auf die Frage, wie sich eine Gemeinde öffnen könne, berichtete Werner Kahl von seiner Hamburger Gemeinde, in die die Mitglieder einer afrikanischen Gemeinde eingetreten seien. Einmal im Monat feiern sie zusammen einen internationalen Gottesdienst, die anderen Sonntage feiere der deutsche und der afrikanische Gemeindeteil Gottesdienste in der eigenen Tradition, denn auch diese sei ein Wert.

Dynamischer Prozess

Wer sich auf eine interkulturelle Öffnung einlässt, begibt sich in einen dynamischen Prozess, wer eine gemeinsame Gemeinde bilde, müsse auch klären, welche Entscheidungsstrukturen gelten, ergab die Diskussion.

Ein afrikanischer Pastor berichtete, dass sich Jugendlichen aus der zweiten Generation sich nicht mehr in afrikanischen Gemeinden zu Hause fühlen würden, aber eben auch nicht in typischen deutschen Kirchengemeinden. Sie suchten etwas Neues, unsere Gemeinden werden sich ändern müssen, folgerte er. Ein Zwischenruf einer deutschen Teilnehmerin: Das ist auch bei meinen Kindern so.

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ekir.de / rpr / 21.09.2017



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27.10.2010



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