Programm

Samstag, 10. Mai 1980
Stefanskirche Simmern

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
BWV 232

Messe in h-Moll
Missa - Symbolum Nicenum - Sanctus, Osanna, Benedictus, 
Agnes dei et dona nobis pacem

Mitwirkende
      Sopran - Agnes Giebel
      Alt Hilke - Helling
      Tenor - Karl Markus
      Baß - Philipp Langshaw
 
      Trompete - Wolfgang Pohle
      Flöte Hans - Jürgen Möhring

Orchester und Madrigalchor der
Evangelischen Kantorei Leichlingen
Leitung: Udo-R. Follert

 

    

 
Die sogenannte "Hohe Messe'' in h-Moll wird gemäß einer langen Tradition als geschlossenes Werk aufgeführt. Das hängt vor allem damit zusammen, daß man bei ihrer Entdeckung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wenige Anhaltspunkte über den Zweck der Komposition hatte. Man konnte kaum annehmen, daß Bach ein mehrstündiges Werk für den liturgischen Gebrauch geschrieben hatte; denn des war im lutherischen Gottesdienst seiner Zeit in Leipzig gar nicht möglich.
In dieses Dunkel konnte die musikwissenschaftliche Forschung viel Licht bringen. Wir wissen heute, daß die überlieferte Handschrift der "h-moll-Messe" kein geschlossenes Ganzes ist, sondern ein Sammelband von besonders festlichen Stücken des liturgischen Ordinariums. Die Forschung konnte nachweisen, daß die einzelnen Teile zu ganz verschiedenen Zeiten und für ganz verschiedene Zwecke entstanden sind.
So hat Bach die Missa (also Kyrie und Gloria) für den Gottesdienst bei der Huldigung für den neuen Herrscher im 21. April 1733 geschrieben. Später hat Bach dann die Orchester- und Singstimmen dieser Missa an den Kurfürsten nach Dresden geschickt, verbunden mit der Bitte um den Titel eines Hofkompositeurs. Man hatte aufgrund dieser bekannten Geschichte lange Zeit angenommen,  daß Bach nun die ganze "Messe" nur für diesen Zweck geschrieben habe. Heute wissen wir, daß es anders war. Das "Symbolum", das sogenannte Nicaenische Glaubensbekenntnis, schrieb Bach ebenfalls zu einem besonderen Anlaß. Die Endfassung der noch fehlenden Stücke (Sanctus, Osanna ...) wurde später in den Sammelband eingefügt.
Dabei muß man noch berücksichtigen, daß es bei Bach eine vielfach geübte Praxis war, schon einmal verwendete ältere Stücke in ein gänzlich neues kompositorisches Gewand zu stecken. Nur um ein Beispiel zu nennen: Das  Gloria in exelsis war ursprünglich ein Instrumentalkonzert in das Bach nun zusätzlich den Chor eingliederte. Allein bei der h-Moll-Messe lassen sich elf Parodien nachweisen.
Der eigentliche Platz dieses Werkes ist natürlich der Gottesdienst. Kaum findet man jedoch noch die Muße, einem Gottesdienst beizuwohnen, in dem allein ein einzelnes liturgisches Stück eine Stunde dauert. Die gewohnte Aufführungspraxis hat eine fast 100jährige Tradition, und man kann zufrieden sein, daß so eine der gewaltigsten Schöpfungen des Abendlandes, wenn auch nur in quasimusealem Rahmen, zu Gehör gebracht wird - und die Menschen anrührt.

 
 

 
 
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Schallplatte (F 667 203)
Auswahl aus der Aufführung vom 10. Mai 1980 in der Stefanskirche zu Simmern (Hunsrück)
 
"Das Wesen der h-Moll-Messe ist ergreifende Erhabenheit. Gleich bei dem ersten Akkord des Kyrie wird man in die Welt der großen und tiefen Gefühle entrückt und verläßt sie nicht wieder, bis zur Schlußkadenz des Dona nobis pacem. Es ist, als ob Bach in diesem Werke wirklich eine katholische Messe habe schreiben wollen: er bestrebt sich, das Großartig-Objektive des Glaubens zur Darstellung zu bringen. Auch das Glanzvoll-Prächtige gewisser Hauptchöre mutet "katholisch" an. Und doch tragen andere Stücke wieder das subjektive, innerliche Wesen an sich, das den Kantaten eigen ist, und das man als das Protestantische an Bachs Frömmigkeit bezeichnen könnte. Das Großartige und das Innige durchdringen sich nicht. Sie gehen nebeneinander her; sie lösen sich ab, wie das Objektive und Subjektive in der Frömmigkeit Bachs; darum ist die h-Moll-Messe katholisch und protestantisch zugleich, und dabei so rätselhaft und unergründlich tief, wie das religiöse Gemüt des Meisters."

Mit diesen Sätzen charakterisiert Albert Schweitzer in seiner Bach-Biografie die h-Moll-Messe, von der wir heute wissen, daß Bach sie nicht als Gesamtwerk konzipiert, aber in seinen letzten Lebensjahren als "Missa tota" vollendet hat.
Zu den Veranstaltungen der Stadt Simmern im Hunsrück, welche die 650. Wiederkehr der Verleihung der Stadtrechte feierte, gehörte auch die Aufführung der Bach'schen h-Moll-Messe am 10. Mai 1980 in der Stefanskirche durch die Evangelische Kantorei Leichlingen.

Die Schallplatte entstand auf vielfachen Wunsch, und ist ein Dokument aus dieser Aufführung - also eine Momentaufnahme bei der leider auch Nebengeräusche mitfestgehalten und zu hören sind. Der Hörer sollte sich doch hierdurch nicht von dem "Eigentlichen" ablenken, sondern nur das lebendige musikalische Geschehen auf sich wirken lassen.
F. V.

 
 

 
 
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