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für den 27.01.2020

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Bianca van der Heyden ist Landespfarrerin für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland. Bianca van der Heyden ist Landespfarrerin für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Notfallseelsorge

Halt geben in Extrem-Situationen

Wenn Menschen durch ein schlimmes Erlebnis den Boden unter den Füßen verlieren, sind Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger zur Stelle. Was sie für ihren Dienst mitbringen sollten, erläutert die Landespfarrerin für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland, Bianca van der Heyden.

Nach einem Unglück, Unfall oder einem Verbrechen befinden sich Betroffene oft in einer extremen Situation. Was erwartet Notfallseelsorgende bei einem Einsatz?
Bianca van der Heyden: Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger wissen im Vorfeld nie so genau, was sie am Einsatzort erwartet. Oft bekommen wir nur ein Einsatzstichwort wie zum Beispiel „erfolglose Reanimation“, bevor wir uns auf den Weg machen. Manchmal kommen wir in unübersichtliche Situationen, die wir erst mal verstehen müssen.
Wenn zum Beispiel ein Familienangehöriger plötzlich zuhause zusammenbricht und stirbt, sind neben den erschütterten Angehörigen auch der Rettungsdienst und oft auch die Polizei vor Ort. Da ist es wichtig, sich zunächst ein Bild von der Situation zu machen: Was ist überhaupt geschehen und wer braucht jetzt unsere Unterstützung? In solch extremen Situationen sind alle menschlichen Reaktionen möglich und normal. Schreien und Weinen, aber auch Fassungslosigkeit, weil man das Erlebte noch gar nicht begreifen kann. Wir sind auf solche Reaktionen eingestellt. Wenn Menschen plötzlich der Boden unter den Füßen wegbricht, sind wir da und bieten Halt an, bis das soziale Netz der Betroffenen greift.

Welche speziellen Kompetenzen und Kenntnisse sind für diesen Dienst erforderlich?
van der Heyden: Neben Fachwissen zum Umgang mit Menschen in extremen Situationen, Grundkenntnissen in Psychotraumatologie und Gesprächsführung kommt es in der Notfallseelsorge auf eine seelsorgliche Grundhaltung an, die jeden Menschen in seiner Situation wahrnimmt und annimmt, ohne zu bewerten.
Eine ausgewogene Balance zwischen Nähe und Distanz sowie die Fähigkeit, sich vom Leid des anderen abzugrenzen sind genauso wichtig wie Empathie und Fingerspitzengefühl. In der Zusammenarbeit mit Einsatzkräften sind Teamgeist und auch die Fähigkeit, sich in Strukturen einordnen zu können, wichtig.
Manchmal sind ganz praktische Kompetenzen gefragt, wenn es zum Beispiel darum geht, Betroffene darin zu unterstützen, weitere Angehörige oder Freunde über das Geschehene zu informieren. Nicht zuletzt sollte jeder Notfallseelsorger, jede Notfallseelsorgerin in der Lage sein, auf Wunsch der Betroffenen ein Gebet und Segen zu sprechen oder eine Aussegnung an einem Verstorbenen durchzuführen.

Welche Fragen stellen sich Menschen in solchen Extremsituationen?
van der Heyden: Angesichts von Leiden und Tod stellen auch Menschen, die mit dem Glauben nicht vertraut sind, Fragen, die den Glauben betreffen: „Was kommt nach dem Tod?“, „Warum musste ausgerechnet mein Mann sterben, er hat doch keinem etwas getan?“. Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger sollten sprachfähig über ihren Glauben sein, ohne ihn anderen aufzudrängen. Natürlich haben auch wir keine vorgefertigten Antworten in der Westentasche. Aber es kann guttun, einen Gesprächspartner an seiner Seite zu wissen, der das Ringen um eine Antwort aushält und begleitet. In der Ausbildung ermutigen wir zukünftige Kolleginnen und Kollegen dazu, die geistlichen Kompetenzen zu entdecken und zu stärken.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Rettungskräften?
van der Heyden: Die Notfallseelsorge wird ausschließlich durch die Leitstellen der Feuerwehr oder der Polizei alarmiert. Wir versetzen uns nie selbst in einen Einsatz, sondern arbeiten mit den uns alarmierenden Einsatzkräften aus Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei und in größeren Schadenslagen auch mit den Hilfsorganisationen zusammen. Es ist wichtig, deren Strukturen und Abläufe zu kennen, um Hand in Hand zu arbeiten. Wir sind aber auch nach Einsätzen für die Einsatzkräfte da. Hierzu stehen speziell im Bereich Einsatznachsorge ausgebildete Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger zur Verfügung.

Können auch Ehrenamtliche in der Notfallseelsorge mitarbeiten?
van der Heyden: Ja. Auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland sind 60 Prozent der katholischen und evangelischen Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger ehrenamtlich tätig.

Welche Voraussetzungen müssen die Ehrenamtler erfüllen?
van der Heyden: Wer sich für den Dienst in der Notfallseelsorge interessiert, muss älter als 26 Jahre sein und einer Kirche der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen angehören. Notfallseelsorge ist ein kirchlicher Dienst. In den bundesweit für die Notfallseelsorge geltenden Standards ist festgelegt, dass ehrenamtliche Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger Erfahrung in sozialen oder medizinischen Berufen vorweisen sollen. Von dieser Regelung können jedoch Ausnahmen gemacht werden. Über die Eignung der Bewerberinnen und Bewerber entscheidet der Koordinator, also der Teamleiter vor Ort. Mit der Ausbildung verpflichten sich die Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger zur Teilnahme am aktiven Dienst im Team.

Wie hoch ist die zeitliche Belastung?
van der Heyden: Die Notfallseelsorge ist rund um die Uhr für die Leitstellen der Feuerwehr und der Polizei erreichbar. Die zeitliche Belastung hängt von der Teamgröße und von den Absprachen in den jeweiligen Teams ab. In der Regel sollte man mit ein bis zwei Wochen Dienst im Jahr rechnen. Dazu kommen die Zeiten für Teamtreffen, Fortbildungen und Supervisionen.

Wie unterstützt das Landespfarramt für Notfallseelsorge Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Ehrenamtliche, die diesen Dienst übernehmen?
van der Heyden: Das Landespfarramt ist die Service-Stelle für die Teams vor Ort. Neben Aus- und Fortbildungen bieten wir regelmäßige Treffen für Koordinatorinnen und Koordinatoren und für alle in der Notfallseelsorge Mitarbeitenden an. Wir vermitteln Referenten und Supervisoren. Seit neuestem führen wir eine „Kompetenzliste“, auf der diejenigen verzeichnet sind, die sich mit ihren Spezialkenntnissen anderen Teams für die Aus- und Fortbildung zur Verfügung stellen. Wir unterstützen die Teams durch fachliche Beratung und manchmal auch materiell. Dazu können wir auf Mittel der Stiftung Notfallseelsorge zurückgreifen, die aus Spenden finanziert wird. Und wir leisten wichtige Netzwerkarbeit zu den Kolleginnen und Kollegen bundesweit, zu den Organisationen im Katastrophenschutz und auf politischer Ebene.

 

Zur Person

Pfarrerin Bianca van der Heyden leitet seit Dezember 2018 das Landespfarramt für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland in Wuppertal. Zuvor begleitete sie 13 Jahre als Polizeiseelsorgerin Polizistinnen und Polizisten. Die 48-jährige Theologin ist Ansprechpartnerin für die Mitarbeitenden in der Notfallseelsorge und führt Aus- und Fortbildungen durch.

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ekir.de / Frida Saar, Foto: Christian Kaufels / 20.01.2020



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27.10.2010



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