Leichlinger Kantorei rechtzeitig zum
Fest
Udo R. Follert traf
den Nerv der Musik
Weihnachtsoratorium in Plattenkassette
Von unserem Mitarbeiter Navin Dalal
LEICHLINGEN - Das
Ergebnis sechsmonatiger Proben und Aufnahmen in der
evangelischen Kirche Leichlingen liegt vor: das komplette
Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach auf sieben
Plattenseiten in der auch aufnahmetechnisch sehr gut
gelungenen Interpretation der Leichlinger Kantorei unter
Udo-R. Follert.
Follert beweist,
das Bach kein durch das Filter der Jahrhunderte verdünnter
"alter Meister" ist. So wird das
Weihnachtsoratorium zu einem mitreißenden lyrischen Drama,
das direkt anspricht.
Follert ist kein
Taktschläger. Er trifft den Nerv der Musik, den er manchmal
bis zum Zerreißen anspannt, und beherrscht das Geheimnis
des "elastischen Rhythmus". Oft "hört"
man förmlich Blitze zucken. Instinktiv richtig setzt er die
Ruhepunkte. Distanzierte Kühle findet man nirgends.
Follerts Interpretation ist weltoffen; aber sie ist auch
nach dem "Welthintergrund" hin offen.
Lediglich die
Einleitung ist rhythmisch weniger klar: sie wirkt hektisch.
Die Wiederholung klingt wesentlich kompakter. Im Verlauf der
Aufnahme gibt es Orchesterzwischenspiele und
Instrumentalsoli, die zum Besten gehören, was man bisher
auf diesem Gebiet je zu hören bekam. Die Entscheidung,
welchem der hervorragenden Instrumentalsolisten die Palme
gebührt, fällt sehr schwer: dem Trompeter Wolfgang Pohle,
dem Oboisten Andreas Mirschel, oder dem Flötisten
Hans-Wolfram Hooge? Wer den Oboenklang besonders liebt, wird
sich die Stellen, in denen Andreas Mirschel hervortritt,
immer wieder vorspielen.
Auch die
Gesangssolisten zeichnen sich durch große Ehrlichkeit ihrer
Leistung aus. Vielleicht verfügt der Baß Dirk Schortemeier
über die größte musikalische Reife: Weder im Ausdruck
noch in der Phrasierung, Atemtechnik und Intonation auch nur
der geringste Makel! Auch der Tenor Karl Markus fesselt als
Erzähler und Oratoriensänger. Der Sopran Edith
Schepelenann besticht durch klare Höhe. Gundel Stader hat
eine sehr schöne Altstimme, auf die sie sich in den ersten
Teilen zu sehr verläßt, ohne dabei einer lebendigen
Diktion ausreichende Beachtung zu schenken. Sie gewinnt aber
an Kontur in den Teilen 4 bis 6.
Selten hört man
einen Chor, der rhythmisch so sicher und sauber singt. Daß
an einigen Stellen die Soprane etwas herausstechen, fällt
weniger ins Gewicht. Viele Sätze sind klanglich und
rhythmisch so prägnant und abgerundet, daß sie den
Vergleich mit jedem Berufschor aushalten. Es ist fast
unmöglich, den Parforceritt "Ehre sei Gott in der
Höhe", der durch schwierigstes Gelände geht, ohne
Fehler zu bestehen; nicht nur in dieser Wiedergabe erscheint
dieser Chorsatz mehr eilend als weilend gesungen. Absolute
Höhepunkte sind alle Choräle und viele Chornummern.
Der Klang der
Aufnahme ist hell. Mehrere der Einzelstücke sind
Meisterleistungen der Aufnahmetechnik. Die Aufnahme ist
deshalb so wertvoll, weil man sich in Follerts pulsierender
Interpretation dem Ursprung dieser Musik nahe fühlt.
Daß es gelungen
ist diese Plattenkassette noch vor dem Weihnachtsfest
herauszuhringen, ist erfreulich. Für den Gabentisch kann
sie bei der Kantorei zu einem Preis erworben werden, der
gerade die Selbstkosten decken dürfte.
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