Presseecho

Plattenalbum

Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Das Weihnachtsoratorium
Kantaten 1 - 6
 

   Kölner Stadt-Anzeiger, 06.12.1973

Leichlinger Kantorei rechtzeitig zum Fest

Udo R. Follert traf
den Nerv der Musik

Weihnachtsoratorium in Plattenkassette

Von unserem Mitarbeiter Navin Dalal

    LEICHLINGEN - Das Ergebnis sechsmonatiger Proben und Aufnahmen in der evangelischen Kirche Leichlingen liegt vor: das komplette Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach auf sieben Plattenseiten in der auch aufnahmetechnisch sehr gut gelungenen Interpretation der Leichlinger Kantorei unter Udo-R. Follert.
    Follert beweist, das Bach kein durch das Filter der Jahrhunderte verdünnter "alter Meister" ist. So wird das Weihnachtsoratorium zu einem mitreißenden lyrischen Drama, das direkt anspricht.
    Follert ist kein Taktschläger. Er trifft den Nerv der Musik, den er manchmal bis zum Zerreißen anspannt, und beherrscht das Geheimnis des "elastischen Rhythmus". Oft "hört" man förmlich Blitze zucken. Instinktiv richtig setzt er die Ruhepunkte. Distanzierte Kühle findet man nirgends. Follerts Interpretation ist weltoffen; aber sie ist auch nach dem "Welthintergrund" hin offen.
    Lediglich die Einleitung ist rhythmisch weniger klar: sie wirkt hektisch. Die Wiederholung klingt wesentlich kompakter. Im Verlauf der Aufnahme gibt es Orchesterzwischenspiele und Instrumentalsoli, die zum Besten gehören, was man bisher auf diesem Gebiet je zu hören bekam. Die Entscheidung, welchem der hervorragenden Instrumentalsolisten die Palme gebührt, fällt sehr schwer: dem Trompeter Wolfgang Pohle, dem Oboisten Andreas Mirschel, oder dem Flötisten Hans-Wolfram Hooge? Wer den Oboenklang besonders liebt, wird sich die Stellen, in denen Andreas Mirschel hervortritt, immer wieder vorspielen.
    Auch die Gesangssolisten zeichnen sich durch große Ehrlichkeit ihrer Leistung aus. Vielleicht verfügt der Baß Dirk Schortemeier über die größte musikalische Reife: Weder im Ausdruck noch in der Phrasierung, Atemtechnik und Intonation auch nur der geringste Makel! Auch der Tenor Karl Markus fesselt als Erzähler und Oratoriensänger. Der Sopran Edith Schepelenann besticht durch klare Höhe. Gundel Stader hat eine sehr schöne Altstimme, auf die sie sich in den ersten Teilen zu sehr verläßt, ohne dabei einer lebendigen Diktion ausreichende Beachtung zu schenken. Sie gewinnt aber an Kontur in den Teilen 4 bis 6.
    Selten hört man einen Chor, der rhythmisch so sicher und sauber singt. Daß an einigen Stellen die Soprane etwas herausstechen, fällt weniger ins Gewicht. Viele Sätze sind klanglich und rhythmisch so prägnant und abgerundet, daß sie den Vergleich mit jedem Berufschor aushalten. Es ist fast unmöglich, den Parforceritt "Ehre sei Gott in der Höhe", der durch schwierigstes Gelände geht, ohne Fehler zu bestehen; nicht nur in dieser Wiedergabe erscheint dieser Chorsatz mehr eilend als weilend gesungen. Absolute Höhepunkte sind alle Choräle und viele Chornummern.
    Der Klang der Aufnahme ist hell. Mehrere der Einzelstücke sind Meisterleistungen der Aufnahmetechnik. Die Aufnahme ist deshalb so wertvoll, weil man sich in Follerts pulsierender Interpretation dem Ursprung dieser Musik nahe fühlt.
    Daß es gelungen ist diese Plattenkassette noch vor dem Weihnachtsfest herauszuhringen, ist erfreulich. Für den Gabentisch kann sie bei der Kantorei zu einem Preis erworben werden, der gerade die Selbstkosten decken dürfte.

 

 

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